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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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gleichen Geschlechtes miteinander, und der Ausgang solcher Gefechte ist dann auch sehr zweifelhaft; der unterliegende wird sofort aufgefressen. So ist es sehr begreiflich, daß jeder Maulwurf für sich allein einen Bau bewohnt und sich hier auf eigene Faust beschäftigt und vergnügt, entweder mit Graben und Fressen oder mit Schlafen und Ausruhen.

Ein anderes Leben beginnt um die Paarungszeit. Jetzt verlassen die liebebedürftigen Männchen und Weibchen zur Nachtzeit häufig ihren Bau und streifen über der Erde umher, um andere Maulwurfspaläste aufzusuchen und hier Besuche abzustatten. Es ist erwiesen, daß es weit mehr Männchen als Weibchen gibt, und daher treffen denn auch gewöhnlich ein Paar verliebte Männchen eher zusammen als ein Maulwurf mit einer Maulwürfin. So oft dies geschieht, entspinnt sich ein wütender Kampf. Endlich, vielleicht nach mancherlei Kampf und Streit, findet der männliche Maulwurf ein Weibchen auf und versucht nun, es mit Gewalt oder Güte an sich zu fesseln. Er bezieht also mit seiner Schönen entweder seinen oder ihren Bau und legt hier Röhren an, welche den gewöhnlichen Jagdröhren ähneln, aber zu einem ganz anderen Zwecke bestimmt sind, nämlich um das Weibchen, wenn sich ein anderer Bewerber dafür findet, darin einzusperren. Sobald er seine liebe Hälfte derartig in Sicherheit gebracht hat, kehrt er sofort zu dem etwaigen Gegner zurück. Beide erweitern die Röhren, in denen sie sich getroffen haben, zu einem Kampfplatze, und nun wird auf Tod und Leben gefochten. Inzwischen hat sich das eingesperrte Weibchen zu befreien gesucht und, neue Röhren grabend, weiter und weiter entfernt; der Sieger eilt ihm jedoch nach und bringt es wieder zurück, und nach mancherlei Kämpfen gewöhnen sich die beiden mürrischen Einsiedler auch wirklich aneinander. Jetzt graben sie gemeinschaftlich Sicherheitsund Nahrungsröhren aus, und das Weibchen legt ein Nest für ihre Jungen an, in der Regel da, wo drei oder mehr Gänge in einem Punkte zusammenstoßen, damit bei Gefahr möglichst viele Auswege zur Flucht vorhanden sind. Das Nest ist eine einfache, dicht mit weichen, meist zerbissenen Pflanzenteilen, hauptsächlich mit Laub, Gras, Moos, Stroh, Mist und anderen derartigen Stoffen ausgefütterte Kammer und liegt gewöhnlich in ziemlich weiter Entfernung von dem früher geschilderten Kessel, mit dem es durch die Laufröhre verbunden ist. Nach etwa vierwöchiger Tragzeit wirft das Weibchen in dieses Nest 3—5 blinde Junge, welche zu den unbehilflichsten von allen Säugern gerechnet werden müssen. Sie sind anfangs nackt und blind und etwa jo groß wie eine derbe Bohne. Aber schon in der frühesten Jugend zeigen sie die nämliche Unersättlichkeit wie ihre Eltern und wachsen deshalb sehr schnell heran. Die Mutter gibt die größte Sorgfalt für die Erhaltung ihrer Kinderschar kund und scheut keine Gefahr, wenn es deren Rettung gilt. Wird sie zufällig mit den Jungen aus dem Boden gepflügt oder gegraben, so schleppt sie diese im Maule in ein nahes Loch oder in einen Moos⸗, Mist⸗ oder Laubhaufen ꝛc. und verbirgt fie hier vorläufig jo eilig wie möglich. Aber auch das Männchen nimmt sich, wie behauptet wird, ihrer an, trägt ihnen Regenwürmer und andere Kerbtiere zu, teilt bei Überflutungen redlich die Gefahr und sucht die Jungen im Maule an einen sicheren Ort zu schaffen. Nach etwa 5 Wochen haben sie ungefähr die halbe Größe der Alten erreicht, liegen jedoch immer noch im Neste und warten, bis eines von den Eltern ihnen Atzung zuträgt, welche sie dann mit unglaublicher Gier in Empfang nehmen und verspeisen. Wird ihre Mutter ihnen weggenommen, so wagen sie sich wohl auch, gepeinigt vom wütendsten Hunger, in die Laufröhre, wahrscheinlich um nach der Pflegerin zu suchen; werden sie nicht gestört, so gehen sie endlich aus dem Neste heraus und selbst auf die Oberfläche, wo sie sich necken und miteinander balgen. Ihre ersten Versuche im Wühlen sind noch sehr unvollkommen; sie streichen ohne alle Ordnung flach unter der Oberfläche des Bodens hin, oft so dicht, daß sie kaum mit Erde bedeckt sind, und versuchen es nur selten, Haufen aufzuwerfen. Aber die Wühlerei lernt sich mit den Jahren,

