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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Außer dem Fürsten Schwarzenberg, welcher auf der Wiener Weltausstellung ein Biberpaar zur Anschauung brachte, befaßt sich gegenwärtig niemand mit der Biberzucht, obwohl diese ebenso anziehend als lohnend ist und, wie aus den auf den fürstlichen Herrschaften gesammelten Erfahrungen hervorgeht, auch nicht besondere Schwierigkeiten verursacht. Ein Biberpaar, welches im Jahre 1773 im Rothenhof angesiedelt worden war, hatte sich schon 6 Jahre später bis auf 14 und 10 Jahre später bis auf 25 vermehrt; die Zucht wurde aber nunmehr beschränkt, weil man die Biber ins Freie bringen ließ und sie hier viel Schaden anrichteten. In Nymphenburg in Bayern hielt man ebenfalls Biber und erfuhr, daß einzelne von diesen 50 Jahre in Gefangenschaft aushielten.

Außer den Menschen hat der frei lebende Biber wenig Feinde. Dank seiner Vorsicht entgeht er auch dem geschickten Jäger oft noch glücklich. Einmal beunruhigt, sucht er bei der geringsten Gefahr das ihn ziemlich sichernde Wasser. Die nordamerikanischen Trapper behaupten, daß er da, wo er in Menge wohnt, Wachen ausstellt, welche durch lautes Auf: schlagen mit dem Schwanze gegen die Oberfläche des Wassers die übrigen von der herannahenden Gefahr benachrichtigen sollen. Diese Angabe ist so zu verstehen, daß bei einer Gesellschaft von vorsichtigen Tieren mehrere leichter einen Feind sehen als der Einzelne, somit also jedes Mitglied der Ansiedelung zum Wächter wird. Da das klatschende Geräusch nur erfolgt, wenn ein Biber jählings in die Tiefe taucht, und dies in der Regel dann geschieht, wenn er eine Gefahr zu bemerken vermeint, achten allerdings alle auf das weit vernehmbare Geräusch und verschwinden, sobald sie es vernehmen, von der Oberfläche des Wassers. In bewohnten Gegenden nutzt dem Biber übrigens, wie die Erfahrung darthut, auch

