Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
überhaupt große Behendigkeit. Gern zeigt es sich frei auf einem hervorragenden Zweige oder auf dem Boden; ungern aber, bei Tage wohl kaum, fliegt es in hoher Luft dahin, ist vielmehr stets sehr auf seine Sicherung bedacht, so keck es sonst auch zu sein scheint. Den Menschen fürchtet es kaum, kennt aber seine Feinde wohl und bekundet bei ihrem Erscheinen Angst oder Besorgnis. Schwachen Geschöpfen oder seinesgleichen gegenüber zeigt es einen liebenswürdigen Mutwillen, aber auch Necklust und unliebenswürdige Zanksucht, lebt deshalb nicht eben gesellig und selten in Frieden. Doch hat man anderseits auch das gute Gemüt kennen gelernt und erfahren, daß es mitleidig, ja barmherzig kein kann. Verwaiste — — —— — — —
Rotkehlchen (Erithaeus rubeculus) und Gartenrotschwanz (Erithacus phoenicurus). ½ natürl. Größe.
Singvögel, welche noch nicht im stande sind, sich durchs Leben zu helfen, haben in Rotkehlchen treue Pflegeeltern, Kranke der eignen Art barmherzige Helfer gefunden. Zwei Rotkehlchenmännchen, welche in meinem Heimatsorte gepflegt wurden und einen und denselben Käfig bewohnten, lebten beständig in Hader und Streit, mißgönnten sich jeden Bissen, anscheinend selbst die Luft, welche sie atmeten, und bissen sich aufs heftigste, jagten sich wenigstens wütend in dem ihnen gegönnten Raume umher. Da geschah es, daß eins durch einen unglücklichen Zufall das Bein brach. Von Stunde an war aller Kampf beendet. Das gesunde Männchen hatte seinen Groll vergessen, nahm sich mitleidig des schmerzgepeinigten Kranken an, trug ihm Nahrung zu und pflegte ihn auf das sorgfältigste. Der zerbrochene Fuß heilte, das krankgewesene Männchen war wieder kräftig wie vorher; aber der Streit zwischen ihm und seinem Wohlthäter war für immer beendet. Ein anderes männliches Rotkehlchen, von welchem Snell Kunde erhielt, wurde am Neste seiner Jungen
gefangen, mit diesen in das Zimmer gebracht, widmete sich nach wie vor deren Pflege, fütterte und wärmte sie und zog sie glücklich groß. Etwa 8 Tage später brachte der Vogelsteller ein anderes Nest mit jungen Rotkehlchen in das Zimmer zu dem alten Männchen, welches er zurückbehalten hatte. Und siehe da: als die Jungen hungrig wurden und laut zu werden anfingen, kam jener Vogel heran, betrachtete sie lange, eilte dann zu dem Näpfchen mit Ameisenpuppen, begann das Pflegevatergeschäft mit der größten Emsigkeit und erzog auch diese Jungen, als ob es seine eignen gewesen wären. Naumann erfuhr AUhnliches, als er einen jungen Hänfling auffüttern wollte. Der ewig hungrige Vogel schrie fortwährend und erregte dadurch die Teilnahme eines im Zimmer umherfliegenden Rotkehlchens. Es begab sich zu dem Käfige des Schreihalses und wurde von diesem um Futter gebeten. „Sogleich flog es zum Tische, holte Brotkrümchen, stopfte ihm damit das Maul und that dieses endlich so oft, als sich der Verwaiste meldete.“ Auch im Freien schließt das Rotkehlchen zuweilen innige Freundschaft mit anderen Vögeln. „In einem Gehölze unweit Köthen“, erzählt Päßler, „ist der merkwürdige Fall vorgekommen, daß ein Rotkehlchen mit dem Fitislaubvogel in ein Nest gelegt hat. Letzterer hat das Nest gebaut, beide haben je 6 Eier gelegt, beide haben in Eintracht zu gleicher Zeit auf den 12 Eiern gebrütet.