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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Bis jetzt kennt man bloß eine aus zwei südeuropäischen Arten bestehende Gattung der

Unterfamilie; eine Art bewohnt die Pyrenäenkette und ihre Ausläufer, die andere Südrußland. Erstere, die Bisamspitzmaus, Almizilero der Spanier (Myogale pyrenaica), ein Tier von 25 em Gesamtlänge, von welcher etwa die Hälfte auf den Schwanz kommt, ist oben kastanienbraun, an den Seiten braungrau, am Bauche silbergrau, an den Seiten des Rüssels weißlich, am Schwanze dunkelbraun mit weißen Härchen, die Vorderpfoten sind bräunlich behaart, die hinteren nackt und beschuppt. Man glaubte anfänglich, daß diese Art bloß auf die Pyrenäen beschränktsei; doch haben sie Graölls und mein Bruder auch in der Sierra de Gredos aufgefunden, und ihr Heimatskreis mag sich wohl über den ganzen Norden Spaniens erstrecken.

Der Desman oder Wychuchol (Myogale moschata, Castor und Sorex moschatus, M. moscovitica) unterscheidet sich von dem spanischen Verwandten zunächst durch seine Größe; denn seine Gesamtlänge beträgt bis 42 em, wovon auf den Leib 25 em, auf den Schwanz 17 em kommen. Die Augen sind klein, die Ohröffnungen dicht mit Haaren bedeckt, die Nasenöffnungen durch eine Warze verschließbar, die Pfoten kahl, auf der Oberseite fein geschuppt, unten genetzt, am äußeren Rande mit Schwimmborsten besetzt. Der aus sehr glatten Grannen und äußerst weichen Wollhaaren bestehende Pelz ist oberseits rötlichbraun, unterseits weißlich aschgrau, silbern glänzend.

Der Desman bewohnt den Südosten Europas und zwar haupisächlich die Flußgebiete der Ströme Wolga und Don, findet sich jedoch auch in Asien und zwar in der Bucharei. Sein Leben ist an das Wasser gebunden, und nur höchst ungern unternimmt er kleine Wanderungen von einem Bache zum anderen. Überall, wo er vorkommt, ist er häufig. Sein Leben ist sehr eigentümlich, dem des Fischotters ähnlich. Es verfließt halb unter der Erde, halb im Wasser. Stehende oder langsam fließende Gewässer mit hohen Ufern, in denen er sich leicht Gänge graben kann, sagen ihm am meisten zu. Hier findet man ihn einzeln oder paarweise in großer Anzahl. Die Röhren sind künstlich und ebenfalls nach Art des Fischotterbaues angelegt. Unterhalb der Oberfläche des Wassers beginnt ein schief nach auf: wärts steigender Gang, welcher unter Umständen eine Länge von 6 m und darüber erreichen kann; dieser führt in einen Kessel, welcher regelmäßig 155— 2 m über dem Wasserspiegel und jedenfalls über dem höchsten Wasserstande liegt, somit auch unter allen Umständen

trocken bleibt. Ein Luftgang nach obenhin findet sich nicht; demungeachtet ist die Angabe, daß der Desman im Winter oft in seinen Bauen ersticken müsse, eine Unwahrheit.

Als vortrefflicher Schwimmer und Taucher bringt der Desman den größten Teil seines Lebens im Wasser zu, und nur, wenn Überschwemmungen ihn aus seinen unterirdischen Gängen vertreiben, betritt er die Oberfläche der Erde; aber selbst dann entfernt er sich nur gezwungen auf kurze Strecken von dem Wasser. Hier treibt er sich Tag und Nacht, Sommer und Winter umher; denn auch, wenn Eis die Flüsse deckt, geht er seinem Gewerbe nach und zieht sich bloß, wenn er gesättigt und ermüdet ist, nach seiner Höhle zurück, deren Mündung immer so tief angelegt wird, daß selbst das dickste Eis sie nicht verschließen kann. Seine Nahrung besteht aus Blutegeln, Würmern, Wasserschnecken, Schnaken, Wassermotten und Larven anderer Kerbtiere. Die Fischer sagen freilich, daß er Wurzeln und Blätter vom

Desman (Myogale moschata). 12 natürl. Größe.

