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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Kaguang (Galeopithecus volans). ½ natürl. Größe.

ist seine Flatterhaut leicht zusammengefaltet und an den Leib gelegt, hindert also die Be: wegung nicht; wenn er sich des Fallschirmes bedienen will, läuft er auf eine Astspitze hinaus, springt von dort mit einem kräftigen Satze ab, streckt in der Luft alle Glieder von sich und schwebt nun langsam, schief von oben nach unten, über Zwischenräume, deren Weite nicht selten 60 m betragen soll. Niemals erhebt er sich über die Höhe, aus welcher er seinen Sprung begann, immer senkt er sich in einer sehr geneigten Ebene nach unten. „Einmal“, erzählt Wallace, „sah ich auf Sumatra in der Dämmerung einen Pelzflatterer an einem Stamme hinaufrennen und dann quer durch die Luft nach einem anderen Baume gleiten. Hier kam er nahe am Boden an, um sogleich wieder emporzusteigen. Ich maß die Entfernung von einem Baume zum anderen mit Schritten ab und fand, daß das Tier aus einer Höhe von höchstens 14 m gegen 70 m weit gesprungen war. Hieraus geht hervor, daß es die Fähigkeit haben muß, sich in der Luft selbständig zu bewegen, weil es sonst wenig

Kaguang (Galeopithecus volans). ½ natürl. Größe.

Aussicht haben würde, genau an dem Stamme herabzukommen. Es ist schwerfällig in seinen Bewegungen, wenigstens bei Tage; denn es geht in kurzen Sätzen an den Bäumen hinauf und hält dazwischen immer einen Augenblick inne, als ob es ausruhen wolle.“ Während des Tages hängt es, nach Angabe dieses Forschers, an den Baumstämmen, hauptsächlich geschützt durch sein Fell, welches mit seinen unregelmäßigen weißlichen Punkten und Flecken auf olivenfarbenem oder braunem Grunde genau der Färbung der gesprenkelten Rinde gleicht. Seinen Greifschwanz gebraucht es wahrscheinlich beim Aufsuchen seiner Nahrung, welche hauptsächlich aus Blättern besteht. „Man sagt“, bemerkt Wallace noch, „daß der Pelzflatterer nur ein Junges zur Welt bringe, und meine eigenen Beobachtungen bestätigen dies; denn einmal schoß ich ein Weibchen mit einem sehr kleinen, zarten, nackten, gerunzelten und blinden Wesen, welches an seiner Brust hing und an junge Beuteltiere erinnerte.“

Jagor erhielt in Samar, wo Belzflatterer nicht selten find, ein lebendes Weibchen mit seinem Jungen. „Es schien ein harmloses, ungeschicktes Tier. Als es von seinen Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauche berührend, und hüpfte dann mit kurzen, schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten, nach der nächsten Wand, welche aus gehobelten Brettern bestand. Dort angekommen, tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit, an jener Stelle emporzuklettern, klar geworden war. Gelang es ihm, in einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte einige Fuß aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es die verhältnismäßig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab, bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden Mangel an Urteil: das Tier mutete sich viel mehr zu, als es ausführen konnte, und daher blieben seine Bemühungen erfolglos; stets aber fiel es, ohne sich zu verletzen, dank dem Fallschirme, womit die Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Kaguang nicht gewöhnt, sich so ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger beurteilen gelernt. Das Tier hatte seine fruchtlosen Versuche so oft wiederholt, daß ich es nicht weiter beachtete, — nach einiger Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunkeln Winkel unter dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte, um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen, den oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und der fest aufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, welches ich voreilig für dumm und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die größtmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.“

Hierauf beschränkt sich unsere Kenntnis über das Leben des Pelzflatterers, und ich habe nur noch zu erwähnen, daß die Eingeborenen dem Tiere nicht allein wegen seines für europäische Zungen widerlichen Fleisches, sondern auch und hauptsächlich wegen seines Felles nachstellen, das dem Pelze der Chinchilla an Feinheit und we faum A und als Pelzwerk jehr gejucht ist

Siebente Ordnung.

Die Mager (Rodentia).

In der Ordnung der Nager sehen wir ein durchaus in sich abgeschlossenes Ganzes vor uns. Sie tragen ihren Namen fast noch mit größerem Rechte als die Raubtiere den ihrigen; denn man braucht ihnen bloß in den Mund zu sehen, um sie sofort und unzweifelhaft als das zu erkennen, was sie sind. Zwei zu großen Nagezähnen in beiden Kiefern ausgebildete Schneidezähne und das Fehlen der Eckzähne sind das allen gemeinsame Merkmal.

