Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
anderen vernommen. Manchmal verweilt er stundenlang auf einem Baume, beklettert ihn dann und wann auch ziemlich rasch von allen Seiten und sucht still nach seiner Nahrung. Ungeachtet seines stärkeren Schnabels verursacht er viel weniger Lärm durch Klopfen als andere Buntspechte, arbeitet im Gegenteile ruhig und erwählt dazu soviel wie möglich sehr vermorschte Bäume, schält aber auch von ihnen nur die Rinde ab. Während des Winters begegnet man ihm nicht selten in Gärten und Ortschaften. Hier verweilt er unter Umständen den ganzen Tag über und begnügt sich, unbekümmert um den Menschen, wenige Bäume oder Hecken abzusuchen. Während der Brutzeit trommelt er nach Art anderer Buntspechte; das hierdurch verursachte Geräusch ist jedoch ebenfalls nicht laut und wird nicht auf fernhin gehört. Seine Nahrung besteht ausschließlich in Kerbtieren. Um einige Tage früher als der Schwarzspecht, meist schon Anfang April, schreitet er zum Nisten, und Mitte Mai verlassen die Jungen das Nest. Letzteres legt er in einem sehr vermorschten Baume an, mit Vorliebe in Birken, Eschen, Ulmen, selten in Eichen, weitaus in den meisten Fällen im Stamme, ungefähr 4—6 müber dem Boden. Seine Vorliebe für verrottete Bäume ist so groß, daß er auch solche erwählt, welche nur noch durch die Rinde zusammengehalten werden. Mir selbst begegnete es, daß einer von ihnen, der ein Nest mit Jungen enthielt und schon einige Jahre zum Nisten benutzt worden war, in buchstäblichem Sinne des Wortes in Stücke zerbrach, als ich daran schüttelte. Ein geübter Beobachter kann das Nest des Weißspechtes nicht allein an den darunter liegenden verhältnismäßig großen Spänen, sondern auch an dem kreisrunden Eingangsloche erkennen, während dieses bei den übrigen Arten bekanntlich länglichrund zu sein pflegt. Die Bruthöhle ist geräumiger als die des Buntspechtes, zuweilen so weit und tief wie die des Grünspechtes. Die gewöhnliche Anzahl des Geleges bilden 3 Eier; ich kenne nur ein einziges Beispiel, daß auch 4 in einem Neste gefunden wurden. Die Eier sind denen des Buntspechtes zum Verwechseln ähnlich, ändern aber hinsichtlich der Form vielfach ab, indem einzelne eine sehr verlängerte, andere sehr rundliche Gestalt haben.“ Unter den übrigen Beobachtungen, die über den Weißspecht veröffentlicht worden sind, mögen noch folgende erwähnt sein. Nilsson, der mit Taczanowski darin übereinstimmt, daß unser Vogel Wälder mit sehr vermorschten Bäumen anderen bevorzuge, stellt das Vorkommen des Weißspechtes auch in Nadelwaldungen fest, bemerkt, daß er nicht besonders scheu sei und an den Bäumen regelmäßig die oberen Teile absuche, im Sommer wie üblich paarweise gefunden, im Winter dagegen auch wohl in Familien beobachtet werde. Collett berichtet, daß man ihn in jedem Herbste in Dohnenstiegen fange, womit bewiesen wird, daß er auch Pflanzennahrung nicht gänzlich verschmäht. Altum endlich gibt höchst beachtenswerte Mitteilungen über sein Brüten in Deutschland. Man kannte bis dahin zwei Fälle, daß sich der Weißspecht in unserem Vaterlande und zwar in der Gegend von München und in Schlesien fortgepflanzt habe, erfuhr aber trotzdem mit einiger Überraschung, daß derartige Fälle, nach Altums Meinung wenigstens, nicht ganz so selten sein dürften. Wie der letztgenannte Forscher glaubt, brütet er in der Mark vielleicht schon seit einer langen Reihe von Jahren. Ein Weibchen aus der Sammlung der Forstschule von Eberswalde wurde während der Brutzeit im Lieper Forste erlegt, ein Männchen 1847 im Juni geschossen. Einen sicheren Beweis des Brütens erhielt Altum jedoch erst am 29. Mai 1872 und zwar dadurch, daß ihm Forstkandidat Hesse ein altes Männchen in abgetragenem Kleide brachte, das er tags zuvor im Lieper Reviere erlegt hatte, während es mit dem Füttern seines Jungen beschäftigt war. Auf dringendes Ersuchen um Erlegung des Jungen wurde dieses am 1. Juni erlegt. Das deutsche Bürgerrecht des Weißspechtes kann also nach diesem nicht mehr bestritten werden.