und im nächsten Frühjahre sind sie schon vollkommen geschult in ihrer Kunst. Ungeachtet man junge Maulwürfe vom April an bis zum August und noch länger findet, darf man doch nicht annehmen, daß das Weibchen zweimal im Jahre wirft, hat vielmehr Ursache zu vermuten, daß die Paarungs- und demzufolge auch die Wurfzeit in verschiedene Monate fällt.

Der Maulwurf hält keinen Winterschlaf wie mancher andere Kerbtierjäger, sondern ist Sommer und Winter in ewiger Bewegung. Er folgt den Regenwürmern und Kerbtieren und zieht mit ihnen in die Tiefe der Erde oder zur Oberfläche des Bodens empor. Nicht selten sieht man Maulwürfe im frischen Schnee oder in tief gefrorenem Boden ihre Haufen aufwerfen, und unter dem weichen Schnee unmittelbar über dem vereisten Boden machen sie oft große Wanderungen. Einige Fänger haben berichtet, daß sie sich sogar Wintervorräte anlegten: eine große Menge Würmer nämlich, welche teilweise, jedoch nicht lebensgefährlich, verstümmelt würden, und ebenso, daß in strengen Wintern diese Vorratskammern reichlicher gespickt wären als in milden. Diese Mitteilung bedarf jedoch nach F. Dahls neuesten Beobachtungen der Berichtigung. Dieser Gewährsmann schreibt: „Kurz nach eingetretenem Tauwetter, als die Erde unter den großen Haufen noch fest gefroren war, befanden sich bedeutende Vorräte von Würmern in der Höhlung selbst und in den Gängen, bis zu 15 m von der mittleren Höhlung entfernt. Sie waren in die festen Wände als kleine Häufchen von etwa je zehn Stück gleichsam eingemauert. Die meisten waren ziemlich stark gequetscht, teilweise sogar verstümmelt. Einige erholten sich aber, in die Wärme gebracht, bald wieder so weit, daß man keine Verletzung irgend welcher Art an ihnen wahrnehmen konnte. Aus einem Baue sammelte ich den ganzen Vorrat, zählte und wog: es waren im ganzen 1280 Regenwürmer, welche ein Gewicht von 2,13 kg besaßen, und 18 Engerlinge. Die Frage ist nun: welches kann der Zweck oder der Grund derartiger Anhäufungen von Nahrung sein? Sie Vorräte für den Winter zu nennen, dagegen dürfte doch Verschiedenes sprechen. Einerseits wäre dann sonderbar, daß die Vorräte in strengen Wintern größer sind und zwar namentlich, daß sie nach so lange anhaltender Kälte noch so unendlich groß sind. Anderseits sieht man nicht ein, warum der Maulwurf nicht ebensogut im Winter seine Nahrung sollte finden können wie im Sommer. Folgt er den Würmern in die Tiefe, wie es feststeht, so sollte man doch glauben, daß er sie in ihrer Winterstarre nur noch um so leichter wird fassen können. Meiner Ansicht nach ist gerade eine umgekehrte Erklärung, daß die Anhäufungen im Winter gesammelte Vorräte sind, die später verzehrt werden, weit wahrscheinlicher. Der Maulwurf vermag im Winter so viele Würmer zu fangen, daß er nicht im stande ist, alle zu verzehren. Er hebt sich das Überflüssige auf, wie es bei so vielen Tieren vorkommt, nicht etwa um für ungünstigere Zeiten zu sorgen, sondern einfach einem für Erhaltung der Art vorteilhaften Triebe folgend.“

