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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Daß nicht alle Insekten in gleicher Weise mit Geruchsfähigkeit begabt sind, darf als sicher gelten; ob es solche gibt, denen sie gänzlich abgeht, muß dahingestellt bleiben. Die kurzen borstenartigen Fühler einer Cikade oder Libelle könnten die Vermutung nahe legen, daß hier diesen Anhängen keine solche Aufgabe zufalle. Die Frage liegt nahe, wie es mit den anderen Sinnesorganen bei den Insekten aussieht, d. h. mit jenen, die wir selbst besitzen und darum auch allein beurteilen können, mit dem Geschmacke und mit dem Gehöre. Daß viele Insekten schmecken, ist wohl ebenso sicher, wie daß sie riechen; warum sollte eine Raupe lieber verhungern, als von einer Pflanze fressen, welche ihr nicht zusagt? Man hat in der That auch verschiedenartige Gebilde im Zusammenhange mit den Mundwerkzeugen aufgefunden, die ihrem Baue nach Sinneswerkzeuge sind und vielleicht den Geschmacke dienen. Auch das Gehör geht vielen Insekten nicht ab; es wird aber in ganz anderer Weise vermittelt als bei uns, durch Werkzeuge, welche auch nicht am Kopfe liegen. Wir wollen auf dieselben an dieser Stelle nicht eingehen, sondern bei den springenden Geradflüglern, denen sie besonders eigen sind, darauf zurückkommen.

Die Mundteile nehmen das vordere Kopfende ein und sollen unter Beihilfe nachstehender Figuren (S. 8), in welchen durchweg dieselben Buchstaben dieselben Teile bezeichnen, ihrem Wesen nach in möglichster Kürze näher besprochen werden. Bei aller Verschiedenartigkeit in der Ausbildung unterscheidet man in den beißenden und saugenden Mundteilen die beiden Hauptformen, jene dazu befähigt, feste Nahrung zu zerkleinern, diese nur im stande, flüssige Stoffe aufzunehmen, womit nicht behauptet werden soll, daß die Beißer nicht auch Flüssigkeiten lecken könnten. Abgesehen von der unpaarigen Oberlippe

oder Lefze (labrum, o in Fig. 1 und 9), welche sich in der Regel als Chitinplättchen vorn an das Kopfschild ansetzt, aber auch unter ihm angewachsen und dünnhäutig sein kann, niemals aber unter die Gliedmaßen zu rechnen ist, bestehen die zunächst zu betrachtenden beißenden Mundteile aus drei Paaren von solchen, welche, zu Freßwerkzeugen umgebildet, Kiefer genannt werden und den drei letzten Kopfringen angeheftet sind.

Oberkiefer, Kinnbacken (Freßzangen, mandibulae, d in Fig. 1, 2, 5) heißt das oberste stets ungegliederte und tasterlose Paar; es ist am Ende der Wangen beweglich eingelenkt, und seine beiden Hälften können sich in wagerechter Richtung gegeneinander

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  1. Kopf der Honigbiene von vorn, 2) der Erdhummel von unten; 3) Mundteile der Andrena labialis, 4) der Cimbex variabilis; 5) Kopf des Procrustes coriaceus von unten; 6) rechte Unterkieferhälfte von Cicindela campestris; 7) dieselbe von Staphylinus olens; 8) dieselbe von Locusta viridissima; 9) Kopf von Cicada orni von vorn; 10) Kopf eines Tagschmetterlings; 11) Rüssel von Tachina grossa. Alle Figuren stark vergrößert. a Kinn, b Zunge, b“ Nebenzungen, «Lippentaster; alle drei machen zusammen die Unterlippe aus — d Kinnbacken (Mandibeln) — e Kinnladen (Marillen), aus folgenden Stücken bestehend: k Angel, g Stil, h innere, h“ äußere Lade (Lappen), i Kiefertaster — k Kopfschild — o Oberlippe oder Lefze — n beweglicher Zahn an der inneren Kinnlade.

