Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
nützlichen Schaffens, daß jedes Paar von ihnen sich im Frühlinge stets eine ganz neue Bruthöhle anfertigt, um sie niemals wieder selbst zu benutzen.“ Dies ist nun freilich nicht zutreffend; denn mein Vater, ich selbst und andere Beobachter haben gerade das Gegenteil erfahren; aber sehr richtig ist die weiterhin von Gloger aufgestellte Behauptung, daß die Spechte eine gewisse Neigung zeigen, sich auch während der Strichzeit überall, wo sie nicht bloß ganz kurze Zeit verweilen, eine Höhle zum Schlafen zurecht zu machen, und daß sie bei dieser Arbeit einen gewissen Eigensinn bekunden, indem sie nicht selten eine, auch wohl zwei bereits angefangene und halb fertig gearbeitete Höhlen wieder verlassen, die den meisten anderen Höhlenbrütern schon ausgezeichnet brauchbar erscheinen, kurz, daß sie für das Wohl dieser nützlichen Geschöpfe nach besten Kräften sorgen. Und deshalb schließe ich mich mit vollster Uberzeugung der Bitte Wieses an, die Spechte zu schonen, und empfehle auch meinen Lesern sie alle ohne Ausnahme „die großen und die kleinen, die schwarzen, grünen und bunten als bewährte Freunde der Wälder. Die Spechte, wenn sie auch die schadhaften Stellen an den Bäumen aufdecken, schaden entschieden weniger, als sie im Haushalte der Wälder unmittelbar wie mittelbar Nutzen stiften. Sie werden schon durch die Einrichtungen des Forstmannes genug beengt und beschränkt in ihrer Vermehrung; es bedarf dazu nicht mehr einer unmittelbaren Verfolgung durch Schießgewehre. Immer seltener werden in vielen Forsten die Bäume, die sie regelmäßig und gern behufs Anlage von Höhlungen aufsuchen, und wohl dürfte es an der Zeit sein, zu ihrer Hegung einige von diesen anbrüchigen Bäumen recht absichtlich überzuhalten, damit Spechte und Höhlenbrüter sie benutzen. Ich bin der Überzeugung, daß dadurch ebensowenig dem Vorteile des Waldbesitzers wie dem Rufe des Forstmannes irgend eine Beeinträchtigung erwachsen kann.“ Also Schutz und freies Geleit, Hegung und Pflege diesen nützlichsten und wichtigsten aller unserer Waldhüter! Sie haben ohnehin der Feinde genug. Nicht allein Raubsäugetiere und Vögel stellen ihnen nach, sondern auch unverständige Menschen, insbesondere Bubenschützen aller Art, denen sie sich nur zu oft zur Zielscheibe bieten. Mancherlei Unglücksfälle suchen sie heim. Altum schildert „ein Spechtgrab“, das einer großen Anzahl von ihnen verderblich geworden ist. In einer alten Buche fand sich nach dem Fällen ein etwa 3 m langer und 40 em breiter ausgefaulter Hohlraum in Gestalt eines umgekehrten Zuckerhutes, welcher durch zwei Löcher, eines in der unebenen Decke der Höhle und ein vom Spechte eingemeißeltes, mit der Außenwelt in Verbindung stand. Durch ersteres Loch wurde nach jedem Regengusse der Hohlraum auf 2,3 m unter Wasser gesetzt, und in ihm fanden viele von den Spechten und neben ihnen auch Stare, die nachts hier Unterschlupf gesucht hatten, ihr Grab. Der Forstaufseher Hochhäusler untersuchte die verräterische Höhlung genauer und zählte 105 Schädel. Nach seiner Schätzung mußten alljährlich mindestens 12 Grünspechte in dieser Buche ihr nasses Grab gefunden haben; jeder des Weges kommende Specht nahm hier, oft für immer, seine verhängnisvolle Herberge. Manch einer mag sich aus dem Wasser gerettet haben; die übrigen waren nicht im stande gewesen, dem feindlichen Elemente zu entrinnen. Die Familie der Spechte zerfällt in 5 Unterfamilien, die über 350 Arten umfassen. Die vier ersten Unterfamilien werden von einigen Vogelkundigen in eine einzige zusammengezogen; ihre Übereinstimmung ist auch eine so große, daß man streng genommen nur zwei Unterfamilien annehmen darf. Wir wollen im Nachstehenden der üblichen Auffassung Rechnung tragen und fünf Unterfamilien hervorheben. 37⁷
Als bekanntester Vertreter der Unterfamilie der Grünspechte (Picinae) darf der über ganz Deutschland verbreitete Grünspecht, Wieherspecht, Holzhauer, Zimmermann, gemeiner oder großer Grünspecht, kleiner Baumhacker (Picus viridis, Gecinus viridis, pinetorum, frondium und virescens, Brachylophus und Chloropicus viridis) gelten. Die Oberseite des Kopfes, Nacken und ein breiter, schmal schwarz umsäum-ter Mundwinkelflecken sind scharlachrot, auf dem Scheitel durch die sichtbar hervortretenden 3 Erste Ordnung: Baumvögel; achtundzwanzigste Familie: Spechte. וין י
Grünspecht (Picus viridis). 2/6 natürl. Größe.
