Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Unsere Abbildung macht uns mit einer der größten Arten der Familie, der Tana (Tupaia tana, Sorex glis, Tupaia und Hylogalea ferruginea, Cladobates tana), bekannt. Die Mitglieder der Gattung, welcher fie zugehört, kennzeichnen sich durch buschigen, zweizeilig behaarten Schwanz, große vorspringende Augen, mäßig große abgerundete Ohren, das aus 38 Zähnen bestehende Gebiß und einen die Augenhöhlen hinten abschließenden dünnen Knochenring. Die Tana zeichnet sich vor den übrigen außer ihrer Größe durch den langen Schwanz aus und trägt ein dunkelbraunes, ins Schwarze ziehendes Fell, welches auf den Unterseiten einen rötlichen Anflug zeigt und am Kopfe und an der Schnauze mit Grau gemischt erscheint.
Die Kehle ist rötlichgrau; der Hinterkopf hat eine graue Querbinde; auf dem Rücken verläuft ein dunkelbrauner Längsstreifen. Die einzelnen Haare des Rückens sind grau und dunkelbraun geringelt. Die Färbung ändert indessen mannigfaltig ab und zwar, wie es scheint, ziemlich übereinstimmend nach dem Verbreitungsgebiete, bis zu hellbraun und rostbraun, was zur Aufstellung von Unterarten geführt hat. In der Größe kommt die Tana unserem Eichhörnchen am nächsten; ihre Leibeslänge beträgt nicht ganz 20 cm, die des Schwanzes ebensoviel.
Wenn man die Unterarten nur als solche gelten läßt, ist der Verbreitungskreis unseres Tieres groß. Er umfaßt zunächst Borneo, Java und Sumatra, nach Blanford auch die Malayische Halbinsel nebst Barma bis Assam, nach Jerdon selbst noch die südlichen Hänge des Himalaja bis Nepal und zwar in Höhen von 1000— 2000 m. Stoliczka erhielt ein Stück sogar auf dem Prepariseiland, nördlich von den Andamanen. Über die Lebensweise der Tana wissen wir nicht viel. Sie wird in ausgedehnten Wäldern gefunden wie in Bambusbeständen und Buschwäldchen und in Bäumen an den Wohnsitzen, in Barma lebt sie, laut Mason und MeMaster, sogar in Häusern. Sie find, nach Blanford, leicht zu zäh: men, sind aber auch sonst schon ganz zutraulich, da sie manchmal freiwillig in Wohnungen kommen und dort sich nehmen, was ihnen gut dünkt. Unser Gewährsmann führt auch nach Cantor an, daß sie ihre Nahrung etwa wie unsere Eichhörnchen verzehren und sich danach ebenso wie diese putzen, ferner auch das Wasser lieben, zum Trinken wie zum Baden. Sie sollen ferner sehr kampflustig sein und alle ihresgleichen, die in ihr eigenes Gebiet eindringen, eifrig anfallen und verjagen.
Die Tana ist ein behendes, munteres Tier, wenn auch nicht ganz so rasch wie unser Eichhörnchen, welches seine langen, gebogenen Nägel vortrefflich zu benutzen versteht und fast mit der Gewandtheit der Affen klettert. Ihre Nahrung besteht aus Kerbtieren und Früchten, welche sie ebensowohl im Gezweige wie auf dem Boden zusammensucht. Eine verwandte Art ist gezähmt worden und hat sich an Milch und Brot gewöhnt, war jedoch stets unruhig und belferte jeden an, der ihr in den Weg trat. Den größeren Teil des Futters suchte sie sich selbst, und da sie frei im Hause herumlaufen durfte, hatte sie es bald von allen Kerbtieren gereinigt. Ungeachtet dieser Erfahrung hat man bis jetzt vergeblich versucht, ein Spitzhörnchen lebend nach Europa überzuführen.