“ Aber das Rotkehlchen hat noch andere gute Eigenschaften. Es ist einer unserer lieblichsten Sänger. Sein Lied besteht aus mehreren miteinander abwechselnden flötenden und trillernden Strophen, welche laut und gehalten vorgetragen werden, so daß der Gesang feierlich klingt. Dieses Lied nun ist im Zimmer ebenso angenehm wie im Walde, und deshalb wird unser Vogel sehr häufig zahm gehalten. Er gewöhnt sich bald an die Gefangenschaft, verliert alle Scheu, welche er anfänglich noch zeigte, und bekundet dafür wieder seine altgewohnte Zutraulichkeit dem Menschen gegenüber. Nach einiger Zeit gewinnt er seinen Pfleger ungemein lieb und begrüßt ihn mit lieblichem Zwitschern, aufgeblasenem Kropfe und allerhand artigen Bewegungen. Bei geeigneter Pflege hält er viele Jahre lang in der Gefangenschaft aus und scheint sich vollständig mit seinem Lose auszusöhnen. Man kennt Beispiele, daß Rotkehlchen, welche einen Winter im Zimmer verlebt hatten und im nächsten Frühjahre freigelassen worden waren, im Spätherbste sich wiederum im Hause ihres Gastfreundes einfanden und diesen gleichsam baten, sie wieder aufzunehmen; man hat einzelne zum Aus- und Einfliegen gewöhnt; einige Paare haben sich im Zimmer auch fortgepflanzt. Das Rotkehlchen erscheint bei uns bereits im Anfange des März, falls die Witterung es irgend erlaubt, hat aber im Vaterlande, dem es den kommenden Frühling verkündet, oft noch viel von Kälte und Mangel zu leiden. Es reist des Nachts und einzeln, laut rufend, in hoher Luft dahin und senkt sich mit Anbruch des Tages in Wälder, Gebüsche und Gärten hernieder, um sich hier zu sättigen und auszuruhen. Sobald es sich fest angesiedelt hat, tönt der Wald wider von seinem schallenden Gelocke, einem scharfen „Schnickerikik“, welches oft wiederholt wird und zuweilen trillerartig klingt; der erste warme Sonnenblick erweckt auch den schönen Gesang. Geht man seinen Tönen nach, so sieht man das auf dem Wipfelzweige eines der höchsten Bäume der Dickung sitzende Männchen aufgerichtet, mit etwas herabhängenden Flügeln und aufgeblasener Kehle, in würdiger, stolzer Haltung, ernsthaft, feierlich, als ob es die wichtigste Arbeit seines Lebens verrichte. Es singt bereits in der Morgendämmerung und bis zum Einbruche der Nacht, im Frühlinge wie im Herbste. Sein Gebiet bewacht es mit Eifersucht und duldet in ihm kein anderes Paar; aber der Bezirk des einen Pärchens grenzt unmittelbar an den des anderen. Inmitten des Wohnkreises, welchen eins sich erwarb, steht das Nest, stets nahe an oder auf dem Boden, in Erdhöhlen oder in ausgefaulten Baumstrünken, zwischen Gewurzel, im Moose, hinter Grasbüscheln, sogar in verlassenen Bauen mancher Säugetiere ꝛc. Dürre Baumblätter, mit denen
BLAUMERLE, TRAUERSTEINSCHMÄTZER UND HAUSROTSCHWANZ.
auch eine sehr große Höhlung teilweise ausgefüllt wird, Erdmoos, trockene Pflanzenstengel und Blätter oder Moos allein werden zu den Außenwandungen verwoben, zarte Würzelchen, Hälmchen, Haare, Wolle, Federn zum inneren Ausbaue zierlich zusammengeschichtet. Bildet die Höhlung nicht zugleich eine Decke über dem Neste, so wird eine solche gebaut und dann seitlich ein Eingangsloch angelegt. Ende April oder Anfang Mai sind die 5—7, 20 mm langen, 15 mm dicken, zartschaligen, auf gelblichweißem Grunde mit dunkleren, rostgelblichen Punkten über und über bedeckten Eier vollzählig; beide Eltern brüten nun abwechselnd, zeitigen sie in etwa 14 Tagen, füttern die Jungen rasch heran, führen und leiten sie nach dem Ausfliegen noch etwa 8 Tage lang, überlassen sie sodann ihrem eignen Geschicke und schreiten, falls die Witterung es gestattet, zu einer zweiten Brut. Wenn man sich dem Neste oder den eben ausgeflogenen Jungen nähert, stoßen die Alten ihre Lockstimme und den Warnungsruf „sih“ wiederholt aus und gebärden sich sehr ängstlich; die Jungen, deren Gezwitscher man bisher