Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
lebenden Würmern bestand, aus der Hand. Für den Vogelkundigen ist ein von ihnen bewohnter Käfig ein höchst anziehender Gegenstand. Man kann hier in aller Muße die so auffallenden Bewegungen der Spechte überhaupt beobachten; man kann sehen, wie sie rasch und geschickt en den Baumstämmen innerhalb des Käfiges emporklettern, wie kräftig sie sich in die Rinde einhaken, wie sicher sie sich zu befestigen wissen, wie umfassend sie ihren Schnabel zu gebrauchen verstehen; man kann selbst ihren Flug studieren: denn gar nicht selten machen sie wenigstens Versuche, sich in dieser Weise zu bewegen. An meinen Pfleglingen habe ich beobachtet, daß sie auch im Schlafe ihre liebste Stellung annehmen. Daß die Spechte Baumhöhlungen zu ihrer Nachtherberge wählen, war mir durch die Beobachtung unserer deutschen Arten bekannt geworden; nichtsdestoweniger überraschte es mich, zu sehen, daß sie nicht nach anderer Vögel Art sich einfach auf den Boden der Höhle niedersetzten, sondern, wie bereits bemerkt, an deren Wandungen in der Kletterstellung sich aufhängen. Ich sah daraus, daß ihnen diese Stellung leichter wird als jede andere. Das Überraschendste, das ich erfahren konnte, war, meine Goldspechte zur Fortpflanzung schreiten zu sehen. Sie haben mir dadurch bewiesen, daß sie sich in der Gefangenschaft so wohl befanden, wie sich ein seiner Freiheit beraubter Vogel überhaupt befinden kann. Der beginnende Frühling verfehlte auch auf sie seine Wirkung nicht. Das Männchen gab seinen Jubel durch jauchzendes Aufschreien und wiederholtes Trommeln kund. Es lockte in der von Audubon beschriebenen Weise, liebkoste das Weibchen wiederholt und trieb mit ihm überhaupt alle Spiele, wie sie der Paarung vorauszugehen pflegen. Eines Morgens fand der Wärter ein Ei am Boden, wenige Tage darauf ein zweites. Meine Hoffnung, möglicherweise Junge zu erzielen, ging aber leider nicht in Erfüllung. Das Weibchen begann zu kränkeln und lag eines Morgens tot im Käfige. Es war anscheinend an Erschöpfung infolge allzu schneller Entwickelung der Eier zu Grunde gegangen. Wahrhaft rührend war es, zu beobachten, wie traurig das Männchen sich fortan gebärdete. Tagelang, ohne Unterbrechung fast, rief es nach dem Weibchen, trommelte im Übermaße seiner Sehnsucht wie früher in der Jubellust seiner Liebe und hatte nicht einmal in den Nachtstunden Ruhe. Später milderte sich sein Kummer, und zuletzt vernahm ich keine klagenden Laute mehr. Seine frühere Heiterkeit erlangte es jedoch nicht wieder. Als ihm die Gefährten gestorben waren, wurde es sehr schweigsam. Später habe ich andere Goldspechte gepflegt und in verschiedenen Tiergärten gesehen; kein einziger aber hat sich gepaart und zum Nisten entschlossen. In den südlichen und westlichen Staaten-Nordamerikas tritt zu dem Goldspechte ein ihm sehr ähnlicher Verwandter, der Kupferspecht (Colaptes mexicanus, Picus rubricatus und lathami). Er ähnelt dem Goldspechte in Größe und Färbung wie in Anordnung der Zeichnung; doch sind bei ihm alle Farben dunkler und die Schäfte der Flügelfedern nicht goldgelb, sondern orangerot. Stirn und der Oberkopf sind fahl rötlich-graubraun, die übrigen Oberteile, mit Ausnahme des weißen Unterrückens, auf graubraunem Grunde schwarz quer gewellt, die Schwanzfedern graubraun, ihre Schäfte orangerot, Kinn, Kehle und Unterhals hell rötlichgrau, Brust und Bauch auf rötlich-weißgrauem Grunde mit runden schwarzen Perlflecken gezeichnet. Den Hinterkopf schmückt der zinnoberrote Kragen, die Oberbrust das schwarze Querband; der zinnoberrote Bartstreifen ist ebenfalls vorhanden. Das Verbreitungsgebiet des Kupferspechtes grenzt unmittelbar an den Wohnkreis seines Verwandten, des Goldspechtes, und nimmt den ganzen Westen der Vereinigten Staaten von dem Felsengebirge bis zum Stillen Weltmeere und von der de Fucastraße bis zum südlichen Mexiko ein. Da, wo beider Gebiete zusammenstoßen, wohnen Gold- und Kupferspecht dicht nebeneinander. „Der Beobachter“, sagt der Prinz von Wied, „ist befremdet, wenn er kurz zuvor den gemeinen Goldspecht geschossen hat, plötzlich einen sehr ähnlichen Vogel zu sehen,
Goldspecht. Kupferspecht. Feldspecht.
