Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Die von Exinger gepflegten und in einem ziemlich großen Teiche gehaltenen Biber | lebten mehr noch als meine Gefangenen nach Art und Weise ihrer freien Brüder, errichteten zwar keine Burgen, gruben sich aber große und ausgedehnte Baue aus und legten sich in mehrere Abteilungen oder Kammern geschiedene Kessel an. In diesen Kammern, deren
Boden mit zerschlissenen Holzspänen ausgefüttert wurde, brachten sie den ganzen Tag und bei starkem Winde auch die Nacht zu, holten sich dann aber Weiden und andere Zweige herein. Stieg das Wasser oder drang es in ihre Wohnungen ein, so gruben sie sich rasch eine neue Höhle oberhalb der früher von ihnen bewohnten; nahm das Wasser ab, so errichteten sie sich unverzüglich einen tieferen Gang; ereignetees sich, daß die Erdschicht über ihrem Kessel durchbrach, so vereinigten sie sich, um noch in der auf den Unfall folgenden Nacht den Schaden wieder auszubessern. Einige sorgten für die Zerkleinerung des hierzu nötigen Holzes, andere schleppten die Stücke an die beschädigte Stelle und legten sie in mannig-facher Kreuzung übereinander, während ein Teil der Familie damit beschäftigt war, Schlamm aus dem Wasser zu holen, ihn mit Rohr und Graswurzeln zu mengen und damit die übereinander geschichteten Holzstücke zu dichten, bis jede Offnung verschlossen war. Vor Eintritt der Kälte zogen die Biber alle früher angefahrenen Weiden und Pappeln in den Teich, steckten die dickeren und stärkeren Stämme in schräger Richtung und mit der Krone nach oben gekehrt nebeneinander in den Schlamm und verflochten sie mit den Zweigen der Stämme, welche sie in den verschiedensten Richtungen darüber legten, so daß ihr Bau einem verankerten Flosse glich und ein selbst den stärksten Stürmen trotzendes Flechtwerk bildete. Eines Abends erschienen sie wie gewöhnlich außerhalb ihres Kessels und machten sich, obgleich die Witterung noch ebensogut schien, als sie vorher gewesen war, plötzlich mit Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2—3 m Länge und 8—11 cm Dicke ins Wasser geschafft, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest zugefroren und bereits mit einer 7 em dicken Eiskruste überdeckt.
Die Hauptnahrung der Biber besteht in Rinden und Blattwerk verschiedener Bäume. Unter allen Zweigen, welche ich meinen Gefangenen vorwerfen ließ, wählten sie zuerst stets die Weide und nur in Ermangelung dieser Pappel, Schwarzpappel, Espe, Esche und Birke, am wenigsten gern Erle und Eiche. Sie fressen nicht bloß Rinde, sondern auch Blätter und die weichen Schößlinge und zwar mit entschiedenem Behagen. Härtere Zweige, die sie mit den Händen fassen und beständig drehen, entrinden sie äußerst zierlich und geschickt; sie schälen so sauber, daß man auf dem entrindeten Zweige keine Spur eines Zahneindruckes wahrnimmt. Dann und wann nehmen sie übrigens auch frisches Gras zu sich, indem sie es in plumper Weise abweiden, nämlich einen Grasbüschel mit den Händen packen, zusammendrücken und so den Zähnen etwas Körperhaftes zu bieten suchen. An Brot und Schiffszwieback, Apfel und Möhren gewöhnen sie sich bald und sehen schließlich in Früchten Leckerbissen.
