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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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In Noacks Bearbeitung der von R. Böhm in Ostafrika gesammelten Säugetiere und der dazu gelieferten Schilderungen finden sich über unseren Räuber folgende Sätze: „Die überall gemeine, in Ugogo und Unyanyembe besonders häufige gefleckte Hyäne fand ich in den verschiedenen Gegenden von auffallend verschiedenem Benehmen. In Ugogo, wo sie nachts scharenweise das Lager umschwärmten, um gefallene Tiere oder Leichen von Trägern, unter denen die Blattern stark aufräumten, zu verzehren, waren sie jo frech, daß fie knurrend und im Dornengestrüpp rasselnd und hin- und herlaufend nur unwillig vor einem nahenden Menschen zurückwichen und stets von neuem zu ihrem Fraße zurückkehrten, auch wenn man sich dicht dabei, fast ohne Deckung, auf den Anstand legte. In Tabora kamen sie bis unter die Veranda unseres Hauses, obgleich wir zum Teil hier schliefen, ließen sich aber durch die Angriffe einer kleinen einheimischen Hündin, die sehr scharf war, leicht vertreiben. Ebenso schleppten sie am Ugallafluß Gegenstände unmittelbar von der Zeltthür fort und ließen sich selbst durch Schüsse nicht im Fressen stören. Dagegen habe ich z. B. bei Kakoma, selbst gut versteckt, stets vergebens auf unserem mit dem Kadaver eines Rindes oder Esels bestellten Luderplatze gewacht. Die Hyänen mußten sich lautlos in der Nähe halten, denn wenn ich mich nur auf Viertelstunden entfernte, waren sie sofort beim Fraße gewesen. Die Schnelligkeit, mit der die Hyänen aufräumen, ist staunenerregend, und sie zerren selbst Kadaver von Rindern weit umher. Eine menschliche Leiche sah ich sie scheinbar ohne Anstrengung im Galopp fortschleifen. Die frisch dunkelgrüne, später kalkweiße Losung setzen die Hyänen massenweise an bestimmten Plätzen ab. Bei ihren nächtlichen Streifereien halten sie gern ihre Pfade inne, auf denen sie oft weite Strecken hin wechseln. Gewöhnlich kommen sie erst in der Dunkelheit in die Nähe der Ortschaften, doch hört man

ihr häßliches Geheul zuweilen schon vor Sonnenuntergang, im fernen Walde auch noch früher. Am Walafluß schoß einer unserer Leute eine, welche eine zerfallene Hütte in einer verlassenen Ortsstelle zur Schlafstätte erwählt hatte. In Tabora sah ich einen Jungen, den eine Hyäne im Schlafe gepackt und fortgeschleppt, indes auf sein Geschrei fallen gelassen hatte. Den Eingeborenen, welche um ihretwillen die Brunnen mit Reisig zudecken, kommt ihr Geheul, den Arabern bekanntlich ein Gegenstand abergläubischer Furcht, komisch vor.“

Die gefleckte Hyäne ist diejenige Art, mit welcher sich die Sage am meisten beschäftigt. Viele Sudanesen behaupten, daß die Zauberer bloß deshalb ihre Gestalt annehmen, um ihre nächtlichen Wanderungen zum Verderben aller Gläubigen auszuführen. Die häßliche Gestalt und die schauderhaft lachende Stimme der gefleckten Hyäne wird die Ursache dieser Meinung gewesen sein. Auch wir müssen dieser Hyäne den Preis der Häßlichkeit zugestehen. Unter sämtlichen Raubtieren besitzt sie unzweifelhaft die abstoßendste, garstigste Gestalt; zu dieser aber kommen nun noch die geistigen Eigenschaften, um das Tier verhaßt zu machen. Sie ist dümmer, böswilliger und roher als ihre gestreifte Verwandte, obwohl sie sich vermittelst der Peitsche bald bis zu einem gewissen Grade zähmen läßt. Wie es scheint, erreicht sie jedoch niemals die Zahmheit der gestreiften Art; denn die Kunststücke in Tierschaubuden sind eben nicht maßgebend zur Beurteilung hierüber, und andere Leute, als solche herumziehende Tierkundige, machen sich schwerlich das Vergnügen, sich mit ihr zu beschäftigen. Sie ist allzu häßlich, zu ungeschlacht und zu unliebenswürdig im Käfig! Stundenlang liegt sie auf einer und derselben Stelle wie ein Klotz; dann springt sie empor, schaut unglaublich dumm in die Welt hinaus, reibt sich an dem Gitterwerke und stößt von Zeit zu Zeit ihr abscheuliches Gelächter aus, welches, wie man zu sagen pflegt, durch Mark und Bein dringt. Mir hat es immer scheinen wollen, als wenn dieses eigentümliche und im höchsten Grade widerwärtige Geschrei eine gewisse Wollust des Tieres ausdrücken sollte; wenigstens benahm sich die lachende Hyäne dann auch in anderer Weise so, daß man dies annehmen konnte. Haacke hat eine günstigere Meinung von der Tüpfelhyäne. Jedenfalls ist nach ihm der „Peter“ des Frankfurter Gartens ein sehr liebenswürdiger Vertreter seiner Art. „Sobald mein Peter“, schreibt er, „mich kommen hört, tanzt er, wenn er nicht gerade schläft, ausgelassen vor dem Käfiggitter auf und ab, wedelt vergnügt mit dem Schwänzchen und nimmt einen entschieden freundlichen Gesichtsausdruck an, soweit solches einer Hyäne eben möglich ist. Große Freude bereitet es ihm dann, wenn ich ihn streichele und kraue. Ebenso benimmt sich Peter seinen anderen Freunden gegenüber, und wenn es etwa nötig ist, ihn zeitweilig aus dem Raubtierhause zu entfernen, so durcheilt er, falls es sein muß, gutwillig eine Reihe von Käfigen und begibt sich ohne Umstände in den Versetzkasten. Etwas schwerer hält es aber meistens, ihn aus diesem herauszubringen, weil er nicht weiß, welche gefährliche Gesellschaft man ihm etwa geben will.“

