Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Als äußerliche Kennzeichen der Familie der Hufpfötler oder Ferkelhasen (Caviidae) gelten ein mehr oder weniger gestreckter, auf hohen Beinen ruhender Leib, vierzehige Vorder⸗ und drei- bis fünfzehige, mit großen, hufartigen, oben gekielten Nägeln bekleidete, nacktsohlige Füße, ein stummelhafter Schwanz, mehr oder minder große Ohren und grobe Behaarung. Vier Backenzähne in jeder Reihe von ungefähr gleicher Größe und große, breite, vorn gewöhnlich weiß gefärbte Nagezähne bilden das Gebiß. Die Wirbelsäule zählt in der Regel 19 rippentragende, 4 Kreuz- und 6 — 10 Schwanzwirbel. Das ganze Gerippe ist kräftig, zuweilen plump gebaut. |
Alle Ferkelhasen bewohnen ausschließlich Süd- und Mittelamerika, hier aber die verschiedensten Gegenden: die einen Ebenen, die anderen Wälder und trockene Strecken, Sümpfe, Felsenwände und selbst das Wasser. Diese verbergen sich in den Löchern hohler Stämme, Felsenritzen, in Hecken und Gebüschen, jene in selbstgegrabenen oder verlassenen Höhlen anderer Tiere. Fast alle leben gesellig und sind mehr des Nachts als bei Tage rege. Ihre Nahrung besteht aus Pflanzenstoffen aller Art: aus Gräsern, Kräutern, Blüten und Blättern, Wurzeln, Kohl, Samen, Früchten und Baumrinde. Beim Fressen sitzen sie in aufrechter Stellung auf dem Hinterteile und halten die Nahrung zwischen den Vorderpfoten fest. Ihre Bewegungen sind gewandt, wenn auch der gewöhnliche Gang ziemlich langsam ist. Einzelne gehen in das Wasser und schwimmen mit großer Geschicklichkeit und Ausdauer. Alle sind friedlich und harmlos, scheu, die kleinen sehr schüchtern, ängstlich und sanft, die größeren etwas mutiger; doch flüchten sie auch bei herannahender Gefahr, so schnell sie können. Unter ihren Sinnen sind Geruch und Gehör am besten ausgebildet, ihre geistigen Fähigkeiten sind gering. Sie lassen sich leicht zähmen, gewöhnen sich an den Menschen und lernen ihn auch wohl kennen, ohne sich jedoch inniger mit ihm zu befreunden. Ihre Vermehrung ist sehr groß; die Zahl der Jungen schwankt zwischen 1 und 8, und manche Arten werfen mehrmals 0 1 ‚dd N 520im Jahre. Man teilt die Familie nach. der Bildung der Backenzähne in Ä
zwei Unterfamilien ein. In der Gerippe des Agutis. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.) einen sind diese Zähne wurzellos, und die oberen Reihen laufen vorn beinahe zusammen, in der anderen haben sie halbe Wurzeln und bilden gleichlaufende Reihen. Zu der ersten Unterfamilie gehören die Mara, das Meer- und Wasserschwein, zur zweiten der Aguti und die Paka. Wir sehen von den angegebenen Unterscheidungsmerkmalen ab und vereinigen alle Hufpfötler in einer Familie.
Unser allbekanntes Meerschweinchen (Cavia porcellus, C. cobaya) teilte bislang das Schicksal vieler Haustiere: man vermochte seine Stammeltern nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Soviel wir wissen, ist das Tierchen bald nach der Entdeckung Amerikas, im 16. Jahrhundert also, und zwar durch die Holländer zu uns gebracht worden. Gesner kennt es bereits, und von jener Zeit an hat man es fort und fort gezüchtet, aber bis vor kurzem wahrscheinlich irrtümlicherweise ziemlich allgemein die brasilische Aperea (Cavia aperea) als Stammart angenommen. Nach Nehrings Untersuchungen indessen stammt das Meerschweinchen von der der Aperea naheverwandten Cavia cutleri in Peru ab, wo es schon zu den Zeiten der Inkas als Haustier gehalten wurde. Noch heute wird es, wie A. Stübel ihm mitteilte, von den Indianern von Peru, Ecuador und Columbia gepflegt und verspeist; dagegen hat man es bei den unberührten Ureinwohnern Brasiliens nirgends angetroffen. Außer einfarbigen Meerschweinchen, von denen die weißen am häufigsten sind, sieht man gewöhnlich nur dreifarbige: weiß, gelb und schwarz gescheckte. Haacke bezeichnet es aber als einen Irrtum, wenn man, wie fast immer zu geschehen scheint, das Vorkommen zweifarbiger Meerschweinchen in Abrede stellt. Er hat zwischen den Meerschweinchen, die im
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 37
Ds Siebente Ordnung: Nager; zehnte Familie: Hufpfötler.
