Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Über die Einreihung der Nagetierarten in Gattungen und der letzteren in Familien kann man verschiedener Ansicht sein. Wir folgen der üblichen Einteilung und werden durch die von mir ausgewählten Arten einen genügenden Überblick der Ordnung gewinnen.
In der ersten Familie vereinigen wir die Hörnchen (Sciuridae) mit den beiden Unterfamilien der Eichhörnchen und Murmeltiere. Der Leib der Eichhörnchen (Sciurinae) ist gestreckt und trägt einen mehr oder weniger langen, oft zweizeilig behaarten Schwanz. Die Augen sind groß und hervorstehend, die Ohren bald klein, bald groß, bald dünn behaart, bald mit Pinseln versehen. Das vordere Beinpaar ist merklich kürzer als das hintere. Die Vorderpfoten haben 4 Zehen und 1 Daumstummel, die hinteren Pfoten 5 Zehen. Im Oberkiefer stehen 5, im Unterkiefer 4 Backenzähne; unter ihnen ist der erste Oberkieferzahn der kleinste und einfachste; die vier folgenden sind ziemlich übereinstimmend gestaltet. Am Schädel fällt die breite, flache Stirn auf. Die Wirbelsäule besteht meistens aus 12 rippentragenden und 7 rippenlosen Wirbeln; außerdem finden sich 3 Kreuz- und 16—25 Schwanzwirbel. Der Magen ist einfach, der Darm von sehr verschiedener Länge.
Die Hörnchen bewohnen mit Ausnahme von Australien die ganze Erde, gehen ziemlich weit nach Norden hinauf und finden sich im heißesten Süden, leben in der Tiefe wie in der Höhe, manche Arten ebensogut im Gebirge wie in der Ebene. Waldungen oder wenigstens Baumpflanzungen bilden ihre bevorzugten Aufenthaltsorte, und bei weitem die größere
Anzahl führt ein echtes Baumleben, während einige in unterirdischen, selbstgegrabenen Bauen Herberge nehmen. Gewöhnlich lebt jedes Hörnchen für sich; doch halten sich unter Umständen größere und kleinere Gesellschaften oder wenigstens Paare längere Zeit zusammen, und einzelne Arten unternehmen, getrieben von Nahrungsmangel, Wanderungen, während derer sie sich zu ungeheueren, heerartigen Scharen vereinigen. J. Hall erzählt, daß sich im ganzen Westen Nordamerikas die Eichkätzchen binnen weniger Jahre oft ganz ungeheuer vermehren und dann notwendigerweise auswandern müssen. Heuschreckenartigen Schwärmen vergleichbar, sammeln sich die Tiere im Spätjahre in größere und immer größer werdende Scharen und rücken, Felder und Gärten plündernd, Wälder und Haine verwüstend, in südöstlicher Richtung vor, über Gebirge und Flüsse setzend, verfolgt von einem ganzen Heere von Feinden, ohne daß eine wesentliche Abnahme der Schar bemerkbar würde. Füchse, Iltisse, Falken und Eulen wetteifern mit den Menschen, die Wandernden zu vertilgen. Längs der Ufer der größeren Flüsse sammeln sich die Knaben und erschlagen zu Hunderten die Tiere, wenn fie vom jenseitigen Ufer herübergeschwommen kommen. Jeder Farmer ermordet so viele von ihnen, als er kann, und dennoch lichten sich ihre Reihen nicht. Beim Beginne ihrer Wanderung sind alle fett und glänzend; je weiter sie aber ziehen, um so mehr kommt das allgemeine Elend, welches solche Nagerheere befällt, über fie: fie erkranken, magern ab und fallen hundertweise der Not und Seuchen zum Opfer. Die Natur selbst übernimmt die hauptsächlichste Verminderung der Tiere, der Mensch würde ihnen
ier ät N 1 Gerippe des Eichhörnchens. (Aus dem Berliner
