Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Im Laufen über der Erde humpelt der Gopher schwerfällig dahin, niemals sprungweise, oft mit nach unterwärts eingeschlagenen Nägeln der Vorderfüße, den Schwanz auf der Erde schleifend. Er kann fast ebenso schnell rückwärts wie vorwärts laufen, über dem Boden aber nicht schneller, als ein Mann geht, dahinrennen. In seinen Höhlen soll er sich mit der Hurtigkeit des Maulwurfes bewegen. Hußerft unbehilflich erscheint er, wenn man ihn auf den Rücken legt; es bedarf wohl einer Minute, ehe es ihm gelingt, sich durch Arbeiten und Strampeln mit den Beinen wieder umzuwenden. Beim Fressen setzt er sich oft auf die Hinterbeine nieder und gebraucht die vorderen nach Eichhörnchenart. Schlafend rollt er sich zusammen und birgt den Kopf zwischen den Armen an der Brust. Seine erstaunlich großen Backentaschen füllt er beim Weiden mit der Zunge an und entleert sie wieder mit den Vorderfüßen. Sie treten, wie bei anderen Nagern auch, mehr und mehr nach außen hervor, je voller sie werden, und gewinnen dann eine länglich eiförmige Gestalt, hängen aber niemals sackartig zu beiden Seiten der Schnauze herab und erschweren dem Tiere keine seiner Bewegungen. Die gesammelten Nahrungsvorräte schüttet es zuweilen gleich von außen her durch einen senkrechten, später zu verstopfenden Schachtin seinen Speicher. Gänzlich aus der Luft gegriffen ist die Behauptung, daß er seine Backentaschen benutze, um die losgewühlte Erde aus seinen Bauen herauszuschaffen. Die Laune des Indianers, welcher den ersten Gopher einem Naturforscher brachte, erklärt den Ursprung jener Angabe, widerlegt sie aber auch zugleich. Der Schade, welchen der Gopher anrichtet, kann sehr bedeutend werden. Er vernichtet zuweilen durch Abnagen der Wurzeln Hunderte von wertvollen Bäumen in wenigen Tagen
und verwüstet oft ganze Felder durch Anfressen der von ihm sehr gesuchten Knollenfrüchte. Deshalb wird der Mensch auch ihm, welcher sonst nur vom Wasser oder von Schlangen zu leiden hat, zum gefährlichsten Feinde. Man setzt ihm Maulwurfsfallen aller Art, namentlich kleine Tellereisen. Groß ist die Anstrengung gefangener, sich zu befreien, und gar nicht selten, freilich aber nur nach Verlust des eingeklemmten Beines, gelingt solches dem erbosten Tiere zum Arger des Fängers. Gegen herbeikommende Feinde wehrt sich der Gopher mit wütenden Bissen. Audubon hat mehrere Taschenratten wochenlang gefangen gehalten und mit Knollengewächsen ernährt. Sie zeigten sich überraschend gefräßig, verschmähten dagegen zu trinken, obgleich ihnen nicht bloß Wasser, sondern auch Milch geboten wurde. An ihrer Befreiung arbeiteten fie ohne Unterlaß, indem fie Kisten und Thüren zu durchnagen versuchten. Klei-dungsstücke und Zeug aller Art schleppten sie zusammen, um sich ein Lager davon zu bilden, und zernagten es natürlich. Auch Lederzeug verschonten fie nicht. Einmal hatte sich eine von Audubons gefangenen Taschenratten in einen Stiefel verirrt: anstatt umzukehren, fraß sie sich ander Spitze einfach durch. Wegen dieses Nagens und des dadurch hervorgebrachten Geräusches wurden die Tiere selbst unserem entsagungsstarken Forscher unerträglich.