grauen Federwurzeln grau schattiert, die Nasenfederchen und Zügel rauchschwarz, die Oberteile olivengrasgrün, die Flügel mehr bräunlich verwaschen, Bürzel und obere Schwanzdeckfedern glänzend olivengelb, Ohrgegend, Kinn und Kehle weiß, schmutzig grünlich angehaucht, Halsseiten und Unterteile gelbgrünlichweiß, die Schenkelseiten wie die unteren Schwanzdeckfedern mit dunkeln Querbinden, die Handschwingen außen mit 6—7 rostweißlichen Querflecken, alle Schwingen innen mit breiten, weißlichen Randflecken, die schwarzen Schwanzfedern endlich mit 5—7 olivenbraun verwaschenen Querbinden gezeichnet. Das Weibchen unterscheidet sich durch breite schwarze Mundwinkelflecken, der junge Vogel durch die mit schwarzen Querflecken bindenartig gezeichnete Unterseite, den dunkelgrauen, rot getüpfelten Ober⸗ und Hinterkopf, den nur durch schwarze Endflecken der Federn angedeuteten Bartflecken
und die dunkel längsgestrichelten Halsseiten. Das Auge ist bei den Alten bläulichweiß, bei den Jungen dunkelgrau; der Schnabel ist schmutzig bleigrau, an der Spitze schwärzlich, der Fuß grünlich bleigrau. Die Länge beträgt 31, die Breite 52, die A Nän⸗ ge 22 die Schwanzlänge 12 em. Der Grünspecht zählt zu den weitverbreiteten Arten. Vielleicht mit Wudli Spaniens und des von der Tundra eingenommenen Nordrandes unseres Erdteiles kommt er überall, hier häufiger, dort spärlicher, in Europa vor. Blanford fand ihn noch in Persien; in Agypten dagegen fehlt er, obgleich mein Vater, Naumann, Gloger und andere das Gegenteil behaupten. Nach Norden hin verbreitet er sich bis Lappland. In Spanien wird er durch einen ihm sehr nahe stehenden Verwandten (Picus oder Gecinus sharpei) vertreten, der sich nur dadurch von ihm unterscheidet, daß Zügel und Augenkreis nicht schwarz, sondern schiefergrau und der rote Bartstreifen nicht schwarz umrandet wird, dessen Artselbständigkeit daher einstweilen noch fraͤglich erscheinen muß. In manchen Gegenden Deutschlands ist der Grünspecht ein allbekannter Vogel, wogegen er in anderen nicht oder höchstens gelegentlich seiner winterlichen Streifereien angetroffen wird. Weiter nach Osten hin tritt er seltener, in Rußland namentlich viel vereinzelter auf als der Graͤuspecht. In Gebirgen steigt er regelmäßig bis zu 1500 m Höhe empor; Baldamus traf ihn noch als Brutvogel des Engadin. Während der Brutzeit bewohnt er ein mehr oder weniger ausgedehntes, im allgemeinen nicht auffallend weites Gebiet. Im Herbste verlassen dieses zunächst die von ihm erbrüteten Jungen, bei sehr strenger Kälte und starkem Schneefalle aber auch die Alten. Die Streifzüge beginnen, sobald die Jungen selbständig geworden sind, und enden erst im nächsten Frühjahre, wenn die Brutzeit herannaht; sie werden aber weder mit bestimmter Regelmäßigkeit noch auf gewisse Strecken ausgedehnt: in manchen Wintern streicht der Vogel gar nicht, in anderen fliegt er ziemlich weit im Lande umher, wendet sich auch wohl gegen Süden und kann unter Umständen bis an die Grenzen unseres Erdteiles reisen, da man beispielsweise in Macedonien