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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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In alter Zeit spielte eine vom Stachelschweine stammende Bezoarkugel in der Arzneiwissenschaft eine wichtige Rolle. Sie galt als ein untrügliches Heilmittel für mancherlei hartnäckige Krankheiten und wurde oft wegen ihrer Seltenheit mit 100 Kronen bezahlt. Diese Kugeln, unter den Namen „Piedra del Porco“ bekannt, kamen aus Ostindien von dem dort lebenden Stachelschweine, waren schmierig anzufühlen und hatten einen außerordentlich bitteren Geschmack, welcher die eee Arzte hinlänglich zu berechtigen schien, von ihnen Großes zu erwarten..

Die Quastenstachler (Atherura) muß man wegen ihres längeren und deshalb ursprünglichere Verhältnisse zeigenden Schwanzes sowie wegen des weniger entwickelten

Stachelkleides als minder vollkommene Erdstachelschweine betrachten. Sie sind verhältnismäßig klein, haben kurze, nackte Ohren, vierzehige Vorderfüße mit kleinerer Daumenwarze, fünfzehige Hinterfüße und einen langen Schwanz, welcher teilweise mit Schuppen bekleidet ist und am Ende eine pinselförmige Quaste aus Horngebilden trägt, die weder Stacheln noch Haare noch Borsten sind, sondern eher Pergamentstreifen ähneln, welche von einem launenhaften Menschen ausgeschnitten wurden. Diese Gebilde sind bald gleich breit, lanzettartig, bald mehrfach eingeschnürt und wieder erweitert, stehen dicht nebeneinander und ragen ziemlich weit über das Ende des Schwanzes hinaus. Die Stacheln, welche Rücken und Seiten bedecken, sind kurz, aber sehr scharfspitzig, beachtenswert auch wegen einer tiefen Rinne, welche längs der Mitte verläuft. Zwischen ihnen treten kurze, scharfe Borsten hervor. Die Unterseite des Leibes ist mit Haaren bekleidet.

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Quastenstachler (Atherura africana). ½ natürl. Größe.

Der Quastenstachler (Atherura africana), jetzt öfter lebend nach Europa gebracht, ist ein verhältnismäßig schlankes Tier von höchstens 60 em Länge, wovon ein Drittteil auf den Schwanz gerechnet werden muß. Die Stacheln sind flach, längsgefurcht, sehr scharfspitzig und an der Spitze widerhakig, schmutzigweiß an der Wurzel, graubraun im übrigen gefärbt, einzelne seitliche weißspitzig. Sie nehmen von vorn nach hinten an Länge zu: die auf den Schultern stehenden werden etwa 4 cm, die auf dem Hinterrücken sitzenden fast 11 em lang. Die Hornblättchen der Schwanzquaste find gelblichweiß. Ein bräunlichweißes, ziemlich dichtes und weiches Fell bekleidet die Unterseite; sehr lange, braune Schnurren mit weißer Wurzel stehen zu beiden Seiten der Schnauze. Die Heimat des Tieres ist Westafrika, mindestens von Sierra Leone bis Benguela.

Über das Freileben des Quastenstachlers ist nur wenig bekannt. Büttikofer berichtet darüber aus Liberia folgendes: „Verlassene Termitenbauten bilden willkommene Wohnplätze für diese Art. Doch habe ich in den waldbedeckten Abhängen des Cape Mount-Gebirges einen Bau dieser Tiere gefunden. Derselbe war unter den Wurzeln eines starken Baumes angelegt und hatte sechs verschiedene Ausgänge, die leider nicht alle frühzeitig genug aufgefunden und verstopft werden konnten, so daß nur ein junges von etwa acht in unseren

Quaſtenſtachler (Atherura africana). ½ natürl. Größe.