Weit mehr als bei anderen mit Stacheln bewehrten Säugetieren ist das Stachelkleid entwickelt in der durch mehrere sehr beachtenswerte Gattungen ausgezeichneten Familie der Stachelschweine (Hystrichidae), nach deren bekanntester Gattung die gesamte Gruppe benannt wurde; sie bedarf keiner langen Beschreibung hinsichtlich der äußerlichen Kennzeichen ihrer Mitglieder. Das Stachelkleid, jo verschieden es auch ausgebildet sein mag, ist sämtlichen hierher gehörigen Tieren eigen. Der Leib ist gedrungen, der Hals kurz, der Kopf dick, die Schnauze kurz, stumpf und an der Oberlippe gespalten, der Schwanz kurz oder sehr lang und bei einer Gattung greiffähig; die Beine find ziemlich gleich lang, die Füße vier- oder fünfzehig, breitsohlig, die Zehen mit stark gekrümmten Nägeln bewehrt, die Ohren und Augen klein. Die hinsichtlich ihrer Länge und Stärke sehr verschiedenen Stacheln stehen in geraden Reihen zwischen einem spärlichen Unterhaare oder umgekehrt einem längeren Grannenhaare, welches so überwiegend werden kann, daß es die Stacheln gänzlich bedeckt. Bezeichnend für letztere ist eine verhältnismäßig lebhafte Färbung. Die Nagezähne sind auf der Vorderseite glatt oder gerinnelt, die vier Backenzähne in jeder Reihe mit oder ohne Wurzeln, fast gleich groß und schmelzfaltig. Die Wirbelsäule zählt außer den Halswirbeln 12— 13 rippentragende, 5 rippenlose, 3—4 Kreuz- und bis 12 oder 13 Schwanzwirbel.
Alle Stachelschweine bewohnen gemäßigte und warme Länder der Alten und Neuen Welt. Hier finden sich die kletternden, dort die grabenden Arten. Die altweltlichen sind ebenso an den Boden gebunden wie die neuweltlichen an das Leben auf den Bäumen. Dem entsprechend leben jene in dünn bestandenen Wäldern und Steppen, bei Tage in selbstgegrabenen Gängen und Höhlen verborgen, diese in großen Waldungen, zusammengeknäuelt auf einer Astgabel dichter Baumwipfel oder in einer Baumhöhlung sitzend. Ungesellig wie sie sind, vereinigen sie sich nur während der Fortpflanzungszeit zu kleinen Trupps, welche mehrere Tage miteinander verbringen können; sonst lebt jedes einsam für sich. Ihre Bewegungen sind langsam, gemessen, träge; zumal die kletternden Arten leisten Erstaunliches in der gewiß schweren Kunst, stunden- und tagelang bewegungslos auf einer und derselben Stelle zu verharren. Jedoch würde man irren, wenn man behaupten wollte, daß die Stachelschweine rascher und geschickter Bewegungen unfähig wären. Wenn einmal die Nacht eingetreten ist und sie ordentlich munter geworden sind, laufen die einen
trippelnden Ganges sehr rasch auf dem Boden hin, und die anderen klettern, wenn auch nicht mit der Behendigkeit des Eichhorns, so doch immer gewandt genug, in dem Gezweige auf und nieder. Die Bodenbewohner verstehen das Graben meisterhaft und wissen allen Schwierigkeiten, welche ihnen harter Boden entgegensetzt, zu begegnen. Unter den Sinnen scheint ausnahmslos der Geruch obenan zu stehen, bei den Kletterstachelschweinen auch noch der Tastsinn einigermaßen ausgebildet zu sein, Gesicht und Gehör dagegen sind bei allen schwach. Ihre geistigen Fähigkeiten stehen auf einer tiefen Stufe. Sie sind dumm, vergeßlich, wenig erfinderisch, boshaft, jähzornig, ängstlich, scheu und furchtsam, obgleich alle bei drohender Gefahr durch Sträuben ihres Stachelkleides und einige durch Rasseln mit den Schwanzstacheln Furcht einzuflößen suchen. Mit anderen Geschöpfen halten sie ebensowenig Freundschaft wie mit ihresgleichen: ein beliebter Bissen kann selbst unter den Gatten eines Paares ernsthaften Streit hervorrufen. Niemals sieht man zwei Stachelschweine miteinander spielen oder auch nur freundschaftlich zusammen verkehren. Jedes geht seinen eigenen Weg und bekümmert sich so wenig wie möglich um das andere, und höchstens um zu schlafen, legen sich ihrer zwei nahe nebeneinander nieder. Mit dem Menschen, welcher sie gefangen
Gerippe des Stachelschweines. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
hält und pflegt, befreunden sie sich nie, lernen auch ihren Wärter von anderen Personen niücht unterscheiden. Ihre Stimme besteht in grunzenden, dumpfen Lauten, in Schnauben, leisem Stöhnen und einem schwer zu beschreibenden Quieken, welches wahrscheinlich zu dem im übrigen gänzlich unpassenden Namen „Schwein“ Veranlassung gegeben hat.
