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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Kaum verwickelter, wenn auch mannigfacher gestaltet, ist die Einrichtung des Rüssels, wie man bei Fliegen und Mücken den Saugapparat genannt hat. In seiner Vollständigkeit besteht er aus der den Mund von unten schließenden Unterlippe (Fig. 11, a), die sich aller: meist nach vorn verlängert, fleischig und gekniet ist, um mehr oder weniger in die Mundhöhle zurückgezogen werden zu können. Sie stellt in den meisten Fällen den bestentwickelten Teil des ganzen Werkzeuges dar. Wenn, wie beispielsweise bei unserer Stubenfliege, die Unter: lippe in einer Saugfläche endigt, d. h. in zwei nebeneinander liegende fleischige Anhänge, welche wie ein Hämmerchen an ihr, dem Stiele, sitzen, so nennt man das Ganze einen Saugrüssel (Fig. 11); bei ihm pflegen die übrigen Teile bis auf die Lippentaster mehr oder weniger zu verkümmern. Der Unterlippe liegt die meist hornige Oberlippe gegenüber und zwischen beiden schließen sich die übrigen Stücke, die beiden Kieferpaare und ein unpaares, der Unterlippe ansitzendes Gebilde, der sogenannte Hypopharynx (b), als Borsten, jene auch als messerförmige Werkzeuge aneinander an, sind jedoch selten alle vollkommen entwickelt. Diese Mundborsten können empfindlich stechen, wovon die blutdürstigen Mücken und Bremsen einen Beweis liefern; der zugespitzten Scheide fehlen dann die Saugflächen, und darum hat man diese Form der ersteren unter dem Namen „Stechrüssel“ entgegengestellt. Der Mundöffnung bald näher gerückt und in sie zum Teil zurückziehbar, bald weiter von ihr entfernt, stehen nach oben am Grunde der Unterlippe die ein- bis viergliederigen Lippentaster (e), welche nach Form, Farbe und sonstiger Beschaffenheit oft gute Unterscheidungsmerkmale abgeben.

Bei den Schmetterlingen endlich (Fig. 10) verkümmern Oberlippe und Oberkiefer gänzlich. Unmittelbar unter dem Kopfschilde ragt ein längerer oder kürzerer, härterer oder weicherer Streifen hervor, welcher im Ruhestande wie eine Uhrfeder zusammengerollt, von unten her durch die kleine, zipfelartige Unterlippe gestützt, an den Seiten durch deren dreigliederige Taster (c) eingeschlossen wird. Mithin verbleibt hier dem Unterkiefer (e) allein die Aufgabe, dem Schmetterlinge Honig und Tautropfen als Nahrung zuzuführen; es sind daher die ihm beigelegten Bezeichnungen Rollzunge oder Saugrüssel unglücklich gewählt. Bei gewissen Kleinschmetterlingen kommen geringfügige Abweichungen von diesem Bauplane, namentlich auch Kiefertaster, die sogenannten Nebenpalpen, vor.

Die zweite Gruppe der Körperringe bildet den Mittelleib, Brustkasten (Rumpf, thorax), den alleinigen Träger der Bewegungswerkzeuge. Derselbe besteht aus drei Ringen, dem Vorderbrustringe (prothorax) mit dem vordersten Beinpaare, dem Mittel:

brustringe (mesothorax) mit dem zweiten Beinpaare und, wenn die Flugwerkzeuge vorhanden find, den Vorderflügeln, dem Hinterbrustringe (metathorax) mit den hintersten Beinen und Flügeln. Je nach dem Bedürfnisse find diese drei Ringe verschiedenartig entwickelt und der eine meist überwiegend. Bei zahlreichen Kerfen hat der vorderste Ring das Übergewicht, ist dann „frei“, beweglich dem nächstfolgenden eingelenkt und scheint in der Ansicht von oben den mittelsten Hauptteil des Körpers allein zu bilden (Käfer, Wanzen, Schrecken und andere). Ein freier Vorderbrustring, dessen Rücken Halsschild genannt zu werden pflegt, findet sich in Gemeinschaft derber, sogenannte Decken bildender Vorderflügel und gleicht entschieden wieder aus, was durch letztere der Beweglichkeit entzogen worden ist. Weil sich die Mitte seines Hinterrandes auf dem Mittelrücken als ein durch besonderen Glanz, besondere Farbe ausgezeichnetes, eigentümlich, meist dreieckig geformtes Gebilde gegen seine Umgebung abhebt, so hat man diese Stelle gleichfalls mit einem besonderen Namen belegt und Schildchen (scutellum) genannt, wie Hinterschildchen (postscutellum) eine entsprechende ähnliche Auszeichnung auf der Vorderrandsmitte des Hinterrückens heißt.