Alle Hörnchen bewegen sich lebhaft, schnell. nein Mae) 5 und behende und zwar ebensowohl auf den Bäumen wie auf dem Boden. Auf letzterem sind bloß die Flatterhörnchen fremd, besitzen dagegen die Fähigkeit, außerordentlich weite Sprünge auszuführen, wenn auch immer nur von oben nach unten. Die Mehrzahl läuft satzweise und tritt dabei mit ganzer Sohle auf. Fast alle klettern vorzüglich und springen über große Zwischenräume weg von einem Baume zum anderen. Beim Schlafen nehmen sie eine zusammengerollte Stellung an und suchen sich gern bequeme Lagerplätze aus, ruhen daher entweder in einem unterirdischen Baue oder in Baumhöhlen oder endlich in Nestern, welche sie sich teilweise vorgerichtet oder selbst erbaut haben. Die in kalten Ländern Wohnenden wandern, wenn der Winter herannaht, oder fallen in einen unterbrochenen Winterschlaf und sammeln sich deshalb größere oder kleinere Mengen von Vorräten ein, zu denen sie im Notfalle ihre Zuflucht nehmen. Ihre Stimme besteht in Pfeifen und einem eigentümlichen, nicht zu beschreibenden Brummen, Knurren und Zischen. Die geistigen Fähigkeiten sind gering, für die Ordnung der Nager aber verhältnismäßig bedeutend. Unter ihren Sinnen dürften Gesicht, Gehör und Geruch am meisten ausgebildet sein; einzelne bekunden jedoch auch ein sehr feines Gefühl, wie sich namentlich bei Veränderung der Witterung offenbart. Sie sind aufmerksam und scheu und flüchten bei der geringsten Gefahr. Im ganzen ängstlich und feig, wehren sie sich doch nach Möglichkeit, wenn sie ergriffen werden, und können mit ihren scharfen Zähnen tüchtig verwunden.
Die meisten Arten scheinen jährlich mehr als einmal Junge zu werfen. Um die Zeit der Paarung lebt oft ein Männchen längere Zeit mit dem Weibchen, hilft ihm wohl auch
„e = Sr
B 5 u |
410 Siebente Ordnung: Nager; erste Familie: Hörnchen.
an dem Ausbaue der mehr oder weniger künstlichen Wohnung, in welcher es später seine Nachkommenschaft beherbergen will. Die Anzahl der Jungen eines Wurfes schwankt zwischen zwei und sieben. Die Kleinen kommen fast nackt und blind zur Welt und bedürfen deshalb eines warmen Lagers und sorgfältiger Pflege und Liebe von seiten ihrer Mütter. Jung aus dem Neste genommene Eichhörnchen lassen sich ohne besondere Mühe zähmen, halten auch die Gefangenschaft lange Zeit ohne Beschwerde aus. Manche gewöhnen sich an ihre Pfleger und hängen mit einer gewissen Zärtlichkeit an ihnen; doch erreicht ihr Verstand selbst bei längerem Umgange mit dem Menschen keine besondere Ausbildung, und fast regelmäßig bricht im höheren Alter das trotzige und mürrische Wesen durch, welches vielen Nagern gemein zu sein scheint: sie werden böse und bissig, so gutmütig und harmlaos sie früher auch waren.
Alle Hörnchen fressen zwar mit Vorliebe und zeitweilig ausschließlich Pflanzenstoffe, verschmähen aber, wie so viele andere Nager, auch Fleischnahrung nicht, überfallen schwache Säugetiere, jagen eifrig Vögeln nach, plündern unbarmherzig deren Nester aus und morden, als ob sie Raubtiere wären. Ihrem gefräßigen Zahne fällt alles zum Opfer, was ihnen irgendwie genießbar erscheint. Auf Java besuchte Haßkarl Dörfer, in denen die zahlreichen Kokospalmen nie zu reifen Früchten kommen, weil auf den Palmen hausende Eichhörnchen stets die noch unentwickelten Früchte anbeißen und in ihrer Weiterentwickelung stören, wie sie auch später die reifenden Kokosnüsse anbohren, nicht allein um deren Mark zu fressen, sondern auch um die Höhlung der Nuß zu ihrem Neste zu verwenden. Obgleich man das Fell mehrerer Eichhornarten als Pelzwerk verwertet, hier und da das Fleisch genießt, kann doch dieser geringe Nutzen den Schaden, welchen die Hörnchen unseren Nutzpflanzen und den nützlichen Vögeln zufügen, nicht aufwiegen. Jene von Haßkarl erwähnten Dörfer auf Java verarmen dieser Tiere wegen und werden nach und nach verlassen, die Feldmarken ganzer Dorfschaften Nordamerikas erleiden die schwersten Einbußen durch die Eichhörnchen. Auch bei uns zu Lande schaden sie mehr, als sie nützen. Im großen, freien Walde mag man fie dulden, in Parkanlagen und Gärten wird man ihnen nachstellen müssen. Sie verwüsten mehr, als fie zu ihrer Sättigung bedürfen, und machen sich als Nestplünderer ver-haßt, rechtfertigen also eine Verfolgung unsererseits selbst dann, wenn sie nicht in größeren Scharen auftreten.