Allerlei Pflanzenteile, von der Wurzel an bis zur Frucht, bilden die Nahrung der Stachelschweine. Nach anderer Nager Art führen fie das Futter mit den Vorderpfoten zum Munde oder halten es, während sie fressen, damit am Boden fest. Das Wasser scheinen fast alle längere Zeit entbehren zu können; wahrscheinlich genügt ihnen der Tau auf den Blättern, welche sie verzehren.
Über die Fortpflanzung sind erst in der Neuzeit Beobachtungen gesammelt worden. Die Jungen, deren Anzahl zwischen 1 und 4 schwankt, kommen nach einer Tragzeit von ungefähr 7— 9 Wochen zur Welt.
Für den Menschen sind die Stachelschweine ziemlich bedeutungslose Wesen. Die erdbewohnenden Arten werden zuweilen durch das Graben ihrer Höhlen in Feldstücken und Gärten lästig, nützen aber dafür durch ihr Fleisch und durch ihr Stachelkleid, dessen schön gezeichnete, glatte Horngebilde zu mancherlei Zwecken Benutzung finden. Die kletternden Arten richten als arge Baumverwüster nur Unfug an und nützen gar nichts. In den reichen Gegenden zwischen den Wendekreisen können die dort lebenden Arten ebensowenig schaden wie nützen.
Die Unterfamilie der Erdstachelschweine (Hystrichinae) enthält die Arten, welche auf den Boden gebannt sind. Sie unterscheiden sich von den übrigen durch die längeren und stärkeren Stacheln und die kräftigen Grabkrallen sowie dadurch, daß ihre Backenzähne erst später Wurzeln bilden, welche länger ungeteilt bleiben und in tiefen Zahnhöhlen stehen. Die verschiedenen Arten bewohnen die wärmeren Länder der Alten Welt.
Die eigentlichen Stachelschweine (Hystrix) find an ihrem kurzen, gedrungenen Leibe, dem dicken, stumpfschnäuzigen, auf starkem Halse sitzenden Kopfe, dem kurzen, mit hohlen, federspulartigen Stacheln besetzten Schwanze, den verhältnismäßig hohen Beinen, den fünfzehigen Vorderfüßen und dem außer allem Verhältnisse entwickelten Stachelkleide leicht erkennbar. Bezeichnend für fie find außerdem die kleinen, rundlichen Ohren, die breiten Ober: lippen und die gespaltenen Nasenlöcher. Das Stachelkleid bedeckt hauptsächlich die letzten zwei Dritteile oder die Hinterhälfte des Leibes, während der Vorderteil mit Haaren oder Borsten, meist mähnig, bekleidet ist. Die Stacheln sind die größten, welche überhaupt vorkommen; eine genaue Beschreibung derselben erscheint mir aber unnötig, weil fie jo vielfache Verwendung finden, daß sie wohl den meisten meiner Leser aus eigener Anschauung bekannt sein dürften.