Wie, wird man fragen, ist es möglich, ein jo versteckt lebendes Tier überhaupt zu beobachten? Darauf muß ich antworten, daß wir einen großen Teil unseres Wissens alten, erprobten Maulwurfsfängern verdanken, welche uns auf diese oder jene Eigenschaften des Tieres aufmerksam gemacht haben und geradezu die ersten Lehrmeister geworden sind. Außerdem hat man sehr viel von den gefangenen Maulwürfen gelernt, jede gewonnene Beobachtung, wie es bei der Wissenschaft überhaupt zu geschehen pflegt, auf das sorgfältigste auf: bewahrt und so schließlich ein klares Bild bekommen. Von der Art und Weise der Beobachtung will ich bloß ein Beispiel anführen. Lecourt wollte die Schnelligkeit des Maulwurfes in seinen Gängen untersuchen und wandte zu diesem Zwecke ein ebenso geeignetes wie ergötzliches Mittel an. Er steckte eine Menge von Strohhalmen reihenweise in die Laufröhre, so, daß sie von dem dahineilenden Maulwurf berührt und in Erschütterung gebracht werden mußten. An diese Strohhalme befestigte er oben kleine Papierfähnchen und ließ jetzt den in seinem Jagdgebiete beschäftigten Maulwurf durch einen Hornstoß in die Laufröhre schrecken.

Da fielen denn die Fähnchen der Reihe nach in demselben Augenblicke ab, in welchem sie der Maulwurf berührte, und der Beobachter mit seinem Gehilfen bekam hierdurch Gelegenheit, die Schnelligkeit des Laufens für eine gewisse Strecke mit aller Sicherheit zu ermitteln. Die Baue kann man sehr leicht kennen lernen, indem man sie einfach ausgräbt; die Art des Wühlens sieht man bei gefangenen Maulwürfen; die ausgewühlten Kampfplätze und Zweikämpfe zwischen liebenden Bewerbern hat man entdeckt, indem man den Lärm des Kampfes vernahm und die Tiere schnell ausgrub ꝛc.

Es läßt sich nicht leugnen, daß der Maulwurf durch Wegfangen der Regenwürmer, Maulwurfsgrillen, Engerlinge und anderer verderblicher Kerbtiere großen Nutzen stiftet, und er wird deshalb an allen Orten, wo man seine aufgeworfenen Haufen leicht wegschaffen kann, immer eines der wohlthätigsten Säugetiere bleiben. Allein ebenso gewiß ist, daß er in Gärten nicht geduldet werden darf, weil er hier durch das Durchwühlen der Erde, aus welcher teure Pflanzen ihre Nahrung ziehen, oder durch das Herauswerfen der letzteren den geordneten Pflanzenstaat wesentlich schädigen kann. Auch die Wälle, welche zum Schutze gegen Überflutungen angelegt sind, gefährdet er durch seine Wühlereien; das Hochwasser rinnt durch die Gänge, kann sie auswaschen und schließlich einen Dammriß herbeiführen. Auf Wiesen, in Laubwäldern, in Feldfruchtstücken ist er ein Gast, welcher unbedingt geschützt werden sollte, an anderen Orten verursacht er unsäglichen Argerund Schaden. Man kennt viele Mittel, um ihn zu vertreiben, thut aber jedenfalls am besten, wenn man dies einem alten, erfahrenen Maulwurfsfänger überträgt, der bekanntlich auf jedem Dorfe zu finden ist und die Kunst, ihn auszurotten, weit besser versteht, als Beschreibungen lehren können. Nur ein einziges Mittel will ich angeben, weil es noch ziemlich unbekannt und von großem Nutzen ist. Wenn man einen Garten oder einen anderen gehegten Platz mit Sicherheit vor dem Maulwurfe schützen will, braucht man weiter nichts zu thun, als ringsum eine Masse klar gehackter Dornen, Scherben oder andere spitze Dinge, etwa bis zu einer Tiefe von 60 em, in die Erde einzugraben. Eine solche Schutzmauer hält jeden Maulwurf ab; denn wenn er sie wirklich durchdringen will, verwundet er sich an irgend einer Spitze im Gesichte und geht dann regelmäßig sehr bald an dieser Verwundung zu Grunde.

