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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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hatte, suchte er später keinen anderen Ort. Oben auf dem Laden verbrachte er seine Zeit und saß hier, ohne die geringste Bewegung, einer Bildsäule gleich, in einer außergewöhnlichen Stellung. Er hielt sich, ohne sich mit der Hand oder dem Schwanze zu versichern, einzig und allein mit den Füßen fest, legte die Hände übereinander und zwischen sie hinein seine Schnauze, als ob er die Hände küssen wollte. So saß er, ohne sich zu bewegen, ja ohne umherzublicken, bis zur Stunde seiner Mahlzeit. Eines Tages legte ich unter sein Futter eine tote Ratte. Als er diese entdeckt hatte, entsetzte er sich derart, daß er über Hals und Kopf zu seinem Ruhesitze emporstieg; das Gleiche that er, wenn sich einer von meinen gefangenen, frei im Zimmer umherfliegenden Vögeln ihm näherte, während er fraß. Er nahm von dem ihm vorgesetzten Brote, Maise, den Maniokwurzeln, Kräutern, Blättern und Blumen außerordentlich wenig, liebte es aber, mit der verschiedenen Kost abzuwechseln. Vielmal sah ich, daß er, die erwähnten Dinge verschmähend, sich über dünne Holzstengel hermachte, ja selbst, daß er gediegenes Wachs anging. Er biß oder kratzte nie und fügte auch niemand Schaden zu. Seine Notdurft verrichtete er während des Fraßes, und dabei achtete er nicht darauf, ob sein Kot und Harn auf die Nahrung fiel. „Der Geruch ist der ausgebildetste Sinn. Ich beobachtete, wenn ich Schokolade trank oder mit Blumen in das Zimmer trat, daß mein Baumstachler seine Schnauze erhob, und durfte mit Sicherheit folgern, daß er den Duft auf ziemliche Entfernungen wahrnahm. Seine Schwanzspitze ist so empfindlich, daßer sich sogleich aufrafft und zusammenschreckt, wenn man ihn dort ganz leise berührt. Im übrigen nimmt man bloß Trägheit und Dummheit an ihm wahr; man darf wohl sagen, daß er kaum zu fressen und zu leben versteht. Niemals konnte ich bei ihm Freude oder Trauer und niemals Wohlbehagen bemerken. Manchmal wendete er sein Haupt, wenn er bei seinem Namen genannt wurde. Für gewöhnlich sah er sich nicht um, sondern that gerade, als ob er nicht sehen könne, und ließ sich berühren, als ob er von Stein wäre; kam man ihm aber zu derb, so sträubte er seine Stacheln, ohne sich im übrigen zu bewegen. Man erzählt, daß er die Stacheln fortschleudert, und daß diese, falls sie die Haut treffen, sich weiter und weiter bohren, so gering auch die Wunden sind, welche sie verursachten, bis sie auf der entgegengesetzten Seite wieder zum Vorschein kommen. Auch erzählt man von ihm, daß er die Früchte der Bäume abschüttelt und sich dann auf ihnen herumwälzt, sie anspießt und mit sich fortträgt. Das sind Märchen; wahr ist bloß, daß einige seiner Stacheln, wenn er sie zur Verteidigung erhebt, wegen ihrer lockeren Einfügung in das Fell ausfallen; auch kommt es wohl vor, daß die Stacheln, welche in der Schnauze unvorsichtiger Hunde stecken blieben, später tiefer in das Fleisch eingedrungen zu sein scheinen, einfach deshalb, weil die Wunde inzwischen geschwollen ist. Im Kote des Jaguars habe ich diese Stacheln mehrmals gefunden.“ |

