Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
In der Gefangenschaft frißt der Tanrek rohes Fleisch, gekochten Reis und Bananen. Den Tag verschläft er, nachts dagegen ist er sehr munter. Wenn man ihm Erde gibt, durchwühlt er sie mit seinem Rüssel wie ein Schwein, wälzt sich auch gern auf ihr umher. Mittels seiner starken Krallen versucht er, den Käfig zu durchbrechen, kommt auch manchmal zum Ziele. Mit anderen seiner Art streitet er sich oft, zumal um die Nahrung. Soviel bekannt, hat man ihn lebend noch nicht nach Europa gebracht.
Die Gattung der Schlitzrüßler (Solenodon) kennzeichnet sich durch folgende Merkmale. Der Leib ist kräftig, der Hals kurz, der Kopf gestreckt, der Nasenteil in einen langen Rüssel ausgezogen, das Auge sehr klein, das rundliche Ohr mittelgroß, der Schwanz körperlang; die Beine sind mittelhoch, die fünfzehigen Füße vorn mit sehr kräftigen und stark gebogenen, hinten mit kürzeren und schwächeren Krallen bewehrt. Ein ziemlich langes Borstenkleid deckt den Leib, bekleidet aber den Rüssel nur spärlich, geht auf den Beinen in feineres Haar über und läßt Oberrücken und Gesäß wie den schuppigen Schwanz fast vollständig nackt. Das Gebiß besteht aus 40 Zähnen und zwar 2 Schneidezähnen, 1 Eckzahn, 4 Lückenund 3 Backenzähnen in jedem Kiefer.
Eine von Peters genau beschriebene Art der Gattung, der Almiqui, Tacuache,
Adaras und wie er sonst noch genannt wird (Solenodon cubanus, Abbildung S. 388), hat eine Körperlänge von fast 60 em, eine Schwanzlänge von nahezu 30 em und am Kopfe, dem Seitenhalse und Bauche schmutzig ockergelbe, im übrigen schwarze, der Schwanz bläulichschwarze Färbung. Die langen Rückenhaare sind gelb an der Wurzel und schwarz an der Spitze, einige auch ganz gelb oder ganz schwarz. Das Tier ist auf Cuba heimisch. 25*
Über die Lebensweise hat Peters mehrere Mitteilungen zusammengestellt. Wie die eigentlichen Spitzmäuse führt auch dieses Tier vorzugsweise ein nächtliches Leben und pflegt während des Tages wohlgeborgen in irgend einem Verstecke zu schlafen. In manchen Gebirgen soll es ziemlich häufig sein. Verfolgt es der Jäger, so soll es den Kopf verstecken, in der Meinung, sich dadurch zu verbergen, und so ruhig liegen bleiben, daß man es am Schwanze ergreifen kann. In der Gefangenschaft weigert es sich gar nicht, ans Futter zu gehen; da es aber schwer kaut, muß man ihm feingeschnittenes Fleisch vorlegen, damit es nicht etwa ersticke. Reinlichkeit ist zu seinem Wohlbefinden unumgängliche Bedingung; es geht gern ins Wasser und scheint sich hier angenehm zu unterhalten; dabei trinkt es denn auch mit größerer Leichtigkeit, während ihm sonst die lange Rüsselspitze hinderlich ist. Seine durchdringende Stimme erinnert bald an das Grunzen des Schweines, bald an das Geschrei
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Almiqui (Solenodon cubanus). ½ natürl. Größe.
eines Vogels. Zuweilen schreit das Tier wie ein Käuzchen; beim Berühren grunzt es wie die Ferkelratte. Es wird sehr leicht zornig und sträubt dann das Haar in eigentümlicher Weise. Ein vorübergehendes Huhn oder anderes kleines Tier erregt es aufs höchste, und es versucht wenigstens, sich seiner zu bemächtigen. Die erfaßte Beute zerreißt es mit den langen, krummen Krallen wie ein Habicht. Dann und wann ergießt sich aus seiner Haut eine rötliche, ölige, übelriechende Flüssigkeit.
Die gefangenen, welche Corona hielt, starben teils an den Wunden, welche sie einander durch Beißen zufügten, teils an einer eigentümlichen Wurmkrankheit. Einige von diesen zeigten sich ganz voll von Würmern, welche sich zwischen dem Bindegewebe und den Muskeln, besonders am Halse, wie in einen weichen Sack eingehüllt, in ungeheurer Menge fanden.
