Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Gerippe des Bibers. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
Solinis, daß der Biber, wenn er verfolgt werde, seinen Beutel mit dem Geile abbeiße und den Jägern hinwerfe, um sich zu retten; denn alle gefangenen hätten diesen Beutel noch, und er könne ihnen nur mit Verlust ihres Lebens genommen werden. Das Geil sei das vortrefflichste Gegengift in der Pest, bei Fieber, helfe überhaupt für alle denkbaren Krank heiten; aber auch außerdem sei der Biber noch sehr nützlich. Nach der größeren oder geringeren Höhe der Hütten erlaube er, auf den späteren Stand des Wassers zu schließen, und die Bauern könnten, wenn sie den Biber beobachteten, ihre Felder bis an den Rand des Flusses bestellen oder müßten sie dort liegen lassen, weil sie sicher überschwemmt werden würden, wenn der Biber besonders hohe Häuser gebaut habe. Die Felle seien weich und zart wie Daunen, schützten wunderbar gegen die rauhe Kälte, gäben daher eine kostbare Kleidung der Großen und Reichen ab. Später lebende Schriftsteller glauben an diese Märchen und vermehren sie mit Zusätzen. Marius, ein Arzt in Ulm und Augsburg, schrieb im Jahre 1640 ein eigenes Büchlein über die arzneiliche Benutzung des Bibers, welches fast ganz aus Rezepten besteht; Johann Frank vermehrte es 1685 noch bedeutend. Haut und Fett, Blut und Haare, die Zähne und hauptsächlich das Bibergeil find vortreffliche Heilmittel. Aus den Haaren macht man Hüte, welche gegen Krankheit schützen; die Zähne hängt man den Kindern um den Hals, weil sie das Zahnen erleichtern.
Diese alten Schriften haben das Gute, daß sie uns über das frühere Vorkommen der Biber Aufschluß geben. Wir ersehen daraus, daß sich kaum ein anderes Tier jo rasch vermindert hat wie dieser geschätzte Nager. Noch heutigestags reicht der Wohnkreis des Bibers durch drei Erdteile hindurch und erstreckt sich über alle zwischen dem 33. und 68. Grad nördlicher Breite liegenden Länder; in früheren Zeiten aber muß er weit ausgedehnter gewesen sein.
[illegible artist signature] SPECHT.
Specht
BIBER.
Man hat geglaubt, den Biber in der ägyptischen Bilderschrift wiederzufinden, und hieraus würde hervorgehen, daß er in Afrika vorgekommen ist. Die Religion der indischen Magier verbot, ihn zu töten, folglich muß er auch in Indien heimisch gewesen sein. „Wiewol dieses in allen Landen ein gemein Thier ist“, sagt Gesner, „und in gemein gern wohnet, wo es Fisch und Krebs giebt, als wie die Mörder an den Strassen, so seynd sie doch am liebsten, wo grosse Wasserflüß lauffen, als wie die Ar, Reuß und Lymmat im Schweitzerland, auch hat die Byrß umb Basel deren viel, und Hispanien vast bey allen Wasseren, wie Strabo sagt, in Italien, da der Pau (Poo) ins Meer laufft.“ In Frankreich und Deutschland kam er fast überall vor. In England wurde er zuerst ausgerottet. Gegenwärtig findet man ihn in Deutschland noch an der Elbe, gelegentlich etwa von Wartenburg oberhalb Wittenberg an abwärts bis gegen Magdeburg hin, und zwar als Standtier mit voller Sicherheit an einer Flußstrecke unterhalb Aken besonders in den Revieren der Oberförstereien Steckby und Tochheim sowie Grünewalde (gegenüber Schönebeck) am rechten und Lödderitz am linken Ufer, wo man den Bestand, wie Oberförster Paschke zu Lödderitz uns mitteilt, auf 60 Stück veranschlagen kann. Nach demselben Gewährsmanne sind Biber von alters her Standtiere auch in der Saale von ihrer Mündung in die Elbe an bis nach Trabitz unterhalb Kalbe; auf dieser Strecke mögen gegenwärtig etwa 15 Stück hausen. An den genannten Stellen ist der Biber heimisch, und man kann nicht nur jederzeit die Spuren seines Wirkens besichtigen, sondern gelegentlich ihn selbst beobachten. Laut Kabinettsbefehl wird er in allen diesen Standorten angrenzenden preußischen Staatsforsten und Domänen streng geschont; das Gleiche hat die herzoglich anhaltische Forstverwaltung angeordnet. Vor mehreren Jahrzehnten war er auch in der von Zerbst kommenden und unterhalb Barby in die Elbe mündenden Nuthe heimisch, hat sich aber aus diesem Gewässer gänzlich zurückgezogen.