In der vierten Unterfamilie vereinigen wir die Weichschwanzspechte (Picumninae), von denen einige 30 Arten bekannt geworden sind. Cabanis nennt sie wohl mit Recht Übergangsglieder zwischen den vorher besprochenen Spechten und den Wendehälsen. Sie zeigen im ganzen die Gestalt unserer Spechte, besitzen aber keinen Stemmschwanz und sind außerordentlich klein, nicht viel größer als unsere Goldhähnchen. Der Schnabel ist länglich, kegelförmig, gerade, spitzig und ohne deutliche Kanten. Die Beine sind wie bei den Spechten gebaut, für die Größe der Vögel weder schwach, noch klein; die Nägel zeigen die Sichelform der Spechtkrallen. In den kurzen, sehr stumpfen und rundlichen Flügeln überragen die vierte und fünfte Schwinge die anderen. Der Schwanz besteht aus 12 seitlich
Zwergspecht (Picumnus münutus). Natürliche Größe. verkürzten Federn, die weich und abgerundet, und deren beide äußersten verhältnismäßig ebenso klein wie bei den eigentlichen Spechten sind. Das Gefieder ist ungemein weich und besteht aus wenigen, für die Größe des Körpers umfangreichen Federn. Die Unterfamilie findet sich hauptsächlich in Südamerika; doch hat man auch in Afrika eine und in Indien drei hierher gehörige Arten entdeckt. Über die Lebensweise fehlen ausführliche Mitteilungen noch gänzlich, und die verschiedenen Berichte stimmen im ganzen wenig überein. *
Der Zwergspecht (Picumnus minutus, cirratus, minutissimus und cayanensis, Picus minutus und minutissimus, Pipra minuta, Vunx minutissima) ist auf dem Oberkopfe schwarz, fein weiß punktiert, auf der übrigen Oberseite graubraun, auf der Unterseite weiß und schwarz in die Quere gebändert, auf Stirn und Vorderscheitel beim Männchen rot, beim Weibchen weiß geperlt wie der übrige Scheitel; die schwarzbraunen Schwingen
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sind gelblich, die Deckfedern licht gesäumt, die Steuerfedern schwarz, die seitlichen mit breitem, weißem Streifen an der Außenfahne, die beiden mittelsten mit solchem an der Innenfahne. Das Auge ist graubraun, der Schnabel an der Wurzel bleifarben, auf dem Firste und an der Spitze schwärzlich, der Fuß bleigrau. Die Länge beträgt 9, die Breite 15, die Fittichlänge 4,6‚ die Schwanzlänge 2,5 em. Der Zwergspecht kommt in allen Küstenwaldungen von Guayana bis Paraguay nicht selten vor, erscheint aber auch oft in der Nähe der Wohnungen. Im Sommer lebt er paarweise, in der kalten Zeit in kleinen Gesellschaften, die ziemlich weit umherstreifen. Er hat, wie der Prinz von Wied sagt, vollkommen die Lebensart anderer Spechte und kriecht an den Stämmen umher, um Kerbtiere und ihre Larven zu suchen. Burmeister dagegen versichert, daß seine Lebensweise ganz die der Goldhähnchen sei. Beide Beobachter bestätigen somit die Angaben Azaras, daß der Vogel an den Baumstämmen klettere und zuweilen von einem Zweige zum anderen hüpfe. Schomburgk fand ihn regelmäßig unter den Herden verschiedener Vögel, die zeitweilig im Walde umherstreichen, traf ihn aber auch in Gärten und Pflanzungen nicht selten an. In einem Garten sah er täglich ein Paar in ein Astloch ein und aus schlüpfen, scheint aber das Nest nicht selbst untersucht zu haben. Von einer verwandten Art, die in Peru lebt, wissen wir durch Tschudi, daß sie vier Junge erzieht. Dies ist alles, was ich über die Lebensweise der niedlichen Vögel gefunden habe. Die Wendehälse (Jynginae), die als die tiefststehenden aller Spechte anzusehen sind, gehören ausschließlich der Alten Welt an. Ihr Leib ist gestreckt, der Hals lang, der Kopf ziemlich klein, der Flügel kurz und stumpf, in ihm die dritte Schwinge die längste, der Schwanz mittellang, breit und weichfederig, der Schnabel kurz, gerade, vollkommen kegelförmig, spitzig, seitlich nur wenig zusammengedrückt, der Fuß ziemlich stark, vier⸗ und paarzehig, das Gefieder