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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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welcher soviel wie „Drüsenarzt“ bedeutet. Die Russen nennen unsere Wurfmaus übrigens Slapusch oder die Blinde; in Galizien heißt fie Ziemni-bisak und in Ungarn Földis⸗kölök.

Eine afrikanische Wurfmaus, der Strandgräber (Bathyergus maritimus, Mus suillus und maritimus, Bathyergus suillus, Orycterus maritimus), ist ebenso unschön wie die übrigen hierher gehörigen Tiere, plump gebaut, mit walzigem Rumpfe, breitem, stumpfem Kopfe, ohne Ohrmuscheln, mit sehr kleinen Augen und breiter, knorpeliger Nasenspitze, kurzen Beinen und fünfzehigen, durch riesige Scharrnägel bewehrten Pfoten. Der Pelz ist dicht, außerordentlich weich und fein; lange, ganz steife Schnurren umgeben den Kopf; der stummelhafte Schwanz trägt einen Strahlenbüschel. Auffallend lang sind die weit vorragenden, schwach gebogenen, weißen Nagezähne, deren oberes Paar durch eine tiefe Rinne förmlich geteilt ist. Unter den vier Nagezähnen in jedem Kiefer ist der hinterste der größte. Die allgemeine Färbung des Pelzes ist weiß, oben gelblich, unten grau überlaufen. Die Länge beträgt einschließlich des 5 cm langen Schwanzes 30 cm.

Der Strandgräber ist über einen verhältnismäßig kleinen Teil Südafrikas verbreitet; am häufigsten findet er sich am Vorgebirge der Guten Hoffnung. Sandige Küstengegenden bilden seinen Aufenthalt, und sorgfältig vermeidet er jeden festeren und pflanzenreicheren Boden. In den Dünen oder Sandhügeln längs der Küste wird er häufig getroffen. Sein Leben ist unterirdisch. Er gräbt sich tief im Sande lange, verzweigte, röhrenartige Gänge, welche von mehreren Mittelpunkten ausstrahlen und untereinander vielfach verbunden sind. Reihenweise aufgeworfene Haufen bezeichnen ihren Verlauf.

Die Gänge sind weit größer als die des Maulwurfes, da das fast hamstergroße Tier selbstverständlich Röhren von größerem Durchmesser graben muß als der kleinere Mull. Wie es scheint, istderStrandgräber emsig bemüht, überall dem Eindringen der äußeren Luft zu wehren, wie er denn überhaupt ein im höchsten Grade lichtscheues Geschöpf ist. Kommt er durch irgend einen Zufall auf die Erde, so kann er kaum entfliehen. Er versucht dann, sich auf höchst unbeholfene Art fortzuschieben, und zeigt sich ängstlich bemüht, wieder in die Tiefe zu gelangen. Greift man ihn an, so schleudert er heftig den Vorderleib umher und beißt wütend um sich. Die Bauern hassen ihn außerordentlich, weil er den Boden so unterwühlt, daß häufig die Pferde von oben durchtreten und Gefahr laufen, die Beine zu brechen, ja, daß selbst Menschen sich schädigen. Gewöhnlich wirft er morgens um 6 Uhr oder nachts um 12 Uhr seine Haufen auf. Dies benutzen die Bauern, um ihn zu vertilgen. Sie räumen einen Haufen weg, öffnen eines seiner Löcher, legen in dasselbe eine gelbe Rübe oder andere Wurzel und befestigen diese an einer Schnur, welche den Drücker einer Flinte abzieht, deren Lauf nach dem Loche gerichtet ist. Sobald der Strandgräber an der Rübe zerrt, entlädt er die Flinte und tötet sich selbst durch den Schuß. Auch leitet man Wasser in seine Baue, um ihn zu ersäufen. Weiteres über ihn und seine Lebensweise scheint noch nicht bekannt zu sein.