bewegen, wie die Arme einer Kneipzange. Jede Kinnbackenhälfte läßt sich je nach ihrer Form mit Hacke, Schaufel, Meißel ꝛc. vergleichen, pflegt hornig (chitinig) zu sein, spitz oder stumpf, nur vorn oder längs der ganzen Innenseite gezähnt. In der Regel gleichen sich beide, es kann aber auch die eine ein kräftigeres Ansehen annehmen als die andere. Während beim männlichen Hirschkäfer jede wie ein Geweih, weit länger als der Kopf selbst, diesen überragt, drohend und grimmig dem Anscheine nach, zum Kauen aber unbrauchbar, verstecken sie sich bei vielen Verwandten unter der Oberlippe und enden nach innen dünnhäutig in gleicher Unfähigkeit zum Zerbeißen der Nahrung. Bei dem Blätter kauenden Maikäfer und den anderen seiner Sippe liegen die Kinnbacken auch verborgen, haben indessen breite Kauflächen, ähnlich den Mahlzähnen der Wiederkäuer. Bei vielen Kerfen, namentlich den Raub: und Blumenwespen, jenen Leckermäulern, denen nur Süßigkeiten munden, sind in der Regel die Kinnbacken ungemein kräftig entwickelt, dienen aber allem anderen mehr als der Zerkleinerung von Nährstoffen, sie sind vielmehr unentbehrliche

1) Kopf der Honigbiene von vorn, 2) der Erdhummel von unten; 3) Mundteile der Andrena labialis, 4) der Cimbex variabilis; 5) Kopf des Procrustes coriaceus von unten; 6) rechte Unterkieferhälfte von Cicindela campestris; 7) dieſelbe von Staphylinus olens; 8) dieſelbe von Locusta viridissima; 9) Kopf von Cicada orni von vorn; 10) Kopf eines Tagſchmetterlings; 11) Rüſſel von Tachina grossa. Alle Figuren ſtark vergrößert.

Werkzeuge zum Bauen der Wohnungen, zum Bearbeiten des Baustoffes, zu der Beschaffung desselben, zum Ergreifen der Nahrung, jedoch weniger der eignen als der für die Nachkommen bestimmten.

Unterkiefer, Kinnlade (maxillae, e in Fig. 1—5 und Fig. 6—8) nennt man das zweite, gegliederte Paar, welches in der Regel weicher als das erste ist, ihm in anderen Fällen aber (Wasserjungfern ꝛc.) an Härte nicht nachsteht und es in noch anderen darin sogar übertrifft (Roßkäfer). Mehr oder weniger leicht lassen sich an jeder der beiden immer symmetrischen rechten und linken Unterkieferhälften folgende Teile unterscheiden: ein kurzes, queres Stück, die Angel (k in Fig. 4, 7 und 8), durch welche der Kiefer an der Seite der Kehle, unter und wenig hinter dem Oberkiefer eingelenkt ist. Die Angel geht aus der dreieckigen in die langgedehnte bis stabförmige Gestalt über und ist meist horniger Natur. Das nächste Stück, der Stiel oder Stamm (g in Fig. 2—4, 6—8), lenkt sich unter einem (rechten) Winkel der Angel ein und bildet im allgemeinen eine hornige Platte, deren Länge 1!/e—6mal den Querdurchmesser übertreffen kann; bei den Bienen gleicht er einem Kamme, weil seine Innenkante mit Borsten dicht bewimpert ist. An der Innenseite des Stammes sitzen die Lappen oder Laden (h in Fig. 1—4, 6—8), deren unterer innerer Teil auch als Kaustück unterschieden wird. Sind die Laden an der Spitze mit Zähnen oder Dornen bewehrt, so kommen sie an Härte dem Oberkiefer gleich, anderenfalls bleiben sie weicher und mehr häutig. Dieser Teil wirkt auf das Futter und bereitet es zum Verschlucken vor, bildet somit das Hauptglied des ganzen Kiefers, er besteht nur aus einem Lappen (h in Fig. 1— 3), wie bei manchen Käfern, den Blumenwespen und anderen, und kann sehr lang, aber auch sehr kurz sein, häufiger noch setzt er sich aber aus zwei Lappen zusammen (h und h), einem oberen, mehr äußeren, und einem unteren, mehr nach innen gelegenen. Dabei finden die verschiedenartigsten Verhältnisse statt in Rücksicht auf die gegenseitige Lage, die Gestalt der Lappen, ihre Anheftung an den Stamm. So hängt z. B. der untere Lappen seiner ganzen Länge nach an der Innenseite des Stammes bei gewissen Käfern (Fig. 7), beide liegen nebeneinander an der Spitze, wie bei den Blattwespen (Fig. 4), der eine über dem anderen, jedoch jeder am Stamme sitzend, wie beispielsweise die häutigen Lappen des Hirschkäfers. Bei den Schrecken legt sich der obere Lappen als „Helm“ (Fig. 8, h“) über den unteren. Eigentümlich gestalten sich in dieser Beziehung die Verhältnisse bei drei großen Käferfamilien, die man früher als Fleischfresser zusammenfaßte (Sandkäfer, Laufkäfer, Fadenschwimmkäfer). Hier nämlich verwandelt sich die äußere Lade in einen zweigliederigen, fadenförmigen Körper, ganz von der Beschaffenheit eines Tasters, welchen wir gleich kennen lernen werden (b“ in Fig. 5, 6-8). Auch die Bekleidung der Lappen ist großem Wechsel unterworfen. Hier verwandelt ein reicher Besatz von Borsten die ganze Innenseite in eine Bürste, den Rand in einen Kamm, dort beschränkt sich die Behaarung nur auf die Spitze oder fehlt gänzlich. Statt weicherer oder steiferer Haare finden sich auch Zähne, bewegliche oder durch Einschnitte in den Körper entstandene unbewegliche Hervorragungen. Die Sandkäfer kennzeichnet ein beweglicher Klauenzahn an der Spitze der Lade (Fig. 6, n), bei den gefräßigen Schrecken und räuberischen Libellen kommen ihrer mehrere längs der ganzen Innenseite vor. Am Ende des Stammes oder nahe vor demselben sitzt nach außen, meist in dem Einschnitte, welchen er mit dem oberen Lappen macht, je ein fühlerartiger, ein- bis sechsgliederiger Taster (Freßspitze), der Kiefertaster (palpus maxillaris, i in Fig. 2—5, 6—8). Gegenseitige Länge der Glieder, namentlich aber die Gestalt derselben, bedingen allerlei Unterschiede.