Ich habe diesem Berichte des alten, gediegenen Naturforschers wenig hinzuzufügen. Meine Beobachtungen stimmen wesentlich mit den seinigen und ebenso mit der von Burmeister gegebenen Schilderung überein. Meine gefangenen Baumstachler saßen während des ganzen Tages, in der angegebenen Weise zusammengekauert, ruhig in ihrem Kasten und begannen erst nach Sonnenuntergang langsam umherzuklettern. Wenn man sie berührte, ließen sie auch ihre Stimme vernehmen, ein ziemlich leises Quieken, welches dem Winseln eines jungen Hundes sehr ähnlich war. Eine Berührung war ihnen entschieden unangenehm, doch machten sie, wie dies auch Burmeister sehr richtig sagt, „niemals einen Versuch zur Flucht, sondern ließen den Feind ruhig herankommen, wo er auch war, duckten sich nieder, sträubten die Stacheln und winselten, wenn sie berührt wurden“. Die von mir gepflegten Baumstachler machten keine Versuche, sich aus ihrer Kiste zu befreien, Burmeisters Gefangener dagegen arbeitete, wenn man seinen Kasten nachts mit dem Deckel verschloß, sich schnell und heftig eine Offnung, indem er das Holz in großen Fetzen abnagte. Auffallend erscheint es,

daß Azaras Baumstachler kein Wasser trank; denn diejenigen, welche ich beobachtete, verlangten solches regelmäßig. Sobald fie gefressen hatten, naheten fie sich ihrem Saufnapfe und schöpften hier mit der breiten Hand einige Tropfen, welche sie dann behaglich ableckten. Sehr unangenehm und ganz eigentümlich ist der Geruch, welchen sie verbreiten. Burmeister glaubt, daß dieser Geruch mehr auf Rechnung der faulen Nahrung in der Kiste und des Unrats als auf eine Absonderung der Tiere geschoben werden müsse, ich muß ihm jedoch hierin entschieden widersprechen, weil ich mich durch wiederholte Versuche überzeugt habe, daß der Gestank an ihnen selbst haftet. Wahrhaft entsetzlich wurden meine Gefangenen von kleinen, braunen Läusen oder lausähnlichen Tieren geplagt. Diese Schmarotzer saßen bisweilen zu Hunderten an einer und derselben Stelle, am dicksten in der Schnauzengegend, und ließen sich weder durch Kratzen vertreiben, noch durch persisches Insektenpulver, zu welchem wir unsere Zuflucht nahmen, entfernen.

Rengger berichtet, daß sich beide Geschlechter der sonst einsam lebenden Tiere während des Winters aufsuchen und dann eine Zeitlang paarweise leben. Im Anfange des Sommers ihrer Heimat, d. h. gegen Anfang des Oktobers, wirft das Weibchen 1I—2 Junge. Azara, welcher ein trächtiges Weibchen untersuchte, fand nur ein Junges, welches wie seine Mutter bereits mit Stacheln bedeckt war. Genaueres über die Fortpflanzungsgeschichte ver: mag ich nicht mitzuteilen.

