All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
AskTalkView media
Reading progressPage 18 of 178

Das Schwarzkehlchen oder der Schohlenhüpfer (Pratincola rubicola, indica und saturatior, Motacilla, Sylvia und Oenanthe rubicola, Saxicola rubicola, indica und hemprichii, Abbildung S. 63) ist etwas größer und schöner gefärbt. Oberseite und Kehle sind schwarz, die unteren Teile rostrot, Bürzel und Unterbauch sowie ein Flügel- und ein Halsseitenflecken reinweiß. Das Weibchen ist oben und an der Kehle grauschwarz, auf der Unterseite rostgelb, jede Feder der Oberseite rostgelb gerandet. Das Braunkehlchen ist in allen Ebenen Deutschlands und der benachbarten Länder, nach Norden hin bis zum 67. Grade, sehr häufig, kommt außerdem in Nord- und Südeuropa, auch im westlichen Asien vor und besucht im Winter Afrika und Indien. Bei uns erscheint es erst Ende April und verweilt hier höchstens bis Ende September; in Spanien hingegen sieht man es während des ganzen Jahres; ja, schon Großbritannien verläßt es während des Winters nicht mehr. Das Schwarzkehlchen, im allgemeinen in Deutschland seltener als die verwandte Art und mehr im Westen unseres Vaterlandes heimisch, bewohnt die gemäßigten Länder Europas und Asiens, nach Norden hin bis zur Breite Südschwedens, und wandert im Winter bis nach Innerafrika und Indien. Wiesen, welche von Bächen durchschnitten werden oder in der Nähe von anderen Gewässern liegen, an freies Feld oder an Waldungen grenzen und mit einzelnen niederen Gebüschen bestanden sind, bilden die beliebtesten Aufenthaltsorte der Wiesenschmätzer. Sie meiden die Ode und finden sich ausschließlich im bebauten Lande. Je fruchtbarer eine Gegend ist, um so häufiger trifft man sie an. Während der Brutzeit halten sie fest an den Wiesen, nach ihr wenden sie sich dem Felde zu und treiben sich hier am liebsten auf Kartoffel⸗ oder Krautäckern umher. Da, wo sie vorkommen, wird man sie selten übersehen; denn sie wählen sich stets erhabene Punkte zu ihren Ruheorten und spähen von diesen nach Beute aus. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Wiesenschmätzer langweiliger sind als andere Arten der Familie; immerhin aber gehören sie zu den muntersten, bewegungslustigsten, unruhigsten und hurtigsten Vögeln unseres Vaterlandes. Auf der Erde hüpfen sie schnellen

Sprunges dahin, halten auf jeder Erhabenheit an, beugen sich schnell vorwärts und wippen mit dem Schwanze nach unten. Im Fluge beschreiben sie kurze Bogen niedrig über dem Boden weg, wissen sich aber sehr gewandt zu schwenken und zu wenden und sind im stande, fliegende Kerbtiere aller Art mit Sicherheit aufzunehmen. Am Tage sieht man sie fast immer in Thätigkeit: sie sitzen auf der Spitze eines niederen Busches oder Baumes, schauen sich

Steinschmätzer (Saxicola oenanthe), Braunkehlchen (Pratincola rubetra) und Schwarzkehlchen (Pratincola

rubicola). ½ natürl. Größe.

hier nach allen Seiten um, stürzen plötzlich auf den Boden herab, nehmen die erspähte Beute auf und kehren zu dem früheren Standorte zurück oder fliegen einem anderen erhabenen Punkte zu. Sie sind nicht gerade gesellig, aber doch verträglicher als andere Arten ihrer Unterfamilie, vereinigen sich, wie es scheint, gern mit ihren Gattungsverwandten oder auch mit fremdartigen Vögeln und hadern selten. Ihr Lockton ist ein schnalzendes „Tza“, an welches gewöhnlich die Silbe „teck“ angehängt wird, so daß das Ganze wie „tza-“ oder „tjaudeck“ klingt. Der hübsche Gesang besteht aus verschiedenen kurzen Strophen voller und reiner Töne, welche in vielfacher Abwechselung vorgetragen und in welche, je nach der Gegend, anderer Vögel Stimmen, so Teile aus den Liedern des Grünlinges, Stieglitzes, Hänflinges,

