Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Auch der Steinmarder ist in der Gefangenschaft ein sehr belustigendes Tier, unterhaltend wegen der außerordentlichen Behendigkeit und Anmut seiner Bewegungen, eigentlich auch keinen Augenblick in Ruhe, da er sich rennend, kletternd, springend, ohne Unterlaß in allen Richtungen bewegt. Die Gewandtheit des Tieres läßt sich schwer beschreiben, und wenn er zuweilen sich recht übermütig herumtummelt, kann man kaum unterscheiden, was Kopf oder Schwanz von ihm ist. Doch macht ihn der unangenehme Geruch, welchen namentlich das — Dal verbreitet, oft widerlich, und er wird auch durch seine Mordlust anderen, schwachen Tieren sehr gefährlich.
Jagd und Fang des Steinmarders erfordern einen wohlerfahrenen Weidmann. Das Tier hält zwar seine Wechsel mit größter Regelmäßigkeit ein, wird jedoch leicht mißtrauisch und weiß dann selbst den geschicktesten Jäger zu überlisten. Die kleinste Veränderung an den von ihm begangenen Stellen kann ihn auf Wochen und Monate vertreiben.
Deutschland oder Mitteleuropa liefert, nach Lomer, jährlich 250,000, der Norden Europas 150,000 Steinmarderfelle in den Handel, und die Gesamtausbeute hat einen Wert von mehr als 4 Millionen Mark. Die schönsten, größten und dunkelsten Felle kommen aus Ungarn und der Türkei; sie stehen am höchsten im Preise, die in Deutschland erbeuteten niedriger. Zu Anfang des vorigen Jahrzehntes wurden sie mit 15 Mark bezahlt, jetzt gelten fie S—10 Mark. Felle, die an Schönheit allen weit voranftehen, liefert, laut Blanford, der Steinmarder in Turkistan und Afghanistan.
An unsere deutschen Marder reiht sich der hochberühmte Zobel (Mustela zibellina, Martes und Viverra zibellina) auf das innigste an. Ihn unterscheiden von dem nahe verwandten Edelmarder der kegelförmige Kopf, die großen Ohren, die hohen, starken Beine, die großen Füße und das glänzende, seidenweiche Fell. „Beim Zobel“, bemerkt Mützel, welcher das Glück hatte, auch diesen in unseren Käfigen so seltenen Marder nach dem Leben zeichnen zukönnen, „dessen Leib und Gliederbau im Vergleiche zu anderen Mardern stark und gedrungen ist, erscheint der Kopf gleichmäßig kegelförmig, man mag ihn betrachten, von welcher Seite man wolle. Die Spitze des Kegels bildet die Nase; die von ihr zur Stirn verlaufende fast gerade Linie steigt steil an, was seinen vorzüglichsten Grund darin hat, daß die sehr langen Haare der Stirn und der Schläfengegend, indem sie sich an die großen, aufrecht stehenden Ohren anlegen, diese in ihrem unteren Teile bedecken und damit den Winkel, welchen die Ohren mit der Oberfläche des Kopfes bilden, ausfüllen. Auch die Haare auf
Wangen und Unterkiefer sind lang und nach hinten gerichtet, und beides trägt ebenfalls viel zu der erwähnten Kegelgestalt bei. Die Ohren des Zobels sind die größten und spitzigsten aller mir bekannten Marderarten, viel größer als die des Steinmarders, verleihen daher dem Gesichte einen durchaus eigentümlichen Ausdruck. Die Beine endlich zeichnen sich vor denen der Verwandten durch ihre Länge und Stärke, die Füße durch ihre Größe aus; letztere machen daher den schwächeren oder zarten Füßchen anderer Marder gegenüber den Eindruck bärenartiger Tatzen, während infolge der verhältnismäßig größeren Länge der Beine die Gesamterscheinung des Tieres durch ihre gedrungene Kürze und die bedeutende Höhe auffällt.“
Das Fell gilt für um so schöner, je größer seine Dichtigkeit, Weichheit und Gleichfarbigkeit, insbesondere aber, je ausgesprochener die ins Bläulichgraue ziehende rauchbraune Färbung des Wollhaares ist. Diese Färbung wird von den sibirischen Zobelhändlern das
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Zobel (Mustela zibellina). Ya natürl. Größe.