Das Stachelschwein (Hystrix cristata) übertrifft unsern Dachs an Größe, nicht aber an Länge und erscheint wegen seines Stachelkleides viel dicker und umfangreicher, als es wirklich ist. Seine Länge beträgt 65 em, die des Schwanzes 11 em und die Höhe am Widerriste 24 em; das Gewicht schwankt zwischen 15—20 kg. Bloß an der kurzen, stumpfen Schnauze und an der Nase sitzen einige Haare; die dicke Oberlippe ist mit mehreren Reihen glänzender schwarzer Schnurren bedeckt, und solche Borsten stehen auch auf Warzen über und hinter dem Auge. Längs des Halses erhebt sich eine Mähne, welche aus starken, nach rückwärts gerichteten, sehr langen, gebogenen Borsten gebildet wird und willkürlich aufgerichtet und zurückgelegt werden kann. Diese Borsten sind ansehnlich lang, dünn und biegsam, teils weiß, teils grau gefärbt und endigen meistens mit weißen Spitzen. Die übrige Oberseite des Leibes bedecken nebeneinander gestellte, lange und kurze, glatte und scharf gespitzte, abwechselnd dunkel- oder schwarzbraun und weiß gefärbte, lose im Felle festsitzende und deshalb leicht ausfallende Stacheln, zwischen denen überall borstige Haare sich einmengen. An den Seiten des Leibes, auf den Schultern und in der Kreuzgegend sind die Stacheln kürzer und stumpfer als auf der Mitte des Rückens, wo sie auch in scharfe Spitzen enden. Die dünnen, biegsamen erreichen eine Länge von 40 cm, die kurzen und starken dagegen werden nur 15—30 em lang, aber bis 0,5 em dick. Alle sind im Inneren hohl oder mit schwammigem Marke angefüllt, Wurzel und Spitze meistens weiß gefärbt. Die kürzeren Stacheln find schwarzbraun und geringelt, aber an der Wurzel und Spitze ebenfalls meistens weiß. An der Schwanzspitze stehen verschieden gebildete Stacheln von etwa 5 cm Länge, aber fast 7 mm Dicke. Sie bestehen aus abgestutzten, dünnwandigen, am Ende offenen Röhren und gleichen angeschnittenen Federkielen, ihre Wurzeln dagegen aus langen, dünnen und biegsamen Stielen. Alle Stacheln können mittels eines großen, kräftigen Muskels, welcher sich unter der Haut des Tieres ausbreitet und einer starken Zusammenziehung fähig ist, willkürlich aufgerichtet und zurückgelegt werden. Die Unterseite des Leibes ist mit dunkelbraunen, rötlich gespitzten Haaren bedeckt; um die Kehle zieht sich ein wei⸗ ßes Band. Die Krallen sind dunkel hornfarbig, die Augen schwarz. Die in Europa hausenden Stachelschweine sollen aus Nordafrika stammen und erst durch die Römer übergeführt worden sein. Gegenwärtig findet man das Tier längs der Küste des Mittelmeeres, zumal in Algerien, Tripolis, Tunis, bis Senegambien und den Sudan. In Europa lebt es häufig in
STACHELSCHWEIN.
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der Campagna von Rom, in Sizilien, Kalabrien und in Griechenland. In Unterägypten, wo es vorkommen soll, habe ich seine Spuren nie gesehen.
Die Alten kannten das Stachelschwein recht gut, verdunkeln aber seine Naturgeschichte durch Fabeln. Aristoteles gibt an, daß es Winterschlaf halte, Plinius, daß es seine Stacheln durch eine Spannung der Haut fortschleudern könne, und Oppian führt diese Behauptung aus, wie folgt: „Die Stachelschweine sehen erschrecklich aus und sind die allergefährlichsten Tiere. Werden sie verfolgt, so fliehen sie mit Windesschnelle, nicht aber, ohne zu kämpfen; denn sie schießen ihre todbringenden Stacheln gerade hinter sich gegen den Feind. Der Jäger darf daher keinen Hund gegen sie loslassen, sondern muß sie mit List fangen.“ Claudian endlich widmet dem Tiere ein Gedicht, in welchem er alles ihm Bekannte zusammenstellt.
Das Stachelschwein lebt einsam. Bei Tage ruht es in langen, niedrigen Gängen, welche es sich selbst inden Boden wühlt; nachts kommt es heraus und streift nach seiner Nahrung umher. Diese besteht in Pflanzenstoffen aller Art, Disteln und anderen Kräutern, Wurzeln und Früchten, der Rinde verschiedener Bäume und mancherlei Blättern. Es beißt die Nahrung ab, faßt sie mit den Vorderzähnen und hält sie mit den Vorderpfoten fest, solange es frißt. Alle Bewegungen sind langsam und unbeholfen; der Gang ist träge, bedächtig, der Lauf nur wenig rasch. Bloß im Graben besitzt das plumpe Tier einige Fertigkeit, aber keineswegs genug, um einem gewandten und behenden Feinde zu entfliehen. Im Winter soll es mehr als gewöhnlich im Baue verweilen und manchmal tagelang dort schlafend zubringen. Einen wirklichen Winterschlaf hält es nicht.