des Finken, der Grasmücke ꝛc., verwebt werden. Die Braunkehlchen singen bis zu Anfang Juli fleißig, beginnen frühzeitig, schweigen während des Tages selten und lassen sich bis in die Nacht hinein hören. Die Nahrung besteht in Kerbtieren, vorzüglich in Käfern, kleinen Heuschrecken und deren Larven, Raupen, Ameisen, Fliegen, Mücken und dergleichen, welche sie vom Boden absuchen oder im Fluge fangen. Das Nest steht regelmäßig auf den Wiesen im Grase, meist in einer seichten Vertiefung, zuweilen unter einem kleinen Busche, immer sehr gut verborgen, so daß es überaus schwer zu finden ist. „Sogar die Leute, welche das Gras abmähen“, sagt Naumann, „finden es seltener als die, welche das Heu nachher mit Harken zusammenbringen; ja, ich weiß Fälle, daß es bei alledem von keinem gefunden ward, und die Vögel, trotz der vorgegangenen großen Veränderung, ihre Brut glücklich aufbrachten. Es besteht aus einem lockeren Geflechte von trockenen Würzelchen, dürren Stengeln, Grashalmen und Grasblättern mit mehr oder weniger grünem Erdmoose vermischt, im Inneren aus denselben, aber feineren Stoffen und schließlich aus einzelnen Pferdehaaren, welche der Mulde die Vollendung geben.“ 5—7 sehr bauchige, 19 mm lange, 14 mm dicke, glattschalige, glänzend hellblaugrüne Eier, die zuweilen am stumpfen Ende fein gelbrot gepunktet sind, bilden das Gelege, das Ende Mai oder Anfang Juni vollständig ist und in 13—14 Tagen vom Weibchen allein gezeitigt wird. Beide Eltern füttern die Brut, lieben sie im hohen Grade und gebrauchen allerlei List, um Feinde von ihr abzuwenden. „Solange ein sie beobachtender Mensch in der Nähe ist“, sagt Naumann, „gehen sie nicht zu Neste, ja sie verraten, wenn sie noch Eier haben, diese nicht einmal durch ängstliche Gebärden oder Geschrei. Bei den Jungen findet freilich das Gegenteil statt; doch setzen sie ihre eigne Sicherheit nicht rücksichtslos aufs Spiel.“ Ungestört brütet das Paar nur einmal im Jahre. Viele Feinde, namentlich alle kleineren Raubtiere, Ratten und Mäuse bedrohen die Jungen, unsere kleineren Edelfalken auch die alten Braunkehlchen. Der Mensch verfolgt sie nirgends regelrecht, schützt sie vielmehr hier und da. In der Schweiz ist der Volksglaube verbreitet, daß auf derjenigen Alpe, auf welcher ein Schwarzkehlchen getötet wird, die Kühe von Stund an rote Milch geben. In der Gefangenschaft sind sie, auch wenn man sie im Zimmer frei herumfliegen läßt, langweilig und still. Die Steinschmätzer (Saxicola), welche den Kern der Unterfamilie bilden, sind ziemlich schlanke Vögel mit pfriemenförmigem, vor den Nasenlöchern verschmälertem Schnabel, welcher an der Wurzel breiter als hoch, an der Spitze etwas abgebogen, an der Schneide kaum merklich eingekerbt und auf dem Firste kantig ist, hohen und schwachläufigen Füßen und mittellangen Zehen, etwas stumpfem Flügel, in welchem die dritte und vierte Schwinge die anderen überragen, kurzem, ziemlich breitem und vorn gerade abgeschnittenem Schwanze und ziemlich reichem, locker anliegendem, in seiner Färbung bei aller Verschiedenheit doch in gewisser Hinsicht übereinstimmendem Gefieder. Die erste Stelle unter den europäischen Arten gebührt dem Trauersteinschmätzer (Saxicola leueura und cachinnans, Turdus leucurus, Oenanthe, Vitiflora und Dromolaea leucura), einem der größten Mitglieder der Gattung. Die Länge beträgt 20, die Breite 31, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 7 em. Das Gefieder ist, den bis auf die Endbinde blendendweißen Schwanz und seine oberen und unteren Deckfedern ausgenommen, gleichmäßig tiefschwarz, schwach glänzend; die Schwingen sind an der Wurzel hell aschgrau, gegen die Spitze hin schwarz; die Endbinde des Schwanzes nimmt zwei Fünftel der Gesamtlänge der beiden Mittelfedern ein und verschmälert sich bei den übrigen bis auf 8 mm. Das