Genauer, obgleich noch keineswegs hinlänglich, kennen wir die Rüsselspringer (Ma-eroscelididae), welche eine der bemerkenswertesten Familien der Ordnung bilden. Während die Spitzhörnchen zum Teil den Schwanz der Springmäuse haben, besitzen die Rüsselspringer deren lange, dünne und fast haarlose Hinterbeine und dazu die längste Nase unter allen Kerfjägern, eine Nase, welche zu einem förmlichen Rüssel geworden ist und ihnen auch den deutschen Namen verschafft hat, während der Gattungsname soviel wie Langschenkel bedeutet. Der Rüssel zeigt in der Mitte nur einen dünnen Haaranflug und an der Wurzel einen ziemlich starken Haarkamm, die Spitze dagegen ist ganz nackt. Außerdem zeichnet sich der Kopf durch die großen Augen und die ansehnlichen, frei hervorragenden und mit inneren Läppchen versehenen Ohren sowie durch die langen Schnurren aus. Der ziemlich kurze, dicke Leib ruht auf sehr verschiedenen Beinen. Das Hinterpaar ist auffallend lang und ganz ähnlich wie bei den Wüstenmäusen gebaut, während die Vorderbeine verhältnismäßig länger als bei diesen sind; die drei mittleren Zehen der Vorderfüße sind gleich lang, der Daumen ist an ihnen weit hinaufgerückt; die Hinterpfoten haben 5, ausnahmsweise 4, kurze, feine Zehen mit kurzen, schwachen und stark gekrümmten Krallen. Die Verlängerung der Hinterbeine beruht hauptsächlich auf der ansehnlichen Länge des Schienbeines und des Mittelfußes,
welche bei keinem anderen Kerfjäger in verhältnismäßig gleicher Länge vorkommen. Der dünne, kurz behaarte Schwanz ist meistens etwas kürzer als der Körper. Der reichliche Pelz ist sehr dicht und weich. Das Gebiß besteht aus 40 Zähnen, welche Anzahl sich jedoch verringern kann, da bei einer Art und Gattung die oberen Schneidezähne im Alter auszufallen pflegen; in der Regel sind 3 Schneidezähne, 1 Eckzahn und 6 Backenzähne in jedem Kiefer vorhanden. Der Schädel kennzeichnet sich durch langen und dünnen, scharf abgesetzten Schnauzenteil, wohlentwickelten Jochbogen und mehrfache Durchlöcherung des knöchernen Gaumens. Die Wirbelsäule besteht außer den Halswirbeln aus 12— 13 rippentragenden, 7 rippenlosen, 2—3 Kreuz- und 25—28 Schwanzwirbeln. Die Unterschenkelknochen sind verwachsen. Unter den Weichteilen verdient der lange Darm mit Blinddarm und außerdem eine unter der Schwanzwurzel gelegene Drüse Erwähnung.
Elefantenspitzmaus (Macroscelides typicus). ½ natürl. Größe.
Die Elefantenspitzmaus oder der gemeine Rüsselspringer (Macroscelides typicus, Rhinomys jaculus), Vertreter der artenreichsten, durch volles Gebiß und fünfzehige Füße sich kennzeichnenden gleichnamigen Gattung, ist 25 cm lang, wovon auf den Schwanz 11,5 em, auf den Rüssel fast 2 em kommen, oberseits bald heller, bald dunkler, bald rötlichbraun oder mäusegrau, unterseits und an den Pfoten dagegen mehr oder weniger rein weiß gefärbt; über den rostbraunen, an der Spitze rötlichschwarzen Rüssel, und zwar von dessen Wurzel bis zur Stirn, verläuft ein rötlichbrauner Strich; die Ohren sind innen weiß. Unsere Elefantenspitzmaus ähnelt in ihrer Lebensweise vollständig den übrigen Rüsselspringern, von denen man bis jetzt etwa zehn Arten unterschieden hat, welche ausnahmslos in Afrika, zumal in Süd- und Ostafrika, zu Hause sind und die sonnendurchglühten, kahlen Gelände beleben. Die Tiere bewohnen hier mit Vorliebe die steinigen Berge und finden in tiefen und schwer zugänglichen Löchern unter Steinen, in Felsenritzen und in Höhlen anderer Tiere Zuflucht bei jeder Gefahr, welche sie in der geringfügigsten Erscheinung zu erblicken vermeinen. Es sind echte Tag-, ja wahre Sonnentiere, welche sich gerade während der
glühendsten Mittagshitze am wohlsten befinden und dann auch am eifrigsten ihrer Jagd nachgehen. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Kerfen, welche sie geschickt zu fangen oder aus Ritzen und Spalten hervorzuziehen wissen. Wenn man sich gut versteckt, kann man ihr lebendiges Treiben beobachten; die geringste Bewegung aber scheucht sie augenblicklich in ihre Schlupfwinkel zurück, und dann vergeht eine ziemliche Zeit, bevor sie sich von neuem zeigen. Endlich kommt eins um das andere wieder hervor und hüpft nun in der auf unserer Abbildung ebenfalls wiedergegebenen Stellung außerordentlich hurtig und rasch umher, äugt Hund lauscht nach allen Seiten hin, hascht im Sprunge nach vorüberfliegenden Kerbtieren oder sucht und schnüffelt zwischen den Steinen umher, jeden Winkel, jede Ritze, jede Spalte mit der feinen Rüsselnase untersuchend. Oft setzt sich eins auf einen von der Sonne durchglühten Stein und gibt sich hier mit größtem Wohlbehagen der Wärme hin, nicht selten auch spielen zwei, vielleicht ein gerade zusammenlebendes Paar, lustig miteinander. Über die Fortpflanzung weiß man bis jetzt noch nichts und auch an Gefangenen scheinen noch keine Beobachtungen gemacht worden zu sein.