Frankfurter Tiergarten zu Fütterungszwecken gehalten werden, wiederholt Stücke angetroffen, die nur gelbweiß gescheckt waren; solche Stücke haben stets rote Augen. Nach Nehrings Untersuchungen an den Meerschweinchenmumien von dem Totenfelde von Ancon in Peru fehlten den Inka-Meerschweinchen stets die schwarzen Flecken. Sie waren entweder einfarbig weiß oder rötlichbraun oder, wenn zweifarbig, rötlichbraun, beziehentlich gelbweiß gescheckt. Bei uns trifft man auch Meerschweinchen mit braunschwarzen, mäusefarbenen und gelblichaschgrauen Flecken. Dreifarbige, mit aschgrauen anstatt der schwarzen Flecken, sind nach Haackes Beobachtungen nicht selten; auch bei diesen sind die Augen immer rot. In neuerer Zeit ist das Struppmeerschweinchen sehr beliebt geworden, eine Rasse mit langer, an verschiedenen Körperstellen eigentümliche Wirbel bildender Behaarung.
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Meerschweinchen (Cavia porcellus). ½ natürl. Größe.
Das Meerschweinchen gehört zu den beliebtesten Haustieren aus der ganzen Ordnung der Nager, ebensowohl seiner Genügsamkeit wie seiner Harmlosigkeit und Gutmütigkeit halber. Wenn man ihm einen luftigen und trockenen Stall gibt, ist es überall leicht zu erhalten. Es frißt die verschiedensten Pflanzenstoffe, von der Wurzel an bis zu den Blättern, Körner ebensogut wie frische, saftige Pflanzen, und verlangt nur etwas Abwechselung in der Nahrung. Wenn es saftiges Futter hat, kann es Getränk gänzlich entbehren, obwohl es namentlich Milch recht gern zu sich nimmt. Es läßt sich überaus viel gefallen und verträgt selbst Mißhandlungen mit Gleichmut. Deshalb ist es ein höchst angenehmes Spielzeug für Kinder, welche sich überhaupt am eifrigsten mit seiner Zucht abgeben. In seinem Wesen erinnert es in mancher Hinsicht an die Kaninchen, in anderer wieder an die Mäuse. Der Gang ist eben nicht rasch und besteht mehr aus Sprungschritten; doch ist das Tier nicht tölpelhaft, sondern ziemlich gewandt. Gewöhnlich sitzt es auf allen vier Füßen, den Leib platt auf den Boden gedrückt; meistens läuft es ohne Unterbrechung in seinem
Stalle umher, am liebsten längs der Mauern hin, wo es sich bald einen glatt getretenen Weg bahnt. Recht hübsch sieht es aus, wenn eine ganze Anzahl beisammen ist. Dann folgt eines dem anderen, und die ganze Reihe umkreist den Stall vielleicht hundertmal ohne Unterbrechung. Die Stimme besteht aus einem Grunzen, welches ihm wohl den Namen Schwein verschafft hat, und aus einem eigentümlichen Murmeln und Quieken. Das Murmeln scheint Behaglichkeit auszudrücken, während das Quieken immer Aufregung anzeigt.
