Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
betrachtete und einigemal vom Baume abflog, ehe er den Mut hatte, sich dem verfänglichen Loche zu nähern. Endlich hing er sich davor, guckte ein-, zweimal hinein, fühlte die Schlinge um den Hals, wollte entfliehen, kam aber mit gräßlichem Geschrei, den Bügel am Halse, herabgeflattert und war gefangen. Ich behielt ihn nur einen Tag lang und ließ ihn dann wieder fliegen. Er scheute nun den verhängnisvollen Baum auf lange Zeit, ging aber doch nach Verlauf von mehreren Wochen allabendlich wieder in seiner Höhle zur Ruhe.“ Ferner bemerkt Naumann noch: „Der Grünspecht ist ein so stürmischer, unbändiger Vogel, daß man an Zähmung eines Alten gar nicht denken darf. Man hat es versucht und ihn an ein Kettchen gelegt; aber der Erfolg war immer ein baldiger Tod des ungestümen Gefangenen. Aus einem hölzernen Vogelbauer helfen ihm seine kräftigen Schnabelhiebe sehr bald, und läßt man ihn in die Stube, so klammert er sich an allem an und zermeißelt das Holzwerk. Daß sie sich, jung aufgezogen, leichter zähmen lassen, mag sein; mir ist aber kein derartiger Fall bekannt geworden.“ Aufgemuntert durch meine Erfolge bei Aufzucht der Schwarzspechte, habe ich u80 den Grünspecht zeitweilig gepflegt, kann aber nicht sagen, daß er mir Freude bereitet hätte. Sein Benehmen war im wesentlichen das des Schwarzspechtes, die an den Käfigen von ihm bethätigte Zerstörungslust nicht geringer als bei diesem. Zu voller Munterkeit aber gelangten meine Pfleglinge nicht, obgleich ich ihnen Ameisenpuppen bot, soviel sie deren bedurften. Auch Liebe hat dieselbe Erfahrung machen müssen wie ich: die von ihm mit größter Sorgfalt gepflegten Grünspechte sind nicht alt geworden. Unter unseren Raubvögeln gefährdet wohl nur der Hühnerhabicht den Grünspecht ernstlich. Gegen die Edelfalken, die bekanntlich bloß fliegende Beute aufnehmen, schützen ihn die Baumstämme, zu denen er angesichts eines solchen Räubers sofort flüchtet, und die er dann so rasch umklettert, daß ein minder gewandter Vogel als der Habicht ihm nicht beizukommen vermag. Dieser freilich führt im Fluge so kurze Schwenkungen aus, daß er wohl zum Ziele gelangen mag. Darauf hin deutet wenigstens das ängstliche Schreien, das der Grünspecht beim Anblicke dieses furchtbaren Räubers wie auch des Sperbers ausstößt. Andere größere Waldvögel, beispielsweise Krähen, stoßen wohl auch einmal neckend auf ihn herab; zu ernstlichen Kämpfen mit ihnen kommt es aber nicht. Dagegen kann es gelegentlich seiner Wühlereien in Ameisenhaufen geschehen, daß er wiederum in Streitigkeiten gerät, die man sonst nicht beobachtet. So sah Adolf Müller einen Nußhäher, nachdem dieser neugierig die Arbeit eines in beschriebener Weise beschäftigten Grünspechtes beobachtet hatte, allmählich näher kommen und plötzlich dem Spechte sich zum Kampfe stellen. Beide Vögel griffen gegenseitig an und verteidigten sich mit gleicher Geschicklichkeit, bis der Häher Verstärkung herbeiholte und mit fünf anderen seiner Art den Grünspecht in die Flucht trieb. Von den Menschen hat dieser nicht mehr als andere Spechte zu leiden, obgleich er zuweilen die Rachsucht eines Zeidlers, dessen Bienenstöcke er schädigte, heraufbeschwört. Verderblicher als alle Feinde wird dem Grünspechte der Winter. Wenn tiefer Schnee den Boden bedeckt, tritt bald Hungersnot ein, und nur da, wo alte große Bäume wirtlich mit der in ihrem morschen Holze versteckten