Die außer Fühlern und Kiefern bei den Insekten vorhandenen Gliedmaßen sind die der Ortsbewegung dienenden Beine. Jedes Insektenbein besteht, von seiner Wurzel an gerechnet, aus Hüfte, Schenkelring, Schenkel, Schiene und Fuß. Die Hüfte (coxa) ist das immer kurze Stück, welches frei oder mehr oder weniger in die „Gelenkpfanne“ eingeschlossen die Verbindung des ganzen Bewegungswerkzeuges mit dem Rumpfe vermittelt. Der Schenkelring (trochanter) schiebt sich als einfaches oder doppeltes, verhältnismäßig kleines Glied zwischen Hüfte und Schenkel ein, um beiden eine andere Richtung gegeneinander zu geben und sicher auch, um die Bewegungsfähigkeit des letzteren zu erhöhen. Der Schenkel (femur) bildet in der Regel den kräftigsten Teil des ganzen Beines, besonders des Hinterbeines, wenn er zum Springen befähigen soll. Das Schienbein, die Schiene (tibia), pflegt von der Länge des zugehörigen Schenkels zu sein, von der dünnen Einlenkungsstelle an diesem allmählich zuzunehmen und sehr häufig an der Innenseite seiner Spitze mit beweglichen Dörnchen, zweien oder auch nur einem, den sogenannten Sporen, Enddornen, „bewehrt“ zu sein, während die Außenseite häufig ihrer ganzen Länge nach unbewegliche Zähne, Stacheln oder Borstenhaare trägt. Der Fuß (tarsus) endlich besteht aus kurzen, gelenkig miteinander verbundenen Gliedern, deren letztes in zwei, bisweilen auch nur eine bewegliche Kralle ausläuft. Meist kommen an allen Füßen die Glieder in gleicher Anzahl vor und zwar nie mehr als fünf; dieselben können aber auch an den hinteren Füßen in geringerer Anzahl auftreten als an den vorderen. Die bedeutend kleinere „After: klaue“ sowie die Hautläppchen (Pulvillen) zwischen den Krallen schaffen in vielen Fällen größere Sicherheit beim Gehen, letztere besonders die Möglichkeit, an den glättesten Gegenständen (Fensterscheibe) emporzukriechen, da Drüsen unter ihnen liegen, welche eine Feuchtigkeit absondern. Die drei Paare der Beine sind bei keinem Insekt so gleich in jeder Hinsicht, daß sich eins mit dem anderen vertauschen ließe; das vorderste oder das hinterste erleidet oft verschiedene Abänderungen, jenes, insofern es zum Greifen oder Graben, dieses, indem es zum Springen oder Schwimmen befähigen soll, was natürlich mit der Lebensweise seines Trägers aufs engste zusammenhängt.

Die Flügel sind aus zwei sich deckenden Chitinplatten zusammengesetzt und unterliegen ihrer morphologischen Bedeutung nach verschiedenen, hier wegen ihrer Unsicherheit nicht näher zu erörternden Auffassungen. Es sind rückenständige, nicht auf Gliedmaßen zurückführbare Bewegungsorgane und entweder alle vier gleichartig gebildet, meist dünnhäutig und von Chitinadern durchzogen, oder die Vorderflügel verwandeln sich durchaus in Chitinmasse, nehmen dadurch eine feste Beschaffenheit an, sind zu Flugwerkzeugen nicht mehr tauglich und heißen Flügeldecken (Deckschilde, elytra), weil sie für die dünnhäutigen