Übrigens wurde nach einer Mitteilung in der Jagdzeitung „Der Weidmann“ im Jahre 1886 ein Biber auch in der Havel bei Havelberg bemerkt, für einen Fischotter gehalten und in dieser Annahme vom Kaufmann Weber erlegt. Einzeln und zufällig mag er sich ferner noch in den Auen der Salzach an der österreichisch-bayrischen Grenze und möglicherweise an der Möhne in Westfalen finden. Am häufigsten unter den Ländern Europas beherbergen ihn noch Bosnien, Rußland, und zwar die nördlichen Zuflüsse des Pripet im Gouvernement Minsk, sowie Skandinavien, namentlich Norwegen. Weit zahlreicher als in Europa lebt er in Asien. Die großen Ströme Mittel- und Nordsibiriens bewohnt er in Menge, und auch in den Flüssen, welche sich in den Kaspischen See ergießen, soll er ansässig sein. In den Zuflüssen des Kuban am Nordhange des Kaukasus wird er sicher gefunden, ebenso in Mesopotamien. In Amerika war er gemein, ist aber durch die unablässige Verfolgung schon sehr zusammengeschmolzen. La Hontan, welcher vor zwei Jahrhunderten Amerika bereiste, erzählt, daß man in den Wäldern von Kanada nicht 4—5 Stunden gehen könne, ohne auf einen Biberteich zu stoßen. Am Flusse der Puants, westlich von dem See Illinois, lagen in einer Strecke von 20 Stunden mehr als 60 Biberteiche, an denen die Jäger den ganzen Winter zu thun hatten. Seitdem hat die Anzahl der Tiere, wie leicht erklärlich, ungemein abgenommen. Audubon gibt (1849) bloß noch Labrador, Neufundland, Kanada und einzelne Gegenden der Staaten Maine und Massachusetts als Heimatländer des Tieres an, fügt jedoch hinzu, daß er in verschiedenen wenig bebauten Gegenden der Vereinigten Staaten einzeln noch gefunden werde.