während des Winters mehr Grünspechte beobachtet haben will als während des Sommers. Nach Art der ganzen Verwandtschaft wandern auch unsere Spechte einzeln, gesellen sich jedoch zuweilen zu zahlreicheren Trupps. So beobachtete Schacht einmal um Weihnachten eine Gesellschaft von 8 Stück auf einer Wiese, woselbst sie Nahrung suchend in großen Sprüngen herumhüpften, bei Ankunft des Beobachters aber nach allen Richtungen hin auseinander stoben. Oberndörfer, ein guter Kenner einheimischer Vögel, will, wie Martin mitteilt, sogar einen zu drei Vierteln aus Grün- und zu einem Viertel aus Grauspechten bestehenden Trupp von weit über 100 Stück beobachtet haben, der in einem Wne auf einer Fläche von einem Morgen versammelt gewesen sein soll. ö Man kann nicht sagen, daß der Grünspecht ein V 30lp90el ist. Im reinen Nadelwalde ist er sehr selten, im Laubwalde trifft man ihn häufiger an; am liebsten aber bewohnt er Gegenden, in denen Baumpflanzungen mit freien Strecken abwechseln. Während der Brutzeit hält er sich in der Nähe seiner Nesthöhle auf; im Winter durchstreift er, auch wenn er nicht die Gegend verläßt, ein größeres Gebiet als im Sommer, pflegt aber allabendlich eine Höhlung aufzusuchen, um in ihr zu schlafen. Dann erscheint er monatelang in den Gärten, unmittelbar neben den Wohnungen, auch selbst in den Gebäuden: einer, den ich lange Jahre beobachtet habe, schlief regelmäßig im Gebälke der Kirche meines Heimatdorfes, ein anderer in einem Starkübel, der in unserem Garten aufgehängt war. Der Grünspecht bethätigt dieselbe Munterkeit und Fröhlichkeit, dieselbe List und Vorsicht und dieselbe Unruhe und Rastlosigkeit wie seine Verwandten. Er klettert ebensogut wie sie, übertrifft die bei uns einheimischen aber im Gehen; denn er bewegt sich sehr viel auf dem Boden und hüpft hier mit großem Geschick umher. Sein Flug ist hart, rauschend
und dadurch von dem anderer Spechte verschieden, daß er sehr tiefe Bogenlinien beschreibt. Die Stimme ist ein helles, weit tönendes „Glück“, das, wenn es oft wiederholt wird, einem durchdringenden Gelächter ähnelt, der Laut der Zärtlichkeit ein wohltönendes „Gück“, „Gäck“ oder „Kipp“, der Angstruf ein häßliches Gekreisch. Das so vielen anderen Spechten gemeinsame Trommeln scheint der Grünspecht nicht auszuführen; wenigstens habe ich es nie vernommen. Dagegen kennt Pechuel-Loesche seit mehreren Jahren einen in Jena im Nachbargarten hausenden, der, wenn er an der gegenüberliegenden Villa Roßbach vorüberfliegt, sich dort häufig auf das Gesims des Obergeschosses setzt und mehrmals stark auf ein hohles Stück Zinkblech hämmert. Der Vogel hat offenbar seine Freude an dem dröhnenden Schalle, denn er besucht stets dieselbe Stelle, lediglich um zu klopfen. Das tägliche Leben unseres Vogels verläuft etwa folgendermaßen: sobald der Morgentau einigermaßen abgetrocknet ist, verläßt der Grünspecht seine Nachtherberge, schreit vergnügt in die Welt hinaus und schickt sich an, sein Gebiet zu durchstreifen. Wenn nicht gerade die Liebe sich in ihm regt, bekümmert er sich wenig