Es kommt selten vor, daß sich ein Hyänenpaar im Käfig fortpflanzt. Hierbei muß freilich inBetracht gezogen werden, daß es ungemein schwer hält, ohne handliche Untersuchung Männchen und Weibchen zu unterscheiden, solche Untersuchung aber wegen der Störrigkeit, Bosheit und Wehrhaftigkeit des Tieres nicht immer ohne Gefahr ausgeführt und es somit nicht bestimmt werden kann, ob man ein Paar besitzt oder zwei Tiere gleichen Geschlechts zusammensperrt. Wo ersteres der Fall war, hat man auch Junge erzielt, beispielsweise im Londoner Tiergarten. Über die Art und Weise der Begattung sowie die Dauer der Trächtigkeit weiß ich nichts zu sagen. Die Tüpfelhyäne wölft im mittleren Afrika etwa zu Anfang der Regenzeit, im Norden im Frühling, auf dem nackten Boden in einer selbstgegrabenen kunstlosen Röhre oder in einer natürlichen Höhle 3—7 Junge. Solange diese ganz klein und schwach sind, liebt die Mutter sie zärtlich und verteidigt sie mutvoll; später aber soll sie die straffer gewordenen, sobald Gefahr droht, feig ihrem Schicksale

überlassen. Die Jungen find mit einem kurzen, harthaarigen Pelze von einförmig braun-schwarzer, im Gesichte lichterer Färbung bekleidet; von den Flecken bemerkt man noch keine Andeutung.

A Mit ihresgleichen vertragen sich gefangene Tüpfelhyänen nicht immer so gut, als es scheinen will. Stärkere überfallen, wenn sie wähnen, gereizt zu sein, schwächere, beißen sie tot und fressen sie auf, ganz wie sie während ihres Freilebens mit verwundeten oder getöteten Artgenossen verfahren.

Die Schabrackenhyäne oder der Strandwolf (Hyaena brunnea, H. villosa und fusca) zeichnet sich besonders durch die lange, rauhe, breit zu beiden Seiten herabhängende Rückenmähne vor den übrigen Verwandten aus. Die Färbung der überhaupt langen Behaarung ist einförmig dunkelbraun bis auf wenige braun und weiß gewässerte Stellen an den Beinen, der Kopf dunkelbraun und grau, die Stirn schwarz mit weißer und rötlichbrauner Sprenkelung. Die Haare der Rückenmähne sind im Grunde weißlichgrau, übrigens schwärzlichbraun gefärbt. Der Strandwolf ist bedeutend kleiner als die gefleckte Hyäne und wird höchstens so groß wie die gestreifte Art.