vernahm, schweigen auf dieses Zeichen hin augenblicklich still und klettern mehr, als sie fliegen, im Gezweige empor. Anfänglich werden die Jungen mit allerlei weichem Gewürme geatzt, später erhalten sie dieselbe Nahrung, welche die Alten zu sich nehmen: Kerfe aller Art und in allen Zuständen des Lebens, Spinnen, Schnecken, Regenwürmer ꝛc.; im Herbste erlabt sich alt und jung an Beeren der Wald⸗ und Gartenbäume oder Sträucher. In Gefangenschaft gewöhnt sich das Rotkehlchen fast an alle Stoffe, welche der Mensch genießt. Nach vollendeter Brutzeit, im Juli oder August, mausern die Rotkehlchen; nachdem das neue Kleid vollendet, rüsten sie sich allgemach zum Wegzuge. „Wenn man in der Zugzeit des Abends im Zwielichte in einem Walde ist“, schildert Naumann, „hört man ihre fröhlichen Stimmen aus jedem Strauche erschallen, anfänglich nahe an der Erde, dann immer höher, bis sie die Baumwipfel erreichen. Hier verstummen sie; denn sowie der letzte Schein des Tages verschwindet, wird alles still im Walde, und man vernimmt dann ihre Stimme nur in den Lüften. An ihr kann man bemerken, daß sie vom Aufgange der Sonne gegen deren Niedergang ziehen, oder im Frühjahre umgekehrt.“ Nunmehr füllt sich die Winterherberge. Da, wo man während des Sommers vergeblich nach dem Rotkehlchen aussah, lugt es jetzt aus jedem Busche hervor. Alle Hochgebirge Süd- und Mittelspaniens, jede Baumhecke, jeder Garten beherbergen es. Jedes hat sich auch hier ein bestimmtes Gebiet erworben und weiß es zu behaupten; aber jedes ist bescheidener als in der Heimat: ein einziger Busch genügt ihm, und die Gesamtheit bildet gewissermaßen nur eine einzige Familie. Zuerst sind die Wintergäste still und stumm, sobald aber die Sonne sich hebt, regt sich auch ihre Lebensfreudigkeit wieder: sie singen, sie necken sich, sie kämpfen miteinander. Leise, mehr ein Gezwitscher als ein Gesang, ist das Lied, welches man zuerst von ihnen hört; aber jeder neue Tag erhöht ihre Freudigkeit, und lange bevor der Frühling einzog in ihrer Heimat, ist er wach geworden in ihrem Herzen. Der Anfang des Singens ist der Anfang zur Heimkehr. Die Rotschwänze oder Rötlinge (Ruticilla) kennzeichnen sich durch schlanken Leib, pfriemenförmigen, an der Spitze des Oberschnabels mit einem kleinen Häkchen versehenen, vor ihr jedoch nicht eingekerbten Schnabel, schlanke, hochläufige, schwächliche Füße, ziemlich lange Flügel, in denen die dritte Schwinge die längste ist, mittellangen, fast gerade abgeschuͤttenen Schwanz und lockeres, je nach Geschlecht und Alter verschiedenfarbiges Gefieder. Sie bewohnen die Alte Welt und sind namentlich in Asien zahlreich vertreten. Unser Hausrotschwanz oder Hausrötling, welcher auch Stadt-, Stein- und
Sommerrotschwanz, Rotsterz, Rotzagel, Rottele, Wistling, Hüting, Schwarzbrüstchen ꝛc. genannt wird (Erithacus titis, Ruticilla titis, titys, tithys, tites,
tethys, atra, Sylvia tithys und tites, Motacilla gibraltariensis, atrata und erythrourus, Saxicola tithys, Lusciola tithys und tythis, Phoenicura mtethys), ist schwarz, auf dem Kopfe, dem Rücken und der Unterbrust mehr oder weniger aschgrau, am Bauche weißlich, auf den Flügeln weiß gefleckt; die Schwanz- und Bürzelfedern sind, mit Ausnahme der beiden mittleren dunkelbraunen, gelblich rostrot. Beim Weibchen und einjährigen Männchen ist die Hauptfärbung ein gleichmäßiges Tiefgrau; bei den Jungen ist das Grau schwärzlich gewellt. Die Länge beträgt 16, die Breite 26, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 7 em. Als Gebirgsrotschwanz (Erithacus cairii) wird seit 1848 eine in