„Wasser“ genannt und nach ihm der Wert des Felles abgeschätzt. Je gelber das Wasser, je lichter das Grannenhaar, um so geringer, je gleichfarbiger und dunkler dieses und das Wasser, um so höher ist der Wert des Felles. Die schönsten Felle sind oberseits schwärzlich, an der Schnauze schwarz und grau gemischt, auf den Wangen grau, am Halse und an den Seiten rötlich kastanienbraun, am Unterhalse schön dottergelb gefärbt; das Ohr pflegt grauweißlich oder lichtblaßbraun umrandet zu sein. Das Gelb der Kehle, welches, laut Radde, bisweilen zum Rotorange dunkelt, bleicht nach dem Tode des Tieres um so rascher aus, je lebhafter es war. Bei vielen Zobeln, welche man sogar als Unterarten aufzustellen versucht hat, sind in das oben schwärzliche Fell viele weiße Haare eingestreut, und Schnauze, Wangen, Brust und Unterteile weißlich, bei anderen die Haare der Oberseite gelblichbraun, die der Unterseite, manchmal auch die des Halses und der Wangen weiß und nur die der Beine dunkler; bei manchen herrscht die gelbbräunliche Färbung oben und unten vor und dunkelt nur an den Füßen und an dem Schwanze; einzelne endlich sehen ganz weiß aus.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Zobels erstreckt sich vom Ural bis zum Beringsmeere und von den südlichen Grenzgebirgen Sibiriens bis gegen den 68. Grad nördlicher
Breite sowie über einen nicht sehr ausgedehnten Teil Nordwestamerikas, ist aber nach und nach sehr beschränkt worden. Die unablässige Verfolgung, welcher er ausgesetzt ist, hat ihn in die dunkelsten Gebirgswälder Nordostasiens zurückgedrängt, und da ihm der Mensch auch hier begierig, ja mit Einsetzung seines Lebens, nachfolgt, muß er immer weiter sich zurückziehen und wird immer seltener. „In Kamtschatka“, sagt Steller, „hat es bei der Eroberung der Halbinsel so viele Zobel gegeben, daß es den Kamtschadalen nicht die geringste Schwierigkeit machte, Zobelfelle zur Bezahlung der Steuern zusammenzubringen; ja die Leute lachten die Kosaken aus, daß sie ihnen ein Messer für ein Zobelfell gaben. Einmal hatte ein Mann, ohne sich anstrengen zu müssen, 60, 80 und noch mehr Zobel in einem Winter zusammengebracht. Es gingen deshalb ganz erstaunliche Mengen von Zobeln aus dem Lande, und ein Kaufmann konnte durch Tauschhandel mit Eßwaren leicht das Fünfzigfache gewinnen. Ein Beamter, der in Kamtschatka war, kam als reicher Mann, wenigstens als ein Besitzer von 30,000 Rubeln und mehr nach Jakutsk zurück.“ Diese Goldzeit für die Zobelhändler gründete Fängergesellschaften auf Kamtschatka, von da ab verminderten sich die Tiere sowohl dort als auch in anderen Ländern und Gegenden Ostasiens. Verfolgung seitens der Jäger ist die Hauptursache der Abnahme dieses Marders. Doch unternimmt er auch größere Wanderungen, nach Ansicht der Eingeborenen den Eichhörnchen, seinem Lieblingswilde, nachziehend. Beim Verfolgen gedachter Nager durchschwimmt er ohne Bedenken breite Ströme, selbst während des Eisganges, so sehr er diese sonst zu meiden scheint. Sehr beliebte Aufenthaltsorte von ihm Find die Arvenwaldungen, deren riesige Stämme ihm ebensowohl passende Schlupfwinkel wie in den Samen ihrer Zapfen eine erwünschte Speise bieten. „Der Zobel“, sagt Radde, „ist im Verhältnis zu seiner geringen Größe unter allen Tieren Ostsibiriens wohl das schnellste, ausdauerndste und stellenweise durch Verfolgung der Menschen das gewitzigtste. Auch an ihm, wie an den meisten anderen Tieren, welche zu den klugen zählen, läßt sich sehr wohl eine Bildungsfähigkeit der geistigen Grundlagen überall da nachweisen, wo bei