um seinen Gatten, geht vielmehr selbständig seine Wege und kommt nur gelegentlich mit dem Ehegenossen zusammen. Er streift von einem Baume zum anderen, in einer gewissen Reihenfolge zwar, aber doch nicht so regelmäßig, daß man ihn mit Sicherheit an einem bestimmten Orte erwarten könnte. Die Bäume sucht er stets von unten nach oben ab; auf die Aste hinaus versteigt er sich seltener. Nähert man sich einem Baume, auf dem er gerade beschäftigt ist, so rutscht er schnell auf die dem Beobachter abgekehrte Seite, schaut zuweilen, eben den Kopf vorsteckend, hinter dem Stamme hervor, klettert höher aufwärts und verläßt plötzlich unbemerkt den Baum, pflegt dann aber seine Freude über die glücklich gelungene Flucht durch lautes, frohlockendes Geschrei kundzugeben. Bis gegen Mittag hin ist er in ununterbrochener Thätigkeit. Er untersucht in den Vormittagsstunden gewiß über 100 Bäume und nimmt außerdem jeden Ameisenhaufen mit. An hartholzigen Bäumen hämmert er viel weniger als andere Spechte, dagegen meißelt er nicht selten in das Gebälk der Wohnungen oder in Lehmwände tiefe Löcher. Wenn im Sommer die Wiesen abgemäht sind, läuft er viel auf dem Boden umher und sucht dort Würmer und Larven zusammen; im Winter fliegt er auf die Gehänge, von denen die Sonne den Schnee weggeleckt hat, und späht hier nach verborge—⸗ nen Kerfen. Er ist kein Kostverächter, zieht aber doch die rote Ameise jeglicher anderen Nah—⸗ rung vor und fliegt ihr zu Gefallen weit auf den Feldern umher. Im Ameisenfange ist er geschickter als alle übrigen Spechte, weil seine Zunge verhältnismäßig länger ist und dank ihrer Klebrigkeit in derselben Weise wie beim Ameisenfresser gebraucht werden kann. „Wie erpicht die Grünspechte auf Ameisen und deren Puppen sind“, schreibt mir von Reichenau, „davon habe ich mich in den an Ameisenhaufen reichen Waldungen um Wetzlar oft überzeugt. Die anfangs lockeren Hügel werden durch ihr eignes Gewicht und die Vermoderung der Holzteile wie durch die Einwirkung des Regens nach und nach so fest, daß der Grünspecht sich genötigt sieht, mit seinem spitzigen Keilschnabel einen Weg zu bahnen, um zu seiner Lieblingsnahrung zu gelangen. Zur Winterszeit nun stecken die Ameisen sehr tief in der Erde, und der hungrige Specht sieht sich dann genötigt, bis zu 30 em tiefe Löcher, ähnlich den in morschen Stämmen und Asten angelegten Schlupfund Nisthöhlungen, auszumeißeln, um die in halber Erstarrung liegenden Kerfe zu erhalten. Bei diesem Geschäfte ist er natürlich im Sehen und Umschauhalten beschränkt; der Hunger läßt ihn seine ihm sonst eigne Vorsicht vergessen, und es fällt alsdann einem Raubtiere gewiß leicht, seiner habhaft zu werden: griff doch mein ehemaliger Jagdgenosse Weber einen völlig gesunden Vogel dieser Art, der in solcher Weise beschäftigt war, mit der Hand.“ Dasselbe wird von mehreren anderen Beobachtern mitgeteilt, so auffallend es auch erscheinen will, daß der sonst sehr vorsichtige Vogel sich in so plumper Weise übertölpen läßt. Außer
Grünspecht: Stimme. Lebensweise. Fortpflanzung.