Über die äußere Leibesgestalt der Nager läßt sich im allgemeinen nicht viel sagen, weil die Ordnung, welche sehr zahlreich ist an Familien und Arten, die verschiedensten Gestalten umfaßt. Als allgemeingültige Kennzeichen der Gesamtheit kann man etwa folgende annehmen. Der Körper ist in den meisten Fällen walzig und ruht auf niederen Beinen von meistens ungleicher Länge, da die Hinterbeine gewöhnlich etwas, oft viel länger sind als die Vorderbeine; der Kopf sitzt auf einem kurzen, dicken Halse; die Augen sind groß und treten gewöhnlich stark hervor; die Lippen sind fleischig, mit Schnurren besetzt, sehr beweglich und vorn gespalten; die Vorderfüße haben in der Regel 4, die hinteren 5 Zehen, und diese Zehen sind mit mehr oder weniger starken Krallen und Nägeln bewaffnet, auch zuweilen durch Schwimmhäute verbunden. Das Haarkleid ist fast immer von gleicher Länge und höchstens an den Ohrspitzen pinselartig verlängert oder am Schwanze buschig geworden.

Die Nagezähne sind bedeutend größer als alle übrigen Zähne des ganzen Gebisses, die oberen immer stärker als die unteren, alle bogenförmig gekrümmt, an der Schneide breit oder spitzmeißelartig, an der Wurzel drei- oder vierkantig, bald flach, bald gewölbt, glatt oder gefurcht, weiß oder gelblich und rot gefärbt. Ihre äußere oder vordere Fläche ist mit stahlhartem Schmelz belegt, und dieser bildet auch die scharfe Spitze oder den breiten, schneidenden Meißelrand. Der übrige Zahn besteht aus der gewöhnlichen Zahnmasse. Bei der ausgedehnten Benutzung dieser Hauptzähne würden sie sich in kurzer Zeit abstumpfen oder abnutzen, hätten fie nicht einen großen Vorzug vor allen übrigen Zähnen des Säugetier-gebisses: ihr Wachstum ist unbeschränkt. Die Zahnwurzel liegt in einer Zahnhöhle, welche sich weit in den Kiefer einbohrt, und enthält an dem hinteren, offenen Ende in einer trichter-förmigen Einbuchtung einen bleibenden Keim, welcher ununterbrochen den Zahn in demselben Grade ergänzt, wie er vorn sich abnutzt. Die feine Schärfe der Schneide wird durch gegenseitiges Aufeinanderreiben und dadurch bewirktes Abschleifen der Zähne erhalten; beide Kiefer können auch bloß senkrecht von vorne nach hinten wirken. So vereinigen diese Zähne alles Erforderliche, um dem ungeheuern Kraftaufwande, welchen das Nagen beansprucht, gewachsen zu sein. Von dem beständigen Wachstume der Nagezähne überzeugt man sich leicht, wenn man einem Nager, z. B. einem Kaninchen, einen seiner Nagezähne gewaltsam

abbricht. Dann wächst der gegenständige, weil er nun nicht mehr abgenutzt wird, rasch weiter, tritt ineinem engen Bogen aus dem Maule hervor und rollt sich gehörnartig ein, hierdurch das ganze Gebiß verstümmelnd und die Ernährung des Tieres im höchsten Grade erschwerend. Nur bei den Mitgliedern einer einzigen Familie finden sich oben neben den Nagezähnen noch zwei kleine Schneidezähne. Die Backenzähne, welche durch eine große Lücke von den Nagezähnen getrennt sind, haben entweder wie letztere offene oder geschlossene Wurzeln und sind auf ihrer Oberfläche in der Regel mit Schmelzleisten oder Schmelzhöckern versehen, welche gute Merkmale für die Kennzeichnung der Arten abgeben. Ihre Anzahl schwankt zwischen zwei und sechs in jeder Kieferhälfte.

Der im allgemeinen längliche Schädel ist oben platt, das Hinterhauptsloch an der hinteren Fläche gelegen, ein geschlossener Jochbogen regelmäßig vorhanden, der Oberkiefer kurz, der Zwischenkiefer bedeutend entwickelt, der Unterkiefer so fest eingelenkt, daß eine seitliche Bewegung fast unmöglich wird. Die Wirbelsäule besteht außer den Halswirbeln aus 12— 16 rippentragenden, 5 — 7 rippenlosen, 3—6 Kreuz- und 6— 32 Schwanzwirbeln. Das lange, schmale Becken ist mit seltenen Ausnahmen geschlossen, ein Schlüsselbein meistens vorhanden. Bei vielen Nagern öffnen sich an der Innenseite der Lippen Backentaschen, welche sich bis in die Schultergegend ausdehnen können und bei Einsammlung der Nahrung als Vorratssäcke dienen. Ein besonderer Muskel zieht diese Taschen zurück, wenn sie gefüllt werden sollen. Die Speicheldrüsen sind gewöhnlich sehr stark entwickelt. Der Magen ist einfach, bisweilen jedoch durch Einschnürung in zwei Abschnitte geteilt. Die Länge des Darmschlauches beträgt die 5—17fache Leibeslänge. Die Eileiter der Weibchen gehen jeder für sich in einen Fruchthalter von darmförmiger Gestalt über, welcher dann in der langen Scheide mündet. Das Gehirn deutet auf geringe geistige Fähigkeiten; die Halbkugeln des großen Gehirnes sind klein und die Windungen schwach. Die Sinneswerkzeuge sind meistens gleichmäßig und ziemlich vollkommen entwickelt. |