Kerbtierbevölkerung aushelfen, übersteht er ohne Schaden die unfreundliche Jahreszeit. Bei plötzlich sich einstellender Kälte und tiefem Schneefalle begegnet man ihm dann nicht selten in alten Hochwaldungen, zuweilen in Menge. So beobachtete Snell, daß in dem Winter von 1860/61 ein uralter Eichwald fast alle Spechte der Umgegend in sich versammelte. „Man hörte“, sagt er, „in jenen Tagen vom Morgen bis zum Abend ein Hämmern und Pochen, ein Schwirren und Schreien, daß selbst die stumpfsinnigsten Bauern, die des Weges vorüberzogen, aufmerksam wurden und stehen blieben.“ In Gegenden, in denen es solche Waldungen nicht gibt, nimmt man nach harten Wintern ersichtliche Abnahme der Spechte wahr. „Ich selbst habe“, berichtet Liebe, „zu solcher
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Winterszeit verendete, aus Mangel umgekommene Grün- und Grauspechte im Walde gefunden, und auch von anderen sind mir einigemal derlei Leichen ins Haus gebracht worden. Wenn sich im Nachwinter die Ameisen tief in ihre Bauten zurückgezogen haben und Schnee die Wiesen und Grasplätze bedeckt, dann sind die Grünspechte auf Holzmaden und dergleichen angewiesen. Unsere Forstwirtschaft läßt aber in ihren den Gartenbeeten gleichenden Schöpfungen gewiß nicht so leicht einen Baum am Leben, der für jene Vögel Nahrung in sich bergen könnte. Die Grün- und Grauspechte, die kleineren Bunt- und die Schwarzspechte werden bei uns aussterben wie die Indianer infolge der Kultur.“ Der deutsche Verwandte des Grünspechtes ist der Grauspecht, graugrüne, grüngraue, grauköpfige Specht, grauköpfige, norwegische und Berggrünspecht,
Graukopf ꝛc. (Picus viridicanus, canus, norvegicus, chloris und caniceps, Gecinus und Chloropicus canus). Er steht an Größe wenig hinter dem Grünspechte zurück: seine Länge beträgt 30, seine Breite höchstens 50, die Fittichlänge 15, die Schwanzlänge 11 em. Vorderkopf und Scheitelmitte sind scharlachrot, Stirnrand und ein schmaler Strich über dem schwarzen Zügelstreifen dunkelgrau, die Kopfseiten etwas heller, Hinterkopf und Nacken grünlich verwaschen, die übrigen Oberteile olivengrasgrün, Bürzel und obere Schwanzdecken glänzend olivengelb, Kinn und Kehle schmutzig gräulich, durch einen schmalen schwarzen, an der Wurzel des Unterschnabels beginnenden und bis zum Ohre reichenden Streifen von dem Grau der Backen getrennt, die übrigen Unterteile schmutzig graugrünlich, die Handschwingen außen mit 6—7 weißlichen schmalen, alle Schwingen innen mit großen, weiten Querflecken, die Schwanzfedern schwarzbraun, die beiden mittelsten längs der Schaftmitte bräunlich grau verwaschen. Die Iris ist rötlichbraun oder bei alten Vögeln rosenrot, der Schnabel gräulich hornschwarz, der Fuß schieferschwarz. Das Weibchen gleicht dem Männchen, besitzt aber nicht die rote Scheitelplatte. Das Verbreitungsgebiet des Grauspechtes ist erheblich ausgedehnter als das seines bekannteren Verwandten; denn es erstreckt sich, mit Ausnahme Großbritanniens, über den größten Teil Europas und über ganz Sibirien bis Japan, nach Süden hin bis Persien. In Deutschland tritt er im allgemeinen seltener auf als der Grünspecht, bewohnt aber annähernd dieselben Ortlichkeiten wie dieser. Hier und da fehlt er gänzlich, in anderen Gegenden findet man ihn einzeln, wenigstens an allen für ihn geeigneten Stellen. Doch teilt er mit Schwarz- und Grünspecht dasselbe Schicksal: er nimmt von Jahr zu Jahr mehr ab und vermindert sich in