Besitz kam. Am Fuße des Cape Mount-Gebirges ganz nahe am Strande befand sich ein ähnlicher Bau zwischen hohen Felstrümmern, doch war es hier nicht möglich, dessen Bewohnern beizukommen.“ Ein dritter Bau wurde im Steilufer eines Flusses und ein vierter wiederum im Gefelse entdeckt. Von dem Betragen der Gefangenen darf man schließen, daß die Sitten denen anderer Bodenstachelschweine ähneln. Ich habe das Tier wiederholt lebend gesehen und auch längere Zeit beobachten können. Es macht einen weit günstigern Eindruck als das gemeine Stachelschwein. Wie dieses liegt es bei Tage möglichst verborgen in dem ihm hergerichteten Schlupfwinkel, am liebsten in sein Heulager eingewühlt; mit Sonnenuntergang wird es lebendig und läuft dann mit großer Behendigkeit, aber trippelnden Ganges in seinem Gehege umher. Seine Bewegungen sind gleichmäßig, rasch und durchaus geschickt. Über Steintrümmer und andere erhabene Gegenstände klettert es mit Leichtigkeit hinweg, und auf dem Boden huscht es geschwind dahin. Der Schwanz wird öfters aufrecht getragen, das Stachelkleid gesträubt. Letzteres geschieht namentlich, wenn das Tier erzürnt ist: dann rasselt es auch mit der Quaste, aber weit weniger geräuschvoll als die übrigen Stachelschweine. Gegen den Pfleger beweisen sich die Quastenstachler weit zutraulicher als ihre Verwand—⸗ ten, kommen, wenn man ihnen Nahrung vorhält, ohne Bedenken herbei und nehmen sie zierlich weg, lassen sich überhaupt behandeln, ohne sofort in sinnlose Wut zu geraten. Auch unter sich leben sie verhältnismäßig friedlich. Die Gatten eines Paares scheinen sich sehr zu lieben, liegen bei Tage dicht nebeneinander, laufen abends zusammen umher und putzen, kratzen und lecken sich gegenseitig, auch zwischen den Stacheln, welche das eine dann so weit auseinander sträubt, daß das andere mit der Klaue oder Zunge zwischen ihnen hindurchkommen kann. Doch habe ich freilich ebenso erfahren, daß eine beiden vorgeworfene Leckerei den Frieden stören und Streit erregen kann, ja, ich habe infolge eines solchen Streites den Gatten eines Paares verloren: der andere hatte ihm im Zorne einen Biß in den Kopf versetzt, welcher seinen Tod herbeiführte.

Es scheint, als ob die Quastenstachler nicht fo lichtscheu wären wie die übrigen Stachelschweine. Bei Tage freilich wenden sie sich immer vom Lichte ab, und ihr großes, lebhaftes Auge scheint die Helle schmerzlich zu empfinden; sie erscheinen aber bereits vor der Dämmerung, während andere Arten regelmäßig die dunkle Nacht abwarten, bevor sie sich zeigen. Das Fleisch ist nicht sonderlich schmackhaft.

Die Kletterstachelschweine (Cercolabinae), eine besondere Unterfamilie bildend, unterscheiden sich zumeist durch schlanken Bau, mehr oder minder langen, bei denmeisten Arten zu einem Greifwerkzeuge ausgebildeten Schwanz, warzige Sohlen, kurze Stacheln und die Backenzähne, welche kurze, geteilte Wurzeln haben, von den übrigen Mitgliedern der Familie. Alle hierher gehörigen Arten bewohnen Amerika.

In der nördlichen Hälfte Amerikas werden die Kletterstachelschweine durch den Urson (Erethizon dorsatum, Hystrix dorsata, pilosa, hudsonia) vertreten. Ihn und seinen einzigen bekannten Verwandten unterscheiden der gedrungene Leib und der kurze, abgeflachte oder breitgedrückte, oberseits mit Stacheln, unterseits mit Borsten besetzte Schwanz von den südamerikanischen Kletterstachelschweinen. Der Urson erreicht eine Länge von 80 cm, wovon der Schwanz 19 em wegnimmt. Der Kopf ist kurz, dick und stumpf, die Schnauze abgestutzt, die kleinen Nasenlöcher sind durch eine halbmondartige Klappe mehr oder weniger verschließbar. Die Vorderfüße sind vierzehig und daumenlos, die hinteren fünfzehig, die Krallen lang

