Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Steinfletscher, Steinpicker und Steinbeißer, Weißschwanz, Weißbürzel, Sommer- und Totenvogel ꝛc. (Saxicola oenanthe, rostrata, libanotica, oenanthoides
und leucorhoa, Motacilla oenanthe, leucorhoa und vitiflora, Sylvia oenanthe, Vitiflora oenanthe, grisea, cinerea, major, septentrionalis und oenanthoides, Abbildung S. 63), ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf dem Bürzel und der Unterseite, mit Ausnahme der rostgelblichen Brust, weiß; die Stirn und ein von ihr aus verlaufender Augenstreifen sind weiß, ein Zügelflecken, die Flügel und die beiden mittleren Schwanzfedern schwarz, die übrigen am Grunde weiß, an der Spitze schwarz. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Im Herbste nach der Mauser zieht die Färbung der Oberseite ins Rostfarbige, die der Unterseite ins Rostgelbliche. Beim Weibchen herrscht Rötlichaschgrau vor; die Stirn und der Augenstreifen sind schmutzigweiß, die Zügel mattschwarz, die Unterteile lichtbräunlich rostfarben, die rauchschwarzen Flügelfedern lichtgelblich gesäumt. Die Länge beträgt 16, die Breite 29, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6 em. Das Weibchen ist um mehrere Millimeter kürzer und schmäler. Es ist leichter, zu sagen, in welchen Ländern des nördlich alt- und nördlich neuweltlichen Gebietes der Steinschmätzer nicht gefunden wird, als anzugeben, wo er vorkommt. Brutvogel ist er von den Pyrenäen und dem Parnaß an bis nach Lappland hinauf sowie auf Island, ebenso in allen Ländern Asiens, welche ungefähr unter derselben Breite liegen, wogegen er in Amerika auf den hohen Norden beschränkt zu sein scheint und südlich von New York überhaupt nicht mehr beobachtet worden ist. Gelegentlich seiner Winterreise durchwandert er mehr als die Hälfte Afrikas: ich habe ihn im Sudan beobachtet, andere Forscher trafen ihn in Westafrika an. Dasselbe gilt für Asien: in Indien ist er, laut Jerdon, ein wenn auch seltener Wintergast der oberen Provinzen. Zwei nahe verwandte Arten, welche beide auch in Deutschland vorgekommen sind, vertreten ihn in Südwesteuropa.
Der Rötel- oder Ohrensteinschmätzer (Saxicola rufescens, aurita, albicollis und amphileuca, Sylvia und Vitiflora rufescens) ist um wenige Millimeter kleiner als unser Steinschmätzer, oberseits weißlichgrau, unterseits grau rötlichweiß; ein schmaler Streifen vom Schnabelrande zum Auge und ein länglicher Wangenflecken, welcher jenes teilweise umschließt, der Flügel, die mittlere Schwanzfeder jederseits und die Spitze der übrigen aber schwarz. Das Weibchen ist düsterer und mehr rostrot gefärbt.
Der noch kleinere Gilbsteinschmätzer (Saxicola stapazina und eurymelana, Motacilla, Sylvia und Oenanthe stapazina, Vitiflora stapazina und rufa) ist auf der Oberseite, der Brust und dem Bauche rostfarben, auf der Kehle und dem Flügel schwarz, an den kleinen Deckfedern rostfarben gekantet. Bei den Jungen beider Arten sind Kopf, Hinterhals und Rücken graugelblich, alle Federn durch einen weißen Schaftstrich und einen grauen Spitzenrand gezeichnet, die Unterteile schmutzigweiß, auf der Brust graulich mit wenig bemerkbaren graubraunen Spitzeneinfassungen, die Schwung- und Schwanzfedern blaßschwarz, die Deckfedern rostgräulich gesäumt. In Südosteuropa lebt außerdem der unserer deutschen Art nahe verwandte, etwas größere, oberseits rostisabellbräunlich, auf dem Bürzel lebhafter, unterseits rostisabellgelb gefärbte
Wüstensteinschmätzer (Saxicola isabellina), und Osteuropa besucht zuweilen der Asien entstammende, auf Kopf, Vorder- und Hinterhals, der Oberseite und den beiden mittleren
Schwanzfedern schwarze, im übrigen weiße Nonnensteinschmätzer (Saxicola leucomela). Gegenden, in denen Steine vorherrschend sind, bilden die Lieblingsplätze aller genannten Steinschmätzer. Sie sind selten im bebauten Lande, finden sich regelmäßig aber bereits 5*