demselben Verhältnis, in welchem die ausgiebigste Bewirtschaftung des Grundes und Bodens vorschreitet. Noch in meiner Knabenzeit war er in Ostthüringen ebenso häufig als in dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, das meinem Vater Gelegenheit zu seinen trefflichen Beobachtungen über ihn bot; gegenwärtig sieht man wohl noch den Grauspecht, aber nur selten, ohne daß man eigentlich sagen könnte, weshalb er so ersichtlich abgenommen hat. Wie mein Vater hervorhebt, liebt er die Vor- und Feldhölzer oder mit Laubbäumen besetzte Thäler und erwählt ausgedehntere Schwarzhölzer nur dann, wenn sie an das Feld stoßen, findet daher in unseren thüringischen Flußthälern alle Erfordernisse zu behaglichem Leben und gedeihlicher Vermehrung und wird dennoch immer seltener. Dies mag in anderen Gegenden Deutschlands nicht so sein; im allgemeinen aber wird sich die eben ausgesprochene Behauptung überall bewahrheiten. Borggreve bezeichnet ihn als einen echten Standvogel des Buchengürtels zwischen 300 und 800 meüber dem Meere, und Gloger behauptet, daß im Sommer einzelne bis in die letzten Alpenwälder hinaufgehen; ich muß bemerken, daß ich ihn im Hochgebirge nie und in den von Borggreve angegebenen Höhen nur äußerst selten gesehen, vielmehr vorwaltend als Bewohner der Niederung und des Hügellandes bis zu ungefähr 150 m Höhe kennen gelernt habe. Doch traf — — ——.i;. c........
Erste Ordnung: Baumvögel; achtundzwanzigste Familie: Spechte. ihn auch Baldamus als Bewohner hoch gelegener Alpenthäler an. Nach meinen Beobachtungen möchte ich sagen, daß er ein Charaktervogel ausgedehnter Obstpflanzungen sei. Hier wenigstens findet er sich, wenn alte, hohle Bäume vorhanden sind, häufiger als irgendwo anders, und solche besucht er während seiner Wanderungen regelmäßig. In milden Wintern verweilt ein fest angesiedeltes Paar jahraus jahrein in demselben Brutgebiete, obwohl es auch dann gelegentlich kleiner Streifzüge dessen Grenzen überschreiten H Murg
Grauspecht (Picus viridicanus) und Weißspecht (Dendrocopus leuconotus). 2 natürl. Größe.
kann. Strenge Winter hingegen zwingen den Grauspecht, aus denselben Gründen wie sein größerer Verwandter weite Reisen anzutreten. Diese führen ihn nicht allein bis Süddeutschland, sondern sogar bis jenseits der Alpen und Pyrenäen sowie des Balkans, werden jedoch soviel wie möglich beschränkt. Erst im Oktober beginnt er zu wandern, und mit den ersten Tagen des März hat er sich sicher in seinem Brutgebiete eingestellt, so schwer es ihm dann auch noch werden mag, sein Leben zu fristen. Gloger behauptet, daß er mit dem Grünspechte in offener Fehde lebe und von ihm in dessen eigentlichem Gebiete nicht geduldet werde; diese Angabe ist jedoch nur insoweit richtig, als der stärkere Grünspecht ihn aus Gutzel
einem Brutgebiete vertreibt, in welchem Wohnungsnot herrscht. Im übrigen vertragen sich beide ebensogut miteinander wie verschiedenartige Spechte überhaupt, und ich selbst kenne nicht besonders ausgedehnte Brutgebiete, in denen beide sich allsommerlich fortpflanzen. Während ihrer Reisen gesellen sie sich, wie Snell mitteilt, nicht allzu selten zu einander, nähren sich wie gute Kameraden auf einer Stelle und fliegen, aufgescheucht, gemeinschaftlich eine Strecke weit fort. In seinem Wesen und Betragen ähnelt der Grauspecht seinem nächsten Verwandten so sehr, daß schon bedeutende Ubung dazu gehört, beide zu unterscheiden. „Er besitzt“, wie mein Vater