Außer dem Menschen hat der Maulwurf viele Verfolger. Iltis, Hermelin, Eulen und Falken, Bussard, Raben und Storch lauern ihm beim Aufwerfen auf, das kleine Wiesel ver: folgt ihn sogar in seinen Gängen, wo er, wie oben bemerkt, auch der Kreuzotter nicht selten zum Opfer fällt. Pintscher machen sich ein Vergnügen daraus, einem grabenden Maulwurfe aufzulauern, ihn mit einem plötzlichen Wurfe aus der Erde zu schleudern und durch wenige Bisse umzubringen. Nur die Füchse, Marder, Igel und die genannten Vögel verzehren ihn, die anderen Feinde töten ihn und lassen ihn liegen.

Bei uns zu Lande bringt der getötete Maulwurf fast gar keinen Nutzen. Sein Fell wird höchstens zur Ausfütterung von Blaserohren oder zu Geldbeuteln verwendet. Die Russen verfertigen daraus kleine Säckchen, mit denen sie bis nach China Handel treiben. Der Maulwurf hat ebenfalls zu fabelhaften Geschichten Anlaß gegeben. Die Alten hielten ihn für stumm und blind und schrieben seinem Fette, seinem Blute, seinen Eingeweiden, ja selbst dem Felle wunderbare Heilkräfte zu. Heutigestags noch besteht an vielen Orten der Aberglaube, daß man von dem Wechselfieber geheilt werde, wenn man einen Maulwurf auf der flachen Hand sterben lasse, und daß man überhaupt Krankheiten durch bloßes Auflegen der hierdurch wirksam gewordenen Hand heilen könne.

Eine dritte Familie bilden die Spitzhörnchen (Tupaiidae). Die wenigen Arten, welche man kennt, vertreten zwar mehrere Gattungen, ähneln sich aber ebensowohl in ihrer Gestalt wie in ihrem Wesen. Wie der deutsche Name andeuten soll, ähneln fie den Eichhörnchen, wenn auch diese Ahnlichkeit nur eine oberflächliche sein kann. Ihr Kopf spitzt sich in eine lange, an der stumpfen Spitze gewöhnlich nackte Schnauze zu; der Leib ist gestreckt, der Schwanz lang oder sehr lang, buschig, zweizeilig behaart, der Pelz dicht und weich. Ihr Gebiß besteht aus 38—44 Zähnen, unter denen die Eckzähne, weil fie kürzer als die Schneidezähne sind, auffallen; der Schädel ist lang, der Jochbogen in der Mitte durchbohrt, das Schienbein von dem Wadenbein getrennt. In der Wirbelsäule zählt man außer den Halswirbeln 13 rippentragende, 6 —7 rippenlose, 2— 3 Kreuz- und 25— 26 Schwanzwirbel.

Tana (Tupaia tana). ½ natürl. Größe.

Die Augen sind groß, die Ohren länglich abgerundet, die Glieder fünfzehig, die Füße nacktsohlig, die Zehen getrennt und mit kurzen Sichelkrallen bewaffnet. Das Weibchen hat vier Zitzen am Bauche. Die Spitzhörnchen bewohnen Hinterindien und den Indischen Archipel. Sie sind echte Tagtiere, welche ihre Räubereien im Angesichte der Sonne ausführen. Ihr Kleid und ihre Bewegungen ähneln denen der Eichhörnchen, und die Eingeborenen ihrer Heimat haben für sie und die Eichhörnchen nur eine Benennung.

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