An die Marder unter den Raubtieren erinnern die Spitzmäuse (Sorieidae) unter den Kerbtierfressern. Wie jene besitzen sie alle Fähigkeiten, welche ein echtes Räuberleben möglich machen, sind sie in den verschiedensten Gebieten der Erde zu Hause und zeigen einen
Mut, einen Blutdurst, eine Grausamkeit, welche mit ihrer geringen Größe gar nicht im Verhältnis stehen. | Die Spitzmäuse, neben den Fledermäusen die kleinsten aller Säugetiere, find ebenmäßig gebaute, in ihrer äußeren Erscheinung an Ratten und Mäuse erinnernde Kerfjäger. Der Leib ist schlank, der Kopf lang, der Schnauzenteil gestreckt, das Gebiß sehr vollständig und aus außerordentlich scharfen Zähnen zusammengesetzt, gewöhnlich gebildet von 2 — 3 Schneidezähnen, welche oft gekerbt find, 3—5 Lücken- und 3—4 echten, vier- oder fünfzackigen Baden-zähnen in jeder Reihe. Eigentliche Eckzähne fehlen. 12 —14 Wirbel tragen Rippen, 6—8 find rippenlos, 3—5 bilden das Kreuzbein, 14— 28 den Schwanz. Eigentümliche Drüsen liegen an den Rumpfseiten oder an der Schwanzwurzel. Den Leib bekleiden weiche, samtähnliche Haare, die Lippen und Füße wie den Schwanz straffere Härchen, die Wangen lange Schnurren, die Fußseiten starke, nach der nackten Fußsohle hin scharf abgesetzte Borstenhaare. Gegenwärtig sind die Spitzmäuse über die Alte Welt und Nordamerika verbreitet; in Australien und Südamerika dagegen fehlen sie gänzlich. Sie leben ebensowohl in Ebenen als auch in höher gelegenen Gegenden, selbst auf den Voralpen und Alpen, am liebsten aber in dichteren Wäldern und Gebüschen, auf Wiesen und Auen, in Gärten und Häusern. Die meisten geben feuchten Orten den Vorzug; einige treiben sich im Wasser umher. Viele führen ein unterirdisches Leben, indem sie sich selbst Löcher oder Gänge graben oder die schon vorhandenen benutzen, nachdem sie den rechtmäßigen Eigentümer mit Güte oder Gewalt vertrieben haben. Fast alle suchen die Dunkelheit oder den Schatten und scheuen die Dürre, die Hitze, das Licht, sind auch gegen derartige Einflüsse so empfindlich, daß sie den Sonnenstrahlen häufig erliegen. Ihre Bewegungen sind außerordentlich rasch und behende, sie mögen so verschiedenartig sein, als sie wollen. Diejenigen, welche bloß laufen, huschen pfeilschnell dahin, die Schwimmer stehen keinem Landsäugetiere nach.
Unter den Sinnen der Spitzmäuse scheint der Geruch obenan zu stehen, nächstdem ist das Gehör besonders ausgebildet, das Auge dagegen mehr oder weniger verkümmert. Ihre geistigen Fähigkeiten sind gering; dennoch läßt sich ein gewisser Grad von Verstand nicht ableugnen. Sie sind raub- und mordlustig im hohen Grade und kleineren Tieren wirklich furchtbar, während sie größeren bedächtig ausweichen. Schon bei dem geringsten Geräusche ziehen sich die meisten nach ihren Schlupfwinkeln zurück, haben aber auch Ursache, dies zu thun, weil sie gegen starke Tiere so gut wie wehrlos sind. Wir müssen die meisten von ihnen von unserem Standpunkte aus nicht nur als harmlose, unschädliche Tiere betrachten, sondern in ihnen höchst nützliche Geschöpfe erkennen, welche uns durch Vertilgung schädlicher Kerfe erhebliche Dienste leisten. Ihre Nahrung ziehen sie nämlich fast nur aus dem Tierreiche: Kerbtiere und deren Larven, Würmer, Weichtiere, kleine Vögel und Säugetiere, unter Umständen aber auch Fische und deren Eier, Krebse ꝛc. fallen ihnen zur Beute. Un: gemein gefräßig, verzehren sie täglich so viel, als ihr eigenes Gewicht beträgt. Keine einzige Art kann den Hunger längere Zeit vertragen; sie halten deshalb auch keinen Winterschlaf, sondern treiben sich bei einigermaßen milder Witterung sogar auf dem verschneiten Boden umher oder suchen an geschützten Orten, z. B. in menschlichen Wohnungen, ihre Nahrung auf. Die Stimme aller Arten besteht in feinen, zwitschernden oder quiekenden und pfeifenden Lauten; in der Angst lassen sie klägliche Töne vernehmen, und bei Gefahr verbreiten alle einen stärkeren oder schwächeren Moschus- oder Zibethgeruch, welcher sie im Leben zwar nicht gegen ihre Feinde bewahrt, sie aber doch nur sehr wenigen Tieren als genießbar erscheinen läßt. So lassen die Hunde, Katzen und Marder gewöhnlich die getöteten Spitzmäuse liegen, ohne sie aufzufressen, während die meisten Vögel, bei denen Geruchsund Geschmackssinn weniger entwickelt sind, sie als Nahrung nicht verschmähen.