Weitaus die meisten Mitglieder der Unterfamilie gehören der nur in Australien fehlenden Gattung der Taghörnchen (Sciurus) an. Alle zu ihr gehörigen Arten zeigen in Gestalt, Bau, Lebensweise und Wesen so große Übereinstimmung, daß es vollständig genügt, unser Eichhorn und seine Lebensweise zu schildern, um ein Bild des Lebens der gesamten Sippschaft zu gewinnen. Die Kennzeichen der Taghörnchen sind der schlanke Leib und der lange, meist buschige, oft zweizeilig behaarte Schwanz, die langen, in der Regel mit einem Haarpinsel geschmückten Ohren, die mit einem Nagel bedeckte Daumenwarze und das Gebiß, in welchem die Schneidezähne seitlich zusammengedrückt sind, während die Backenzähne, unter denen der obere vordere entweder verkümmert ist oder fehlt, nur durch ihre in zwei Zacken nach außen vorspringenden Querleisten auffallen.
Das Eichhorn oder Eichorn (Sciurus vulgaris, S. alpinus und italicus, Abbildung S. 412), einer von den wenigen Nagern, mit denen der Mensch sich befreundet hat, trotz mancher unangenehmen Eigenschaften ein gern gesehener Genosse im Zimmer, erscheint sogar dem Dichter als eine ansprechende Gestalt. Dies fühlten schon die Griechen heraus, denen wir den Namen zu danken haben, welcher jetzt in der Wissenschaft die Eichhörnchen bezeichnet. „Der mit dem Schwanze sich Schattende“ bedeutet jener griechische Name, und unwillkürlich
muß jeder, welcher die Bedeutung des Wortes Sciurus kennt, an das lebhafte Tierchen denken, wie es da oben sitzt, hoch auf den obersten Kronen der Bäume. Rückert hat das muntere Geschöpf in einer Weise besungen, daß der Forscher sich fast scheuen muß, nach solchen köstlichen Worten seine eigenen zur Beschreibung hinzuzufügen:
„Ich bin in einem früheren Sein „Dann spielest du froh zum herbstlichen Fest
Einmal ein Eichhorn gewesen; Mit Nüssen, Bücheln und Eicheln,
Und bin ich's erst wieder in Edens Hain, Und lässest den letzten schmeichelnden West
So bin ich vom Kummer genesen. | Den weichen Rücken dir streicheln. „Falb⸗feurig-gemantelter Königssohn „Die Blätter haften am Baum nicht fest, Im blühenden, grünenden Reiche! | Den fallenden folgst du hernieder
Du sitzest auf ewig wankendem Thron Und trägst, sie staunen, zu deinem Nest,
Der niemals wankenden Eiche. In ihre Höhen sie wieder.
„Und krönest dich selber — wie machst du es doch? | „Du haft den schwebenden Winterpalast
Anstatt mit goldenem Reife, Dir künstlich zusammengestoppelt,
Mit majestätisch geringeltem, hoch Dein wärmstoffhaltendes Pelzwerk hast
Emporgetragenem Schweife. Du um dich genommen gedoppelt.
„Die Sprossen des Frühlings benagt dein Zahn, „Dir sagt's der Geist, wie der Wind sich dreht,
Die noch in der Knospe sich ducken; Du stopfest zuvor ihm die Klinzen,
Dann klimmest du laubige Kronen hinan, Und lauschest behaglich, wie's draußen weht,
Dem Vogel ins Nest zu gucken. Du frohster verzauberter Prinzen!