sagt, „des Grünspechtes Lebhaftigkeit und Munterkeit, seine Geschicklichkeit im Klettern, seine Art, die Nahrung durch weniges Löcherhacken zu suchen, seinen hüpfenden Gang auf der Erde und seinen Flug; doch sind bei diesem die Absätze kleiner, und das Rauschen ist geringer. Gern klettert er unten an den Bäumen herum, fliegt, sobald er auf—⸗ gejagt wird, auf die Spitze eines hohen Baumes oder auf einen hohen Ast und hängt sich fast immer so an, daß er durch den Stamm oder einen Ast gegen den Schuß gesichert ist. Flieht er vor seinem Verfolger und klammert er sich an einem Baume an, so geschieht es gewiß allemal auf der dem Feinde entgegengesetzten Seite, und nur zuweilen steckt er den Kopf vor, um zu sehen, wie groß die Gefahr noch sei. Auf solche Weise kann man ihn lange herumjagen, ohne ihn zu erlegen. Eine Eigenheit habe ich an ihm bemerkt, die er mit dem Grünspechte gemein hat. Im Herbste und Vorwinter nämlich hat er ein ordentliches Revier, das er alle Tage regelmäßig besucht.“ Er erscheint alsdann, wie mein Vater weiter ausführt und auch ich schon in der Jugendzeit beobachtet habe, fast alle Morgen zur bestimmten Stunde in einem Garten, hängt sich zunächst an einen gewissen Baum, fliegt von dort aus nach einem anderen ꝛc., alltäglich in durchaus übereinstimmender Weise, von derselben Stelle kommend und nach der nämlichen wieder verschwindend. Auf dem Boden trifft man ihn ebenso oft wie den Grünspecht, und im Herbste ist er auf den gemähten Wiesen geradezu eine regelmäßige Erscheinung. Seine Stimme erinnert an die des Grünspechtes, liegt aber etwas höher und ist merklich heller; der Lockton läßt sich durch die Silben „geck geck gick gick“ ungefähr übertragen. Dann und wann vernimmt man auch ein helles „Pick“, das von beiden Geschlechtern ausgestoßen wird, und zur Paarungs- und Brutzeit von beiden Geschlechtern einen sehr schönen, vollen, starken, pfeifenden Ton, der wie „eli klii klii klü klü“ klingt und von der Höhe zur Tiefe herabsinkt. Nach Naumann setzt sich der in dieser Weise schreiende Grauspecht allemal auf die Spitze eines hohen Baumes, und deshalb schallen die herrlichen Töne weit in den Wald hinein. Sie haben zwar Uhnlichkeit mit denen des Grünspechtes, sind aber gerundeter, nicht so schneidend und durch das allmähliche Sinken so ausgezeichnet, daß sie ein aufmerksames Ohr sogleich erkennt. Unzweifelhaft dienen sie dazu, sich gegenseitig anzulocken, und wenn dann ein Paar sich gefunden hat, beginnt ein gegenseitiges Necken und Jagen ohne Ende. Das paarungslustige Männchen fliegt dem Weibchen oft Viertelstunden weit nach, schreit in der angegebenen Weise wiederholt, jagt sich scherzend mit ihm fliegend und kletternd, läuft oft längere Zeit neckend in Schraubenwindungen mit ihm an einem Baume in die Höhe und ruft ihm dazwischen zärtlich sein „Geck geck gick gick' zu, wird auch oft von innerem Drange so begeistert, daß er sich an einen dürren Baum oder Ast hängt und nun nach Art des Schwarzspechtes und des Buntspechtes trommelt, wogegen der Grünspecht letzteres, wie bemerkt, nie oder doch sehr selten zu thun scheint. Auch der Grauspecht nährt sich vorzugsweise von Ameisen und stellt insbesondere gewissen Arten von ihnen nach; wo diese nicht häufig sind, nimmt gewiß kein Grauspecht seinen Sommeraufenthalt. Auch im Winter strebt er vorzüglich diesen Arten nach. Kein Wunder daher, daß er auswandern muß, wenn hoher Schnee den Boden so verdeckt, daß