locker und weich. Die sehr ausstreckbare Zunge ist fadenförmig, an der Spitze aber nicht mit Widerhaken besetzt. Unser Wende-, Winde-, Dreh- oder Natterhals, Drehvogel, Halsdreher, Halswinder, Nacken-, Natter- oder Otterwindel, Natterwendel, Natterzange ꝛe. (Jynxtorquilla, japonica, major, arboreéa, punctata, septentrionalis und meridionalis, Cuculus subgriseus, Torquilla striata), ist auf der Oberseite licht aschgrau, fein dunkler gewellt und gepunktet, auf der Unterseite weiß, spärlich mit dunkeln, dreieckigen Flecken gezeichnet; Kehle und Unterhals sind auf gelbem Grunde quer gewellt; ein schwärzlicher Längsstreifen zieht sich vom Scheitel bis zum Unterrücken herab; die übrige Zeichnung des Oberkörpers besteht aus schwärzlichen, rost- und hellbraunen Flecken; die Schwingen sind rotbraun und schwarzbraun gebändert, die Schwanzfedern fein schwarz gesprenkelt und durch fünf schmale Bogenbänder gezeichnet. Das Auge ist gelbbraun, Schnabel und Beine sind grüngelb. Bei den Jungen ist die Färbung blässer, die Zeichnung gröber und das Auge graubraun. Die Länge beträgt 18, die Breite 29—30, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6,5 em. Der Wendehals kommt auf der halben Erde vorz heimatsberechtigt aber ist er nur im Norden, das heißt in Mitteleuropa und in Mittelasien. In Deutschland findet er sich einzeln allerorten, wenn auch nicht gerade im Hochgebirge oder im düsteren Hochwalde. Nach Norden hin dehnt sich sein Verbreitungsgebiet bis ins mittlere Skandinavien und nach Finnland, nach Osten hin dagegen bis in die Amurländer aus. In Mittel- und
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Südrußland ist er überall häufig und selbst in den Steppen eine gewöhnliche Erscheinung; in Daurien tritt er nicht seltener auf als in Europa. Wie weit sich sein Wohngebiet nach Süden hin erstreckt, vermag ich mit Bestimmtheit nicht anzugeben; wohl aber kann ich sagen, daß man ihn hier viel seltener bemerkt als bei uns: er kommt z. B. in Spanien nach meinen Beobachtungen im Tieflande als Brutvogel nicht mehr vor, und ebenso scheint es in Griechenland zu sein. Den Grund hiervon glaube ich in der Baumarmut der Ebenen Spaniens und Griechenlands suchen zu dürfen, so bestimmt einer derartigen Annahme das Vorkommen des Wendehalses in den Steppen entgegensteht. Letztere aber bieten ihm
Wendehals (Jynx torquilla). ½ natürl. Größe.
infolge der dünnen Bevölkerung auch in den wenigen Bäumen, welche die Flußthäler begrünen, so gesicherte Aufenthaltsorte, daß er hier leicht wohl unter denselben Umständen leben kann, die sein Auftreten in Spanien und Griechenland erschweren oder unmöglich machen. In Italien zählt er, laut Lessona und Graf Salvadori, zu den gemeinen Vögeln des Landes, erscheint regelmäßig im Frühjahre, nistet und wandert im Herbste wiederum aus. Gelegentlich seines Zuges sieht man ihn in ganz Agypten, Nubien und im Ostsudan: hier endlich scheint er für den Winter Herberge zu nehmen. Dasselbe gilt nach Jerdon für Indien: hier ist der Wendehals in allen Teilen, welche man durchforscht hat, beobachtet worden, aber ausschließlich im Winter. Lindermayers Angabe, „überwintert in Griechenland und wird in den Monaten Oktober bis März nicht selten in den Olivenwäldern beobachtet“, findet in Beobachtungen Krüpers Bestätigung. So wurde ein Wendehals, der jetzt im Museum zu Athen steht, am 3. Januar 1868 in Attika, ein anderer bei Schneewetter am 5. Februar 1874 in der Nähe Athens erlegt und im Winter 1870 sogar ein toter Vogel 4