Weibchen ähnelt dem Männchen; die dunkeln Teile des Gefieders sind aber nicht schwarz, sondern rußbraun. Die jungen Vögel gleichen den Eltern derart, daß die Männchen dem Vater, die Weibchen der Mutter ähneln, nur daß ihr Kleid unscheinbarer ist. Wer das grüne Deutschland nicht verlassen hat, kann sich schwerlich die spanischen Gebirge vorstellen. Sie sind schön, herrlich in ihrer Art, aber mit denen des Nordens nicht zu vergleichen. Selten bedacht sie der lebendige Wald, niemals begrünt sie die frische Matte; nur das Himmelslicht legt seinen Farbenmantel, nur die Ferne ihren Duft auf sie; nur die Steine selbst malen sie. Wenn man die saftige, grüne Ebene verläßt, in welcher ein silberner Wasserfaden, hundertfach gestaut und zerteilt, das ergiebige Land zur blühenden „Vega“ umwandelt, und dem Gebirge zuschreitet, tritt man urplötzlich in eine Wüste hinaus. Man gelangt vielleicht noch in den „Campo“, in welchem die in gerader Reihe gepflanzten hundertjͤährigen Olbäume stehen; aber diese sind wahrlich nicht geeignet, den Eindruck der Ode zu schwächen, welchen das vorliegende Land erregte. Und auch sie bleiben dahinten; der Fuß tritt auf harten Kiesboden, welchen nur hier und da ein Pflänzchen zu durchbrechen wagte. Vor dem Auge das Gebirge in seiner wilden Schönheit. Losgerissene, vom Wasser herabgeworfene Blöcke bedecken seinen Fuß und die Ausgänge der Thäler. Zwischen ihnen sieht man saftig grüne Oleandergebüsche und niederes Gestrüpp; an den Berggehängen wuchern Rosmarin und unzählige Disteln: sie bilden hier den Wald. Möglich, daß man zufällig einige Geier, vielleicht auch einen Adler über dem Gebirge dahinschweben sieht; außer ihnen bemerkt man höchsters noch eine Blaumerle, einen Rotschwanz, einige Schwalben und Steinsperlinge: das übrige erscheint tot. Da lenkt plötzlich ein frischer Gesang die Augen nach einer bestimmten Stelle: das Männchen eines Trauersteinschmätzers singt sein heiteres Lied. Der zierliche Vogel ist über den größten Teil Spaniens verbreitet und kommt außerdem in Südfrankreich, Süditalien, Griechenland und Nordwestafrika vor. Überall, wo er auftritt, bewohnt er das Gebirge, vom Fuße an bis zu 2500 mehinauf. Möglich, daß er im Hochsommer noch zu bedeutenderen Höhen emporsteigt und nur im Winter in die Tiefen herabkommt, in denen ich ihn in den eigentlichen Hochgebirgen Südspaniens antraf. Seine Lieblingsplätze sind die wildesten, zerrissensten Felsen. Je dunkler das Gestein ist, um so häufiger begegnet man ihm, obwohl er auch auf lichteren Kalkfelsen nicht fehlt. Er ist ein kluger, lebendiger und scheuer Vogel, welcher selbst das ödeste Gebirge zu beleben vermag. Das Männchen gebärdet sich oft höchst ergötzlich. Es tanzt förmlich auf einer Steinplatte umher oder trippelt tanzartig an einer Felswand in die Höhe, breitet Schwanz und Flügel, neigt den Kopf, dreht und wendet sich, steigt in die Höhe, singt dabei und senkt sich zuletzt mit ausgebreiteten Flügeln und Schwanz langsam tief herab, um seinem all diesem zuschauenden Weibchen die letzte Strophe des Gesanges in nächster Nähe noch hören zu lassen. Finden sich einzelne Bäume oder Kaktusfeigenbüsche im Gebirge, dann ruht er auch gern auf diesen von seinem Singen und Tanzen aus; sonst wählt er die hervorragendsten Felsenplatten oder Felsblöcke zu seinen Ruheplätzen. Ohne Scheu kommt er von seinen Höhen auf die Mauern der Gebirgsstädte herab oder steigt zu den auf den höchsten Bergesspitzen liegenden Einsiedeleien empor. ö Wirklich liebenswürdig benimmt er sich bei seinem Neste. Er beginnt ziemlich spät mit dessen Baue, erst um Mitte oder gegen Ende April, vielleicht auch Anfang Mai. An passen—⸗ den Nistplätzen fehlt es ihm nicht; denn überall findet er in den hohen, steilen Felsenwänden eine Höhlumg, welche noch von keinem Steinsperlinge in Besitz genommen wurde. Das Nest, sür eine zahlreiche Nachkommenschaft eingerichtet, ist groß und besteht aus dicht zusammengeflochtenen Grashalmen und Würzelchen, welche inwendig sorgfältig mit Ziegenhaaren ausgefüttert sind. 4—5 Eier von 23 mm Längs⸗- und 17 mm Querdurchmesser, hell bläulichgrüner Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 5