Hinterflügel und den Körperrücken eine schützende Bedeckung bilden. Bei den dünnhäutigen Flügeln dienen die Adern oder Rippen als Stütze und schließen häufig Räume auf der Flügelfläche, die sogenannten Zellen, ab. Die Zweiflügler haben nur Vorderflügel; bei manchen unter den Vierflüglern gehen die Hinterflügel verloren, und viele Kerfe sind gänzlich flügellos. Der Hinterleib (abdomen) endlich als dritter Hauptabschnitt des Insektenkörpers ist im allgemeinen aus zehn Ringen zusammengesetzt. Diese Normalzahl wird aber selten erreicht, weil die beiden letzten in der Umgebung der After- und Geschlechtsöffnungen eigentümliche Umbildungen erleiden oder vollständig verkümmern oder unter die vorhergehenden zurückgezogen werden; ebenso kann der erste Ring (bei gewissen Immen) mit der Hinterbrust in festere Verbindung treten und dadurch die Zahl der Thoraxsegmente scheinbar vermehren, während anderseits durch Teilung des letzten Hinterleibsringes (bei Heuschrecken) eine Erhöhung der Gesamtzahl auf elf bedingt wird. Eigentliche Gliedmaßen fehlen dem Hinterleibe der ausgebildeten Insekten, aber die vielfach vorkommenden Leg—⸗ röhren, Stacheln, Zangen und sonstigen Anhängsel, von denen die unpaarigen in der Regel Kennzeichen für das weibliche Geschlecht abgeben, sind auf Umbildung solcher zurückzuführen. Besser als an anderen Körperteilen läßt sich am Hinterleibe die Zusammensetzung jedes Ringes aus einer Rücken- und einer Bauchschuppe erkennen, welche, wie untereinander, so mit den Nachbarringen durch weiche, dehnbare Häutchen in Verbindung stehen, so daß das Hautskelett des Hinterleibes einer wesentlichen Anschwellung fähig ist, wenn ihn beispielsweise bei den Weibchen die Eier anfüllen. Überdies bleibt sein Rücken bei allen den Kerfen weichhäutig, wo Flügeldecken den Schutz übernehmen. Abgesehen von der bestimmten Gestalt des Hinterleibes trägt die Art seiner Anheftung an den Brustkasten wesentlich zu der Tracht eines Kerfes bei. Wenn sich, wie z. B. bei den Käfern, seine gesamte Vorderfläche eng an die Hinterwand des Mittelleibes anschließt, so nennt man ihn angewachsen; ein solcher würde mit dem Mittelleibe zu einer und derselben Gruppe zu gehören scheinen, wenn nicht dieser sich durch Anwesenheit der Beine eben als Mittelleib auswiese. Überall da, wo keine Flügeldecken vorhanden sind, trennt sich der Hinterleib deutlich durch Einschnürung vom Mittelleibe; hängt er mit ihm durch eine Querlinie zusammen, so heißt er sitzend (Pimpla), in einem Punkte anhangend, sobald er sich nach vorn nicht verdünnt (Honigbiene), oder gestielt, wenn er sich an seiner Wurzel kürzer oder länger stielähnlich verdünnt (Wegwespe). Auf diese Weise kommen Insekten mit zum Zerbrechen dünner und zierlicher Taille zum Vorschein und wieder andere, denen sie ganz fehlt, dazwischen alle denkbaren Übergangsformen, die man durch einschränkende Wörter, wie fast sitzend, kaum gestielt ꝛc., in etwas unbestimmter Weise besonders zu bezeichnen pflegt.

Das Hautskelett des Insektenkörpers samt seinen Anhängen, die Tracht des Einzelwesens bedingend, zeigt, abgesehen von der Form der einzelnen Teile und deren Größenverhältnissen, abgesehen von der Vollzähligkeit, in welcher die Teile vorhanden, abgesehen von der Festigkeit und der damit zusammenhängenden Oberflächenbildung, auch in Hinsicht der Färbung und der Bekleidung eine außerordentliche Mannigfaltigkeit. Haare, Borsten, Schuppen, Stacheln oder Dornen, alle aus Chitin bestehend, bekleiden diesen oder jenen Teil dichter oder mehr vereinzelt, die drei ersten Gebilde nicht selten den ganzen Körper in solcher Menge, daß die Haut vollkommen durch sie verborgen wird. In diesem Falle sind es dann auch in hervorragendem Grade jene Gebilde, welche die verschiedenen Färbungen der Insekten bedingen. Nicht nur die bunten Schmetterlinge verdanken den Schuppen ihrer Flügel ihre so anziehende Pracht, sondern auch Käfer und andere Insekten, namentlich wenn sie dem heißen Erdteil angehören, erglänzen in dem lautersten Golde, im reinsten Silber, wie Smaragde und andere edle Steine. All diese Schönheit wird aber