Die Stellung der Biber ist verschieden, im ganzen aber wenig wechselvoll. Im Sitzen sieht das Tier wie eine große, plumpe Maus aus. Der dicke, kurze Leib ruht mit dem Bauche auf dem Boden, der Schwanz leicht auf dem Grunde; von den Füßen bemerkt man kaum etwas. Um sich aufzurichten, drückt der in dieser Stellung sitzende Biber die Schwanzspitze gegen den Boden und erhebt sich nun langsamer oder rascher, wie er will, ohne dabei einen der Füße zu bewegen. Er kann sich beinahe, aber nicht ganz, senkrecht stellen und ruht dann auf den Hinterfüßen und dem Schwanze so sicher, daß es ihm leicht wird, beliebig lange in dieser Stellung zu verharren. Beim ruhigen Liegen und beim Schlafe wird der Schwanz unter den Leib geklappt und so dem Blicke vollständig entzogen. Der Biber kann sich aber auch jetzt ohne Anstrengung oder Gliederbewegung erheben und in den verschiedensten Lagen erhalten, beispielsweise um sich zu kratzen, eine Beschäftigung, welche oft und mit sicherer Behaglichkeit, niemals aber hastig ausgeführt wird. Wenn er auf dem Bauche liegt, streckt er sich lang aus, wenn er auf der Seite ruht, rollt er sich. Beim Gehen wird ein Bein um das andere bewegt; denn der fast auf der Erde schleifende Bauch läßt eine rasche, gleichmäßige Bewegung nicht zu. Bei größter Eile führt der Biber Sätze aus,
welche an Plumpheit und Ungeschicklichkeit die aller übrigen mir bekannten Landsäugetiere übertreffen und ein wechselndes Aufwerfen des Vorder- und Hinterteils hervorbringen, trotz alledem aber fördern. Ins Wasser fällt er bloß dann mit Geräusch, wenn er geängstigt wurde; beim gewöhnlichen Verlaufe der Dinge gleitet er lautlos in die Tiefe. Schwimmend taucht er das Hinterteil so tief ein, daß nur Nasenlöcher, Augen, Ohren und Mittelrücken über dem Wasser bleiben, die Schwanzwurzel aber überflutet wird. Er liegt auf den Wellen, ohne ein Glied zu rühren, hebt auch oft noch die Schwanzspitze, welche sonst gewöhnlich auf der Oberfläche ruht, in schiefer Richtung empor. Die Fortbewegung geschieht durch gleichzeitige, seltener durch wechselseitige Stöße der Hinterfüße, die Steuerung durch den Schwanz, welcher jedoch niemals senkrecht gestellt, sondern immer ein wenig schief gedreht, oft auch in entsprechender Richtung kräftig und stoßweise bewegt wird; die Vorderfüße nehmen beim Schwimmen keinen Anteil. Bei raschem Eintauchen geht der Biber vorn nieder, stößt mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig nach oben aus, schlägt gleichzeitig den Schwanz manchmal laut klatschend auf die Oberfläche des Wassers und versinkt rasch in fast senkrechter Richtung. Er kann an 2 Minuten im Wasser verweilen, bevor ihn die Atemnot zum Auftauchen zwingt.
Die Stimme ist ein schwacher Laut, welcher am richtigsten ein Gestöhn genannt werden möchte; man vernimmt sie bei jeder Erregung des Tieres und lernt bald die verschiedenen Bedeutungen der ausgestoßenen Laute verstehen, da ihre Stärke und Betonung den genügenden Anhalt hierzu gibt. Unter den Sinnen scheinen Gehör und Geruch obenanzustehen; die kleinen Augen sehen ziemlich blöde aus, das Gesicht ist jedoch ebensowenig verkümmert wie der Geschmack, und auch Gefühl kann dem Tiere nicht abgesprochen werden. Über den Grad des Verstandes des Bibers kann man verschiedener Meinung sein; so viel wird man zugestehen und anerkennen müssen, daß er innerhalb seiner Ordnung eine hohe Stelle einnimmt. Eher als jeder andere Nager fügt er sich in veränderte Umstände und lernt aus ihnen bestens Vorteile ziehen, und mehr als irgend einer seiner Ordnungsverwandten