Männchen und Weibchen halten sich zusammen und behandeln einander zärtlich. Reinlich, wie die meisten Nager es sind, leckt eines das andere und benutzt auch wohl die Vorderfüße, um dem Gatten das Fell glatt zu kämmen. Schläft eines von dem Paare, so wacht das andere für seine Sicherheit; währt es ihm aber zu lange, so sucht es durch Lecken und Kämmen den Schläfer zu ermuntern, und sobald dieser die Augen aufthut, nickt es dafür ein und läßt nun sich bewachen. Das Männchen treibt sein Weibchen oft vor sich her und sucht ihm seine Liebe und Anhänglichkeit auf jede Weise an den Tag zu legen. Auch die gleichen Geschlechter vertragen sich recht gut, solange die Freßsucht nicht ins Spiel kommt oder es sich nicht darum handelt, den besten Platz beim Fressen oder Ruhen zu erhalten. Zwei verliebte Männchen, welche um eine Gattin streiten, geraten oft in Zorn, knirschen mit den Zähnen, stampfen auf den Boden und treten sich gegenseitig mit den Hinterfüßen, packen sich auch wohl an den Haaren; ja es kommt sogar zu Kämpfen, bei denen die Zähne tüchtig gebraucht werden und manchmal ernste Verwundungen vorkommen. Streit und Kampf enden erst dann, wenn sich ein Männchen entschieden in den Besitz eines Weibchens gesetzt hat. Wenige Säugetiere kommen dem Meerschweinchen an Fruchtbarkeit gleich. Bei uns wirft das Weibchen zwei- oder dreimal im Jahre 2—3, oft auch 4—5 Junge, in heißen Ländern sogar deren 6—7. Die Kleinen kommen vollständig entwickelt zur Welt, werden mit offenen Augen geboren und sind schon wenige Stunden nach ihrer Geburt im stande, mit ihrer Mutter umherzulaufen. Am zweiten Tage ihres Lebens sitzen sie manchmal bereits mit bei der Mahlzeit und lassen sich die grünen Pflanzen, ja sogar die Körner, fast ebensogut schmecken wie jene. Gleichwohl säugt sie die Mutter 14 Tage lang und zeigt während dieser Zeit viel Liebe und Sorgfalt für sie, verteidigt sie, hält sie zusammen, leitet sie zum Fressen an ꝛc. Sowie die Kleinen verständiger werden, erkaltet diese heiße Liebe, und nach ungefähr 3 Wochen, zu welcher Zeit die Alte sich regelmäßig schon wieder gepaart hat, bekümmert sie sich gar nicht mehr um die früheren Sprößlinge. Der Vater zeigt sich von allem Anfang an sehr gleichgültig gegen diese, sogar feindselig, und oft kommt es vor, daß er sie totbeißt und auffrißt. Nach ungefähr 5—6 Monaten sind die Jungen fortpflanzungsfähig, nach 8— 9 Monaten haben fie ihre vollkommene Größe erreicht. Bei guter Behandlung können fie ihr Leben auf 6—8 Jahre bringen.
Wenn man sich viel mit Meerschweinchen beschäftigt, kann man sie ungemein zahm machen, obwohl sie ihre Furchtsamkeit nie gänzlich ablegen und bei ihrer geringen geistigen Fähigkeit selten dahin gelangen, den Wärter von anderen zu unterscheiden. Niemals versuchen sie zu beißen oder sonst von ihren natürlichen Waffen Gebrauch zu machen. Das kleine Kind kann unbesorgt mit ihnen spielen. Oft legen sie eine wahrhaft merkwürdige Gleichgültigkeit gegen äußere Gegenstände an den Tag. So lieb und angenehm ihnen auch ihr Stall zu sein pflegt, so wenig scheinen sie nach ihm zu verlangen, wenn sie wo anders hingebracht werden; sie lassen sich warten und pflegen, auf den Schoß nehmen, mit umherschleppen ꝛc., ohne sich deshalb mißvergnügt zu zeigen. Wenn man ihnen etwas zu sressen gibt, find fie überall zufrieden. Aber dafür bekunden fie auch selten wahre Anz hänglichkeit, sondern sind so recht aller Welt Freund. Es gibt aber auch Ausnahmen. „Ein Meerschweinchen, welches meinen Kindern gehört“, schreibt Friedel, „begrüßt meinen Sohn, 37 ¹
sobald es dessen Schritte hört, mit lautem, aufgeregtem Quieken; wenn er ihm Futter gibt, regelmäßig mit dankbarem, lautem Trommeln; meine kleine Tochter nicht mit Quieken und nur mit leisem Murmeln; meine Frau und mich niemals mit Trommeln. Wenn meine Frau spät abends das Zimmer passiert, worin das Tier haust, wird sie von ihm regelmäßig mit kläglichen Quieken um einen Bissen angebettelt, bei mir schweigt das Tier, weil es weiß, ich gebe ihm so spät nichts mehr. Das Tier vermag also vier Personen genau zu unterscheiden. Auch macht es Kunststückchen, stellt sich auf Befehl tot und springt auf Befehl wieder in die Höhe.“ Gegen kalte und nasse Witterung sehr empfindlich, erkranken die Meerschweinchen, wenn man sie rauhem Wetter aussetzt, und gehen dann leicht zu Grunde.