durch nichts anderes bedingt, als durch die Skulpturverhältnisse jener Schuppen, die, von verschiedenen Seiten gesehen, das Licht verschieden zurückwerfen. Sie sitzen loser als die anderen Chitinfortsätze, können daher mit der Zeit teilweise verloren gehen und dadurch den Kerf bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Aber auch die Haut selbst, vorherrschend dunkel gefärbt, tritt stellenweise in den buntesten Farben auf, die ihre Entstehung besonderen, unter dem Chitinüberzuge gelegenen Pigmenten verdanken und sich echt und unveränderlich, oder vorübergehend und im Tode getrübt erweisen können, wie jeder weiß, der Insekten sammelt. Stacheln und Dornen, als die kräftigsten der genannten Verzierungen, treten vorherrschend an den Beinen und vereinzelt als Ausläufer dieses oder jenes anderen dazu geeigneten Körperteiles auf und tragen kaum etwas zur Veränderung des Farbentones bei. Haare (Borsten) sind als Bekleidungsmittel am allgemeinsten verbreitet und dürften selten einem Kerfe gänzlich fehlen; die Teile aber, an welchen sie dem unbewaffneten Auge entgehen, bezeichnet man als nackt. Eine besondere Bedeutung erlangen sie dann, wenn sie durch Herantreten eines Nervs den Sinneswahrnehmungen dienstbar gemacht werden, wovon wir früher schon gesprochen haben.

Da wir gerade von der Färbung der Insekten reden, sei hier in Kürze noch einer interessanten Erscheinung gedacht. Es gibt viele solche, welche ihrer Umgebung oder auch irgend welchen ungenießbaren Gegenständen, wie beispielsweise Vogelexkrementen, so ähnlich sehen, daß man sie nur schwer erkennt, wie etwa eine grüne Heuschrecke auf einem Blatte oder einen braungefärbten Schmetterling an Baumrinde. Zuweilen wird diese Ahnlichkeit noch größer, indem auch Oberflächenbeschaffung sowie die Form des Körpers und seiner Anhänge zur Verwechselung mit der Unterlage Veranlassung geben. Da durch derartige Einrichtungen ein Tier den Augen seiner Feinde mehr oder weniger entzogen wird, so spricht man von Schutzfärbungen oder schützender Ahnlichkeit. Die Stabschrecken oder das „wandelnde Blatt“, welche wir später kennen lernen werden, sind treffliche Beispiele dafür. Nun gibt es aber auch andere Insekten, die, in den schönsten und auffallendsten Farben prangend, arglos durch die Lüfte flattern oder sich auf Blättern und Blüten sonnen und dennoch von insektenfressenden Tieren unbehelligt bleiben. Und diese Sicherheit verdanken die durchaus Wehrlosen allein dem Umstande, daß sie anderen Arten aus ganz verschiedenen Gruppen, welche wegen ihres Giftstachels oder infolge irgendwelcher ekelerregenden Eigenschaften von ihren Feinden gemieden werden, täuschend ähnlich sehen. Diese höchst sonderbare Form von Schutzfärbung, welche zuerst von den englischen Forschern und Reisenden Bates und Wallace in den Tropenländern beobachtet wurde, ist von ihnen unter dem Namen „Mimikry“, zu deutsch: Nachahmung, Nachäffung oder Verkleidung, in die Wissenschaft eingeführt. Unser farbiges Bild führt eine Anzahl von Insekten vor Augen, welche durch die soeben angedeuteten Anpassungen in Farbe und Form ausgezeichnet sind. Wie man sich dieselben entstanden deknen soll? „Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt.“

Die Muskeln oder das Fleisch der Insekten find farblos oder ziehen schwach in das Gelbliche, bestehen aus Bündeln stets quergestreifter Fasern und bilden, sofern sie nur der Verschiebung der Körperabschnitte unter sich oder der Fortbewegung des ganzen Körpers dienen, mit der Haut zusammen einen „Hautmuskelschlauch“, der eine dem äußeren Hautskelette entsprechende Gliederung erkennen läßt. Die Anheftung der Muskeln im Rumpfe wie an den Gliedmaßen erfolgt nach dem, wie es scheint, ganz bestimmten Gesetze, daß sie bei einem und demselben Muskel an zwei unmittelbar aufeinander folgenden Gliedern, nie mit Überspringung des benachbarten, erfolgt. An solchen Stellen, wo die stärkste

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