Da das Außere des Greifstachlers wenig Einladendes hat, wird er von den Bewohnern Paraguays nur selten eingefangen und aufgezogen; demungeachtet entgeht er den Nach: stellungen nicht. Die Wilden verzehren das Fleisch, welches des unangenehmen Geruches wegen von den Europäern verschmäht wird. Gleichwohl stellen auch diese ihm eifrig nach. Burmeister erhielt bald nach seiner Ankunft in Rio de Janeiro einen lebenden Greifstachler, welcher nach dortiger Gewohnheit der Länge nach an einen Knüttel gebunden und jämmerlich zerschlagen war, so daß er die erste Zeit nach dem Ablösen kaum gehen konnte, und fand später einen zweiten tot neben dem Wege liegen, welcher der ungerechtfertigten Mordlust ebenfalls zum Opfer gefallen war. Durch Hensel erfahren wir den Grund des uns unverständlichen Ingrimms der Einheimischen. „Das unheimlichste Säugetier des brasilischen Urwaldes ist das Kletterstachelschwein. Die Natur war noch nicht zufrieden, es mit Stacheln, wie etwa den Igel, gegen Feinde geschützt zu haben, sondern diese sollten für ihren Angriff aufs furchtbarste gestraft werden. Die Stacheln sind nämlich an ihrer Wurzel so fein und stecken jo lose in der Haut, daß fie bei einem ganz unbedeutenden Zuge herausfallen: sie bleiben daher in dem fremden Körper haften, sobald sie nur mit der Spitze eingedrungen sind. Ergreift nun ein Hund das ruhig am Boden liegende Kletterstachelschwein, welches, seiner Furchtbarkeit sich bewußt, nicht daran denkt, zu entfliehen, so bohren sich ihm nicht nur unzählige Stacheln in die Weichteile des Rachens und bleiben darin sitzen, sondern dringen auch vermöge ihrer Widerhaken und durch die Bewegungen des Hundes immer tiefer ein. Das unglückliche Tier kann den Rachen nicht schließen und muß, wenn nicht bald Hilfe kommt, nach qualvollen Leiden durch Anschwellung der Rachenhöhle und des Kehlkopfes ersticken oder verhungern. Ist man gleich zur Hand, so kann man anfangs die Stacheln herausreißen, indem man sie zwischen den Daumen und die Schneide des Messers nimmt; allein später ist auch dieses nicht mehr möglich, denn fie reißen eher entzwei. Daher gehen manche Jäger nur mit einer Zange versehen in den Wald. Unter solchen Umständen ist es wohl erklärlich, wenn der Jäger des Urwaldes kein Geschöpf, selbst nicht die Gift: schlangen, so haßt und fürchtet wie das Stachelschwein. Es wird daher auch jedes ohne Gnade getötet, obgleich das Tier sonst ganz unschädlich ist und keinerlei Nutzen gewährt. Merkwürdigerweise findet man beim Ozelot oft einzelne Stacheln unter der Haut, welche hier: her wohl nur von den Eingeweiden aus gedrungen sein können, so daß man annehmen

muß, diese Katze wage es, das Stachelschwein anzugreifen — mit welchem Erfolge, läßt sich natürlich mit Sicherheit nicht feststellen. Welche Verwundungen die eingedrungenen Stacheln herbeiführen können, sah ich bei einem meiner Hunde, dem ich den größten Teil der Stacheln herausriß. Ich befühlte den Hund jeden Tag mehrere Male und faßte die hervorgekommenen Spitzen mit der Greifzange, mittels welcher sie sich sehr leicht herausziehen ließen, den letzten Stachel zog ich nach 6 Wochen an der Seite des Halses heraus.“

Der Greifstachler oder Cuandu (Cercolabes [Synetheres] prehensilis, Hystrix prehensilis) hat im allgemeinen die Gestalt des Baumstachlers, ist jedoch merklich größer und erscheint kräftiger gebaut als dieser. Seine Länge beträgt 1,ı m, wovon 45 cm

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Greifstachler (Cercolabes prehensilis). ½ natürl. Größe.

auf den Schwanz kommen. Die Stacheln beginnen gleich am Gesichte, setzen sich über den ganzen Oberleib fort, bekleiden die Beine bis zum Wurzelgelenke hinab, die obere Schwanzhälfte und auch den ganzen Unterleib, liegen jedoch keineswegs glatt am Körper an. Einzelne Haare, welche zwischen ihnen hervortreten, werden größtenteils von ihnen überdeckt und erst sichtbar, wenn man die Stacheln auseinander nimmt. Letztere stecken ebenfalls sehr lose in der Haut, sind alle von gleicher Gestalt, hart und stark, fast rund, glatt und glänzend, an der Wurzel schwach, im übrigen gleichmäßig dick, nadelförmig und gegen die sehr feine Spitze hin plötzlich stark verdünnt, erreichen auf dem Hinterrücken eine Länge von ungefähr 12 cm, verkürzen sich gegen den Unterleib allmählich und gehen auf dem Bauche nach und nach in wahre Borsten über, welche auf der Unterseite des Schwanzes wieder stachelartig, d. h. steif und stechend werden. Ihre Farbe ist ein lichtes Gelblichweiß, unterhalb der Spitze aber tritt eine dunkelbraune Binde lebhaft hervor. Das Haar auf Nase und Schnauze ist rötlich, das des übrigen Leibes rotbraun, dazwischen sind einzelne weißliche Borsten eingestreut. Die sehr starken und langen Schnurren, welche sich in Längsreihen ordnen, sehen schwarz aus.