Vielleicht darf man den Wurfmäusen eine Nord- und Mittelamerika angehörige Familie, die der Taschennager (Saccomyidae), anreihen. Es enthält diese Abteilung sehr verschieden gestaltete, teilweise zierliche und hübsche, teilweise unschöne, in ihrem Wesen, ihren Sitten und Gewohnheiten wenig bekannte Nager, welche sich von allen übrigen dadurch unterscheiden, daß sie verschieden lange oder tiefe, von außen sich öffnende, innen mit kurzen Haaren ausgekleidete Backentaschen besitzen. Dieses eine Merkmal genügt, um die hierher zu zählenden Arten der Ordnung von allen Verwandten zu unterscheiden. Das

Gebiß stimmt der Anzahl der Zähne nach mit dem der Eichhornnager wie der Stachelschweine überein und besteht außer den Nagezähnen in jedem Kiefer aus 4 Backenzähnen mit geschlossenen und ungeschlossenen Wurzeln. Am Schädel, dessen Umriß mit dem Jochbogen fast viereckig erscheint, sind die Schläfenbeine außerordentlich entwickelt und reicht das Jochbein vorn bis zu dem Thränenbeine; Schien- und Wadenbein sind verwachsen, die fünfzehigen Füße sämtlich mit Krallen, und zwar die vorderen mit stärkeren als die hinteren bewehrt. Der Pelz besteht aus straffen oder steifen Grannen ohne Grundhaar.

Taschenmäuse (Saccomyinae) nennt man die Mitglieder der ersten Unterfamilie mit schlankem, zierlichem Leibe, verlängerten Hinterfüßen, langem Schwanze und spitziger Schnauze,

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Taschenspringer (Dipodomys philippii). ½ natürl. Größe.

Taschenspringmäuse (Dipodomys) die Vertreter der hervorragendsten Gattung. In pne*S ihrer Gestalt ähneln letztere den Springmäusen; der Kopf ist groß, breit und platt, das Ohr abgerundet, die innere Zehe an allen Füßen verkümmert, aber mit einer Kralle bewehrt, der Schwanz so lang oder länger als der Körper, ganz, an der Spitze pinselartig behaart; die Hinterfüße zeichnen sich durch ihre Länge aus; das Gebiß enthält wurzellose Backenzähne.

Unter den wenigen bis jetzt unterschiedenen Arten dieser Gattung ist der Taschenspringer (Dipodomys philippii) die bekannteste Art. Die Gesamtlänge beträgt ungefähr 30 em, wovon 17 em auf den Schwanz kommen; das Weibchen ist um etwa 2 em kürzer als das Männchen. Die Färbung erinnert an die der eigentlichen Springmäuse: der Kopf mit den Ohren, der Rücken und die Hinterschenkel sind lichtbraun, die Seiten, die Unterseite, ein Streifen, welcher über den Schenkeln nach dem Schwanze zu verläuft, ein zweiter, welcher sich von den Ohren herab nach den Schultern zieht, und endlich die Schwanz spitze sind weiß; an den Leibesseiten geht letztere Färbung in das Gelbliche über.

Soviel man bis jetzt weiß, beschränkt sich die Heimat dieses ebenso hübsch gefärbten wie lebendigen Tierchens auf Kalifornien. Hier lebt es in den ödesten und ärmsten Gegenden,

Taſchenſpringer (Dipodomys philippii). ½ natürl. Größe.

auf Stellen, welche ein wüstenhaftes Gepräge zeigen und nur spärlich mit riesenhaften, wunderbar geformten Kaktusarten besetzt sind. Aus der kurzen Lebensschilderung, welche Audubon gibt, geht hervor, daß es in seinem Wesen und Betragen vielfach mit den Wüstenspringmäusen übereinstimmt. Es erscheint erst mit der Dämmerung außerhalb seiner Höhle und trippelt dann regelmäßig zwischen den Steinen umher, den Menschen weder kennend noch fürchtend. In seinem Wohngebiete bemerkt man außer den vielen Eidechsen und Schlangen kaum ein lebendes Wesen weiter, fragt sich daher mit Recht, wie es möglich ist, daß ein Säugetier sich ernähren kann. Höchst wahrscheinlich lebt der Taschenspringer ebenfalls von Samen, Wurzeln und Gräsern und kann, wie die meisten Wüstenspringmäuse, das Wasser längere Zeit vollständig entbehren oder begnügt sich mit den Tautröpfchen, welche sich des Nachts auf einzelnen Pflanzen niederschlagen. Über Fortpflanzung und Gefangenleben fehlen zur Zeit noch Beobachtungen.