Der Biber (Castor fiber, C. communis) ist einer der größten Nager. Bei erwachsenen Männchen beträgt die Leibeslänge 75— 95 cm, die Länge des Schwanzes 30 cm, die Höhe am Widerriste ebensoviel, das Gewicht 20— 30 kg. Der Leib ist plump und stark, hinten bedeutend dicker als vorn, der Rücken gewölbt, der Bauch hängend, der Hals kurz und dick, der Kopf hinten breit, nach vorn verschmälert, plattscheitelig, kurz- und
stumpfschnauzig; die Beine find kurz und sehr kräftig, die hinteren etwas länger als die vorderen, die Füße fünfzehig und die hinteren bis an die Krallen durch eine breite Schwimmhaut miteinander verbunden. Der Schwanz, welcher sich nicht deutlich vom Rumpfe scheidet, ist an der Wurzel rund, in der Mitte oben und unten platt gedrückt, bis 20 em breit, an der Spitze stumpf abgerundet, an den Rändern fast schneidig, von oben gesehen eirund gestaltet. Die länglichrunden, fast unter dem Pelze versteckten Ohren sind klein und kurz, innen und außen behaart und können so an den Kopf angelegt werden, daß sie den Gehörgang beinahe vollständig verschließen. Die kleinen Augen zeichnen sich durch eine Nickhaut aus; ihr Stern steht senkrecht. Die Nasenlöcher sind mit wulstigen Flügeln versehen und können ebenfalls geschlossen werden. Die Mundspalte ist klein, die Oberlippe breit, in der Mitte gefurcht und nach abwärts gespalten. Das Fell besteht aus außerordentlich dichten, flockigen, seidenartigen Wollhaaren und dünn stehenden, langen, starken, steifen und glänzenden Grannen, welche am Kopfe und Unterrücken kurz, an dem übrigen Körper über 5 em lang sind. Auf den Oberlippen sitzen einige Reihen dicker und steifer, nicht eben langer Borsten. Die Färbung der Oberseite ist ein dunkles Kastanienbraun, welches mehr oder weniger ins Grauliche zieht, die der Unterseite heller, das Wollhaar an der Wurzel silbergrau, gegen die Spitze gelblichbraun; die Füße sind dunkler gefärbt als der Körper. Den an der Wurzel im ersten Drittel sehr lang behaarten, im übrigen aber nackten Schwanz bedecken hier kleine, länglichrunde, fast sechseckige, platte Hautgruben, zwischen denen einzelne, kurze, steife, nach rückwärts gerichtete Haare hervortreten. Die Färbung dieser nackten Teile ist ein blasses, schwärzliches Grau mit bläulichem Anfluge. Hinsichtlich der allgemeinen Färbung des Felles kommen Abweichungen vor, indem sie bald mehr in das Schwarze, bald mehr in das Graue, zuweilen auch in das Rötlichweiße zieht. Sehr selten findet man auch weiße und gefleckte Biber.
Die sehr großen und starken, vorn flachen, glatten, im Querschnitte fast dreischneidigen, an der Seite meißelförmigen Nagezähne ragen weit aus dem Kiefer hervor; die ziemlich übereinstimmend gestalteten Backenzähne haben oben außen drei, innen eine, unten umgekehrt außen eine, innen drei querlaufende Schmelzfalten. Der Schädel ist ungewöhnlich kräftig ausgebildet. Alle Knochen sind kräftig und breit und dienen sehr starken Muskeln zum Ansatze. Zehn Wirbel umschließen die Brust, 9 bilden den Lendenteil, 4 das Kreuz und 24 den Schwanz. Die Speicheldrüsen, namentlich die Ohrspeicheldrüse, sind auffallend entwickelt, und auch der lange, eingeschnürte Magen ist sehr drüsenreich. Harnleiter und Geschlechtswerkzeuge münden in den Mastdarm. Bei beiden Geschlechtern finden sich im Unterteile der Bauchhöhle, nahe am After und den Geschlechtsteilen, zwei eigentümliche, gewöhnlich voneinander getrennte, in die Geschlechtsteile mündende Absonderungsdrüsen, die Geil- oder Kastorsäcke. Die inneren Wandungen dieser Drüsen, mit einer Schleimhaut überzogen, welche in schuppenähnliche Säckchen und Falten geteilt ist, sondern das sogenannte Bibergeil oder Gail (Castoreum) ab, eine dunkel rotbraune, gelbbraune oder schwarzbraune, ziemlich weiche, salbenartige Masse von eigentümlich durchdringendem, starkem, nur wenig Leuten angenehmem Geruche und lange anhaltendem, bitterlichem, balsamischem Geschmacke, welches in früheren Zeiten als krampfstillendes und beruhigendes Mittel vielfach angewandt wurde, gegenwärtig aber wegen seiner sehr wechselnden Stärke mehr und mehr in Vergessenheit kommt.
