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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Überrascht man ein Stachelschwein außerhalb seines Baues, so richtet es Kopf und Nacken drohend auf, sträubt alle Stacheln seines Körpers und klappert in eigentümlicher Weise mit ihnen, zumal mit den hohlen Schwanzstacheln, welche es durch Schütteln des Schwanzes soaneinander schlägt, daß ein absonderliches Gerassel entsteht, durchaus geeignet, einen unkundigen oder etwas furchtsamen Menschen in Angst zu jagen. Bei hoher Erregung stampft es mit den Hinterfüßen auf den Boden, und wenn man es erfaßt, läßt es ein dumpfes, dem des Schweines ähnliches Grunzen vernehmen. Bei diesen Bewegungen fallen oft einzelne Stacheln aus, und daher rührt die Fabel. Trotz des furchtbaren Klapperns und Rasselns ist das Tier ein vollkommen ungefährliches, harmloses Geschöpf, welches leicht erschrickt, jedem aus dem Wege geht und kaum daran denkt, von seinen scharfen Zähnen Gebrauch zu machen. Auch die Stacheln sind mehr Verteidigungsmittel als Angriffswaffen. Wer ihm unvorsichtig naht, kann durch sie verwundet werden; der gewandte Jäger ergreift das Tier an der Nackenmähne und trägt es mit Leichtigkeit fort. Freilich biegt es sich, wenn man herankommt, mit dem Kopfe zurück, hebt die Stacheln des Rückens vorwärts und läuft einige Schritte auf den Gegner los; allein ein vorgehaltener Stock wehrt die Lanzen ab, und ein großes Tuch genügt, um das Tier zu entwaffnen. In der äußersten Not rollt sich der arme Gesell wie ein Igel zusammen und ist dann allerdings schwierig genug aufzuheben. Im allgemeinen aber kann man sagen, daß er, so furchtbar bewehrt er auch scheint, jedem geschickten Feinde erliegt, wenn auch nicht immer, ohne sich nach Kräften zu verteidigen und manchmal auch seine Gegner schmerzhaft zu verwunden. Sterndale wenigstens hat ein dem hier behandelten sehr ähnliches indisches Stachelschwein (Hystrix leucura) sich gegen Hunde erfolgreich wehren sehen. Er stieß auf mehrere Eingeborene, welche eifrig von obenher den Bau eines Stachelschweines aufgruben, während zwei Hunde am Röhrenausgange Wache hielten. Als sie den Kessel trafen, fuhr das Stachelschwein jählings heraus und rasselte aufs höchste erzürnt zwischen die Hunde. Dabei rutschte es mit gespreizten Stacheln fehr hurtig und geschickt rückwärts wie seitwärts hin und wieder und hatte im Nu beide Gegner derartig getroffen, daß sie heulend zurückwichen und einer der Leute mit einem

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 36

Axtschlag auf den Kopf des erbosten Stachelhelden die zwar sehr drollige, aber für die Hunde keineswegs ungefährliche Rauferei beenden mußte. Dem einen war ein Stachel tief in den oberen Hals gefahren, dem anderen je einer in den Unterkiefer und in das Gesicht hart am Auge; dieser saß so tief und fest in der Wunde, daß es große Anstrengung ee e den heulenden Hund davon zu befreien.