Borstenigel (Centetidae) heißen, einem auf Madagaskar lebenden, igelähnlichen Kerbtierfresser zuliebe, die Mitglieder der fünften Familie unserer Ordnung. In ihrer äußeren Erscheinung haben die Borstenigel ebensowenig miteinander gemein wie in der Anzahl der Zähne ihres Gebisses. Sie sind gestreckt gebaut, langköpfig und durch einen ziemlich langen Rüssel ausgezeichnet, haben kleine Augen und mittelgroße Ohren, keinen oder einen langen, nackten Schwanz, kurze Beine und fünfzehige, mit starken Krallen bewehrte Füße und tragen ein teils aus Stachelborsten, teils aus steifen Haaren bestehendes Kleid. Dem Schädel fehlt der Jochbogen; die Unterschenkelknochen sind getrennt; die Wirbelsäule wird zusammengesetzt aus 7 Hals-, 14— 15 rippentragenden, 4 — 7 rippenlosen, 3 — 5 Kreuzund 9—23 Schwanzwirbeln. Der einfache Darm hat keinen Blinddarm.
Etwas Allgemeines über die Lebensweise der Borstenigel läßt sich kaum sagen, weil wir nur über wenige Arten einigermaßen eingehende Mitteilungen erhalten haben.
Die Borstenigel (Centeètes) sind ausgezeichnet durch das Fehlen eines äußerlich sichtbaren Schwanzes und unterscheiden sich durch ihre im Verhältnis zu den übrigen außerordentlich großen und in eine Grube des Oberkiefers aufgenommenen unteren Eckzähne von allen Kerbtierfressern überhaupt. Das Gebiß besteht, wie bei der folgenden Gattung, aus 40 Zähnen; es sind jedoch 3 Schneide- und nur 6 Backenzähne vorhanden.
Bei dem Tanrek (Centetes ecaudatus, Erinaceus ecaudatus, C. setosus, armatus und variegatus, Abbildung S. 386), der bekanntesten Art der Gattung, ist der spitzschnauzige Kopf besonders auffällig; die rundlichen Ohren sind kurz und hinten ausgebuchtet, die Augen klein; der Hals ist kurz und dünner als der Leib, aber wenigstens einigermaßen abgesetzt; die Beine sind mittelhoch, die hinteren nur wenig länger als die vorderen, die Füße fünfzehig, die Krallen mittelstark. Der ganze Körper ist ziemlich dicht mit Stacheln, Borsten und Haaren bedeckt, welche gewissermaßen ineinander übergehen oder wenigstens deutlich zeigen, daß der Stachel bloß eine Umänderung des Haares ist. Nur am Hinterkopfe, im Nacken und an den Seiten des Halses finden sich wahre, wenn auch nicht sehr harte, etwas biegsame Stacheln von ungefähr 1 cm Länge. Weiter gegen die Seiten hin werden die Stacheln länger, zugleich aber auch dünner, weicher und biegsamer; auf dem
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Rücken überwiegen die Borsten bei weitem, hüllen auch das Hinterteil des Tanrek vollkommen ein. Die ganze untere Seite und die Beine werden von Haaren bekleidet, und auf der nackten, spitzigen Schnauze stehen lange Schnurren. Die Schnauzenspitze und die Ohren sind nackt, die Füße bloß mit kurzen Haaren bedeckt. Stacheln, Borsten und Haare sind hellgelb gefärbt, bisweilen lichter, bisweilen dunkler, sämtliche Gebilde aber in der Mitte schwarzbraun geringelt und zwar auf dem Rücken mehr als an den Seiten. Das Gesicht ist braun, die Füße sind rotgelb, die Schnurren dunkelbraun gefärbt. Junge Tiere zeigen auf braunem Grunde gelbe Längsbänder, welche bei zunehmendem Alter verschwinden. Die Länge des erwachsenen Tieres beträgt ungefähr 27 em.