überlegt er, bevor er handelt, folgert er und zieht Schlüsse. Seine Bauten sind nicht kunstvoller als die anderer Nager, stets aber mit richtigem Verständnis der Ertlichkeit angelegt; Beschädigungen an ihnen werden immer mit Überlegung beseitigt. „Daß der Biber ein denkendes Tier sein muß und beinahe vernünftig zu Werke geht“, sagt ein Bericht des Wittingauer Forstamtes, „läßt sich durch eine hier beobachtete Thatsache bestätigen. Der Bach, in welchem hier die Biber leben, geht durch einen Teich, der nach Ver: lauf einiger Jahre zur Abfischung kommt. In dieser Zeit werden sämtliche Wasser abgelassen, und der Bach bleibt für einige Tage trocken. Bei dem letzten Wasserabzuge behufs der Abfischung ist es vorgekommen, daß der Biber bei dem eingetretenen Wasserabfall die Ursache des Abnehmens ergründete und, nachdem er gefunden, daß das Wasser durch das Zapfenhaus abrinne, dieses durch Schilf und Schlamm derartig verbaute, daß kein Tropfen durchkam. Auf diese Weise wollte er sich das Wasser erhalten. Es kostete nicht geringe Mühe, diese Verdämmung zu beseitigen.“ Angesichts dieser Thatsache wird wohl niemand ein Folgern, Überlegen und verständiges Handeln des Bibers in Abrede stellen können. Die geistige Begabung unserer Elbbiber wird verschieden beurteilt; mancher nennt fie, wenigstens außerhalb des Wassers, geradezu dumm. Dagegen schreibt uns Oberförster Paschke: „Daß der Biber zu Lande ein ziemlich dummes Tier sei, möchte ich nicht zugeben, vielmehr glauben, daß er in diesen Verdacht nur durch die Ungeschicklichkeit seiner Bewegungen auf dem Trockenen gekommen ist. Er weiß sich auch auf dem Lande seinen Verfolgern in ganz schlauer Weise zu entziehen.“ Bei Hochwasser sind die Biber am besten zu beobachten, denn dann sitzen fie gelegentlich auf ihren Burgen, mehr noch auf Kopfweiden, geschobenen Stämmen und an bebuschten Uferhängen; bei gewöhnlichem Wasserstande bemerktman sie seltener
und dann an Buhnen und in Weidenhegern. In diesen sitzen sie manchmal so fest, daß auch Jagdhunde sie stehen. Der Hund vom Förster Gantzer fuhr einst einem Biber ins Wasser nach und schwamm dort umher; der wieder auftauchende Biber mochte ihn für einen seinesgleichen halten, denn er schwamm ruhig an ihn heran und ging erst, als er den Hund fast berührte und dieser nach ihm griff, erschreckt in die Tiefe, versetzte aber seinem Gegner sogleich von untenher einen tüchtigen Biß, der ein ganzes Stück Fleisch wegnahm; der eilig ans Land flüchtende Hund lahmte infolgedessen lange Zeit.
Das Betragen des gefangenen Bibers anderen Tieren gegenüber ist unfreundlich, dem Menschen gegenüber mindestens zurückhaltend; aber bald gewöhnt er sich an eine ihm anfänglich lästige Nachbarschaft und fügt sich der Herrschaft seines Pflegers, ohne sich indessen Unbilliges gefallen zu lassen. Die gut behandelten leiden schließlich, daß man sie liebkost, gehen auch wohl zu ihrem Wärter hin und begrüßen ihn förmlich, widersetzen sich aber jeder Gewaltthat, indem sie den Rücken krümmen, die Zähne weisen und nötigen Falls auch angreifen. Daß Frauen und Kinder milden Herzens sind, haben solche im Tiergarten lebende Biber bald ergründet, und deshalb erscheinen sie nicht nur früher, als ihre Gewohnheit ist, vor ihrem Baue, sondern betteln auch, aufwartend und stehend, vorübergehende Frauen und Kinder um Apfel, Nüsse, Zucker und Brot an, nehmen diese Stoffe geschickt mit den Händen weg und beginnen zu fressen, schlagen aber den, welcher zu schenken vorgibt und doch nichts reicht, oder den, welcher neckt, auf die Finger.