Die geistigen Eigenschaften unseres Stachelschweines sind ebenso gering wie die seiner Verwandten; man kann kaum von Verstand reden, obgleich eine gewisse Begabung sich nicht verkennen läßt. Unter den Sinnen dürfte der Geruch der entwickeltste sein; Gesicht und Gehör sind stumpf. Nach dem verschiedenen Klima der Heimatsorte ändert sich auch die Zeit der Paarung. Man kann annehmen, daß sie überall in den Anfang des Frühlings fällt, in Nordafrika in den Januar, in Südeuropa in den April. Um diese Zeit suchen die Männchen ihre Weibchen auf, und beide leben mehrere Tage zusammen. Das Weibchen wirft 60— 70 Tage nach der Begattung in seiner Höhle auf ein ziemlich weiches und mit Blättern, Wurzeln und Kräutern ausgepolstertes Nest 2— 4 Junge. Die Tierchen kommen mit offenen Augen und kurzen, weichen, eng an dem Körper anliegenden Stacheln zur Welt, diese aber erhärten sehr bald und wachsen außerordentlich rasch, obschon sie ihre volle Länge erst mit dem höheren Alter erreichen. Sobald die Jungen fähig sind, sich ihre Nahrung zu erwerben, verlassen sie die Mutter. Auch gefangene Stachelschweine pflanzen sich nicht selten fort; ich selbst habe jedoch eigene Beobachtungen hierüber nicht angestellt und gebe deshalb die Berichte anderer wieder. „Der immer mehr zunehmende Umfang des Weibchens unseres Paares“, schreibt mir Bodinus, „erweckte bei mir die Hoffnung auf Vermehrung, und eines Tages ward zu meiner Freude ein junges, soeben geborenes Tierchen im Käfig gefunden. Dasselbe hatte etwa die Größe eines starken Maulwurfes, war mit sparsamen, sehr kurzen Stacheln bedeckt und kroch mit einiger Mühe, obwohl noch naß und an der Nabelschnur hängend, im Käfige umher. Meine Sorge, daß der Vater sich unnatürlich beweisen möchte, war unnötig; er betrachtete den jungen Sprößling zwar neugierig, bekümmerte sich dann aber nicht besonders um ihn, während die Mutter unverdrossen zunächst den Mutterkuchen und die Nabelschnur zu verzehren begann. Ich störte sie nicht im Genusse dieser widrigen Nahrung und dachte, daß sie wohl ihrem Naturtriebe folgen würde, und so verzehrte sie denn die ganze Nachgeburt und die Nabelschnur bis auf die Länge von 1,5 cm. Damit hatte der Schmaus ein Ende, und nunmehr leckte sie ihr Junges, welches sogleich die Brustwarzen suchte. Bekanntlich liegen diese vorn an der Seite des Schulterblattes; die sie umgebenden Stacheln sind aber durchaus kein Hindernis für das Säuggeschäft. Das Junge saugte noch, als es über die Hälfte der Größe seiner Eltern erreicht hatte, während sich die Eltern bereits wieder begattet hatten. Auch dafür sind die Stacheln kein Hindernis, wie man wohl vermuten sollte: das Weibchen schlägt den Schweif mit den Geschlechtsteilen aufwärts, jo daß die Schweifstacheln fast auf dem Rücken liegen, und nunmehr vollzieht das Männchen die Paarung.“ „Die Alte“, berichtete mir Mützel, welcher die von ihm bildlich dargestellte Stachel: schweinfamilie eingehend beobachtete, „ist eine ausgezeichnete Mutter; denn sie nährt nicht allein, sondern schützt auch ihre Kinder nach Kräften. Sobald man sich ihr naht, jagt sie die Kleinen in den Hintergrund des Käfigs, stellt sich quer vor sie hin und geht, nachdem sie den Beschauer einige Zeitlang angeglotzt, nach Art der Strandkrabben seitlich vorschreitend, Kamm und Stacheln sträubend, fauchend, mit dem Schwanze rasselnd, ab und zu auch wohl mit einem Hinterbeine aufstampfend, herausfordernd auf den Störenfried los. Verhält man sich ruhig, so läßt die Erregung nach; Kamm und Stacheln legen sich zurück, Fauchen, Rasseln und Stampfen enden, und alle Furcht oder Besorgnis scheint vergessen zu