am Olymp im Schnee gefunden. Auch Lessona und Sal vadori bemerken in ihrer trefflichen ÜUbersetzung der ersten Auflage des „Tierlebens“, daß man in Mittel- und Süditalien nicht allzu selten überwinternde Wendehälse beobachte. Bei uns zu Lande erscheint der Wendehals erst, wenn der Frühling vollständig eingezogen, und er verläßt uns bereits wieder, bevor noch der Sommer vorübergegangen ist. Bei günstigem Frühlingswetter trifft er schon zwischen dem 10. und 15., gewöhnlich aber erst zwischen dem 20. und 30. April, zuweilen auch selbst in den ersten Tagen des Mai bei uns ein und verweilt dann bis Anfang August, selten länger, am Brutorte. Dann beginnt er zu streichen, und wenn man später, bis in den September hinein, noch einzelne seiner Art zu sehen bekommt, darf man annehmen, daß es solche sind, welche im Norden brüteten und unser Vaterland nur durchwandern. Seine Reisen werden des Nachts ausgeführt, und zwar sammeln sich im Herbste kleine Gesellschaften, die den weiten Weg gemeinschaftlich zurücklegen, während die rückkehrenden vereinzelt ziehen. Doch sieht man auch im Frühlinge noch in Agypten oder Spanien an besonders günstigen Plätzen mehrere dieser sonst ungeselligen Vögel beisammen. Zu seinem Wohngebiete wählt der Wendehals Gegenden, die reich an alten Bäumen, aber doch nicht gänzlich bewaldet sind. Feldgehölze, zusammenhängende Gebüsche oder Obstbaumpflanzungen bilden seine liebsten Wohnsitze. Er scheut den Menschen nicht und siedelt sich gern in unmittelbarer Nähe von Häusern, z. B. in Gärten, an, falls hier nur einer der Bäume eine geeignete Höhlung besitzt, die ihm zur Brutstelle dienen kann. Innerhalb seines Gebietes macht er sich wenigstens im Frühlinge leicht bemerklich; denn seine Stimme ist nicht zu verkennen und fällt um so mehr auf, als das Weibchen dem rufenden Männchen regelmäßig zu antworten pflegt. Geht man dem oft 20mal nacheinander ausgestoßenen „Wii id wii id“ nach, so wird man den sonderbaren Vogel bald bemerken. Er sitzt entweder auf den Zweigen eines Baumes, auch wohl am Stamme angeklammert oder auf dem Boden, hier wie dort ziemlich ruhig, obgleich keineswegs bewegungslos; denn sobald er sich beobachtet sieht, bethätigt er zum mindesten seinen Namen. Man kann nicht sagen, daß er schwerfällig oder ungeschickt wäre: er ist aber träge und bewegt sich nur, wenn dies unumgänglich nötig wird. Von der Rastlosigkeit und Hurtigkeit der Spechte oder anderer Klettervögel bekundet er nichts mehr. Seine Kletterfüße dienen ihm nur zum Anklammern, scheinen aber zum Steigen unbrauchbar zu sein. Auf dem Boden hüpft er mit täppischen Sprüngen umher, und wenn er fliegt, wendet er sich baldigst wieder einem Baume zu. Aus der Höhe stürzt er sich bis dicht über den Boden hernieder, fliegt hier mit rasch bewegten Flügeln eine Strecke geradeaus und steigt dann in einem großen, flachen Bogen wieder aufwärts. Nur wenn er größere Strecken durchmessen muß, zieht er in einer sanft wogenden Linie dahin. Dagegen leistet er Erstaunliches in Verrenkung seines Halses, und diese Fähigkeit ist es, die ihm fast in allen Sprachen den gleichbedeutenden Namen verliehen hat. Jedes Ungewohnte bewegt ihn, Grimassen zu schneiden, und diese werden um so toller, je mehr der Vogel durch irgend eine Erscheinung in Furcht versetzt worden ist. „Er dehnt den Hals oft lang aus“, sagt Naumann, „sträubt die Kopffedern zu einer Holle auf und breitet den Schwanz fächerförmig aus, alles unter wiederholten, langsamen Verbeugungen, oder er dehnt den ganzen Körper und beugt sich, besonders wenn er böse ist, langsam vorwärts, verdreht die Augen und bewegt die Kehle wie ein Laubfrosch unter sonderbarem, dumpfem Gurgeln. In der Angst, z. B. wenn er gefangen ist und man mit der Hand zugreifen will, macht er so sonderbare Grimassen, daß ein Unkundiger darüber, wenn nicht erschrecken, so doch erstaunen muß. Mit aufgesträubten Kopfsedern und halb geschlossenen Augen dehnt er den Hals zu besonderer Länge aus und dreht ihn wie eine Schlange ganz langsam, so daß der Kopf währenddem mehrmals im Kreise umgeht und der Schnabel dabei bald rückwärts, bald