häufigerem Begegnen mit den nachstellenden Jägern sie genötigt wurden, ihre Körperkraft und List in gesteigerter Weise zu gebrauchen. So wird der Zobel im Baikalgebirge, wo er die Trümmergesteine mit ihren Löchern und Gängen sehr gut zu benutzen weiß, viel schwerer durch Hunde gestellt als im Burejagebirge, in welchem er die hohlen Bäume aufsucht und jene Gesteinsritzen meidet. Hier zeigt er sich nicht ausschließlich als nächtliches Raubtier, wie er es dort ist, sondern geht, weniger behindert, seiner Nahrung auch während des Tages nach und schläft nur dann, wenn er durch die nachts erworbene Beute gesättigt wurde. Am liebsten und eifrigsten schweift er vor Sonnenaufgang um die Thalhöhen. Seine Spur ist etwas größer als die verwandter Marder und zeichnet sich infolge der längeren seitlichen Zehenbehaarung durch die größere Undeutlichkeit der Umrisse aus; auch setzt er beim Laufen gemeiniglich den rechten Vorderfuß zuerst vor.“ Hinsichtlich seines Auftretens scheint das Tier am meisten dem Edelmarder zu gleichen, dessen Gewandtheit und Kletterfertigkeit es teilt. Die Nahrung besteht hauptsächlich in Eichhörnchen und anderen Nagern, Vögeln und dergleichen; doch verschmäht der Zobel auch Fische nicht, da er sich durch Fischköder in Fallen locken läßt; auch will man beobachtet haben, daß ihm der Honig wilder Bienen besonders lieb sei. Zedernnüsse sind ihm eine sehr erwünschte Speise: die Magen der meisten, welche Radde erbeutete, waren mit diesen Samenkernen straff gefüllt. Die Rollzeit soll in den Januar fallen und das Weibchen ungefähr 2 Monate später 3 - 5 Junge zur Welt bringen.
Jagd und Fang des Zobels setzen alljährlich die gesamte waffenfähige Mannschaft ganzer Stämme in Bewegung und treiben Kaufleute durch Tausende von Meilen. Wie uns schon Steller und später der Russe Schtschukin berichten, finden sich auch gegenwärtig die
meisten Zobel noch in den finsteren Wäldern zwischen der Lena und dem östlichen Meere, und der Ertrag ihrer Felle bildet jetzt noch immer den bedeutendsten Zweig des Einkommens der Eingeborenen und der russischen Ansiedler. Vom Oktober an währen die Jagden bis zur Mitte des Novembers oder bis Anfang Dezember. In kleine Genossenschaften vereinigen sich die Jäger auf den Jagdplätzen, wo jede Gesellschaft ihre eigenen Wohnungen hat; die Hunde müssen während der Reise zugleich die Schlitten ziehen, welche mit Lebensmitteln für mehrere Monate beladen sind. Nun beginnt die Jagd, wesentlich noch immer in derselben Weise, wie Steller sie beschreibt. Man stellt Fallen oder Schlingen der allerverschiedensten Art, man verfolgt die Spur des Zobels auf Schneeschuhen, umstellt seinen Schlupfwinkel mit Netzen oder erlegt den Flüchtenden mit Pfeilen und mit der Flinte. Am beliebtesten sind diejenigen Fallen, in denen sich die Tiere fangen, ohne ihrem Felle irgendwie Schaden zu thun. Der Jäger braucht mehrere Tage mit seinen Genossen, um alle die Fallen zurechtzumachen, und oft genug findet er dann beim Nachsehen, welches er täglich vornehmen muß, daß ein naseweiser Schneefuchs oder ein anderes Raubtier die kostbare Beute aufgefressen hat. Oder der Arme wird von Ungewitter aller Art überrascht und muß nun eilig darauf bedacht sein, sein eigenes Leben zu retten, ohne weiter an die Auslösung der möglicherweise gefangenen Tiere zu denken. So ist der Zobelfang eigentlich eine ununterbrochene Reihe von Mühseligkeiten aller Art. Wenn endlich die Gesellschaften zurückkehren, stellt es sich häufig heraus, daß kaum mehr als die Kosten, niemals aber die Beschwerden bezahlt sind.