Kalmus fresse, haben sich aber zu solchem Glauben nur von dem Umstande verleiten lassen, daß er gerade diese Pflanze besonders oft nach Beute absucht. So plump und unbeholfen der Desman erscheint, so behende und gewandt ist er. Sobald das Eis aufgeht, sieht man ihn im Schilfe und Gesträuche des Ufers unter dem Wasser umherlaufen, sich hin- und herwenden, mit schnellen Bewegungen des Rüssels Gewürm suchen und oft, um zu atmen, an die Oberfläche kommen. Bei heiterem Wetter spielt er im Wasser und sonnt sich am Ufer. Den Rüssel krümmt er nach allen Seiten, tastet auch geschickt mit ihm. Oft steckt er ihn in das Maul und läßt dann schnatternde Töne hören, welche denen einer Ente ähneln. Reizt man ihn, oder greift man ihn an, so pfeift und quiekt er wie eine Spitzmaus, sucht sich auch durch Beißen zu verteidigen. Mit dem Rüssel vermag er, wie man an Gefangenen beobachtet hat, sehr hübsch und geschickt Regenwürmer und andere kleine Tiere zu erhaschen und sie nach Elefantenart in das Maul zu schieben. Im Trocknen wird er sehr unruhig und sucht zu entkommen; sobald er dann in das Wasser gelangt, scheint er sich wahrhaft beglückt zu fühlen und wälzt sich vor Vergnügen hin und her.

Man kann ihn ziemlich leicht fangen, zumal im Frühlinge und zur Zeit der Begattung, wenn beide Geschlechter miteinander spielen. In einem großen Netze, welches man durch das

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Desman (Myogale moschata). 12 natürl. Größe.

Wasser zieht, findet man regelmäßig mehrere verwickelt. Aber man muß dabei natürlich die Vorsicht gebrauchen, immer nur kürzere Strecken auf einmal durchzufischen, damit die Tiere, welche durch die Netze in ihren Bewegungen gehindert werden, nicht unter dem Wasser ersticken. In Reusen und Netzen, welche die Fischer ausstellen, werden viele von ihnen aufgefunden, welche auf diese Weise ums Leben gekommen sind. Im Herbste betreibt man eine förmliche Jagd auf das Tier, weil um diese Zeit seine Jungen erwachsen find und die Ausbeute ergiebig wird. Über die Fortpflanzung und die Anzahl der Jungen des Desmans ist bis jetzt noch nichts Sicheres bekannt; doch scheint es, daß er sich ziemlich zahlreich vermehrt: hierfür sprechen mindestens die acht Zitzen, welche man am Weibchen findet. Wie häufig das Tier sein muß, geht daraus hervor, daß man die Felle, welche man zur Verbrämung der Kappen und Hauskleider verbraucht, nur mit wenigen Pfennigen unseres Geldes bezahlt. Im Winter werden aus unbekannten Gründen meistens Männchen, selten Weibchen, gefangen, im Sommer dagegen nur wenige Männchen.