eine nicht ungewöhnliche Anzahl des Geleges. Ein solches Nest fand ich im Anfange des Juli 1857 in der Sierra de los Anches bei Murcia. Es stand in einer ziemlich geräumigen Höhle, welche durch teilweises Zerbröckeln und Herabfallen des Gesteines gebildet worden war, auf einem breiten, überdachten Steine, wie auf einem Gesimse. Die Wahl des Ortes war zweckmäßig; denn in diese Einöde des Gebirges kam wohl selten ein Mensch; nur hatte der Vogel nicht bedacht, daß die Höhle sehr leicht erreicht werden konnte. Ich fand fünf noch nackte Junge in dem Neste und konnte über sie nicht lange in Ungewißheit bleiben; denn ich war noch nicht mit der Untersuchung des Nestes zu Ende, als beide Eltern ankamen, um zu füttern. Noch niemals, selbst aus dem bestgewählten Verstecke noch nicht, hatte ich den reizenden Vogel so nahe vor mir gesehen, wie es nun der Fall war. Die Eltern, sonst so scheu, schienen alle Vorsicht vergessen zu haben. Auf der einen Seite saß das Weibchen, kaum 15 Schritt entfernt von mir, auf der anderen etwa ebensoweit das Männchen. Ersteres flog ängstlich von einer Felsenspitze zur anderen; das letztere blieb auf seinem Platze. Aber es sang, als wollte es mich bitten, sein Haus zu verlassen, tanzte, trippelte hin und her, nickte und sang und tanzte wieder. Der Auftritt wurde wirklich ergreifend: hier die immer besorgter und dabei dreister werdende Mutter, dort der Vater, welcher in seiner Herzensangst nicht wußte, was er nur eigentlich beginnen sollte, um den gefährlichen Feind zu entfernen! Später einmal sah ich beide Eltern den ersten Ausflug mit der glücklich erzogenen Brut unternehmen. Vater und Mutter fliegen der munteren Gesellschaft voraus, von Stein zu Stein, von Felsen zu Felsen. Die kleinen Kurzschwänze sind gleich von allem Anfange an in dem Gebiete heimisch. Da braucht nur eins der Eltern einen Warnungsruf auszustoßen, und im Nu ist die ganze Schar in Steinritzen, zwischen und unter Fels-— blöcken verschwunden. Aber schon nach wenigen Minuten ist sie auf einen anderen Ruf der Alten wieder auf den höchsten Spitzen und Kanten der Steine versammelt: der von den wachsamen Eltern bemerkte Feind ist vorübergezogen oder hat sich versteckt; es scheint keine Gefahr mehr zu geben. Lustig geht es weiter. Hier wird ein Käferchen aufgenommen, dort ein Würmchen. Vater und Mutter fliegen sogar den hoch in der Luft hinsummenden Fliegen oder dahin gaukelnden Schmetterlingen nach und verfehlen selten die ins Auge gefaßte Beute. Aber das Kunststück ist von der ganzen Familie gesehen worden, und nun will jedes ihrer Glieder das erste sein, welches den Eltern das gefangene Kerbtier abbettelt. Das ist ein Laufen, Rennen, Piepen oder Bitten; selbst die stumpfen Flügel werden tüchtig benutzt: richtig, das schwarze Männchen, welches immer voran ist, war wieder der schnellste und hat es erlangt! Aber da taucht von neuem der Kopf des Feindes hinter einem Steine auf, für die spielende Familie das Haupt der Medusa: ein einziger Ruf des Männchens, und keines der Kinder ist mehr zu erblicken! So bleibt die kleine Schar unter der Eltern treuer Hut, bis die Mauser vorüber ist; dann zerstreut sie sich; denn jedes hat einen Gefährten gefunden. Der Juli, August und September sind die Zeiten des Federwechsels; Ende Oktober, Anfang November sieht man die einzelnen Pärchen bereits vereinigt und von der Familie getrennt, wenn sie auch gern noch in Gesellschaft mit anderen Pärchen bleiben. Im Januar wird schon rüstig gesungen; im Februar hört man das volle Lied: es ist dem der Blaumerle täuschend ähnlich, wenn auch nicht so laut, so schallend, und endet gewöhnlich mit einem eigentümlichen Knarren, welches sehr an unseren Hausrotschwanz erinnert. Der Steinschmätzer, Steinsänger, Steinquaker, Steinelster, Steinklitsch,

Continue reading
Page 18 of 178