Über das Freileben des Greifstachlers ist wenig bekannt. Das Tier bewohnt einen ziemlich großen Teil von Süd- und Mittelamerika und ist an manchen Orten keineswegs selten.

Greifſtachler (Cercolabes prehensilis). ½ natürl. Größe.

Nach Art seiner Verwandten verschläft es den Tag, in der oben angegebenen Stellung in einem Baumwipfel sitzend; nachts läuft es langsam, aber geschickt im Gezweige umher. Seine Nahrung besteht in Blättern aller Art. Das Fleisch wird von den Eingeborenen geschätzt, und auch die Stacheln finden vielfache Verwendung. Unter den Indianern laufen über den 5 Cuandu ähnliche Sagen um, wie bei uns über das Stachelschwein. Bei manchen Indianerstämmen werden die Stacheln in der Heilwissenschaft benutzt, weil man glaubt, daß sie wie Blutegel wirken, wenn man sie in die Haut des Kranken einbohrt. Kappler berichtet vom Greifstachler: „Das Tier wird leicht zahm, weiß aber niemand zu unterscheiden und versucht trotz seiner starken Nagezähne nie zu beißen. Es nährt sich von Früchten, die es wie ein Eichhörnchen zum Maule bringt, frißt häufig, aber nie viel und ist ein dummes, langweiliges Tier. Es hat eine eigentümliche Art zu sitzen, nämlich nicht der Quere, sondern der Länge nach auf einem Zweige, den es mit seinen Hinterfüßen umklammert, oft auch mit dem Schwanze, welchen es aber meist hängen läßt. Die Vorderfüße hält es gegen den Kopf und bleibt in dieser Stellung manchmal den ganzen Tag. Sein Geruch ist sehr fein. Eines Abends wurde mir von einem Indianer ein großes Weibchen gebracht, das mit einem Pfeile durch und durch geschossen war, aber noch lebte. Ich ließ das arme Tier sogleich töten und legte es unter die Galerie meines Hauses, um es am anderen Morgen zuzurichten. Abends bei schönem Mondschein sah ich ein Tier um das Haus herumlaufen, das ich füreine Beutelratte hielt, und das mein Neffe mit einem Stocke totschlug. Es war aber ein Greif: stachler, und wir glaubten, es sei das getötete vielleicht bloß scheintot gewesen, aber jenes lag noch an seinem Platze, und das eben erschlagene war ein Männchen, das, obwohl der nächste Wald wenigstens 300 m entfernt war, doch das tote Weibchen gerochen haben mußte.“

Ich habe zwischen einem von mir gepflegten Cuandu und dem Baumstachler hinsichtlich des Betragens keine wesentlichen Unterschiede bemerken können. Stellungen und Bewegungen sind dieselben, und das einzige, das ich wahrnahm, ist, daß der Cuandu nur höchst selten auf den Baumzweigen seines Käfigs seine Nacht- oder richtiger Tagruhe hält, sondern sich immer auf dem ihm bereiteten Heulager niedersetzt, ja sich förmlich in ihm verbirgt, indem er sich unter das Heu einwühlt. Die Stimme ist etwas stärker als beim Baumstachler, der des letzteren aber ganz ähnlich. Berührungen jeder Art scheinen ihm sehr unangenehm zu sein, und er läßt sie sich auch nicht so ruhig gefallen wie seine Verwandten, sondern versucht, den sich ihm Nähernden durch plötzliches Vorwärtsbewegen zu schrecken; möglich ist, daß er dabei beabsichtigt, von seinem Stachelpanzer Gebrauch zu machen. Wenn man ihn einmal am Schwanze gepackt hat, läßt er sich berühren, ohne sich zu verteidigen: so kann man ihn auf den Arm setzen und hin- und hertragen, ohne daß er daran denkt, nach anderer Nager Art um sich zu beißen. Im Zorne sträubt er seine Stacheln nach allen Seiten hin und erscheint nun fast noch einmal so dick, als er wirklich ist. Seine Färbung wird dann, weil das Gelb der Stachelmitte zur Geltung kommt, eine andere.

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