und stark, die Sohlen nackt, mit netzförmig geriefter Haut bekleidet. Ein dicker Pelz, welcher auf dem Nacken bis 11 em lang wird und an der Unterseite und Schwanzspitze in scharfe Borsten sich verwandelt, bedeckt den Leib. Zwischen den Haaren und Borsten stehen auf der ganzen Oberseite bis 8 em lange Stacheln, welche größtenteils von den Haaren überdeckt werden. Die Färbung ist ein Gemisch von Braun, Schwarz und Weiß; die Haare der Oberlippe sind gelblichbraun, die der Wange und Stirn lederbraun, schwarz und weiß gemischt, die langen Rumpfhaare ganz schwarz oder ganz weiß, oder schwarz an der Wurzel, weiß an der Spitze, die des Unterleibes braun, die des Schwanzes gegen die Spitze hin schmutzigweiß. ä Cartwright, Audubon, Bachmann und der Prinz von Wied haben uns das Leben und Treiben des Ursons ausführlich geschildert. Das Tier bewohnt die Waldungen

Urson (Erethizon dorsatum). Yes natürl. Größe.

Nordamerikas, vom 67. Grad nördlicher Breite an bis Virginien und Kentucky, und von Labra dor bis zu den Felsgebirgen. In den Waldgegenden westlich vom Missouri ist es nicht gerade selten, in den östlichen Ländern dagegen fast ausgerottet. „Der Urson“, sagt Cartwright, „ist ein fertiger Kletterer und kommt im Winter wahrscheinlich nicht zum Boden herab, bevor er den Wipfel eines Baumes entrindet hat. Gewöhnlich bewegt er sich im Walde in einer geraden Linie, und selten geht er an einem Baume vorüber, es sei denn, daß dieser zu alt sei. Die jüngsten Bäume liebt er am meisten: ein einziger Urson richtet während des Winters wohl hunderte zu Grunde. Der mit den Sitten dieser Tiere Vertraute wird selten vergeblich nach ihm suchen; denn die abgeschälte Rinde weist ihm sicher den Weg.“ Audubon versichert, daß er durch Wälder gekommen sei, in welchen alle Bäume vom Urson entrindet worden waren, so daß der Bestand aussah, als ob das Feuer in ihm gewütet habe. Namentlich Ulmen, Pappeln und Tannen waren arg mitgenommen worden. Mit seinen braunen, glänzenden Zähnen schält er die Rinde so glatt von den Zweigen ab, als hätte er die Arbeit mit einem Messer besorgt. Man sagt, daß er regelmäßig auf dem Wipfel der Bäume beginne und niederwärts herabsteige, um die Zweige und zuletzt auch den Stamm abzuschälen. Man

Urſon (Erethizon dorsatum). Yes natürl. Größe.

darf mit ziemlicher Sicherheit rechnen, ihn monatelang alltäglich in derselben Baumhöhlung zu finden, welche er sich einmal zum Schlafplatze erwählt hat. Einen Winterschlaf hält er nicht; doch ist es wahrscheinlich, daß er sich während der kältesten Wintertage in gedachte Schlupfwinkel zurückzieht.