Die meisten Spitzmäuse sind fruchtbare Geschöpfe, denn sie werfen zwischen 4 und 10 Junge. Gewöhnlich kommen diese nackt und mit geschlossenen Augen zur Welt, entwickeln sich aber rasch und sind schon nach Monatsfrist im stande, ihr eigenes Gewerbe zu betreiben.
Der Mensch kann unsere Tiere unmittelbar nicht verwerten; wenigstens wird nur von einer einzigen Art das Fell als Pelzwerk und der stark nach Zibeth riechende Schwanz als Mittel gegen die Motten benutzt, das Fleisch aber nirgends gegessen. Um so größer ist der mittelbare Nutzen, den die Spitzmäuse bringen. Dieser Nutzen muß schon von den alten Agyptern anerkannt worden sein, weil sie eine Art von ihnen einbalsamiert und mit ihren Toten begraben haben.
In der ersten Unterfamilie vereinigt man die Spitzmäuse im engeren Sinne (Soricinae). Sie bilden den Kern der Familie, haben 28—32 Zähne, einen langen und schmalen Schädel mit häutigen Stellen am Schädelgrunde, aber ohne Jochbogen, verwachsene Unterschenkelknochen und keine Schwimmhäute zwischen den Zehen. In Deutschland sind drei Gattungen dieser Unterfamilie vertreten.
32 an den Spitzen dunkelbraun gefärbte Zähne, und zwar 2 große Vorderzähne mit Höckern, 5 kleine einspitzige Lücken- und 4 vielspitzige Mahlzähne im Oberkiefer, 2 an den Schneiden wellenförmig gezähnelte Vorder-, 2 Lücken- und 3 Backenzähne im Unterkiefer, ringsum an den Seiten mit kurzen und weichen Haaren umgebene Füße und Zehen und gleichmäßige und gleichlange Behaarung des Schwanzes kennzeichnen die Spitzmäuse im engsten
Sinne (Sorex), deren gemeinste Vertreterin, die Waldspitzmaus (Sorex vulgaris, 8. tetragonurus, eremita, cunicularia, coronatus, concinnus, rhinolophus, melanodon, castaneus, labiosus 2c.), zu den bekanntesten Tieren unseres Vaterlandes gehört. An Größe steht die Waldspitzmaus der Hausmaus etwas nach: ihre Länge beträgt 11 cm, wovon 4,5 cm auf den Schwanz kommen. Die Färbung des feinen Samtpelzes spielt zwischen lebhaftem Rotbraun und dem glänzendsten Schwarz; die Seiten sind immer lichter gefärbt als der Rücken, die Unterteile graulichweiß mit bräunlichem Anfluge, die Lippen weißlich, die langen Schnurren schwarz, die Pfoten bräunlich, der Schwanz oben dunkelbraun, unten aber bräunlichgelb. Nach der wechselnden Färbung hat man mehrere Unterschiede angenommen, welche die einen für Arten, die anderen für Abarten erklären. |
Man findet die Waldspitzmaus in Deutschland, Schweden, England, Frankreich, Italien, Ungarn und Galizien, wahrscheinlich auch im benachbarten Rußland, in der Höhe sowohl als in der Tiefe, auf Bergen wie in Thälern, in Feldern, Gärten, in der Nähe von Dörfern oder in Dörfern selbst und gewöhnlich nahe bei Gewässern. Im Winter kommt sie in die Häuser oder wenigstens in die Ställe und Scheuern herein. Bei uns ist sie die gemeinste Art der ganzen Familie. Sie bewohnt am liebsten unterirdische Höhlen und bezieht deshalb gern die Gänge des Maulwurfs oder verlassene Mäuselöcher, falls sie nicht natürliche Ritzen und Spalten im Gestein auffindet. In weichem Boden gräbt sie mit ihrem Rüssel und den schwachen Vorderpfoten selbst Gänge aus, welche regelmäßig sehr oberflächlich unter der Erde dahinlaufen. Wie die meisten anderen Arten der Familie ist auch sie ein vollkommenes Nachttier, welches bei Tage nur ungern feinen unterirdischen Aufenthaltsort verläßt. Nie: mals thut fie dies während der Mittagssonne, und es scheint wirklich, daß die Sonnenstrahlen ihr überaus beschwerlich fallen; wenigstens nimmt man an, daß die vielen toten, welche man im Hochsommer an Wegen und Gräben findet, von der Sonne geblendet, den Eingang ihrer Höhle nicht wieder auffinden konnten und deshalb zu Grunde gingen.