Das Tier bewohnt den Süden von Afrika, wahrscheinlich aber bloß die wüstenhaften westlichen Striche, nordwärts bis über Mossamedes hinaus, vielleicht, wie die Zibethhyäne, bis nach Benguela, und soll sich gewöhnlich in der Nähe des Meeres aufhalten. Indessen wurde Frau Pechuel-Loesche im Hererolande, 150 km von der Küste, eine starke, noch lebende Schabrackenhyäne gebracht, welche die eingeborene Dienerschaft gegen Abend am Wasserplatze überrascht und mittels Steinwürfen betäubt hatte. Unser Tier scheint überall viel spärlicher aufzutreten als die gefleckte Hyäne, aber so ziemlich wie diese zu leben, hauptsächlich also von Aas, vielleicht von solchem, welches vom Meere ausgeworfen wird. Es ist jedoch bei dem namentlich in der Walfischbai sich zeitweilig ereignenden Fischsterben, infolge dessen wahrhaft ungeheuere Massen von Fischen aller Größen an den Strand gespült werden, dort noch nicht beobachtet worden, obwohl Schakale sich einstellen. Jedenfalls wird dem Strandwolfe nachgesagt, daß er, und nicht etwa bloß in höchster Not, Kleinvieh anfalle; deshalb wird er ebenso gehaßt wie seine Verwandten. Er soll indessen listiger und vorsichtiger als diese sein und vorwiegend einzeln, höchstens zu zweien und dreien, ein mehr umherschweifendes Leben führen.

Neuerdings sieht man die Schabrackenhyäne öfters in Tiergärten und Tierbuden. In ihrem Betragen im Käfig ähnelt sie am meisten der Streifenhyäne. Sie ist sanfter als die größere Verwandte, hat auch, soviel ich bis jetzt beobachten konnte, nicht das häßliche lachende Geschrei von dieser.

Die Streifenhyäne (Hyaena striata, Canis hyaena, Hyaena vulgaris, orientalis, antiquorum, fasciata und virgata) endlich ist das uns wohlbekannte Mitglied der Tierschaubuden. Sie kommt, weil sie uns am nächsten wohnt und überall gemein ist, auch am häufigsten zu uns und wird gewöhnlich zu den beliebten Kunststücken abgerichtet, welche man in Tierbuden zu sehen bekommt. Eine Beschreibung ihres Außern läßt sich bei ihrer Allbekanntschaft auf wenige Worte beschränken. Der Pelz ist rauh, straff und ziemlich langhaarig, seine Färbung ein gelbliches Weißgrau, von welchem sich schwarze Querstreifen abheben. Die Mähnenhaare haben ebenfalls schwarze Spitzen, und der Vorderhals ist nicht selten ganz schwarz, die Standarte bald einfarbig, bald gestreift. Der Kopf ist dick, die Schnauze verhältnismäßig dünn, obgleich immer noch plump genug; die aufrecht stehenden Lauscher sind groß und ganz nackt. Die Jungen ähneln den Alten. Das gewöhnliche Maß der Leibeslänge ist 1 m, etwas mehr oder weniger.

Die Streifenhyäne hat unter ihren Verwandten das bei weitem größte Verbreitungsgebiet: es umfaßt Nordafrika vom äußersten Westen an, einen bedeutenden Teil Südafrikas und das ganze südliche Asien vom Mittelländischen Meere an bis zur Bai von Bengalen. Nach Blanford ist sie sehr gemein im nordwestlichen und mittleren Indien, wird seltener in Unterbengalen und fehlt gänzlich in den östlich liegenden Ländern sowie auf Ceylon. Ebenso scheint sie in weiten Gebieten des äquatorialen Afrika zu fehlen, wenigstens ist sie

Schabrackenhyäne (Hyaena brunnea). ½ natürl. Größe.

bisher weder in Deutsch⸗Ostafrika noch im Kongogebiete und in den westlichen Küstenstrichen bis zum Niger nachgewiesen worden. In den Hinterländern von Oberguinea kommt fie vor. In Südafrika scheint sie sich auf die westlichen Gebiete nördlich vom Oranjefluß zu beschränken. Fritsch konnte ihr Auftreten in östlichen Teilen nicht feststellen, dagegen beobachtete sie H. Schinz in der Kalahari und überall bis zum Kunene; weiter nordwärts hat sie Monteiro neben der gefleckten im Kuansagebiete gefunden, wo auch die Grenze ihrer Verbreitung von Süden her liegen dürfte. Wie alle Hyänen liebt sie nicht bewaldete, sondern offene Landschaften, tritt nirgends selten, an menschenleeren Orten sogar häufig auf; aber sie ist auch die am wenigsten schädliche unter allen und wird deshalb wohl nirgends

Schabrackenhyäne (Hyaena brunnea). ½ natürl. Größe.

