Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Unter den Sinnen sind Geruch, Gehör und Gefühl besonders ausgebildet, während das Gesicht sehr verkümmert ist. Ihre Stimme besteht in zischenden und quiekenden Lauten. Die geistigen Fähigkeiten sind gering, obwohl nicht in dem Grade, als man gewöhnlich zu glauben geneigt ist. Doch scheinen die sogenannten schlechten Eigenschaften weit mehr entwickelt zu sein als die guten; denn alle Mulle sind im höchsten Grade unverträgliche, zänkische, bissige, räuberische und mordlustige Tiere, welche selbst den Tiger an Grausamkeit übertreffen und mit Lust einen ihresgleichen auffressen, sobald er ihnen in den Wurf kommt.
Die Nahrung besteht ausschließlich in Tieren, nie aus Pflanzenstoffen. Unter der Erde lebende Kerbtiere aller Art, Würmer, Asseln und dergleichen bilden die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten. Außerdem verzehren sie, wenn sie es haben können, kleine Säugetiere und Vögel, Frösche und Nacktschnecken. Ihre Gefräßigkeit ist ebenso groß wie ihre Beweglichkeit; denn sie können bloß sehr kurze Zeit ohne Nachteil hungern und verfallen deshalb auch nicht in Winterschlaf. Gerade aus diesem Grunde werden sie als Kerbtiervertilger nützlich, während sie durch ihr Graben dem Menschen viel Arger bereiten.
Ein= oder zweimal im Jahre wirft der weibliche Maulwurf zwischen 3 — 5 Junge und pflegt fie sorgfältig. Die Kleinen wachsen ziemlich rasch heran und bleiben ungefähr 1 oder 2 Monate bei ihrer Mutter. Dann machen sie sich selbständig, und die Wühlerei beginnt. In der Gefangenschaft kann man sie nur bei sorgfältigster Pflege erhalten, weil man ihrer großen Gefräßigkeit kaum Genüge zu leisten vermag.
Nach der Beschaffenheit des Gebisses, der Bildung des Rüssels und dem Fehlen oder Vorhandensein des mehr oder weniger langen Schwanzes teilt man die Maulwürfe in Gattungen ein, welche wir bis auf eine aus dem Grunde übergehen können, als die Mulle im wesentlichen eine durchaus übereinstimmende Lebensweise führen, die uns durch die bei uns lebende Art genügend veranschaulicht wird.
Der Maulwurf oder Mull (Talpa europaea, T. vulgaris, Abbildung ©. 373), das Urbild der Familie und einer auf Europa und Asien beschränkten Gattung, läßt sich, nach den gegebenen Merkmalen der Familie, mit wenigen Worten beschreiben. Die Leibeslänge beträgt, einschließlich des 2,5 cm langen Schwanzes, 15, höchstens 17 cm, die Höhe am Wider: riste ungefähr 5 em. Das Gebiß besteht aus 44 Zähnen, und zwar im Oberkiefer 6, im 24
Unterkiefer 8 einfachen unter sich nicht wesentlich verschiedenen, einwurzeligen Vorderzähnen, großen, zweiwurzeligen Eckzähnen und oben 7, unten 6 Backenzähnen jederseits, von denen die ersten 3 und beziehentlich 2 klein und einwurzelig, daher als Lückenzähne anzusprechen, die darauf folgenden 4 aber mehrwurzelig, teilweise auch mehrspitzig, also Mahlzähne sind. Von der Leibeswalze stehen die sehr kurzen Beine ziemlich wagerecht ab; die sehr breite, handförmige Pfote kehrt die Fläche, welche bei anderen Tieren die innere ist, immer nach außen und rückwärts. Unter den kurzen, durch breite, stark abgeplattete und stumpfschneidige Krallen bewehrten Zehen ist die mittelste am längsten, die äußeren aber verkürzen sich allmählich und sind fast vollständig miteinander durch Spannhäute verbunden, ja beinahe verwachsen. An den kleinen und kurzen Hinterfüßen sind die Zehen getrennt und die Krallen spitzig und schwach. Die Augen haben etwa die Größe eines Mohnkornes, liegen in der Mitte zwischen der Rüsselspitze und den Ohren und sind vollkommen von den Kopfhaaren überdeckt, besitzen aber Lider und können willkürlich hervorgedrücktund zurückgezogen, also benutzt werden. Die kleinen Ohren haben keine äußeren Ohrmuscheln, sondern werden außen
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Gerippe des Maulwurfes. (Aus dem Berliner anatomischen Mufeum.)