den Ameisen verzehrt der Grünspecht auch mancherlei Käfer⸗ und Schmetterlingslarven, namentlich die des Bockkäfers und des Weidenbohrers, ebenso, nach einer beachtenswerten Mitteilung Hallers, Maulwurfsgrillen, die er wie jene Maden thatsächlich mit seiner Zunge anspießt und aus ihren Höhlen und Winterschlupfwinkeln hervorzieht. Da er sich gewöhnt, im Winter Dörfer und Gehöfte zu besuchen, so kann es geschehen, daß er sich auch wohl Übergriffe in menschliches Besitztum zu schulden kommen läßt. Ganz abgesehen davon, daß er bei seinem Suchen nach versteckten Kerbtieren Lehmwände und Strohdächer zerhackt, zermeißelt er auch dann und wann einmal die Wand eines Bienenstockes und richtet nunmehr unter den im Winterschlaf liegenden Immen arge Verheerungen an. Auch Pflanzenstoffe verschmäht er nicht gänzlich. Schacht erfuhr, daß er Vogelbeeren verzehrt, und Haller beobachtete einen Grünspecht, der allwinterlich ein mit wilden Reben übersponnenes Gartenhäuschen besuchte und hier sich an den Beeren gütlich that. Ende Februar stellt er sich auf seinem Brutplatze ein; aber erst im April macht das Weibchen Anstalt zum Nisten. Im März sieht man beide Gatten stets vereinigt, und das Männchen zeigt sich dann sehr erregt. Es setzt sich auf die Spitze eines hohen Baumes, schreit stark und oft und jagt sodann das herbeigekommene Weibchen spielend von Baum zu Baum. Gegen andere Grünspechte benimmt sich das Pärchen sehr unfreundlich; das einmal gewählte Gebiet wird gegen jeden Eindringling und, wenn es an geeigneten Nistbäumen fehlt, auch gegen den Grauspecht hartnäckig verteidigt. Wie üblich, erwählt der Grünspecht zur Ausarbeitung seiner Nisthöhle einen Baum, der im Inneren kernfaul oder schon hohl ist. Hier sucht er sich eine Stelle aus, wo ein Ast ausgefault war, und diese Stelle wird nun erweitert. Beide Gatten arbeiten gemeinschaftlich und sehr fleißig, so daß die Höhlung schon innerhalb 14 Tagen vollendet ist. Der runde Eingang ist so klein, daß der Vogel eben aus⸗ und einschlüpfen kann, die innere Höhlung 25—50 cm tief und etwa 15—20 cm weit. Trifft der Grünspecht im Inneren auf sehr festes Holz, so läßt er die begonnene Arbeit liegen, und lieber noch, als er eine neue Höhlung sich zimmert, benutzt er eine alte, die ein anderer seiner Art meißelte, kehrt auch, wenn er nicht gestört wurde, im nächsten Jahre wieder zu ihr zurück. Das Gelege besteht aus 6—8 länglichen, glattschaligen, glänzend weißen Eiern. Beide Gatten brüten wechselweise 16—18 Tage lang, das Männchen von 10 Uhr morgens bis 3 oder 4 Uhr nachmittags, das Weibchen während der übrigen Zeit des Tages; beide erwärmen die zarten Jungen abwechselnd, und beide tragen ihnen eifrig Nahrung zu. Die Jungen sind ebenso häßlich wie anderer Spechte Kinder, entwickeln sich ebenso rasch und schauen schon in der dritten Woche ihres eigentlichen Lebens aus dem Nestloche heraus. Später beklettern sie von hier aus den ganzen Baum, und endlich durchstreifen sie mit ihren Eltern das Wohngebiet, kehren aber noch eine Zeitlang allabendlich zu der Bruthöhle zurück. Die Streifzüge werden nun weiter und weiter ausgedehnt, und schließlich sucht die Familie, die noch immer zusammenhält, nicht mehr die Bruthöhle auf, sondern übernachtet irgendwo in einer anderen. Vom Oktober an vereinzelt sich die Gesellschaft: die Jungen sind selbständig geworden, und jeder sucht sich nunmehr ohne Rücksicht auf die anderen sein tägliches Brot. Der Grünspecht ist schwer zu fangen. In Sprenkeln oder auf dem Vogelherde wird bloß zufällig einer berückt; eher noch gelingt dies, wenn man seine Schlafhöhlung ausgekundschaftet hat und vor dem Eingange Schlingen anbringt. „In meinem Wäldchen“, erzählt Naumann, „hatte sich einst ein Grünspecht eine Höhle zu seiner Nachtruhe in eine alte, hohe, graue Espe gezimmert. Ich erstieg den Baum mit einer langen Leiter, schlug ein Stiftchen dicht über das zirkelrunde Loch und hing einen dünnen Bügel mit Schlingen lose daran, so daß diese den Eingang bestellten. Aus einer alten Laubhütte beobachtete ich nun ungesehen den schlauen Specht, der erst im Düstern ankam, die Anstalten scheu