sein: eine einzige Bewegung aber, und das alte Spiel beginnt von neuem. Da bringt der Wärter Futter, Brot oder Rüben. Sie ergreift ein Stück Brot mit den Zähnen, trägt es ihren Jungen zu, welche bisher, dumm in die Weite glotzend, den Ereignissen zugeschaut und höchstens bei der Flucht nach hinten ihre stummelhaften Stacheln zu sträuben versucht hatten, legt es vor jenen auf den Boden und hält es mit beiden Vorderfüßen fest. Die Jungen lassen sich nicht lange nötigen, sondern beginnnen sofort knabbernd ihr Mahl; eines aber unterbricht dieses, und nach der Muttermilch verlangend, nähert es sich der erbsengroßen Brustzitze, welche von ungefähr 2 cm langen, strahlenförmig dem Leibe anliegenden, gelbbraun und schwarz gefärbten Stacheln umgeben ist, und saugt mit kräftigen Zügen. Noch immer traut die sorgende Alte dem Beschauer nicht und bekundet dies bei jeder seiner Bewegungen in der geschilderten Weise; endlich aber gelangt sie doch zu der Überzeugung, daß ihren Sprossen keinerlei Gefahr drohe, und nun bringt sie diese in den Vordergrund des Behälters. An jeder Seite der langstacheligen Mutter hängt eines der kurzbestachelten Jungen, ohne die einmal gefaßte Zitze loszulassen; denn die Kleinen geben sich mit ganzer Seele dem Genusse hin, und nur die Mutter zeigt auch jetzt noch einige Unruhe. Endlich lösen sich die Jungen, versuchen schüchtern auch ihrerseits Bekanntschaft mit dem Fremdlinge anzuknüpfen, erschrecken über irgend welche Bewegung desselben, eilen, durch eigenartige Kopfbewegungen, durch Schnauben und Rasseln der Alten gewarnt, im vollen Laufe der Tiefe des Käfigs zu und gewinnen glücklich das dort für sie gebettete Strohlager; die Alte folgt rasselnd, schnaubend und stampfend nach, deckt sie mit ihrem eigenen Leibe und bekundet fortan für geraume Zeit ein tieferes Mißtrauen als je.“

Man kann eigentlich nicht sagen, daß das Stachelschwein dem Menschen Schaden bringe; denn es ist nirgends häufig, und die Verwüstungen, welche es zeitweilig in den seiner Höhle nahegelegenen Gärten anrichtet, kommen kaum in Betracht. Da, wo es lebt, hält es sich in Einöden auf und wird deshalb selten lästig. Gleichwohl verfolgt man es eifrig. Die Stacheln finden vielfache Anwendung, und auch das Fleisch wird hier und da benutzt. Man fängt den ungeschickten Wanderer entweder in Schlagfallen, welche man vor seiner Höhle aufstellt, oder läßt ihn durch eingeübte Hunde bei seinen nächtlichen Ausgängen fest machen und nimmt ihn einfach vom Boden auf oder tötet ihn vorher mit einem Schlage auf die Nase. In der römischen Campagna gilt seine Jagd als ein besonderes Vergnügen; es läßt sich auch gar nicht leugnen, daß die Art und Weise, wie man dem Tiere hier nachstellt, etwas Absonderliches und Anziehendes hat. Das Stachelschwein legt seine Höhlen am liebsten in den tiefen Gräben an, welche die Campagna durchfurchen, und streift, wenn es zur Nachtzeit ausgeht, selten weit umher. In dunkler Nacht nun zieht man mit gut abgerichteten Hunden zur Jagd hinaus, bringt diese auf die Fährte des Wildes und läßt sie suchen. Ein lautes, zorniges Bellen verkündet, daß sie einem der Stachelhelden auf den Leib gerückt sind, und zeigt zugleich die Gegend an, in welcher der Kampf zwischen beiden stattfindet — falls man überhaupt von Kampf reden kann. Jetzt zünden alle Jäger bereit gehaltene Fackeln an und nähern sich damit dem Schauplatze. Sobald die Hunde die Ankunft ihrer Herren bemerken, heulen sie laut vor Freude und gehen wütend auf ihren Widerpart los. Das Stachelschwein seinerseits sucht fie zurückzutreiben, indem es in allen Tonarten rasselt, grunzt und knurrt und sich soviel wie möglich durch seine nach allen Seiten abstehenden Speere zu schützen sucht. Schließlich bildet die Jagdgenossenschaft einen Kreis um das Tier und seine Verfolger, und bei der grellen Beleuchtung der Fackeln wird es leicht, es in der vorher angegebenen Weise zu bewältigen und entweder zu töten, oder lebend mit nach Hause zu nehmen. Italiener ziehen mit solchen gezähmten Tieren von Dorf zu Dorf, wie die Savoyarden mit den Murmeltieren, und zeigen das auffallende Geschöpf dort für Geld. Bei nur geringer 36 *