die größte Vorsicht nichts; der beharrliche Jäger weiß ihn doch zu berücken, und bei dem Werte der Beute lohnt die Jagd viel zu sehr, als daß der Biber selbst da, wo er durch strenge Jagdgesetze geschützt wird, nicht ausgerottet werden sollte. Erzbischof Johann Ernst von Salzburg setzte auf die Tötung eines Bibers Galeerenstrafe, und seine Biber wurden doch weggeschossen. So geht es allerorten. Die wenigen Biber, welche Europa noch besitzt, nehmen von Jahr zu Jahr ab und werden sicherlich das Los ihrer Brüder teilen. In Amerika erlegt man den Biber hauptsächlich mit dem Feuergewehre, fängt ihn außerdem aber in Fallen aller Art. Das Schießen ist langweilig und unsicher; Fallen, welche man durch frische Zweige ködert oder mit Geil verwittert, versprechen mehr. Im Winter haut man Wuhnen in das Eis und schlägt die Biber tot, wenn sie dahin kommen, um zu atmen. Auch eist man wohl in der Nähe ihrer Hütten ein Stück des Flusses oder Baches auf, spannt ein starkes Netz darüber, bricht dann die Burgen auf und jagt die erschreckten Tiere da hinein. Vernünftige Jäger lassen immer einige Biber übrig und begnügen sich mit einer gewissen Anzahl; an den Grenzorten aber, wo mehrere Stämme sich in das Gebiet teilen, nimmt jeder so viele, als er kann. Dieser Jagd halber entstehen oft Streitigkeiten unter den verschiedenen Stämmen, welche zuweilen in blutigen Fehden enden und auf beiden Seiten viele Opfer fordern. Der Nutzen, welchen der Biber gewährt, gleicht den 0 welchen er anrichtet, fast aus. Man muß dabei festhalten, daß er vorzugsweise unbevölkerte Gegenden bewohnt und am liebsten nur dünne Schößlinge von Holzarten fällt, welche rasch wieder nachwachsen. Dagegen bezahlt er mit Fell und Fleisch und mehr noch mit dem Bibergeil nicht bloß den angerichteten Schaden, sondern auch alle Mühen und Beschwerden der Jagd sehr reichlich. Von Amerika her gelangen, laut Lomer, alljährlich etwa 150,000 Felle im Gesamtwerte von 3 Millionen Mark in den Handel; das Stück wird je nach seiner Güte mit 20 —60 Mark bezahlt. Man rupft fie vor dem Gebrauche, d. h. zieht alle Grannenhaare aus und läßt bloß das Wollhaar übrig oder schert wenigstens das harte Oberhaar kurz ab; zu Filzhüten wird bloß das Haar der schlechtesten und beschädigten Felle verarbeitet. Vor 40 Jahren bezahlte man ein Lot Bibergeil mit 1 Gulden, gegenwärtig kosten 10 g von dem beiten, nämlich dem sibirischen, 2,6 Mark, von dem kanadischen dagegen bloß halb jo viel. Laut Pleischl rechnete man den durchschnittlichen Wert der Geilsäcke auf 180 Gulden, hat jedoch auch schon das Doppelte dieser Summe für einen Biber bezahlt. Das Fleisch gilt als besonders gut, wenn sich der Biber mit Seerosen geäst hat; den Schwanz betrachtet man als vorzüglichen Leckerbissen, für welchen man in früheren Zeiten die sehr bedeutende Summe von 6 Gulden zahlte. Da der Biber als ein fischähnliches Tier und deshalb geeignet galt, während der Fastenzeit genossen zu werden, bezahlte man in der fleischarmen Zeit einen Biberbraten um so besser. Von den vielerlei Verwendungen des Biberkörpers ist man mehr und mehr zurückgekommen, obschon der Aberglaube noch immer seine Rolle spielt. Hier und da werden Fett und Blut als Heilmittel benutzt; die Frauen in Sibirien benutzen die Knochen als Schutzmittel gegen den Fußschmerz, die Zähne als ein Halsgeschmeide, welches das Zahnen der Kinder erleichtert, die Zahnschmerzen benimmt ꝛce.

Bei den amerikanischen Wilden steht der Biber in sehr hohem Ansehen. Sie schreiben ihm fast ebensoviel Verstand zu wie dem Menschen und behaupten, daß das vorzügliche Tier unbedingt auch eine unsterbliche Seele haben müsse, anderer Märchen nicht zu gedenken.

Die Springnager (Dipodidae) erinnern in ihrem Baue lebhaft an die Känguruhs. Dasselbe Mißverhältnis des Leibes wie bei diesen zeigt sich auch bei ihnen. Der hintere Teil des Körpers ist verstärkt, und die hinteren Beine überragen die vorderen wohl dreimal

an Länge; der Schwanz ist verhältnismäßig ebenso lang, aber gewöhnlich am hinteren Ende zweizeilig bequastet. Dagegen unterscheidet die Springnager ihr Kopf wesentlich von den Springbeuteltieren. Er ist sehr dick und trägt die verhältnismäßig längsten Schnurren aller Säugetiere überhaupt: Schnurren, welche oft ebenso lang sind wie der Körper selbst. Große Augen deuten auf nächtliches Leben, sind aber lebhaft und anmutig wie bei wenig anderen Nachttieren; mittelgroße, aufrechtstehende löffelförmige Ohren von einem Drittel bis zur ganzen Kopflänge bezeichnen das Gehör als nicht minder entwickelten Sinn. Der Hals ist sehr dick und unbeweglich, der Rumpf eigentlich schlank. An den kleinen Vorderpfoten finden sich gewöhnlich 5 Zehen, an den hinteren 3, zuweilen mit 1 oder 2 Afterzehen. Der Pelz ist dicht und weich, bei den verschiedenen Arten und Gattungen sehr übereinstimmend, nämlich dem Sande ähnlich gefärbt. Auch der innere Leibesbau hat manches ganz Eigentümliche. Das Gebiß ist nicht besonders auffällig gebildet. Die Nagezähne sind bei einigen glatt, bei anderen gefurcht; die Anzahl der Backenzähne beträgt 3 oder 4 für jede Reihe; auch findet sich oben ein stummelhafter Zahn vor den 3 eigentlichen Backenzähnen. Den Schädel kennzeichnet der breite Hirnkasten und die ungeheuren Gehörblasen. Die Halswirbel, mit Ausnahme des Atlas, verwachsen oft in ein einziges Knochenstück. Die Wirbelsäule besteht aus 11—12 Rückenwirbeln, 7—8 Lendenwirbeln und 3 —4 Kreuzwirbeln; die Anzahl der Schwanzwirbel steigt bis auf 30. Am Mittelfuße verschmelzen die verschiedenen, nebeneinander liegenden Knochen in einen einzigen, an dessen Ende die Gelenkköpfe für die einzelnen Zehen stehen. Die Springnager bewohnen vorzugsweise Afrika und Asien; einige Arten reichen aber auch nach Südeuropa herüber, und eine Gattung oder Unterfamilie ist Nordamerika eigen. Sie sind Bewohner des trockenen, freien Feldes, der grasreichen Steppe und der dürren Sandwüsten, also eigentliche Wüstentiere, wie auch die Färbung augenblicklich erkennen läßt. Auf lehmigem oder sandigem Boden, in den Niederungen, seltener auf Anhöhen oder an dichten, buschigen Wiesensäumen und in der Nähe von Feldern, schlagen sie ihre Wohnsitze auf, selbstgegrabene, unterirdische Höhlen mit vielen