Eigentlichen Schaden können die Meerschweinchen nie bringen; es müßte denn sein, daß man sie im Zimmer hielte, wo sie vielleicht manchmal durch Benagen unangenehm werden können. Doch kommt dies nicht in Betracht gegenüber ihren guten Eigenschaften, durch welche sie viele Freude und somit auch Nutzen gewähren. Einen besonderen Vorschub haben fie, freilich gegen ihren Willen, der Wissenschaft geleistet. Bischoff hat fie zu Untersuchungen über die tierische Entwickelung verwendet und ihnen dadurch einen ehrenvollen Platz in unserem wissenschaftlichen Schrifttume gesichert.
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Ein höchst sonderbares Wüstentier, die Mara (Dolichotis patagonica, Cavia patagonica), ist der Vertreter einer zweiten Gattung der Hufpfötler. In mancher Hinsicht an die Hasen erinnernd, unterscheidet sie sich von diesen hinlänglich durch die hohen Beine und die kürzeren und stumpferen Ohren. Der Leib ist schwach, gestreckt und vorn etwas dünner als hinten, die Beine sind ziemlich lang, die hinteren länger als die vorderen, die Hinterfüße drei-, die vorderen vierzehig, die Zehen hier kurz, dort ziemlich lang, an beiden Füßen aber frei und mit langen, starken Krallen bewehrt. Der etwas schmächtige Hals trägt einen zusammengedrückten, an der Schnauze zugespitzten Kopf mit langen, ziemlich schmalen, abgerundeten, aufrecht stehenden Ohren und mittelgroßen, lebhaften Augen. Der Schwanz ist kurz und nach aufwärts gekrümmt. Die verhältnismäßig kleinen Backenzähne zeigen eine starke mittlere Schmelzfalte. Das Fell ist weich, dicht und glänzend; die Haare sind kurz und liegen glatt am Leibe an. Die Färbung ist auf der Oberseite ein eigentümliches Braungrau mit weißer, feiner Sprenkelung. An den Seiten und auf den äußeren Teilen der Füße geht diese Färbung in eine hell zimtfarbene über. Ein schwarzer Flecken, welcher sich über der Schwanzgegend befindet, wird durch ein weißes, oberhalb des Schwanzes sich hinziehendes Band scharf abgegrenzt. Die ganze Unterseite ist weiß, geht aber auf der Brust in ein helles Zimtbraun über, welches auch bis zur Kehle sich erstreckt, während die Gurgel wieder weiß aussieht. Glänzend schwarze Schnurren stechen lebhaft von den übrigen Haaren ab. Bei erwachsenen Tieren beträgt die Länge des Leibes 50 cm, wovon der Stummel: schwanz nur 4—5 cm wegnimmt; die Höhe am Widerriste aber kann bis 45 cm erreichen und läßt das Tier auf den ersten Anblick eher einem kleinen Wiederkäuer als einem Nager ähnlich erscheinen.. Es darf nicht wundernehmen, daß frühere Seefahrer, wie Narborough, Wood, Byron und andere, welche die Mara an der unwirtlichen Küste Patagoniens antrafen, sie höchst ungenau beschrieben, so daß man unmöglich wissen konnte, von welchem Tiere sie sprachen. Azara war der erste, welcher ihr die rechte Stelle unter den Nagern anwies. „Sie nennen das Tier Hase“, jagt er, „obgleich es von diesem sich hinlänglich unterscheidet. Es ist größer und derber, läuft nicht so viel und ermüdet eher als jener, so daß es ein gut berittener Jäger bald einholen und entweder mit der Lanze oder durch einen Schlag mit den Wurfkugeln erlegen kann. Fast immer findet man mehrere beisammen oder