Der Tanrek, ursprünglich nur auf Madagaskar heimisch, aber auch auf Mauritius, Mayotte und Reunion eingebürgert, bewohnt mit Vorliebe busch-, farn- und moosreiche
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Tanrek (Centetes ecaudatus). ½ natürl. Größe.
Berggegenden und gräbt hier Höhlen und Gänge in die Erde, welche seine Schlupfwinkel bilden. Er ist ein scheues, furchtsames Geschöpf, das den größten Teil des Tages in tiefster Zurückgezogenheit lebt und bloß nach Sonnenuntergang zum Vorschein kommt, ohne sich jemals weit von seiner Höhle zu entfernen. Nur im Frühlinge und im Sommer jener Länder, d. h. nach dem ersten Regen und bis zum Eintritte der Dürre, zeigt er sich. Während der größten Trockenheit zieht er sich in den tiefsten Kessel seines Baues zurück, hier die Monate April bis November in ähnlicher Weise wie unser Igel den Winter verschlafend. Die Eingeborenen glauben, daß die heftigen Donnerschläge, welche die ersten Regen verkünden, ihn aus seinem Totenschlafe erwecken, und bringen ihn deshalb auf eine geheimnisvolle Weise mit dem wiederkehrenden Frühlinge in Beziehung. Dieser ist für den Tanrek allerdings die günstigste Zeit des ganzen Jahres. Er bekommt zunächst ein neues Kleid und hat dann die beste Gelegenheit, für die dürren Monate ein Schmerbäuchlein sich anzumästen, dessen Fett ihm in der Hungerszeit das Leben erhalten muß. Sobald also der erste Regen die verdurstete Erde angefeuchtet und das Leben des tropischen Frühlings wachgerufen hat, erscheint er wieder, läuft langsamen Ganges mit zu Boden gesenktem Kopfe umher und
schnuppert mit seiner spitzigen Nase bedächtig nach allen Seiten hin, um seine Nahrung zu erspähen, welche zum größten Teile aus Kerfen, sonst aber auch aus Würmern, Schnecken und Eidechsen sowie aus verschiedenen Früchten besteht. Für das Wasser scheint er eine besondere Vorliebe zu haben, steigt in der Nacht gern in seichte Lachen und wühlt dort mit Lust nach Schweineart im Schlamme. Seine geringe Gewandtheit und die Trägheit seines Ganges bringt ihn leicht in die Gewalt seiner Feinde, um so mehr, als ihm nicht einmal ein gleiches Mittel zur Abwehr gegeben ist wie den eigentlichen Igeln. Seine einzige, aber schwache Waffe besteht in einem höchst unangenehmen, moschusartigen Geruch, den er beständig verbreitet und, wenn er gestört oder erschreckt wird, merklich steigern kann. Selbst ein plumpes Säugetier ist fähig, ihn zu fangen und zu überwältigen; die Raubvögel stellen ihm eifrig nach, und die Eingeborenen seiner heimatlichen Inseln jagen ihn mit Leidenschaft, ebensowohl während seines Sommerlebens als auch in der Zeit seines Winterschlafes oder richtiger seiner Trockenruhe. Laut Pollen erkennt man seine Schlafstelle an einem kleinen Hügel über der Höhlung, benutzt auch wohl besonders abgerichtete Hunde, welche ihm nachspüren und ausgraben. Während der Feistzeit sieht man auf den Märkten der Insel überall lebende, abgeschlachtete und zubereitete Borstenigel, und die Bewohner der Gebirge erscheinen an Feiertagen einzig und allein deshalb in der Stadt, um sich mit dem nach ihrer Meinung kostbaren Fleische zu versorgen. Wahrscheinlich würde er den unausgesetzten Verfolgungen bald erliegen, wäre er nicht ein so fruchtbares Tier, welches mit einem Wurfe eine ungemein zahlreiche Nachkommenschaft, 12— 16 Junge nämlich, zur Welt bringt. Diese erreichen schon nach einigen Monaten eine Länge von 7 em und sind sehr bald befähigt, sich ihre Nahrung auf eigene Faust zu erwerben. „Die Mutterliebe der Alten“, sagt Pollen, „ist wirklich bewunderungswürdig. Sie verteidigt die Jungen wütend gegen jeden Feind und gibt sich eher dem Tode preis, als daß sie diese verließe.“