Das dritte Gliedmaßenpaar endlich bildet den zweiten Unterkiefer, dessen beide Hälften aber verwachsen sind und ein in der Mittellinie höchstens eingekerbtes einfaches Stück darstellen, welches Unterlippe (labium) heißt. Daß die Unterlippe jo aufgefaßt werden

müsse, beweist die Trennung beider Hälften bei anderen Gliederfüßern, wie z. B. bei den Krebsen, die tiefe Teilung derselben bei manchen Käfern und den Schrecken, sowie ferner die Gegenwart von zwei weiteren Tastern, den Lippentastern (palpi labiales, c in Fig. 1—5), welche aus 2— 4 Gliedern zusammengesetzt und meist kürzer als die Kiefertaster, am Vorderrande oder auch mehr zur Seite der Unterlippe eingelenkt sind. Bei den Bienen nennt man diese Taster eingestaltig, wenn ihre gleichgebildeten Glieder sich in der gewöhnlichen Weise mit den Spitzen aneinander reihen (Fig. 3, c), zweigestaltig dagegen (e in

Fig. 1,2), wenn die beiden Grundglieder lange schmale Schuppen bilden und die beiden letzten sich seitwärts und vor der Spitze des zweiten als verkümmerte Läppchen anhängen. Der hinterste, hornige Teil der Unterlippe wird als Kinn (mentum, a in Fig. 2—5) der mehr oder weniger entwickelten häutigen Zunge (b in Fig. 1—4) entgegengesetzt, welche vor oder auf jenem sitzt. Das Kinn ist verschieden gestaltet, häufig breiter als lang, und, abgesehen von seiner wechselnden Vorderseite, der Vierecksform nahe gebracht; bei anderen Kerfen, zu denen die Bienen zählen, überwiegt die Längsausdehnung wesentlich (Fig. 1-3), und fast röhrenförmig umschließt es dann die Seiten der Zunge. Diese (b) liegt entweder dem Kinne selbst auf und überragt es nicht, wie bei den meisten Käfern, wird länger als dasselbe, oder sie ist ganz frei dem Vorderrande des Kinnes angewachsen. Wenn sie bei Einnahme der Nahrung keine oder eine nur untergeordnete Rolle spielt, so bemerkt man sie kaum; ist sie mäßig entwickelt, so finden wir sie vorn abgerundet, mehr oder weniger ausgeschnitten, oder wie bei den Blattwespen (Fig. 4) dreizipfelig. Den höchsten Grad ihrer Vollkommenheit erlangt sie bei den honigleckenden Bienen, wo sie manchmal länger als das ganze Tier wird. Sie ist an der Spitze mit Härchen bekleidet, in denen der Honig kleben bleibt, um der Mundöffnung zugeführt werden zu können, und besteht aus drei Zipfeln, deren Seitenlappen hier als Nebenzungen (b) von dem Hauptteile unterschieden werden; alle drei sind einander nahezu gleich bei den Afterbienen (Fig. 3), oder die Nebenzungen umschließen den streifenförmigen Mittellappen an seinem Grunde (Fig. 2), so daß das ganze Leckwerkzeug beinahe den Anblick eines blühenden Getreideährchens mit seinen Spelzen und Grannen darbietet.