In den Hochgebirgen des südlichen Baikal fängt man, laut Radde, schon Ende Sep: tember an, die Zobeljagd zu betreiben, weil das Tier hier seinen Winterpelz früher anlegt als in tieferen Gegenden. Der Zobel geht, zumal zu so vorgerückter Jahreszeit, nicht gern ins Wasser, sondern sucht sich zum Übergange von Bächen darüber gestürzte Bäume auf. Etwa in der Mitte solcher schmalen Brücken befestigen die Jäger Holzbogen und in diesen Haarschlingen, welche an längeren, mit Steinen beschwerten Haarseilen befestigt sind. Der Zobel, welcher solche Brücke überschreitet, gerät trotz aller Vorsicht mit dem Halse in die Schlinge, wird von dem lose aufliegenden Steine in die Tiefe des Wassers gerissen, festgehalten und ertränkt. Außerdem bedient man sich der Prügelfalle, legt Stellpfeile und andere Selbstgeschosse und spürt ihn mit Hunden auf.
Über das Gefangenleben des Zobels sind die Berichte noch sehr dürftig. In Sibirien fängt man das kostbare Tier erklärlicherweise nur auf Bestellung für den Käfig, und von den wenigen, welche man zähmt, kommt höchst ausnahmsweise einer oder der andere lebend zu uns, wie beispielsweise derjenige, welchen Mützel zeichnen konnte. Ein Zobel wurde in dem Palaste des Erzbischofs von Tobolsk gehalten und war so vollkommen gezähmt, daß er nach eigenem Ermessen in der Stadt lustwandeln durfte. Er verschlief wie seine Verwandten den größten Teil des Tages, war aber bei Nacht um so munterer und lebendiger. Wenn man ihm Futter gereicht hatte, fraß er sehr gierig, verlangte dann immer Wasser und fiel nun in einen so tiefen Schlaf, daß er während der ersten Stunden desselben wahrhaft ohne Gefühl zu sein schien. Man konnte ihn zwicken und stechen, er rührte sich nicht. Um so munterer war er bei Nacht. Er war ein arger Feind von Raubtieren aller Art. Sobald er eine Katze sah, erhob er sich wütend auf die Hinterfüße und legte die größte Lust an den Tag, mit ihr einen Kampf zu bestehen. Andere gezähmte Zobel spielten sehr lustig miteinander, setzten sich oft aufrecht, um so besser fechten zu können, sprangen munter im Käfig umher, wedelten mit dem Schwanze, wenn sie sich behaglich fühlten, und grunzten und knurrten im Zorne wie junge Hunde.
Schon in Sibirien bezahlt man für ein Zobelfell aus erster Hand, je nach seiner Güte, 20— 25, aber auch bis zu 200 Rubel Silber; bei uns schwankt der Preis desselben zwischen 30 und 500 Mark. Die schönsten Felle liefern die östlichen Provinzen Sibiriens, Jakutsk