Der Kanadabiber (Castor canadensis, C. americanus) unterscheidet fi von dem europäischen durch die mehr gewölbte Gesichtslinie des überhaupt schmäleren Kopfes und andere Eigentümlichkeiten des Schädels, durch das dunklere Fell und namentlich durch abweichende Verhältnisse des Geilsackes. Seine Artselbständigkeit ist nach Blasius nicht zu bezweifeln.
Versucht man die Naturgeschichte des Bibers von allen Fabeln und Märchen, welche noch bis in die neuere Zeit ihr beigefügt wurden, zu entkleiden, so ergibt sich ungefähr folgendes:
Der Biber lebt gegenwärtig meist paarweise und nur in den stillsten Gegenden zu größeren oder kleineren Familien vereinigt. In allen bevölkerten Ländern haust er, wie der Fischotter, meist in einfachen, unterirdischen Röhren, ohne daran zu denken, sich Burgen zu bauen. Solche fand man aber noch in neuerer Zeit an der Nuthe, unweit der Elbe, in einer einsamen, mit Weiden bewachsenen Gegend, welche von dem nur 6—8 Schritt breiten Flüßchen durchströmt wird und schon seit den ältesten Zeiten den Namen Biberlache führt. Dort beobachtete von Meyerinck die Biberansiedelungen viele Jahre und jagt folgendes darüber: „Es wohnen jetzt (im Jahre 1822) noch mehrere Biberpaare in Gruben, welche, einem Dachsbaue ähnlich, 30 —40 Schritt lang und mit dem Wasserspiegel gleichhoch laufend find und auf dem Lande Ausführungsgänge haben. In der Nähe der Gruben errichten die Biber sogenannte Burgen. Sie find 2,5—3 m hohe, von starken Knüppeln kunstlos zusammengetragene Haufen, welche sie an den benachbarten Bäumen abbeißen und schälen, weil sie sich davon äsen. Im Herbste befahren die Biber die Haufen mit Schlamm und Erde vom Ufer des Flusses, indem sie diese mit der Brust und den Vorderfüßen nach dem Baue schieben. Die Haufen haben das Ansehen eines Backofens und dienen den Bibern nicht zur Wohnung, sondern nur zum Zufluchtsorte, wenn hoher Wasserstand sie aus den Gruben treibt. Im Sommer des genannten Jahres, als die Ansiedelung aus 15— 20Jungen und Alten bestand, bemerkte man, daß sie Dämme warfen. Die Nuthe war zu dieser Zeit so seicht, daß die Ausgänge der Röhren am Ufer überall sichtbar wurden und unterhalb deren nur noch wenige Zentimeter tief Wasser stand. Die Biber hatten eine Stelle gesucht, wo in der Mitte des Flusses ein kleiner Heger war, von welchem sie zu beiden Seiten starke Reiser ins Wasser warfen und die Zwischenräume mit Schlamm und Schilf so ausfüllten, daß dadurch der Wasserspiegel oberhalb des Dammes um 30 em höher stand als unterhalb. Der Damm wurde mehreremal weggerissen, in der Regel aber die folgende Nacht wiederhergestellt. Wenn das Hochwasser der Elbe in die Nuthe hinaufdrang und die Wohnungen der Biber überstieg, waren sie auch am Tage zu sehen. Sie lagen alsdann meist auf der Burg oder auf den nahe stehenden Kopfweiden.“
Zu diesen wahrheitsgetreuen Angaben kommen die Beobachtungen des Arztes Sarrazin, welcher mehr als 20 Jahre in Kanada gelebt hat, Hearnes, welcher 3 Jahre an der Hudsonbai zubrachte, Cartwrights, welcher sich länger als 10 Jahre in Labrador aufhielt, Audubons, welcher übrigens nur einem Jäger nacherzählt, des Prinzen von Wied, Morgans, Agassiz und anderer, um uns ein Bild der Biberbauten zu geben.