da, wo zwischen den Feldern Felsblöcke hervorragen, Steinmauern aufgeschichtet oder Steinhaufen zusammengetragen wurden. In dem steinreichen Schweden, in Süddeutschland, in der Schweiz ist unser Steinschmätzer gemein; in Skandinavien darf er als einer der letzten Vertreter des Lebens betrachtet werden. Ich habe ihn überall angetroffen, wo ich hinkam, in Lappland ebensowohl wie in der Nähe der Gletscher des Galdhöpiggen, der Furka oder des Großglockners. In den Schweizer Alpen steigt er bis über den Gürtel des Holzwuchses empor. In ähnlicher Weise leben die übrigen Arten. Sie sind die Bewohner der wüstesten Gegenden und der eigentlichen Wüste selbst; sie gewahrt man noch inmitten der glühenden Ode, wo alles Leben erstorben zu sein scheint. Unser Steinschmätzer, auf den ich meine Schilderung beschränken darf, ist ein höchst beweglicher, munterer, gewandter, unruhiger, flüchtiger, ungeselliger und vorsichtiger, ja fast menschenscheuer Vogel. Er liebt allein zu wohnen und lebt mit keinem anderen Vogel in engerem Vereine. Nur auf dem Zuge und noch mehr in der Winterherberge vereinigt er sich mit Angehörigen anderer Arten seiner Gattung oder Familie; aber niemals geht er mit ihnen einen Freundschaftsbund ein. Es kommt vor, daß zwei Pärchen nahe bei einander hausen und brüten; sie aber liegen dann fortwährend in Hader und Streit. Wer beobachtet, muß den Steinschmätzer bald bemerken. Er wählt sich stets den höchsten Punkt seines Wohnkreises zum Ruhesitze, ist aber kaum eine Minute lang wirklich ruhig, sondern bewegt sich fast ununterbrochen. Auf den Felsen sitzt er in aufrechter Haltung, jedoch niemals still; schlägt wenigstens von Zeit zu Zeit mit dem Schwanze nach unten und macht wiederholte Bücklinge, zumal, wenn er etwas Auffallendes bemerkt. Die Spanier nennen ihn und andere Arten wegen dieses unnützen Bückens „Sakristan“, und alle Steinschmätzer machen diesem Namen Ehre. Auf dem Boden hüpft der Steinschmätzer mit schnellen und kurzen Sprüngen dahin, so rasch, daß er, wie Naumann sagt, nur hinzurollen scheint. Aber im schnellsten Laufe hält er plötzlich an, wenn ein Stein im Wege liegt; gewiß klettert er auf die Erhöhung, bückt sich wiederholt und setzt erst dann seinen Weg fort. Der Flug ist ausgezeichnet. Immer fliegt der Steinschmätzer dicht über dem Boden dahin, auch wenn er kurz vorher auf einer bedeutenden Höhe saß und sich erst in die Tiefe hinabgesenkt hat. Er bewegt die Flügel sehr rasch und streicht in einer fast geraden, aber genau besehen kurzbogigen Linie über der Erde fort, gewöhnlich nach einem ziemlich weit entfernten zweiten Sitzpunkte hin, zu dessen Höhe er förmlich emporklettert, indem er, am Fuße angelangt, sich wieder nach oben schwingt. Naumann sagt sehr treffend, daß der so dahinfliegende Vogel, weil man seinen weißen Bürzel am deutlichsten wahrnimmt, an eine vom Winde fortgetragene Gänsefeder erinnere. Nur während der Zeit der Liebe ändert er seine Flugbewegung. Er steigt dann in schiefer Richtung 6—10m in die Luft empor, singt währenddem fortwährend, fällt hierauf mit hoch emporgehobenen Schwingen wieder schief herab und beendet sein Lied, nachdem er unten angekommen. Er lockt „giuv giuv“ und hängt diesem sanft pfeifenden Laute gewöhnlich, zumal wenn er in Aufregung gerät, ein schnalzendes „Tack“ an. Der sonderbare und nicht gerade angenehme Gesang besteht meist auch nur aus wenigen Strophen, in denen vorzüglich der Lockton und krächzende Laute abwechseln. Doch gibt es auch unter Steinschmätzern einzelne Meistersänger, welche ziemlich gute Spottvögel sind, und außerdem sucht jeder durch Eifer zu ersetzen, was ihm an Begabung abgeht: er singt mit wenigen Unterbrechungen vom frühen Morgen bis zum späten Abend und häufig noch mitten in der Nacht. Kleine Käfer, Schmetterlinge, Fliegen, Mücken und deren Larven bilden die Nahrung unseres Vogels. Von seinem hohen Standpunkte aus überschaut er sein Gebiet, und sein scharfes Auge nimmt jedes Wesen wahr, welches sich auf dem Boden oder in der Luft bewegt. Laufenden Kerfen jagt er zu Fuße nach, fliegende verfolgt er nach Rotschwanzart bis hoch in die Luft.