Unaufhörlich sieht man die Spitzmaus beschäftigt, mit ihrem Rüssel nach allen Richtungen hin zu schnüffeln, um Nahrung zu suchen, und was sie findet und überwältigen
kann, ist verloren: sie frißt ihre eigenen Jungen oder die getöteten ihrer eigenen Art auf. „Ich habe“, sagt Lenz, „oft Spitzmäuse in Kisten gehabt. Mit Fliegen, Mehlwürmern, Regenwürmern und dergleichen sind sie fast gar nicht zu sättigen. Ich mußte jeder täglich eine ganze tote Maus oder Spitzmaus oder ein Vögelchen von ihrer eigenen Größe geben. Sie fressen, so klein sie sind, täglich ihre Maus auf und lassen nur Fell und Knochen übrig. So habe ich sie oft recht fett gemästet; läßt man sie aber im geringsten Hunger leiden, so sterben sie. Ich habe auch versucht, ihnen nichts als Brot, Rüben, Birnen, Hanf, Mohn, Rübsamen, Kanariensamen ꝛc. zu geben; aber sie verhungerten lieber, als daß sie anbissen. Bekamen sie fettgebackenen Kuchen, so bissen sie dem Fett zuliebe an; fanden sie eine in einer Falle gefangene Spitzmaus oder Maus, so machten sie sich augenblicklich daran, sie aufzufressen. Bei guter Abwartung hält die Waldspitzmaus monatelang in Gefangenschaft aus.“
Hausspitzmaus (Croeidura aranea) und Waldspitzmaus (Sorex vulgaris). Natürliche Größe.
Welcker band einer lebenden Spitzmaus einen festen Faden an den Hinterfuß und ließ sie auf dem Felde in die von Mäusen bewohnten Löcher kriechen. Nach kurzer Zeit kam aus dem zuletzt versuchten Gange eine Ackermaus in größter Angst hervorgekrochen, aber mit der Spitzmaus auf dem Rücken. Das gierige Raubtier hatte sich mit den Zähnen im Nacken des Schlachtopfers eingebissen, tötete es in kurzer Zeit und fraß es auf. Die Bewegungen der Waldspitzmaus sind außerordentlich rasch und behende. Sie läuft huschend gewandt auf dem Boden dahin, springt ziemlich weit, vermag an schiefen Stämmen emporzuklettern und versteht im Notfalle ganz leidlich zu schwimmen. Ihre Stimme besteht in einem scharfen, fein zwitschernden, fast pfeifenden, aber leisen Tone, wie ihn auch die übrigen Arten der Fa: milie vernehmen lassen. Unter den Sinnen steht unzweifelhaft der Geruch obenan. Es kommt oft vor, daß lebend gefangene, welche wieder freigelassen werden, in die Falle zurücklaufen, bloß weil diese den Spitzmausgeruch an sich hat. Ihrem Gesichte scheint die Spitzmaus nicht zu folgen, und ebenso muß ihr Gehör ziemlich schwach sein; die feine Nase ersetzt aber auch beide Sinne fast vollkommen. i