bloß von einem kurzen Hautrande umgeben, welcher ebenfalls unter den Haaren verborgen liegt und zur Offnung und Schließung des Gehörganges dient. Die gleichmäßig schwarze Behaarung ist überall sehr dicht, kurz und weich, samtartig; auch die glänzenden Schnurren und Augenborsten zeichnen sich durch Kürze und Feinheit aus. Mit Ausnahme der Pfoten, der Sohlen, der Rüsselspitze und des Schwanzendes bedeckt der Pelz den ganzen Körper. Sein bald mehr ins Bräunliche, bald mehr ins Bläuliche oder selbst ins Weißliche schillernder Glanz ist ziemlich lebhaft. Die nackten Teile sind fleischfarbig, die Augen schwarz wie kleine, einfarbige Glasperlen, denn man kann an ihnen den Stern von der Regenbogenhaut nicht unterscheiden. Das Weibchen ist schlanker gebaut als das Männchen, und junge Tiere sind etwas mehr gräulich gefärbt. Dies sind die einzigen Unterschiede, welche zwischen den Geschlechtern und Altern bestehen. Es gibt aber auch Abänderungen, bei denen die aschgraue Färbung des Jugendkleides eine bleibende ist, oder welche am Bauche auf der aschgrauen Grundfarbe breite, graugelbe Längsstreifen zeigen, auch solche, welche mit weißen Flecken auf schwarzem Grunde gezeichnet find. Außerst selten findet man gelbe und weiße Maulwürfe.
Der Verbreitungskreis des Maulwurfes erstreckt sich über Europa nebst Nordafrika und reicht durch Asien bis zum Altai und selbst bis nach Japan. Nach Norden hinauf verbreitet er sich bis auf das Dovrefjeld, in Großbritannien bis zu dem mittleren Schottland und in Rußland bis zu den mittleren Dwinagegenden. Auf den Orkney- und Shetlandinseln sowie auf dem größten Teile der Hebriden und in Irland fehlt er gänzlich. In Asien geht er bis zum Amur und südwärts bis in den Kaukasus; in den Alpen steigt er bis zu 2000 m Gebirgshöhe empor. Er ist überall gemein und vermehrt sich da, wo man ihm nicht nad): stellt, inüberraschender Weise.
Von seinem Aufenthalte gibt er selbst sehr bald die sicherste Kunde, da er beständig neue Hügel aufwerfen muß, um leben zu können. Diese Hügel bezeichnen immer die Richtung und Ausdehnung seines jedesmaligen Jagdgrundes. Bei seiner außerordentlichen Gefräßigkeit muß er diesen fortwährend vergrößern und daher auch beständig an dem Ausbaue seines unterirdischen Gebietes arbeiten. Ohne Unterlaß gräbt er wagerechte Gänge in geringer Tiefe unter der Oberfläche und wirft, um den losgescharrten Boden zu entfernen, die bekannten Hügel auf. „Unter allen einheimischen, unterirdischen Tieren“, schreibt Blasius, „bereitet sich der gemeine Maulwurf am mühsamsten seine kunstreichen Wohnungen und Gänge. Er hat nicht allein für die Befriedigung seiner lebhaften Freßlust, sondern auch für die Einrichtung seiner Wohnung und Gänge, für Sicherheit gegen Gefahr mancherlei Art zu
sorgen. Am kunstreichsten und sorgsamsten ist die eigentliche Wohnung, sein Lager, eingerichtet. Gewöhnlich befindet es sich an einer Stelle, welche von außen schwer zugänglich ist, unter Baumwurzeln, unter Mauern und dergleichen und meist weit entfernt von dem täglichen Jagdgebiete. Mit letzterem, in welchem die täglich sich vermehrenden Nahrungsröhren mannigfaltig sich verzweigen und kreuzen, ist die Wohnung durch eine lange, meist ziemlich gerade Laufröhre verbunden. Außer diesen Röhren werden noch eigentümliche Gänge in der Fortpflanzungszeit angelegt. Die eigentliche Behausung zeichnet sich an der Oberfläche meist durch einen gewölbten Erdhaufen von auffallender Größe aus. Sie besteht im Inneren aus einer rundlichen, reichlich 