WASSERSCHMÄTZER, ZAUNKÖNIG, GEBIRGSSTELZE.
Das Nest steht regelmäßig in Felsenritzen oder Steinlöchern, seltener in Holzstößen, unter alten Stämmen, in Erdhöhlen, unter überhängenden Felsen oder selbst in Baumlöchern, stets wohl verborgen und von obenher regelmäßig geschützt. In vielen Gegenden Deutschlands findet der Steinschmätzer kaum noch geeignete Niststätten, leidet an Wohnungsnot und nimmt, falls er nicht vorzieht, auszuwandern, mit jeder Höhlung vorlieb, welche sein Nest aufnehmen kann. Letzteres ist ein wirrer, liederlicher, dickwandiger Bau aus feinen Würzelchen, Grasblättern und Halmen, welcher nach innen mit Tier- oder Pflanzenwolle, Haaren und Federn dicht und weich ausgefüttert wird. Das Gelege bilden 5—7 dickbäuchige, zartschalige Eier, von sanftbläulicher oder grünlichweißer Färbung und 21 mm Längs-, 15 mm Querdurchmesser; nur ausnahmsweise findet man solche, welche mit bleichen, gelbroten Punkten gezeichnet sind. Das Weibchen brütet fast allein; in die Erziehung der Jungen teilen sich aber beide Geschlechter mit gleichem Eifer. Ihre Sorge um die Brut ist sehr groß. Solange das Weibchen auf den Eiern sitzt, hält das Männchen in geringer Entfernung von dem Neste förmlich Wache und umkreist jeden herannahenden Feind mit ängstlichem Geschreie. Das Weibchen nimmt bei großer Gefahr zu Verstellungskünsten Zuflucht. Gewöhnlich brütet das Paar nur einmal im Jahre und zwar im Mai. Die ausgeflogenen Jungen verweilen bis zu dem Wegzuge bei den Alten und treten mit diesen gemeinschaftlich ihre Reise an. Sie verschwinden Ende September und kehren im März wieder zurück. Alt eingefangene Steinschmätzer gewöhnen sich schwer, aus dem Neste gehobene Junge leicht an den Verlust der Freiheit, gewinnen sich aber nur kundige Beobachter zu Freunden. * Der Leib der Wasserschmätzer (Cinclus) erscheint wegen der sehr dichten Befiederung dick, ist aber thatsächlich schlank, der Schnabel verhältnismäßig schwach, gerade, auf dem Firste ein wenig aufwärts, mit der Spitze abwärts gebogen, seitlich zusammengedrückt und vorn schmal auslaufend, die Nasenöffnung durch einen Hautdeckel verschließbar, der Fuß hoch, aber stark, langzehig und mit sehr gekrümmten, starken, schmalen, unten zweischneidigen Nägeln bewehrt, die Flügel ungewöhnlich kurz, stark abgerundet und fast gleich breit, die dritte Schwinge die längste, die vierte ihr fast gleich lang, die erste sehr kurz, der Schwanz so kurz, daß er fast als ein Stummel betrachtet werden darf; das Gefieder endlich sehr dicht und weich und wie bei den Schwimmvögeln aus Oberfedern und flaumartigen Unterfedern zusammengesetzt. Der innere Bau zeigt im wesentlichen die Merkmale anderer Singvögel, namentlich wohl ausgebildete Singmuskeln; die Knochen sind aber, mit Ausnahme einiger Schädelteile, nicht luftführend. Die Zunge ist schmal, an der Spitze ausgeschnitten und kurz gezasert, vorn seitlich fein gezähnelt, die Speiseröhre sehr eng, der Vormagen schlauchförmig verlängert, der eigentliche Magen klein und ziemlich muskelig. Besonders entwickelt sind die Bürzeldrüsen, welche das zum Glätten und Einölen des Gefieders nötige Fett absondern, und ebenso die Nasendrüsen, welche bei den übrigen Singvögeln wegen ihrer Kleinheit kaum wahrgenommen werden. Die Wasserschmätzer bewohnen die Alte und die Neue Welt, vorzugsweise den Norden der Erde, finden sich aber auch noch auf südlichen Gebirgen, so auf den Anden. In ihrer Lebensweise ähneln sich die wenigen bis jetzt bekannten Arten, so daß ein Lebensbild unserer deutschen Art vollständig zur Lebenskunde aller Familienglieder ausreicht.