Die Kraft, welche die kleinen Wesen in ihren beißenden Mundteilen entwickeln, ist ebenso wunderbar wie verderblich durch Zerstörung menschlichen Eigentums. Man erinnere sich der Verwüstungen, welche 4 mm lange Kerfe am Holzwerke unserer Häuser, andere an Waldbäumen anrichten können, welche auf Tausenden von Hektaren durch sie zu Grunde gegangen find und zur Zeit, wo diese Zeilen niedergeschrieben werden (1875), im Böhmerwalde zu Grunde gehen. Wer ein Maß für die beißende Kraft zu erlangen wünscht, der stecke nur seinen Finger zwischen die geweihförmigen Kinnbacken eines männlichen Hirschkäfers; will er Blut fließen sehen, so wähle er die kurzen Zangen des Weibchens als Probierstein. Selbst Metall, wenn auch nur das weiche Blei, vermag den Beißern keinen Widerstand zu leisten. Es liegen mehrfache Fälle vor, in denen von Insektenlarven bewohnte Hölzer in Schwefelsäurefabriken verwendet und mit Bleiplatten überzogen worden sind. Als für den Insassen die Zeit gekommen, in welcher er sich seines geflügelten Daseins erfreuen sollte, wozu das Verlassen des dunkeln Kerkers die Vorbedingung war, mußte nach dem Holze auch die Bleischicht durchdrungen werden, und siehe da, es gelang. In meiner Insektensammlung befindet sich ein solcher Held unter dem Namen der gemeinen Holzwespe, welcher in einer Bleikammer zu Freiberg das Licht der Welt erblickt hat.

Die saugenden Mundteile erscheinen als bis zur Unkenntlichkeit umgebildete Kiefer, lassen sich aber, jo verschieden fie auch bei den einzelnen Ordnungen auftreten, auf die einzelnen Teile der beißenden Mundteile deuten, von denen allerdings einige mehr oder weniger verkümmern, während die Oberlippe und zwei unpaare weitere Gebilde daran teilnehmen können. Bei Wanzen, Cikaden, Blattläusen, überhaupt bei allen denjenigen, welchen

man wegen ihrer übereinstimmenden Mundbildung den Namen der Schnabelkerfe beigelegt hat, erinnert die Umformung an einen Schnabel (Fig. 9). Das dritte Kieferpaar oder die Unterlippe der Beißer bildet hier eine drei- bis viergliederige Röhre, welche durch Biegung etwas verkürzt werden kann, meist auch in ihrer ganzen Länge Bewegung zuläßt. Sie ist das Futteral oder die Scheide, welche in ihrem engen Hohlraume vier feine, dicht beisammenliegende Borsten birgt. Je zwei dieser Borsten entsprechen dem Ober- und Unterkiefer. In dieser Einrichtung besitzt das Tier einen Saugapparat, welcher ihm durch Einstechen der Borstenspitzen in tierische oder pflanzliche Körper den ernährenden Saft zuführt. Ein schmal dreieckiges Hornplättchen, auf der Oberseite der Scheidenwurzel angeheftet (c), entspricht der Oberlippe, von Tastern will man hier und da nur eine Andeutung gefunden haben. Der Schnabel, manchmal von der Länge des Kopfes, bisweilen des ganzen Körpers, hält meist die Mitte zwischen beiden Gegensätzen, legt sich in der Ruhe an Kehle und Brust an, richtet sich aber beim Gebrauche unter einem rechten oder stumpfen Winkel, je nach der Bequemlichkeit, auf; ist er kurz, dick und nach unten gekrümmt, so fehlt ihm wohl auch das Vermögen, seine Richtung zu verändern.

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