8 cm weiten Kammer, welche zum Lagerplatze dient, und aus zwei kreisförmigen Gängen, von denen der größere, in gleicher Höhe mit der Kammer, dieselbe ringsum in einer Entfernung von ungefähr 16— 25 em einschließt und der kleinere, etwas oberhalb der Kammer, mit dem größeren ziemlich gleichartig verläuft. Aus der Kammer gehen gewöhnlich drei Röhren schräg nach oben in die kleinere Kreisröhre und aus dieser, ohne Ausnahme abwechselnd mit den vorhergehenden Verbindungsröhren, 5—6 Röhren schräg abwärts in die größere Kreisröhre; von letzterer aus strecken sich strahlenförmige
und ziemlich wagerechte nach außen und ebenfalls wieder abwechselnd mit den zuletzt genannten Verbindungsröhren etwa 8 - 10 einfache oder verzweigte Gänge nach allen Richtungen hin, die aber in einiger Entfernung meist bogenförmig nach der gemeinsamen Lauf: röhre umbiegen. Auch aus der Kammer abwärts führt eine Sicherheitsröhre in einem wieder ansteigenden Bogen in diese Laufröhre. Die Wände der Kammer und der zu der Wohnung gehörigen Röhren sind sehr dicht, fest zusammengestampft und glatt gedrückt. Die Kammer selbst ist zum Lager ausgepolstert mit weichen Blättern von Gräsern, meist jungen Getreidepflänzchen, Laub, Moos, Stroh, Mist oder zarten Wurzeln, welche der Maul: wurf größtenteils von der Oberfläche der Erde herbeiführt. Kommt ihm Gefahr von oben, so schiebt er das weiche Lagerpolster zur Seite und fällt nach unten, sieht er sich von unten oder von der Seite bedroht, so bleiben ihm die Verbindungsröhren zu der kleineren Kreisröhre teilweise offen. Die Wohnung bietet ihm zu Schlaf und Ruhe unter allen Umftän-den Sicherheit dar und ist deshalb auch sein gewöhnlicher Aufenthalt, wenn er nicht auf Nahrung ausgeht. Sie liegt 30— 60 cm unter der Erdoberfläche. Die Laufröhre ist weiter als die Körperdicke, so daß das Tier schnell und bequem vorwärts kommen kann; auch in ihr sind die Wände durch Zusammenpressen und Festdrücken von auffallender Festigkeit und Dichtigkeit. Außerlich zeichnet sie sich nicht wie die übrigen Gänge durch aufgeworfene Haufen aus, indem bei der Entfernung die Erde nur zur Seite gepreßt wird. Sie dient bloß zu einer möglichst raschen und bequemen Verbindung mit dem täglichen Jagdgebiete und wird nicht selten von anderen unterirdischen Tieren, Spitzmäusen, Mäusen und Kröten, benutzt, welche sich aber sehr zu hüten haben, dem Maulwurfe in ihr zu begegnen. Von außen kann man sie daran erkennen, daß die Gewächse über ihr verdorren und der Boden über ihr sich etwas senkt. Solche Laufröhren find nicht selten 30— 50 m lang. Das Jagdgebiet liegt meist weit von der Wohnung ab und wird tagtäglich, Sommer und Winter, in den verschiedensten Richtungen durchwühlt und durchstampft. Die Gänge in ihm sind bloß für den zeitweiligen Besuch zum Aufsuchen der Nahrung gegraben und werden nicht befestigt, so daß die Erde von Strecke zu Strecke haufenweise an die Oberfläche geworfen wird und auf diese Weise die Richtung der Röhren bezeichnet. Die Maulwürfe besuchen ihr Jagdgebiet gewöhnlich dreimal des Tages, morgens früh, mittags und abends. Sie haben daher in der Regel sechsmal täglich von ihrer Wohnung aus und wieder zurück die Laufröhre zu durchlaufen und können bei dieser Gelegenheit, sobald gedachtes Rohr aufgefunden ist, mit Sicherheit in Zeit von wenigen Stunden gefangen werden.“