Jung eingefangene Biber können sehr zahm werden. Die Schriftsteller, welche über Amerika berichten, erzählen von solchen, welche sie in den Dörfern der Indianer gewissermaßen als Haustiere fanden oder selbst zahm hielten. „Ich sah“, sagt La Hontan, „in diesen Dörfern nichts Merkwürdigeres als Biber so zahm wie Hunde, sowohl im Bache wie in den Hecken, wo sie ungestört hin- und herliefen. Sie gehen bisweilen ein ganzes Jahr lang nicht in das Wasser, obschon sie keine sogenannten Grubenbiber sind, welche bloß, um zu trinken, an den Bach kommen und, nach der Meinung der Wilden, ihrer Faulheit halber. von den anderen weggejagt wurden.“ Hearne hatte mehrere Biber so gezähmt, daß sie auf seinen Ruf kamen, ihm wie ein Hund nachliefen und sich über Liebkosungen freuten. In Gesellschaft der indianischen Weiber und Kinder schienen sie sich sehr wohl zu befinden, zeigten Unruhe, wenn diese lange wegblieben, und Freude, wenn sie wiederkehrten, krochen ihnen auf den Schoß, legten sich auf den Rücken, machten Männchen, kurz betrugen sich fast wie Hunde, welche ihre Freude ausdrücken wollen, wenn ihre Herren lange abwesend waren. Dabei hielten sie das Zimmer sehr reinlich und gingen immer in das Wasser, im Winter auf das Eis, um ihre Notdurft zu verrichten. Sie lebten von den Speisen der Leute und fraßen namentlich Reis- und Rosinenpudding sehr gern, nebenbei aber auch Fische und Fleisch, obwohl ihnen diese Nahrung ebenso unnatürlich scheinen mochte wie den Pferden und Rindern, welche im höheren Norden von Amerika und Europa ja auch mit Fischköpfen und anderen ähnlichen Dingen gefüttert werden. Auch Klein hatte einen Biber so gezähmt, daß er ihm wie ein Hund nachlief und ihn aufsuchte, wenn er abwesend war. Buffon bekam einen aus Kanada und hielt ihn jahrelang, anfangs ganz im Trocknen. Dieser schloß sich zwar niemand an, war aber sanft und ließ sich aufnehmen und umhertragen. Bei Tische verlangte er mit einem schwachen, kläglichen Tone und mit einem Zeichen seiner Hand auch etwas zu fressen, trug das Empfangene jedoch fort und verzehrte es im Verborgenen. Prinz von Wied fand einen zahmen Biber auf Fort Union, „so groß wie ein zweijähriges Schwein, aber blind“. Er ging im ganzen Hause umher und war gegen bekannte Personen sehr zutraulich, versuchte aber, alle ihm unbekannten Leute zu beißen.
Je nach dem Wohnorte des Bibers fällt die Paarung in verschiedene Monate. Einige setzen sie in den Anfang des Winters, andere in den Februar oder März. Bei dieser
Gelegenheit soll das Geil zur Geltung kommen und dazu dienen, andere Biber anzulocken. Audubon erfuhr von einem Jäger, daß ein Biber seine Geilsäcke an einem bestimmten Orte entleere, daß hierdurch ein zweiter herbeigelockt werde, welcher das abgesetzte Geil mit Erde überdecke und auf diese wieder das seinige ablege und so fort, so daß oft hohe, stark nach Geil riechende Hügel gebildet würden. Männchen und Weibchen benehmen sich, wie man dies an gefangenen wiederholt beobachtete, sehr zärtlich, setzen sich nebeneinander hin, um: armen sich buchstäblich und wiegen sich dann mit dem Oberleibe hin und her. Die Begattung geschieht, nach Eymouth, welcher als Vorsteher der fürstlich Schwarzenbergischen Kanzlei die von seinem Gebieter im Rothenhof jahrelang gehaltenen Biber beobachten konnte, in aufrechter Stellung, indem das Männchen sein Weibchen in angegebener Weise umschlingt, wird aber auch öfters im Wasser vollzogen. Etwas anders stellt Exinger die Sache dar. „Nachdem das Männchen sein Weibchen rasch im Wasser verfolgt und es einige Zeitlang teils auf der Oberfläche, teils unterhalb des Wassers umhergetrieben hat, erheben sich beide plötzlich gegeneinander gewendet, halbleibes senkrecht über den Wasserspiegel, wobei sie sich mit den Hinterfüßen und dem wagerecht von sich gestreckten platten Schwanze im Wasser erhalten; hierauf tauchen sie unter und schwimmen dem Lande zu, das Weibchen wirft sich auf den Rücken, und das Männchen legt sich über dasselbe hin, daß die Unter: seiten beider Tiere sich gegenseitig decken. Auch hierbei werden die zärtlichsten Liebkosungen nicht gespart; dann gleiten beide wieder ins Wasser, tauchen unter, schwimmen am entgegengesetzten Ufer ans Land, schütteln das Wasser vom Körper ab und putzen sich sorgfältig.“ Nach mehrwöchentlicher Tragzeit wirft das Weibchen in seinem trockenen Baue 2—3 behaarte, aber noch blinde Junge, nach 8 Tagen öffnen diese die Augenlider, und die Mutter führt nunmehr schon, bisweilen aber auch erst am 10. Tage, ihre Nachkömmlinge mit sich ins Wasser. Ey mouth gibt als Setzzeit April und Mai an; der späteste Wurf fand am 10. Juli statt. Schon im September kämpften im Rothenhof gezüchtete Junge nicht selten mit den Alten und mußten paarweise abgesondert werden; nur ausnahmsweise durfte man die Jungen bis zum zweiten Jahre bei ihren Eltern belassen.