Gerippe des Pfeilspringers. verzweigten, aber meist sehr seichten Gängen, welche immer(Aus dem Berliner anatomischen Museum.) mit zahlreichen Ausgängen münden. Bei Tage in ihren Bauen verborgen, erscheinen sie nach Sonnenuntergang und führen dann ein heiteres Leben. Ihre Nahrung besteht in Wurzeln, Zwiebeln, mancherlei Körnern und Samen, Früchten, Blättern, Gras und Kräutern. Einige verzehren auch Kerbtiere, ja selbst kleine Vögel, gehen sogar das Aas an und fressen unter Umständen einander auf. Die Nahrung nehmen siezu sich, in halb aufrechter Stellung auf das Hinterteil und den Schwanz gestützt, das Futter mit den Vorderpfoten zum Munde führend.

Ihre Bewegungen sind eigentümlicher Art. Der ruhige Gang unterscheidet sich von dem des Känguruhs insofern, als fie in rascher Folge ein Bein vor das andere setzen; bei eiligem Laufe aber fördern sie sich sprungweise, indem sie sich mit den kräftigen Hinterfüßen hoch

Gerippe des Pfeilſpringers. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

emporschnellen, mit dem zweizeiligen Schwanze die Richtung regeln und so das Gleichgewicht des Körpers erhalten. Dabei legen sie die Vorderbeine entweder an das Kinn oder, wie ein schnelllaufender Mensch, gekreuzt an die Brust, scheinen dann auch wirklich nur zwei Beine zu besitzen. Die größeren Arten vermögen gewaltige Sätze auszuführen; denn man kann von allen sagen, daß diese das Zwanzigfache ihrer Leibeslänge betragen. Ein Sprung folgt unmittelbar auf den anderen, und wenn sie in voller Flucht sind, sieht man eigentlich bloß einen gelben Gegenstand, welcher in flachen Bogen wie ein Pfeil die Luft durchschießt. Mit ebenso großer Behendigkeit graben sie im Boden, trotz der schwachen Vorderfüße, welche diese Arbeit hauptsächlich verrichten müssen. Während sie weiden, gehen sie, ebenfalls wieder wie Känguruhs, auf vier Beinen, jedoch sehr langsam und immer nur auf kurze Zeit. Im Sitzen ruhen sie auf den Sohlen der Hinterfüße.