an dem die schöne gelbe Färbung einiger Teile zu einer prachtvoll orangeroten abgeändert ist. Man kommt erst nach und nach zu der Erkenntnis, eine zwar sehr ähnliche, aber doch verschiedene Art vor sich zu haben.“ Alle nordamerikanischen Schriftsteller, die den Kupferspecht innerhalb der Grenzen ihres Vaterlandes beobachtet haben, versichern, daß seine Sitten und Gewohnheiten, sein Wesen und Betragen, seine Stimme und Nahrung sowie sein Fortpflanzungsgeschäft vollständig mit der Lebensweise des Goldspechtes übereinstimmen. Während die große Mehrzahl der Spechte ausschließlich oder wenigstens hauptsächlich von den Bäumen ihre Nahrung sucht, betreiben einige ihre Jagd auf dem Boden. Zu ihnen gehört der Feldspecht (Colaptes campestris, Picus campestris und chrysosternus. Soroplex, Theiopicus, Malherbipicus, Pediopipo und Geocolaptes campestris), der die offenen Triften Südamerikas bewohnt. Scheitel und Kehle sind schwarz, Wangen, Hals und Oberbrust goldgelb, Rücken und Flügel blaßgelb, schwarzbraun gebändert, Unterrücken, Brust und Bauch blaß weißlichgelb, jede Feder durch mehrere schwarze Querbinden gezeichnet, die Schwingen graubraun, goldgelb geschäftet, die Handschwingen an der Innenfahne, die Armschwingen an beiden Fahnen weißlich gebändert, die Schwanzfedern endlich schwarzbraun, die äußeren Paare an der Außenfahne, die drei inneren Paare an der Innenfahne gelb gebändert. Die Geschlechter unterscheiden sich wenig; doch ist das Weibchen minder lebhaft gefärbt als das Männchen. Bei dem jungen Vogel sind die Binden breiter. Das Auge ist dunkel kirschrot, der Schnabel schwärzlichgrau, der Fuß schmutzig grau. Die Länge beträgt 32, die Breite 47, die Fittichlänge 14,5, die Schwanzlänge 11 cm. „Der Feldspecht“, sagt der Prinz von Wied, „ist von allen übrigen Arten durch seinen Aufenthalt höchst bezeichnend geschieden, da er bloß in offenen, von Waldungen entblößten Triften und höchstens in kleinen Gebüschen vorkommt. Ich habe ihn in den großen Küstenwaldungen nie gesehen, sondern bloß in höheren, trockenen und erhitzten Triften der inneren Sertongs der Provinzen Bahia und Minas Geraes. Azara fand ihn in Paraguay. Er scheint also dem größten Teile des inneren Südamerika anzugehören.“ Burmeister erzählt Folgendes: „Zu den Ameisennestern der offenen Triften gehört als lieber Gesellschafter der merkwürdige Feldspecht. Wir fanden den ersten am Abhange einer Hochebene. Eine ganze Gesellschaft, wohl acht Stück, hackten an einem großen, niedrigen Baume, flogen von Zeit zu Zeit einzeln auf den Boden, spazierten da wie Krähen herum und kehrten dann zum Baume zurück. Sie mußten mit einer guten Nahrung beschäftigt sein, wahrscheinlich eine wandernde Termitengesellschaft überfallen haben. Ich sah dem Vogel bald seine Eigentümlichkeit an. Ein Specht, der schreitend auf dem Boden herumspaziert: welch ein Wunder, dachte ich und rief meinem Sohne zu, einen zu schießen. Es gelang. Der Specht purzelte kreischend zu Boden, die anderen flogen davon, ließen sich aber bald auf einem nicht sehr entfernten Baume wieder nieder. Nun erkannte ich meinen neuen Gefährten. Er gab mir, als ich ihn tot betrachtete, die Gewißheit, daß ich das Campogebiet bereits betreten hatte; denn nur auf diesem ist der sonderbare Erdspecht zu finden.