Pallas ist der einzige Forscher, welcher über den freilebenden wie auch über den gefangenen Desman Mitteilungen macht. Das Tier hält stets nur sehr kurze Zeit in der Gefangenschaft aus, selten länger als 3 Tage; doch glaubt genannter Forscher, daß dies wohl in der üblen Behandlung liegen möchte, welche der Wychuchol beim Fange von den Fischern erleiden muß. Wenn man ihmin sein Behältnis Wasser gießt, zeigt er eine besondere Lust, schmatzt, wäscht den Rüssel und schnuppert dann umher. Läßt man den unruhigen Gesellen gehen, so wälzt er sich unaufhörlich von einer Seite auf die andere, und indem er sich auf die Sohle der einen Seite stützt, kämmt und kratzt er sich so schnell, als mache er es mit zitternder Bewegung. Die Sohlen sind wunderbar gelenkig und können selbst die Lenden erreichen, der Schwanz dagegen bewegt sich wenig und wird fast immer wie eine Sichel ge bogen. Der Desman ergreift alle ihm zugeworfene Beute hastig mit dem Rüssel, wie mit einem Finger, und schiebt sie sich ins Maul, schnüffelt auch nach allen Seiten hin beständig umher und scheint ebenso große Unersättlichkeit zu besitzen wie andere Mitglieder seiner Familie. Abends begibt er sich zur Ruhe und liegt dann mit zusammengezogenem Leibe, die Vorderfüße auf einer Seite, den Rüssel nach unten, fast unter den Arm gebogen, auf der flachen Seite. Aber auch im Schlafe ist er unruhig und wechselt oft den Platz. Nach sehr kurzer Zeit wird das Wasser von seinem Unrate und der Aussonderung der Schwanzdrüsen stinkend und muß deshalb beständig erneuert werden. So angenehm er durch seine Beweglichkeit und Lebendigkeit ist, jo unangenehm wird ein gefangener durch den Moschusgeruch, welcher so stark ist, daß er nicht nur das ganze Zimmer füllt, sondern sich auch allen Tieren, welche den Desman fressen, mitteilt und förmlich einprägt.

Wie es scheint, hat der Desman weder unter den Säugetieren noch unter den Vögeln viele Feinde: um so eifriger aber stellen ihm die großen Raubfische und namentlich die Hechte nach. Solche Übelthäter sind zu erkennen; denn sie riechen derartig nach Moschus, daß sie vollkommen ungenießbar geworden find. Der Mensch verfolgt das schmucke Tier seines Felles wegen, welches dem des Bibers und der Zibethratte jo ähnelt, daß sich Linne verleiten ließ, den Desman als Castor moschatus oder Moschusbiber unter die Nager zu stellen.

Weder Halbaffen noch Fledermäuse noch Kerfjäger, aber mit Merkmalen aller versehen, haben die Pelzflatterer, Vertreter einer besonderen Familie (Galeopithecidae) und einzigen Gattung (Galeopithecus), den Forschern von jeher viel Kopfzerbrechen gemacht. Linns stellte fie zu den Halbaffen, Cuvier zu den Fledermäusen, Geoffroy zu den Raubtieren, Oken zu den Beuteltieren und Peters endlich zu den Kerbtierfressern, deren Reihe

fie hier beschließen mögen. Streng genommen, gehören sie auch hier nicht her; denn nach Leches Untersuchungen müßten sie eigentlich eine besondere Ordnung bilden. Sie stehen tiefer als alle genannten mit ihnen verwandten Ordnungen, weshalb wir sie immerhin an das Ende der Kerfjäger stellen dürfen. Entsprechend der Unsicherheit der Forscher heißt die bekannteste Art unter anderen noch geflügelter Affe, Flattermaki, fliegende Katze, wunderbare Fledermaus ıc. Die Pelzflatterer sind katzengroße Tiere von schlankem Leibesbau, deren mittellange Gliedmaßen durch eine breite und dicke, auf beiden Seiten behaarte Haut verbunden werden. Ihre fünf Zehen haben zurückziehbare Krallennägel und keinen der übrigen Hand entgegensetzbaren Daumen. Der kurze Schwanz steckt mit in der Flatterhaut. Der Kopf ist verhältnismäßig klein, die Schnauze sehr verlängert, die Augen sind mäßig groß, die behaarten Ohren klein. Die Flatterhaut ist keine Flughaut, sondern nur ein Fallschirm, welcher den Leib zu weiten Sprüngen und langsamerem Fallen befähigt, hat also mit der Flughaut der Fledermäuse keine Ahnlichkeit. Sie ist eine Fortsetzung der Leibeshaut, beginnt am Halse, verbindet sich mit dem Vorderbeine, umhüllt dieses bis zur Hand, verläuft in gleichmäßiger Breite nach der Hinterhand und geht nun endlich nach der Schwanzspitze. So stecken alle Glieder gleichsam in ihr. Jede Brust hat zwei Zitzen. Das Gebiß besteht aus 34 Zähnen, nämlich 2 Schneidezähnen oben, 4 unten und 1 Eckzahn, 2 Lücken- und 4 Höckerzähnen in jedem Kiefer, und fällt besonders auf wegen der kammartig gezackten, in 8 — 10 Spitzen ausgehenden, nach vorn geneigten unteren sowie der gelappten Kronen der oberen Schneidezähne. Der Schädel ist gestreckt, hinten flach und breit, im Schnauzenteile sehr verschmächtigt, der Jochbogen vollständig; die Wirbelsäule enthält außer den Halswirbeln 10 Rücken-, 9 Lenden-, 4 Kreuz: und 18 Schwanzwirbel, von denen 13 Rippen tragen; die Unterschenkelknochen sind getrennt; das Ellbogenbein läuft wie das Wadenbein nach unten fadenförmig aus. Das Gehirn ist sehr klein, der Magen geräumig, der Darm lang gewunden.