Alle Arten sind scharfsinnig, namentlich feinhörig und fernsichtig, wissen daher drohenden Gefahren leicht zu entgehen. Außerst furchtsam, scheu und flüchtig, suchen sie sich bei jeder Störung so eilig wie möglich nach ihrem Baue zu retten oder ergreifen, wenn ihnen dies nicht möglich wird, mit rasender Schnelligkeit die Flucht. Die größte Art verteidigt sich im allerhöchsten Notfalle nach Känguruhart mit den Hinterbeinen, die kleineren dagegen machen, wenn sie ergriffen werden, nie von ihren natürlichen Waffen Gebrauch. Ihre Stimme besteht in einer Art von Winseln, welches dem Geschreie junger Katzen ähnlich ist, bei anderen wohl auch in einem dumpfen Grunzen. Aber man hört nur selten überhaupt einen Ton von ihnen. Bei geringer Wärme verfallen sie in Winterschlaf oder erstarren wenigstens auf kurze Zeit, tragen aber nicht, wie andere Nager, Vorräte für den Winter ein.

Gefangene Springnager sind überaus angenehme und anmutige Gesellschafter des Menschen; ihre Gutmütigkeit, Sanftmut und Harmlosigkeit erwirbt ihnen jedermann zum Freunde. Fast alle Arten sind durchaus unschädlich. Die freie Wüste bietet ihnen so viel, daß sie nicht nötig haben, das Besitztum des Menschen zu plündern. Eine Art soll zwar auch die Pflanzungen und Felder besuchen und Schaden anrichten, diesen durch ihr schmackhaftes Wildbret und ihr Fell jedoch wieder aufwiegen.

Die Hüpfmaus (Jaculus hudsonius, J. americanus und labradorius, Dipus hudsonius, canadensis und americanus, Mus labradorius und longipes, Gerbillus labradorius, Meriones hudsonius, labradorius, microcephalus, acadicus), aus Nord: amerika, Vertreter einer eigenen Gattung und Unterfamilie (Jaculinae), mag die Reihe eröffnen. Sie schließt sich durch ihren Leibesbau altweltlichen Verwandten an, erinnert durch Gestaltung und Behaarung ihres Schwanzes aber auch noch an die Mäuse. In ihrer Größe kommt sie ungefähr mit der Waldmaus überein; ihre Leibeslänge beträgt etwa 8 em, die Schwanzlänge 13 cm. Das Gebiß besteht aus 18 Zähnen, da im Oberkiefer jederseits 4, im Unterkiefer 3 Backenzähne vorhanden sind, die oberen Nagezähne zeigen eine Längsfurche; unter den oberen Backenzähnen ist der vordere einwurzelige sehr klein, und nehmen die übrigen von vorn nach hinten an Länge ab. Der Leib ist gestreckt, nach hinten etwas dicker, der Hals mäßig lang und dick, der Kopf lang und schmal, die Schnauze mittellang und zugespitzt, der Mund klein und zurückgestellt; die mäßig großen Ohren find eiförmig gestaltet, hoch und schmal und an der Spitze abgerundet, die Augen ziemlich klein, die Schnurren mäßig, aber doch nicht von mehr als Kopfeslänge. Die kurzen, dünnen Vorderfüße haben 4 Zehen und 1 Daumenwarze, die wohl dreimal längeren, verhältnismäßig schmächtigen, nacktsohligen Hinterfüße dagegen 5 Zehen, von denen die beiden äußeren beträchtlich kürzer

als die 3 mittleren sind. Alle Zehen, mit Ausnahme der Daumenwarze an den Vorderfüßen, welche einen Plattnagel trägt, werden durch kurze, gekrümmte, schmale und zusammengedrückte Krallen bewehrt. Der sehr lange, runde Schwanz ist schon an der Wurzel dünn, verschmächtigt sich immer mehr und endet in eine feine Spitze, ist geringelt und geschuppt und nur spärlich mit kurzen Haaren bedeckt. Die glatte, anliegende und dichte Behaarung ist auf der Oberseite dunkel leberbraun mit braungelber Mischung, an den Seiten braungelb mit schwacher, schwarzer Sprenkelung, an der Unterseite weiß gefärbt. Zuweilen nimmt die bräunlichgelbe Färbung der Seiten einen ebenso großen Raum ein wie die Rückenfarbe; im Winterkleide dagegen wird sie gänzlich verdrängt, und das Dunkelbraun des Rückens verbreitet sich bis zur Unterseite. Die Ohren sind schwarz und gelb, die Mundränder weiß, die Hinterfüße oben graulich, die Vorderfüße weißlich behaart.

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