„Du lässest hören nicht einen Ton, „Mich faßt im Herbste, wie dich, ein Trieb,
Und doch, es regt sich die ganze Zu sammeln und einzutragen,
Kapelle gefiederter Musiker schon, Doch hab' ich, wie warm es im Nest mir blieb,
Dir aufzuspielen zum Tanze. [Nicht dort dein freies Behagen.“
Die Leibeslänge des Eichhornes beträgt etwa 25 cm, die Schwanzeslänge 20 cm, die Höhe am Widerriste 10 em und das Gewicht des erwachsenen Tieres etwas über 0,25 kg. Der Pelz ändert im Sommer und im Winter, im Norden und im Süden vielfach ab, und außerdem gibt es noch zufällige Ausartungen. Im Sommer ist die Färbung oben bräunlichrot, an den Kopfseiten grau gemischt, auf der Unterseite vom Kinne an weiß, im Winter oberseits braunrot mit grauweißem Haar untermischt, unterseits weiß, in Sibirien und Nordeuropa aber häufig weißgrau, ohne jede Spur von rotem Anfluge, während der Sommerpelz dem unseres Hörnchens ähnelt. Häufig sieht man auch in den deutschen Wäldern schwarze Tiere; diese gehören aber keineswegs einer besonderen Art an, denn unter den Jungen eines Wurfes finden sich oft rote und schwarze Stücke. Sehr selten sind weiße oder gefleckte Eichhörnchen, solche mit halb oder ganz weißem Schwanze und dergleichen. Der Schwanz ist sehr buschig und zweizeilig, das Ohr ziert ein Büschel langer Haare, die Fußsohlen sind nackt.
Unser Eichhörnchen ist den Griechen und Spaniern ebensogut bekannt wie den Sibiriern und Lappländern. Sein Verbreitungskreis reicht durch ganz Europa und geht noch über den Kaukasus und Ural hinweg durch das ganze südliche Sibirien bis zum Altai und nach Hinterasien. Wo sich Bäume finden, und zumal wo sich die Bäume zum Walde einen, fehlt es sicher nicht; aber es ist nicht überall und auch nicht in allen Jahren gleich häufig. Hochstämmige, trockene und schattige Wälder bilden seine bevorzugtesten Aufenthaltsplätze; Nässe und Sonnenschein sind ihm gleich zuwider. Während der Reife des Obstes und der Nüsse besucht es die Gärten des Dorfes, doch nur dann, wenn sich vom Walde aus eine Verbindung durch Feldhölzchen oder wenigstens Gebüsche findet. Da, wo viele Fichten- und Kieferzapfen reifen, setzt es sich fest und erbaut sich eine oder mehrere Wohnungen, gewöhnlich in alten Krähenhorsten, welche es künstlich herrichtet. Zu kürzerem Aufenthalte benutzt es verlassene Elstern-, Krähen⸗ und Raubvogelhorste, wie fie find; die Wohnungen aber, welche zur Nachtherberge, zum Schutze gegen üble Witterung und zum Wochenbette des Weibchens dienen,
werden ganz neu erbaut, obwohl oft aus den von Vögeln zusammengetragenen Stoffen. Man will bemerkt haben, daß jedes Hörnchen wenigstens vier Nester habe; doch ist mit Sicherheit hierüber wohl noch nichts festgestellt worden, und ich glaube beobachtet zu haben, daß Laune und Bedürfnis des Tieres außerordentlich wechseln. Höhlungen in Bäumen, am liebsten die inhohlen Stämmen, werden ebenfalls von ihm besucht und unter Umständen auch ausgebaut. Die freien Nester stehen gewöhnlich in einer Zwiesel dicht an dem Hauptstamme des Baumes; ihr Boden ist gebaut wie der eines größeren Vogelnestes, oben aber deckt fie nach Art der Elsternnester ein flaches, kegelfürmiges Dach, dicht genug, um das Eindringen des Regens zu verhindern. Der Haupteingang ist abwärts gerichtet, gewöhnlich nach Morgen hin; ein etwas kleineres Fluchtloch befindet sich dicht am Schafte. Zartes Moos