Während die Taschenspringmäuse den zierlichsten Nagern gleichen, erinnern die verwandten Taschenratten (Geomyinae) an die plumpesten Glieder der Ordnung. Der Leib ist massig und unbeholfen, der Kopf sehr groß, der Hals dick, der Schwanz kurz; die niedrigen Beine haben fünfzehige Füße, die Vorderfüße außerordentlich entwickelte Krallen; der Pelz besteht aus straffen, steifen Grannen ohne Grundhaar. 20 Zähne, 1 mächtiger Schneidezahn und 4 wurzellose, länglichrunde Backenzähne mit einfacher Kaufläche in jedem Kiefer bilden das Gebiß. Der breite und kräftige, zwischen den Augenhöhlen eingezogene Schädel hat große Jochbogen und außerordentlich entwickelte Schläfenbeine; die Wirbelsäule wird außer den Halswirbeln aus 12 rippentragenden, 7 rippenlosen, 5 Kreuz- und 17 Schwanzwirbeln zusammengesetzt; Schien- und Wadenbein sind verwachsen.

Bei den Taschenratten im engeren Sinne (Geomys) zeigen die oberen Schneidezähne eine Furche in der Mitte, und sind die Ohren verkümmert. Von den vielen Arten, welche man neuerdings unterschieden hat, mag uns die am besten bekannte ein Bild der Unterfamilie geben.

Die Taschenratte oder der Gopher, wie er im Lande selbst heißt (Geomys'bursarius, Mus, Cricetus, Saccophorus, Pseudostoma und Ascomys bursarius, Mus saccatus, Ascomys und Geomys canadensis), ist etwas kleiner als unser Hamster, samt dem 6,5 cm langen Schwanze 35 cm lang, und steht hinsichtlich feiner Gestalt etwa zwischen Hamster und Maulwurf mitten inne. Der Pelz ist ungemein dicht, weich und fein. Die Haare sind an ihrer Wurzel tief graublau, an ihren Spitzen rötlich auf der Oberseite und gelbgrau auf der Unterseite; der Schwanz und die spärlich behaarten Füße haben weißliche Färbung. Der Name Gopher wird übrigens in einzelnen Gegenden auch verschiedenen anderen Nagern beigelegt. Die Tierkundigen, welche über den Gopher zuerst berichteten, erhielten ihn von Indianern, welche sich das Vergnügen gemacht hatten, beide Backentaschen mit Erde vollzupfropfen und dadurch so ungebührlich auszudehnen, daß die Taschen beim Gehen des Tieres auf der Erde geschleppt haben würden. Die künstlich ausgedehnten Taschen verschafften dem Gopher seine Namen; die Ausstopfer bemühten sich nach Kräften, den Scherz der Indianer nachzuahmen, und die Zeichner endlich hielten sich nur zu treu an die ihnen zugänglichen Vorlagen. Diesen Umständen haben wir es zuzuschreiben, daß noch heutigestags die Abbildungen uns wahre Scheusale von Tieren vorführen, wenn sie uns mit der e bekannt machen wollen.

Der Gopher verbreitet sich über das östlich von dem Felsengebirge und westlich vom Mississippi und zwischen dem 34. und 52. Grad nördlicher Breite gelegene Land. Er führt ein unterirdisches Leben, ganz wie der Maulwurf, gräbt zahlreiche und weitverzweigte Gänge in den verschiedensten Richtungen und wirft Haufen auf, welche denen unseres Maulwurfes vollständig ähneln. Manchmal geben seine Wühlereien der Oberfläche beinahe das Aussehen gepflügter Felder, zu anderen Zeiten, zumal im Winter, bemerkt man seine Thätigkeit kaum. Bloß während der warmen Jahreszeit kommt er ab und zu einmal auf die Oberfläche der Erde; die kalte Zeit scheint er zu verschlafen. Erst in der Neuzeit haben tüchtige

. 222 ml lulu.

Gopher (Geomys bursarius). ½ natürl. Größe.