In solchen Baumlöchern oder in Felsenhöhlen findet man auch das Nest und in ihm im April oder Mai die Jungen, gewöhnlich 2 an der Zahl, seltener 3 oder 4. Wie uns der Prinz von Wied mitteilt, glauben die Indianer, daß die Mutter keine Zitzen habe, also ihre Jungen nicht säugen könne und infolgedessen genötigt sei, sie sofort nach ihrer Geburt von sich zu treiben und somit zu zwingen, vom ersten Tage ihres Lebens an die harte, nagende Arbeit zu beginnen. Die Jungen, welche aus dem Neste genommen und in Gefangenschaft gehalten werden, gewöhnen sich bald an ihren Herrn und an die Umgebung. Man ernährt sie mit allerhand Pflanzenstoffen, auch verzehren sie Brot sehr gern. Wenn man sie im Garten frei umherlaufen läßt, besteigen sie die Bäume und fressen hier Schale und Blätter. Audubon erzählt, daß ein von ihm gepflegter Urson nur dann sich erzürnt habe, wenn man ihn von einem Baume des Gartens, den er regelmäßig bestieg, entfernen wollte. „Unser Gefangener war nach und nach sehr zahm geworden und machte selten von seinen Nägeln Gebrauch, konnte deshalb auch gelegentlich aus seinem Käfige befreit und der Wohlthat eines freien Spazierganges im Garten teilhaftig gemacht werden. Er kannte uns; wenn wir ihn riefen und ihm eine süße Kartoffel oder einen Apfel vorhielten, drehte er sein Haupt langsam gegen uns, blickte uns mild und freundlich an, stolperte dann langsam herbei, nahm die Frucht aus unserer Hand, richtete sich auf und führte diese Nahrung mit seinen Pfoten zum Maule. Oft kam er, wenn er die Thür geöffnet fand, in unser Zimmer, näherte sich uns, rieb sich an unseren Beinen und blickte uns bittend an, um irgend eine seiner Leckereien zu erlangen. Vergeblich bemühten wir uns, ihn zu erzürnen: er gebrauchte seine Stacheln niemals gegen uns. Anders war es, wenn ein Hund sich näherte. Dann setzte er sich augenblicklich in Verteidigungszustand. Die Nase niederwärts gebogen, alle Stacheln aufgerichtet und den Schwanz hin und her bewegend, zeigte er sich fertig zum Kampfe. „Ein großer, wütender, im höchsten Grade streitlustiger Bullenbeißer aus der Nachbarschaft hatte die Gewohnheit, sich unter der Umzäunung unseres Gartens durchzugraben und hier von Zeit zu Zeit seine unerwünschten Besuche zu machen. Eines Morgens sahen wir ihn in der Ecke des Gartens einem Gegenstande zulaufen, welcher sich als unser Urson er⸗ WENDESaDN wies. Dieser hatte während der Nacht einen Ausflug aus seinem Käfig gemacht und trollte noch gemütlich umher, als der Hund sich zeigte. Seine gewöhnliche Drohung schien den Bullenbeißer nicht abzuhalten; vielleicht glaubte dieser auch, es mit einem Tiere zu thun zu haben, welches nicht stärker als eine Katze sein könne: kurz, er sprang plötzlich mit offenem Maule auf den Gewappneten los. Der Urson schien in demselben Augenblicke auf das Doppelte seiner Größe anzuschwellen, beobachtete den ankommenden Feind scharf und teilte ihm rechtzeitig mit seinem Schwanze einen so wohlgezielten Schlag zu, daß der Bullenbeißer augenblicklich seinen Mut verlor und schmerzgepeinigt laut aufschrie. Sein Maul, die Zunge und Nase waren bedeckt mit den Stacheln seines Gegners. Unfähig, die Kinnladen zu schließen, floh er mit offenem Maule unaufhaltsam über die Grundstücke. Wie es schien, hatte er eine Lehre für seine Lebenszeit erhalten; denn nichts konnte ihn später zu dem Platze zurückbringen, auf welchem ihm ein so ungastlicher Empfang bereitet worden war. Obgleich die Leute ihm sofort die Stacheln aus dem Munde zogen, blieb der Kopf doch mehrere Wochen lang geschwollen, und Monate vergingen, bevor die Schnauze geheilt war.“

Der Prinz von Wied fing einen Urson am oberen Missouri. „Als wir ihm nahe kamen“, sagt er, „sträubte das Tier die langen Haare vorwärts, bog seinen Kopf unterwärts,

um ihn zu verstecken, und drehte sich dabei immer im Kreise. Wollte man es angreifen, so kugelte es sich mit dem Vorderleibe zusammen und war alsdann wegen seiner äußerst scharfen, ganz locker in der Haut befestigten Stacheln nicht zu berühren. Kam man ihm sehr nahe, so rüttelte esmit dem Schwanze hin und her und rollte sich zusammen. Die Haut ist sehr weich, dünn und zerbrechlich, und die Stacheln sind in ihr so lose eingepflanzt, daß man sie bei der geringsten Berührung in den Händen schmerzhaft befestigt findet.“

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