beiden Geschlechtern dem Weibchen des Hausrotschwanzes ähnliche, aber etwas grauer gefärbte Art oder Unterart unterschieden, die in den Hochalpen und Karpathen den Hausrotschwanz vertreten soll und vielleicht auch in deutschen Gebirgen vorkommt. Zwei Stücke dieser Form, über die weitere Untersuchungen sehr erwünscht sind, wurden bei Offenbach am Main erlegt. Das Wohngebiet des Rotschwanzes erstreckt sich über Mittel- und Südeuropa und außerdem Kleinasien und Persien. Im Süden unseres heimatlichen Erdteiles ist er Standvogel, im Norden nötigt ihn der Winter, sein Brutgebiet zu verlassen und nach Südeuropa, Kleinasien, Syrien, Palästina und Nordafrika zu flüchten. Ursprünglich Gebirgskind und Felsenbewohner, hat der gegenwärtig bei uns zu Lande zum Haustiere gewordene Vogel nach und nach sich beguemt, auf dem Wohnhause des Menschen Herberge zu nehmen, ohne zwischen der volkreichen Stadt und dem einsamen Gehöfte einen Unterschied zu machen. Wo er vorkommt, findet man ihn fast stets auch auf Neubauen, nicht als Bewohner, wohl aber als ersten zutraulichen Gast, der unbekümmert um die Arbeiter an den entstehenden, noch feuchten Mauern seiner Jagd obliegt. „Er ist“, wie W. Marshall, der Kulturfolger unter den Vögeln Kulturflüchtern gegenüberstellt, sich ausdrückt, „in seiner Art auch ein Folger der Kultur, aber nicht der Ackerbau treibenden, sondern der steinerne Häuser, Kirchen, Paläste, Türme und Festungen errichtenden, — der, wie der Mauersegler und die Schwalben, zu meinen scheint, diese Bauwerke seien Felsen, die sich in immer erfreulicherer Menge von Jahr zu Jahr in Europa mehren, und in denen außer ihm, zufällig und lästig genug, Menschen mit ihren bösen Kindern und schlimmen Katzen hausen. Die Wiege dieses munteren Gesellen scheint in der westlichen und mittleren Schweiz gestanden zu haben; hier kommt er, nach Tschudi, vom Aufenthalte der Nachtigall, der Ebene, bis zur Heimat des Flühvogels an der Grenze des ewigen Schnees, ja darüber hinaus, vor. Bei Lyon findet er sich ausschließlich im Gebirge und geht nur, wenn ihn zu arge Kälte vertreibt, in die Ebene hinab. Von den Alpen hat er sich südwärts gewendet, findet sich selten auf Sardinien, häufiger bei Florenz, erscheint um Neapel nur im Winter, hat aber in Sizilien hoch am Ätna unter ähnlichen Verhältnissen wie in den heimischen Alpen eine Niederlassung gegründet. Westlich von den Alpen und ihren Ausläufern ist der Vogel selten; die Provence zählt ihn nicht unter ihre Brutvögel; in den spanischen Gebirgen tritt er bloß vereinzelt auf; in Murcia erscheint er erst, wenn sein dort häufiger nächster Vetter, das Gartenrotschwänzchen, weggezogen ist; in Portugal ist er sehr selten, auf den Kanaren, den Balearen und in Algier fehlt er, obwohl der Gartenrotschanz in allen diesen Gegenden brütet. Es ist überhaupt bemerkenswert, daß diese beiden Vögelchen nicht gut nebeneinander gedeihen — bei uns zu Lande wird der Gartenrotschwanz in dem Maße seltener, wie der Hausrotschwanz zunimmt. Auch auf der östlichen europäischen Halbinsel ist der Hausrotschwanz eine Seltenheit: in Istrien zeigt er sich nur im Winter; in Bulgarien sah ihn Finsch nur ein einziges Mal, auf Naxos kommt er gar nicht vor, und die Cykladen besucht er nur während der kalten Jahreszeit. In der Krim sah ihn Goebel (1874) mehrmals, so auf den Ruinen des Malakow, zu denen das melancholische Liedchen, des kleinen „Frühauf — Spät ins Bett' vortrefflich paßt.“ Nach Deutschland ist unser Vogel auf verschiedenen Straßen eingewandert. Gesner erhielt ihn schon vor drei * * .—.7. 1447— Ni.