Naturforscher schärfere Beobachtungen über die Lebensweise des bereits seit Ende des vorigen Jahrhunderts bekannten Tieres gemacht; namentlich Audubon, Bachmann und Gesner beschreiben sein unterirdisches Leben ziemlich genau. „In einem Garten, in welchem wir mehrere frisch aufgeworfene Hügel bemerkten“, erzählen die erstgenannten, „gruben wir einer Taschenratte nach und legten dadurch mehrere ihrer unterirdischen Gänge in den verschiedensten Richtungen hin bloß. Einer von den Hauptgängen verlief ungefähr 30 em tief unter der Erde, außer wenn er die Gartengänge kreuzte, wo er dann tiefer sank. Wir verfolgten den ganzen Gang, welcher durch ein breites Gartenbeet und unter zwei Wegen hinweg noch in ein anderes Beet verlief, und fanden, daß viele der besten Pflanzen durch diese Tiere vernichtet worden waren, indem sie die Wurzeln gerade an der Oberfläche der Erde abgebissen und aufgefressen hatten. Die Höhle endete in der Nähe der Pflanzung unter einem Rosenbusche. Hierauf verfolgten wir einen anderen Hauptgang, welcher bis an das Gewurzel eines großen Buchenbaumes lief; hier hatte die Ratte die Rinden abgenagt. Weiter und weiter untersuchend, fanden wir, daß viele Höhlen vorhanden waren und einige

Gopher (Geomys bursarius). ½ natürl. Größe.

von ihnen aus dem Garten hinaus in das Feld und in den nahen Wald führten, wo wir dann unsere Jagd aufgeben mußten. Die Haufen, welche diese Art aufwirft, sind ungefähr 30—40 em hoch und stehen ganz unregelmäßig, manchmal nahe bei einander, gelegentlich auch 10, 20=, ja sogar 30mal weiter entfernt. Gewöhnlich aber find fie nach oben, nahe an der Oberfläche, geöffnet, wohlbedeckt mit Gras oder anderen Pflanzen.“

Altere Gänge sind innen festgeschlagen, die neueren nicht. Hier und da zweigen sich Nebengänge ab. Die Kammer wird unter Baumwurzeln in einer Tiefe von etwa 1,5 m angelegt; die Höhle senkt sich schraubenförmig zu ihr hinab. Sie ist groß, gänzlich mit weichem Grase ausgekleidet, einem Eichhornneste nicht unähnlich, und dient dem Tiere zum Ruhen und Schlafen. Das Nest, in welchem das Weibchen zu Ende des März oder im Anfange des Aprils seine 5—7 Junge bringt, ist der Kammer ähnlich, jedoch innen noch mit den Haaren der Mutter ausgekleidet. Wie das Nest des Maulwurfes umgeben es Rundgänge, von denen aus die Röhren sich abzweigen. Gesner fand, daß vom Neste aus ein Gang zu einer größeren Höhlung, der Vorratskammer, führt. Sie ist gefüllt mit Wurzeln, Erdfrüchten (Kartoffeln), Nüssen und Sämereien. In den Morgenstunden von 4— 10 Uhr arbeitet die Taschenratte am eifrigsten am Weiter- und Ausbaue ihrer Wohnung, unzweifelhaft in der Absicht, sich mit Speise zu versorgen. Wenn der Ort reich an Nahrung ist, werden in dieser Zeit 3—5 m Höhlung hergestellt und 2—5 Hügel aufgeworfen; im entgegengesetzten Falle durchwühlt das Tier größere Strecken und arbeitet länger. Zuweilen unterbricht es die Arbeit wochenlang; es scheint dann von den aufgespeicherten Vorräten zu zehren. Beim Aufwerfen der Erde, welches der Gopher ganz nach Art des Maulwurfes bewerkstelligt, läßt er seinen Leib so wenig als möglich sichtbar werden und zieht sich augenblicklich wieder in die sichere Tiefe zurück. Auf dem Boden erscheint er, um sich dürres Gras für seinen Wohnraum oder das Nest zu sammeln und, nach Audubon, um sich zu sonnen. Sein vortrefflicher Geruch und das ausgezeichnete Gehör sichern ihn hier vor Überraschungen; bei vermeintlicher Gefahr stürzt er sich augenblicklich in die Tiefe, auch wenn er sich erst durch Neugraben eines Schachtes den Eingang erzwingen müßte.

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