Der Kaguang, Kubin der Malayen (Galeopithecus volans, Lemur volans, G. rufus, variegatus, temminckii 2c., Abbildung S. 404) erreicht eine Gesamtlänge von 60 cm, wovon 11—12 cm auf den Schwanz kommen, und trägt auf dem Rücken ein dichtes, an den Vorderarmen ein spärliches Haarkleid, während die Achselgegend wie die Leibesseiten nackt sind. Oberseits ist es braunrot, unterseits etwas düsterer, in der Jugend oben bräunlichgrau, an den Seiten dunkelbraun gefärbt, in jedem Alter aber auf den Gliedmaßen und der Flatterhaut licht gefleckt. Das Verbreitungsgebiet des Kaguangs erstreckt sich, die Art: einheit der verschiedenen Formen angenommen, über die Sundainseln, Molukken und Philippinen und über die Malayische Halbinsel bis nach Tenasserim.

Abgesehen von Bontius, welcher vielleicht des Kaguangs gedenkt, haben mehrere Reisende seiner erwähnt; kein einziger aber hat, soweit mir bekannt, eine eingehende Schilderung von ihm geliefert. Vieles, was man von ihm erzählt, bezieht sich unzweifelhaft auf Flughunde; andere Angaben sind so dürftig, daß sie ohne Nachteil vermißt werden könnten. Erst Junghuhn berichtet gehaltvoll. „Nur ein Gekreisch hörten wir, aber einen so absonderlichen, so ängstlichen Laut, daß wir das Geschrei eines Kindes oder das Achzen eines Verunglückten zu vernehmen glaubten. Schauerlich und häßlich zugleich erscholl es von Zeit zu Zeit durch die stille Nacht, und näher rückten die Haranen an den Feuern zusammen: Gespensterfurcht machte ihr früher fröhliches Gespräch verstummen. Doch bald löste sich das Geheimnis: der Geist oder Verunglückte, dessen Stimme entferntem, ängstlichem Schreien glich, stellte sich sichtbar den Blicken dar und schwebte langsam über unseren Häuptern dahin. Es war ein Pelzflatterer, welcher, von einem Baume zum anderen fliegend, von Zeit zu Zeit jenen widerwärtig kreischenden Laut zu hören gab.“ 26*

Am Tage sitzt der Pelzflatterer, welcher einsam in den hohen Gebirgswäldern Javas lebt, auf den Asten der Bäume zwischen den Moospolstern so still, daß es fast unmöglich wird, ihn zu entdecken. Seine scharfen Krallen befähigen ihn zu gewandtem und sicherem Klettern, während er jedoch auf dem Boden mühsam und schwerfällig dahinkriecht. Er steigt, Früchte pflückend und Kerbtiere suchend, aufwärts, bis er den Wipfel eines Baumes erklommen hat, und schwebt sodann schief nach einer anderen Baumkrone herab; er erinnert dann, wie von Rosenberg sagt, an einen Papierdrachen. Während er geht oder klettert

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