“ „Der Feldspecht“, erzählt der Prinz von Wied, „lebt besonders von Termiten und Ameisen, welche in diesen Ebenen unendlich häufig sind. Man findet hier in Wäldern und Triften große kegelförmige Hügel von gelben Letten, die oft 2 m hoch und von Termiten erbaut sind; in den offenen Gegenden haben sie gewöhnlich eine mehr abgeflachte Gestalt. Ähnliche Nester von rundlicher Form und schwarzbrauner Farbe hängen an dicken Ästen der Bäume, und ein jeder Kaktusstamm trägt eins oder mehrere. Auf diesen pflegt der genannte Specht zu sitzen und zu hacken. Er wird deshalb dieser Gegend sehr nützlich durch die Vertilgung der schädlichen Kerbtiere, die in Brasilien die Hauptfeinde des Landbaues sind. Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 38
Doch obgleich diese gefräßigen Tiere ihre Eingänge über und unter der Erde anlegen, obgleich sie sie selbst an den Wänden der menschlichen Wohnungen anbringen, werden sie doch an allen diesen Orten von zahlreichen Feinden verfolgt. So rächen die Ameisenbären, die Spechte, die Ameisendrosseln und viele andere Tiere den Pflanzer, dessen ganzer Gewinn öfters von diesen kleinen verheerenden Feinden verzehrt wird.“ Aus den übrigen Mitteilungen unseres Gewährsmannes geht hervor, daß Azara und Spix mit Unrecht von dem Feldspechte behauptet haben, er klettere nicht an Stämmen; denn wenn dies auch seltener geschieht als bei den übrigen Arten, und wenn auch die hohen Fersen ihm das Hüpfen erleichtern, so sieht man ihn doch oft auch nach Art anderer Spechte klettern. Er rutscht an den Kaktusstämmen hinauf oder hüpft mit hoch aufgerichtetem Körper auf deren wagerechten Ästen umher, hält sich aber allerdings größtenteils am Boden auf. Hudson, der eine Bemerkung von Darwin über unseren Specht sehr ungerechtfertigterweise bemängelt, stimmt mit vorstehenden Angaben im wesentlichen überein und erwähnt ausdrücklich, daß der Vogel ganz nach anderer Spechte Art an Bäumen umherklettert, wie diese seinen schwachen Schwanz benutzt und gleich ihnen Rinde und morsches Holz bearbeitet. Zum Boden herab kommt er häufig, und zuweilen findet man ihn einige Kilometer von allen Bäumen entfernt damit beschäftigt, Ameisen und allerlei Larven auszuklauben. Dies ist jedoch ein seltener Fall und geschieht bloß, wenn er von einer Baumgruppe zu einer anderen fliegen will. Solche Wanderungen geschehen in kleinen Absätzen; denn nur selten entschließt sich der Vogel zu längerem Fluge. Gewöhnlich sieht man ihn paarweise, und deshalb wird die Gesellschaft, von der Burmeister spricht, wohl eine Familie, d. h. Alte mit ihren Jungen, gewesen sein. Im übrigen ähnelt der Feldspecht anderen Verwandten vollkommen. Er fliegt und schreit ganz wie unser europäischer Grünspecht. „Das Nest des Vogels“, schließt Burmeister, „muß sehr versteckt angelegt sein, da man es noch gar nicht kennt. Am Boden dürfte es sich wohl kaum befinden.“ Hudson erweist die Richtigkeit der Vermutung Burmeisters durch die Angabe, daß von ihm beobachtete Feldspechte in Buenos Ayres mit Vorliebe in Ombubäumen nisten und ihre Bruthöhlen sich ebenso wie andere Spechte ausmeißeln. Der Ombu hat sehr weiches Holz, und aus diesem Grunde vermag der Feldspecht dieses auch zu bearbeiten, wenn der Baum noch grün und gesund ist. Das Eingangsloch soll ungefähr 20 em tief ins Innere und etwas nach oben führen, bevor es in die erweiterte Nisthöhle übergeht.