besonders gefürchtet. In ihrer Heimat gibt es gemeiniglich so viel Aas oder wenigstens Knochen, daß sie nur selten durch den Hunger zu kühnen Angriffen auf lebende Tiere gezwungen wird. Ihre Feigheit übersteigt alle Grenzen; doch kommt auch sie in das Innere der Dörfer herein und in Agypten wenigstens bis ganz nahe an diese heran. Auf dem Aase, welches wir auslegten, um später Geier auf ihm zu schießen, erschienen des Nachts regel-mäßig Hyänen und wurden uns deshalb lästig. Wenn wir im Freien rasteten, kamen sie häufig bis an das Lager geschlichen, und mehrmals haben wir von unserer Lagerstätte aus, ohne aufzustehen, auf sie feuern können. Bei einem Ausfluge nach Sinai erlegte mein Freund Heuglin eine gestreifte Hyäne vom Lager aus mit Hühnerschrot. Trotz ihrer Zudringlichkeit fürchtet sich kein Mensch vor ihr, und sie wagt wirklich niemals, auch nur Schlafende anzugreifen. Ebensowenig gräbt sie Leichen aus, es sei denn, daß diese eben nur mit ein wenig Sand oder Erde überdeckt seien; an den schauerlichen Erzählungen also, welche man in Schaubuden von ihr hört, ist fie unschuldig. In ihrer Lebensweise ähnelt fie der Tüpfelhyäne, findet sich jedoch sehr selten in größeren Gesellschaften beisammen. In Indien wer: den, laut Blanford, selten mehr als zwei bei einander gesehen; auch dort leben sie vorzugsweise von Aas, schaffen aber oft große Stücke davon nach ihren Verstecken. Gelegentlich rauben sie Schafe, Ziegen, öfter noch wohl Hunde. Jerdon berichtet das Nämliche und erzählt, daß einst der kleine Hund eines Offiziers fortgeschleppt, aber von einigen Soldaten noch lebend aus der bekannten Höhle der Hyäne befreit wurde, nachdem der Räuber getötet worden war. Adams steht allein mit der Angabe, daß die Streifenhyäne sehr unter dem Hausgeflügel aufräume. Jung eingefangen, gilt sie in Indien für leicht zähmbar und sehr gelehrig, auch soll sie große Anhänglichkeit an ihren Herrn zeigen. Aus eigener Erfahrung kann ich einiges über gezähmte mitteilen, welche ich in Afrika längere Zeit besaß.

Wenige Tage nach unserer ersten Ankunft in Chartum kauften wir zwei junge Hyänen für 1 Mark unseres Geldes. Die Tierchen waren etwa so groß wie ein halb erwachsener Dachshund, mit sehr weichem, feinem, dunkelgrauem Wollhaare bedeckt und, obschon sie eine Zeitlang die Gesellschaft der Menschen genossen hatten, noch sehr ungezogen. Wir sperrten sie in einen Stall, und hier besuchte ich sie täglich. Der Stall war dunkel; ich sah deshalb beim Hineintreten gewöhnlich nur vier grünliche Punkte in irgend einer Ecke leuchten. Sobald ich mich nahte, begann ein eigentümliches Fauchen und Kreischen, und wenn ich unvorsichtig nach einem der Tierchen griff, wurde ich regelmäßig tüchtig in die Hand gebissen. Schläge fruchteten im Anfange wenig; jedoch bekamen die jungen Hyänen mit zunehmendem Alter mehr und mehr Begriff von der Oberherrschaft, welche ich über sie erstrebte, bis ich ihnen eines Tages ihre und meine Stellung vollkommen klar zu machen suchte. Mein Diener hatte sie gefüttert, mit ihnen gespielt und war so heftig von ihnen gebissen worden, daß er seine Hände in den nächsten 4 Wochen nicht gebrauchen konnte. Die Hyänen hatten in: zwischen das Doppelte ihrer früheren Größe erreicht und konnten deshalb auch eine derbe Lehre vertragen. Ich beschloß, ihnen diese zu geben, und indem ich bedachte, daß es weit besser sei, eines dieser Tiere totzuschlagen, als sich der Gefahr auszusetzen, von ihnen erheblich verletzt zu werden, prügelte ich sie beide so lange, bis keine mehr fauchte oder knurrte, wenn ich mich ihnen wieder näherte. Um zu erproben, ob die Wirkung vollständig gewesen sei, hielt ich ihnen eine halbe Stunde später die Hand vor die Schnauzen. Eine beroch die: selbe ganz ruhig, die andere biß und bekam von neuem ihre Prügel. Denselben Versuch machte ich noch einmal an dem nämlichen Tage, und die stöckische biß zum zweiten Male. Sie bekam also ihre dritten Prügel, und diese schienen denn auch wirklich hinreichend gewesen zu sein. Sie lag elend und regungslos in dem Winkel und blieb so während des ganzen folgenden Tages liegen, ohne Speise anzurühren. Etwa 24 Stunden nach der Bestrafung ging ich wieder in den Stall und beschäftigte mich nun längere Zeit mit ihnen.

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