Der Wasserschmätzer oder Wasserstar, die Wasser-, Bach-, Strom- und Seedrossel oder Wasser⸗, Bach-, Strom- und Seeamsel (Cinclus méerula, aquaticus und medius, Turdus einelus und gularis, Sturnus, Aquatilis und Hydrobata cinclus),
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ist 20 em lang und 30 em breit; der Fittich mißt 9, der Schwanz 6 em. Kopf, Nacken und Hinterhals sind fahlbraun, die Federn der übrigen Oberseite schieferfarbig mit schwarzen Rän-— dern, Kehle, Gurgel und Hals milchweiß, Unterbrust und Bauch dunkelbraun; die Oberbrust ist rotbraun. Das etwas kleinere Weibchen gleicht dem Männchen; bei den Jungen sind die hell schieferfarbigen Federn der Oberseite dunkel gerandet, die schmutzig milchweißen der Unterseite dunkler gesäumt und gestrichelt.
Vieillot hat den Alpen- oder Weißbauchwasserschmätzer (Cinclus albicollis, rufiventris, rufipectoralis und rupestris, Hydrobata albicollis), mein Vater den
Schwarzbauchwasserschmätzer (Cinelus septentrionalis, melanogaster und peregrinus, Sturnus einelus) von dem vorstehend beschriebenen unterschieden. Ersterer, welcher die Alpen der Schweiz, die Gebirge Südeuropas und den Libanon bewohnt, ist oberseits heller als der Wasserschmätzer und die Umsäumung der Federn deutlicher braun, unterseits aber heller rot und an den Seiten braun, letzterer, welcher Skandinavien und Kleinasien bewohnt und besuchsweise nach Deutschland und England kommt, ist auf Kopf und Hals im Gegenteile dunkler als die bei uns heimische Form, unterseits, zumal auf der Bauchmitte, deutlich schwarz. Über Arteinheit oder Artverschiedenheit aller drei streiten sich die Kundigen. Alle Gebirge Mitteleuropas, welche reich an Wasser sind, beherbergen unseren Wasserschmätzer; Alfred Walter beobachtete ihn aber auch mehrfach in Transkaspien, wenn auch bloß „an den klaren Quellzuflüssen des Atrek auf dem Wege nach Nord-Chorassan, zum Städt-— chen Koschan“ und wahrscheinlich in der von Gould benannten Unterart cashmiriensis. An geeigneten Orten ist er, wenn auch nicht häufig, so doch eine sehr regelmäßige Erscheinung. Lieblingsplätze von ihm sind die klaren, beschatteten Forellenbäche, an denen unsere Hochund Mittelgebirge so reich sind. Ihnen folgt er bis zu ihrem Ursprunge, und wenn dieser ein Gletscherthor wäre; ihnen zuliebe geht er selbst bis in die Ebene herab, welche er sonst mehr oder weniger meidet; an ihnen wird man ihn nicht vergeblich suchen, es sei denn, daß deren Wasser durch Ausflüsse von Fabriken vergiftet oder wenigstens getrübt worden ist. Er hält treu an dem einmal gewählten Stande und verläßt ihn auch während des strengsten Winters nicht, lebt aber, wie der Kronprinz Erzherzog Rudolf mir mitteilte, in den Hochalpen im Sommer fast ausschließlich an den kleinsten Gebirgsbächen und zieht erst mit Beginn des Herbstes, dem Laufe jener Bäche folgend, den tieferen Hauptthälern und wasserreicheren Flüßchen zu. Im Hügellande wählt er sich eine Bachstrecke, welche wenigstens hier und da von der eisigen Decke verschont bleibt; denn das Wasser, nicht aber das Bachufer ist sein eigentliches Nährgebiet. Daher erkürt er sich vor allem anderen die Abflüsse starker Quellen oder Wasserfälle und Stromschnellen, weil dort die Wärme, hier die heftige Bewegung des Wassers jede Eisbildung verhindert. Je rauschender der Waldbach ist, je mehr Fälle er bildet, je ärger er braust und zischt, um so sicherer fesselt er ihn. Mehr noch als den eigentlichen Sturz und den unter diesem sich bildenden Wirbel liebt er die Grenze der hier gewöhnlich vorhandenen ruhigen Wasserfläche, weil ihm der Strudel mancherlei Nahrung zuführt. Jedes einzelne Paar nimmt höchstens 2 Km des Baches in Besitz, streicht innerhalb dieser Strecke auf und nieder und verläßt den Wasserfaden niemals. Da, wo das Gebiet des einen Paares endet, beginnt das eines zweiten, und so kann ein Gebirgsbach besetzt sein von seiner Quelle bis zur Mündung in ein größeres Gewässer. Der Wasserschmätzer gehört nicht allein zu den auffallendsten, sondern auch zu den anziehendsten aller Vögel. Seine Begabungen sind eigentümlicher Art. Er läuft mit der Gewandtheit und Behendigkeit einer Bachstelze über die Steine des Flußbettes dahin, nach Art