Einen nur wenig gebogenen Schnabel zeigt der Rotkopfspecht (Colaptes erythrocephalus, Picus erythrocephalus und obscurus, Melanerpes erythrocephalus). Kopf und Hals sind hochrot, Mantel, Schwingen und Schwanz rabenschwarz, Hinterschwingen, Bürzel und Unterseite rein weiß, die beiden äußersten Schwanzfedernpaare am Ende schmal weiß gesäumt. Das Auge ist nußbraun, der Schnabel und die Füße sind bläulichschwarz. Das Weibchen ist etwas kleiner und minder lebhaft gefärbt als das Männchen. Bei den Jungen sind Kopf, Hals, Mantel und Brust erdbraun, durch schwarzbraune Mondflecken gezeichnet, die Vorderschwingen schwarzbraun, die Hinterschwingen rötlichweiß, gegen die Spitze hin schwarzbraun gebändert, die Steuerfedern dunkel braunschwarz. Die Länge beträgt 24, die Breite 44, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 6 em. „Es gibt vielleicht keinen Vogel in Nordamerika“, behauptet Wilson, „der bekannter wäre als der Rotkopf. Er ist so häufig, sein dreifarbiges Gefieder so bezeichnend, und seine räuberischen Sitten sind so sehr zu allgemeiner Kunde gelangt, daß jedes Kind von ihm zu erzählen weiß.“ Der Rotkopf verbreitet sich über den ganzen Norden Amerikas. Man sieht ihn, nach Versicherung des Prinzen von Wied, an allen Zäunen sitzen, an den Spitzen oder an den Stämmen eines Baumes hängen oder am Gewurzel umherklettern und nach
Kerbtieren suchen. „Man darf ihn“, sagt Audubon, „als einen Standvogel der Vereinigten Staaten betrachten, da er in den südlichen Teilen während des ganzen Winters gefunden wird und dort auch im Sommer brütet. Die große Mehrzahl seiner Art aber wandert im September von uns weg und zwar des Nachts. Sie fliegen dann sehr hoch über den Bäumen dahin, gesellschaftlich und doch jeder für sich, einem zersprengten Heere vergleichbar, und stoßen einen besonderen, scharfen Laut aus, den man sonst nicht vernimmt, gleichsam in der Absicht, sich gegenseitig aufzumuntern. Mit Tagesgrauen läßt sich die Gesellschaft auf den Wipfeln der abgestorbenen Bäume um die Pflanzungen nieder und verweilt hier, Futter 1. E 5
Rotkopfspecht (Colaptes erythrocephalus). ½ natürl. Größe.
suchend, bis zu Sonnenuntergang. Dann steigt einer nach dem anderen wieder empor und setzt seine Reise fort. „Mit Ausnahme der Spottdrossel kenne ich keinen so heiteren und fröhlichen Vogel, wie diesen Specht. Sein ganzes Leben ist Freude. Er findet überall Nahrung in Menge und allerorten passende Nistplätze. Die geringe Arbeit, die er verrichten muß, wird für ihn zu einer neuen Quelle von Vergnügen; denn er arbeitet nur, um sich entweder die zartesten Leckereien zu erwerben, oder um eine Wohnung zu zimmern für sich, für seine Eier oder seine Familie. Den Menschen fürchtet er, wie es scheint, durchaus nicht, obgleich er keinen schlimmeren Feind hat als gerade ihn. Wenn er auf einem Zaunpfahle am Wege oder im Felde sitzt und jemand sich ihm nähert, dreht er sich langsam auf die andere Seite des Pfahles, verbirgt sich und schaut ab und zu vorsichtig hervor, als wolle er die Absicht des Menschen erspähen. Geht dieser ruhig vorüber, so hüpft er auf die Spitze des Pfahles und trommelt, als wolle er sich beglückwünschen über den Erfolg seiner List. Nähert man sich ihm, so fliegt er zu dem nächsten oder zweitnächsten Pfahle, hängt sich dort an, trommelt wieder und scheint so seinen Gegner förmlich herauszufordern. Gar nicht selten erscheint er bei uns 380