Pflege ist es leicht, das Stachelschwein 8— 10 Jahre lang in der Gefangenschaft zu erhalten. Man kann sogar ein Beispiel aufführen, daß es 18 Jahre lang aushielt. Wenn man es gut behandelt, wird es auch leicht zahm. Jung eingefangene lernen ihre Pfleger kennen und folgen ihnen nach wie ein Hund. Die dem Tiere angeborene Furchtsamkeit und Scheu kann es jedoch niemals ablegen, und oft bekundet es über die unschädlichsten Dinge Angst und Schrecken und rasselt nach Kräften mit dem Panzer. Mißhandlungen erträgt es nicht, wie es überhaupt leicht in Zorn gerät. Über einen jüngst im Frankfurter Garten durch ein wütendes Stachelschwein begangenen Gattenmord berichtet Haacke: „Unsere Stachelschweine hatten schon seit Jahr und Tag friedlich miteinander gelebt, als mir der Wärter eines Tages berichtete, daß das Männchen das Weibchen heftig verfolge und zu beißen suche. Obwohl das Weibchen einige Wunden aufwies und viele Stacheln verloren hatte, sich auch nicht in die Nähe des Männchens wagte, ließ ich die Tiere beisammen, weil ich glaubte, daß das Weibchen brunftig sei, vorerst aber noch spröde thue und dadurch den Zorn des Männchens heraufbeschworen habe, den es, wie ich hoffte, mit der Zeit schon zu beschwichtigen wissen werde. Meine Hoffnung erwies sich aber als trügerisch. An einem der folgenden Morgen trug das Weibchen eine handgroße Wunde auf dem Rücken, auf deren Grunde die Eingeweide hervorzuquellen drohten. Jetzt ließ ich esvon dem wütenden Männchen trennen; am Tage darauf war es tot. Ob die Wut des Männchens wirklich durch ungestillten Geschlechtstrieb hervorgerufen war, vermag ich nicht zu sagen.“

Möhren, Kartoffeln, Salat, Kohl und andere Pflanzenstoffe bilden die Nahrung des Stachelschweines in der Gefangenschaft; am liebsten frißt es aber Obst. Wasser kann es, wenn es saftige Früchte oder Blätter zu fressen hat, gänzlich entbehren; bei trockener Nahrung trinkt es, wenn auch nicht oft. Man kann eben nicht behaupten, daß das Tier ein gemütlicher Gesellschafter des Menschen wäre. In der Stube ist es kaum zu halten. Es läuft ohne Verstand umher und verletzt einen wohl auch ab und zu mit den Stacheln, benagt Tischbeine, Thüren und anderes Holzwerk und bleibt immer ein langweiliger Gesell. Am hübschesten macht es sich, wenn man ihm einen eigenen Stall aus Steinen errichtet, wie es gegenwärtig in den Tiergärten geschieht. Hier baut man ihm eine künstliche Felsenhöhle, und davor legt man einen gepflasterten, mit Gittern umhegten Platz an. Einen gewöhnlichen Käfig durchnagt es sehr bald, auch wenn er innen mit Blech ausgeschlagen sein sollte; denn seine Zähne sind so kräftig, daß es mit ihnen selbst starke Drahtstäbe zerbricht. Bei Tage schläft es im Inneren seiner Wohnung, abends kommt es heraus, knurrend, rasselnd, Nahrung begehrend. Da gewöhnt es sich bald daran, aus der Hand der Besuchenden zu fressen, und bildet deshalb einen Gegenstand der Anziehung für viele Leute, welche sich gern mit ihm beschäftigen. Hier kann man auch beobachten, daß es nicht in allen Stücken so plump und ungeschickt ist, wie es aussieht. Es packt alle Nahrung hübsch mit den Vorderfüßen, versteht es ganz gut, eingewickelte Stoffe zu enthülsen und zu verwerten, knackt niedlich Nüsse auf, nimmt artig ein Stückchen Zucker ꝛc.

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