Die Nager verbreiten sich über alle Erdteile und finden sich in allen Klimaten der Breite und Höhe, soweit die Pflanzenwelt reicht. „Mitten in ewigem Schnee und Eise“, sagt Blasius, „wo stellenweise noch ein warmer Sonnenstrahl nur auf wenige Wochen ein kurzes und kümmerliches Pflanzenleben hervorlockt, auf den stillen, einsamen Schneehöhen der Alpen, in den weiten, öden Flächen des Nordens findet man noch Nager, welche nicht sich nach einer schöneren Sonne sehnen. Aber je reicher und üppiger die Pflanzenwelt, desto bunter, mannigfaltiger wird das Leben dieser Tierordnung, welche kaum ein Fleckchen Erde unbewohnt läßt.“ Die Lebensweise dieser allverbreiteten Geschöpfe ist höchst verschiedenartig. Nicht wenige find Baum-, viele Erdtiere, diese leben im Wasser, jene in unterirdischen, selbstgegrabenen Höhlen, die einen im Gebüsche, die anderen im freien Felde. Alle sind mehr oder weniger bewegliche Geschöpfe, welche je nach der Verschiedenheit ihrer Wohnorte entweder vortrefflich laufen oder klettern oder graben oder schwimmen. Meist scharfsinnig, munter und lebhaft, scheinen sie doch nicht klug oder besonders geistig befähigt zu sein. Die große Mehrzahl aller ist ein geistarmes Gesindel, welches wohl scheu, nicht aber vorsichtig oder listig sein kann, sich auch sonst niemals durch irgend welche hervorragende Fähigkeiten auszeichnet. Manche leben paarweise, andere in Familien und nicht wenige scharenweise zusammen, vertragen sich auch gut mit anderen Tieren, ohne sich jedoch mit ihnen zu befassen. Bosheit und Tücke, Wildheit und Unverschämtheit, hervorgegangen aus Überlegung, äußern nur wenige. Bei Gefahr ziehen sie sich so schleunig wie möglich nach ihren Verstecken zurück; aber nur die allerwenigsten sind klug genug, Verfolgungen auf listige Weise zu vereiteln. Alle Nager nähren sich hauptsächlich von pflanzlichen Stoffen: Wurzeln, Rinden, Blätter, Blüten, Früchte aller Art, Kraut, Gras, mehlige Knollen, ja selbst Holzfasern werden von ihnen verzehrt; die meisten aber nehmen auch tierische Stoffe zu sich und werden zu wirklichen

Allesfressern. Eigentümlich ist, daß viele, welche zu schwach sind, größere Wanderungen zu unternehmen oder der Strenge des Winters zu widerstehen, Vorräte einsammeln und in unterirdischen Kammern aufspeichern. Unter den Säugetieren dürfen die Nager als die Baumeister gelten; denn einzelne von ihnen errichten sich wahrhaft künstliche Wohnungen, welche schon seit den ältesten Zeiten die Bewunderung der Menschen erregt haben. Nicht wenige verbringen den Winter in einem totenähnlichen Schlafe, verfallen in Erstarrung und erhalten sich von ihrem im Sommer reichlich aufgespeicherten Fette, welches bei den in jeder Hinsicht herabgestimmten Lebensthätigkeiten nun allmählich verzehrt wird.

Im Verhältnis zu der geringen Größe der Nager ist ihre Bedeutung sehr erheblich; sie erscheinen uns als unsere schädlichsten und gefährlichsten Feinde. Hätten nicht auch sie ein ungezähltes Heer von Feinden gegen sich, und wären sie nicht Seuchen und Krankheiten mancherlei Art in hohem Grade unterworfen, sie würden die Erde beherrschen und verwüsten. Der ununterbrochene Vertilgungskrieg, welcher gegen fie geführt wird, erhält in ihrer er: staunlichen Fruchtbarkeit und Vermehrungsfähigkeit ein Gegengewicht, welches nur zu oft überwiegt. Es klingt überraschend und ist dennoch wahr, wenn angegeben wird, daß ein Nagerpärchen binnen Jahresfrist seine Nachkommenschaft auf 1000 bringen kann. Solche erzeugungstüchtige Arten werden oft zu furchtbaren Verwüstern des menschlichen Besitztums. Ihre Wühlerei in Feld und Garten, ihr Zernagen und Abbeißen von allerlei nützlichen Gegenständen und Pflanzen, ihre Räubereien im Speicher und Wohnhause verursachen einen Schaden, welcher von dem Nutzen nicht entfernt erreicht werden kann. Der Mensch ist also gezwungen, sich dem Heere der Feinde dieser Tiere anzuschließen, und er übt nur das Recht des selbstsüchtigen Stärkeren, wenn er alle Mittel in Anwendung bringt, um sich solches Ungeziefers zu entwehren. Wirklich befreunden kann er sich bloß mit höchst wenigen Gliedern dieser zahlreichen Ordnung, und von diesen wenigen sind nur einzelne der Zähmung würdig. Wichtiger als durch ihre Eigenschaften werden die Nager durch ihr Fell und Fleisch, obschon es verhältnismäßig wenige sind, welche uns hierdurch nützen. Und auch bei ihnen dürfte der Schade den Nutzen bei weitem überwiegen.

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