Diese Beobachtungen hat neuerdings F. Dahl ergänzt und in manchen Stücken berichtigt. Er hat zunächst wesentliche Abweichungen in der Anlage des Baues gefunden, die durch äußere Verhältnisse bedingt sind, aber auch andere, die nicht durch diese erklärt werden können. „Was zunächst die Abänderung der ersteren Art anbetrifft“, schreibt Dahl, „so befindet sich die Wohnung des Maulwurfes auf einer Wiese nicht an einem vom täglichen Jagdgebiete entfernten, geschützten Orte, da ein solcher nicht vorhanden ist: ist doch die Wiese gewöhnlich flach und rings von Wassergräben eingeschlossen. Die Wohnung befindet sich vielmehr unter einem auffallend großen Haufen mitten im Jagdgebiete selbst. Eine kesselartige Höhlung, der eigentliche Wohnraum des Maulwurfes, befindet sich mitten unter dem Haufen und zwar nur so tief, daß der obere Rand unmittelbar mit der Rasenfläche abschneidet. In eine Tiefe, wie sie Blasius angibt, könnte in der Wiese die Höhlung nicht verlegt werden, da der Boden in dieser Tiefe schon zu naß ist. Die Höhlung hatte einen Durchmesser von gewöhnlich mehr als 25 em und war mit Gras ausgepolstert. An diesem feuchten Orte muß das Lager wahrscheinlich fast täglich mit trockenen Pflanzenstoffen versehen werden. Daß dies wirklich geschieht, dafür sprechen die teilweise noch grünen Pflanzen, die man stets im Inneren findet. Durch die fortgesetzte Polsterung nimmt natürlich
der Umfang zu. Um die Höhlung verlaufen mitunter, wie es Blasius angibt, zwei Gänge. Der kleinere, kreisförmige Gang liegt dann aber nicht höher als die Höhlung, sondern mit dem oberen Teile in gleicher Höhe, d. h. unmittelbar unter der Rasenfläche. Diese Kreisröhre ist durchschnittlich 8 — 10 em vom mittleren Kessel entfernt und steht mit ihm durch einige Röhren in Verbindung. Die äußere Röhre liegt mit der inneren gleich hoch und steht mit ihr durch Quergänge in Verbindung, ist aber gewöhnlich keineswegs kreisförmig. Von ihm aus verlaufen strahlenförmig die Gänge nach den verschiedenen Teilen des Jagdgebietes. In vielen Fällen fehlte der äußere Gang vollkommen, in einem Falle sogar der innere, und die Strahlengänge verliefen unmittelbar in das Jagdgebiet. Auch ein senkrecht nach unten verlaufender und dann nach einer Seite umbiegender Gang, welcher dem Maulwurfe zum Entkommen dient, wenn ihm Gefahr von oben droht, ist zwar gewöhnlich vorhanden, aber nicht immer.“ Das Innere der Baue steht nie unmittelbar mit der äußeren Luft in Verbindung; doch dringt diese zwischen den Schollen der aufgeworfenen Haufen in hinreichender Menge ein, um dem Tiere den nötigen Sauerstoff zuzuführen. Außer der Luft zur Atmung bedarf der Maulwurf aber auch Wasser zum Trinken, und deshalb errichtet er sich stets besondere Gänge, welche zu nahen Pfützen oder Bächen führen, oder gräbt, wo solche ihm mangeln, besondere Schächte, worin sich dann Regenwasser sammelt. Ein alter Maulwurfsfänger hat häufig an der untersten Stelle tiefer Röhren ein senkrechtes Loch gefunden, welches den Brunnen bildet, aus dem der Maulwurf trinkt. „Manche dieser Löcher“, beschreibt er, „sind von beträchtlicher Größe. Sie waren oft anscheinlich trocken; allein wenn ich ein wenig Erde hineinwarf, überzeugte ich mich, daß sie Wasser enthielten. In diesen Röhren kann der Maulwurf sicher hinab- und heraufrutschen. Bei nassem Wetter sind alle seine Brunnen bis an den Rand gefüllt und ebenso in manchen Arten von Boden auch bei trockener Witterung. Wie sehr der Maulwurf des Wassers benötigt ist, ergibt sich übrigens aus dem Umstande, daß man bei anhaltender Trockenheit in einer Röhre, welche nach dem Loche oder Wasserbehälter führt, ihrer sehr viele fangen kann.“