Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Bei ihren Wanderungen werden die Hyänen sowohl durch den Geruch als auch durch das Gehör und Gesicht geleitet. Ebenso wie durch ein gefallenes Tier, ein Aas, die Leiche eines Menschen, werden die häßlichen Gesellen durch eine eingehegte Herde von Schafen, Ziegen oder Rindern herbeigelockt und umschleichen dann die dichte Umzäunung, welche sie nicht zu durchdringen vermögen. Sobald sie eine Beute gewittert haben, verstummen sie und trotten nun, so leise sie können (denn zum Schleichen bringen sie es nicht), in kurzen Absätzen näher und näher, äugen, lauschen und wittern, so oft sie stillstehen, und sind jeden Augenblick bereit, wieder die Flucht zu ergreifen. Die gefleckte Art ist etwas mutiger als die gestreifte, im Verhältnis zu ihrer Größe aber in der Regel immer noch erbärmlich feig und furchtsam. Gewöhnlich beschränken sich die Hyänen darauf, falls fie kein Aas finden, nur diejenigen Tiere anzugreifen, welche sich nicht hinreichend verteidigen können; sie richten daher vorwiegend bloß unter den schwächeren Haustieren Schaden an. In diesem Kreise aber können die Verwüstungen, welche sie verursachen, sehr bedeutend werden. Selous verlor durch sie in Südafrika zwei kräftige Esel, von denen er bloß die Schädel wiedersah, und ein andermal fraßen sie ihm über Nacht eine am Abend geschossene Löwin an.
Immerhin mögen sie gesunde lebende Tiere nur dann überfallen, wenn sie keine kranken oder ermatteten und kein Aas finden können.
Unter Umständen werden sie jedoch auch zu wirklichen Jagdtieren, verfolgen und hetzen des Nachts Antilopen, reißen sie nieder wie Wölfe ihre Beute, würgen sie ab und fressen sie auf. Schweinfurth hat es im Lande der Njam-Njam erlebt, daß eine gefleckte Hyäne, die übrigens dort selten ist, ein Hartebeest niederzuhetzen versuchte. Solche Jagden müssen jedoch als Ausnahmen angesehen werden. Am liebsten ist es ihnen unter allen Umständen, wenn sie ein Aas finden. Um dieses herum beginnt regelmäßig ein Gewimmel, welches kaum zu schildern ist. Sie sind die Geier unter den Säugetieren, und ihre Gefräßigkeit ist wahrhaft großartig. Dabei vergessen sie alle Rücksichten und auch die Gleichgültigkeit, welche sie sonst zeigen, denn man hört es sehr oft, daß die Fressenden in harte Kämpfe geraten; es beginnt dann ein Krächzen, Kreischen und Gelächter, daß Abergläubische wirklich glauben können, alle Teufel der Hölle seien los und ledig. Durch die Aufräumung des Aases werden sie nützlich; der Schade, welchen sie den Herden zufügen, übertrifft jedoch jenen geringen Nutzen weit, weil das Aas auch durch andere, viel bessere Arbeiter aus der Klasse der Vögel und der Kerbtiere weggeschafft werden würde. Den Reisezügen durch Steppen und Wüsten folgen sie in größerer oder geringerer Zahl, gleichsam, als ob sie wüßten, daß ihnen aus solchen Zügen doch ein Opfer werden müsse. Im Notfalle begnügen sie sich mit tierischen Überreften aller Art, selbst mit trockenem Leder und dergleichen, und um die Kothaufen der Dorfbewohner sieht man sie regelmäßig beschäftigt.
Es ist vielfach darüber gestritten worden, ob sie auch Menschen angreifen oder nicht. Von der gestreiften Hyäne ist es nicht bekannt, von der gefleckten aber so vielfach berichtet, daß auch in dieser Hinsicht ihre Gefährlichkeit nicht zu bezweifeln ist. Meist raubt sie freilich Kinder und wagt sich an Erwachsene gewöhnlich nur dann, wenn sie krank oder ermattet sind und wenn sie schlafen; unter Umständen überfällt sie jedoch auch wehrhafte Leute. In einigen Gegenden Afrikas wird sie deshalb als eine wirkliche Landplage betrachtet, zumal wo sie in Menge auftritt. Des Schadens wegen, welchen diese Raubtiere anrichten, werden sie von den europäischen Ansiedlern und auch von manchen eingeborenen Völkerschaften ziemlich regelmäßig verfolgt. Man schießt sie, fängt sie in Schlingen, Fallen und Gruben und vergiftet sie mit Strychnin. In frühester Jugend eingefangene Hyänen sind leicht zu zähmen und werden nicht selten sehr anhängliche Tiere; in der Gefangenschaft halten fie recht gut aus, erblinden jedoch oft im Alter.
In der Vorwelt waren die Hyänen über einen weit größeren Teil der Erde verbreitet als gegenwärtig und fanden sich auch in Deutschland ziemlich häufig, wie die vielfach aufgefundenen Knochen und wohl erhaltenen Kotbälle hinlänglich beweisen. Gegenwärtig leben, soviel man weiß, vier Arten der Familie, die drei eigentlichen Hyänen und der Erdwolf, welcher als ein vermittelndes Bindeglied zwischen jenen und den Schleichkatzen angesehen werden darf.
Die Tüpfel- oder gefleckte Hyäne (Hyaena crocuta, Canis crocutus, Hyaena capensis und maculata, Crocuta maculata) unterscheidet sich durch ihren kräftigen Körperbau und den gefleckten Pelz von der viel häufiger als sie zu uns kommenden Streifenhyäne und dem einfarbigen Strandwolfe. Auf weißlichgrauem, etwas mehr oder weniger ins Fahlgelbe ziehendem Grunde stehen an den Seiten und an den Schenkeln braune Flecken. Der Kopf ist braun, auf den Wangen und auf dem Scheitel rötlich, der Schwanz braun geringelt und seine Spitze schwarz; die Füße sind weißlich. Diese Färbung ändert nicht unbedeutend ab: man findet bald dunklere, bald hellere. Die Leibeslänge des Tieres beträgt etwa 1,3 m, die Höhe am Widerriste ungefähr SO cm; doch sollen hier und da nach manchen Berichten auch weit stärkere Tiere vorkommen.
Die Tüpfelhyäne bewohnt das südliche und östliche Afrika vom Vorgebirge der Guten Hoffnung an bis etwa zum 17. Grade nördlicher Breite und verdrängt, wo sie häufig vorkommt, die Streifenhyäne fast gänzlich. In Abessinien und Ostsudan lebt sie mit dieser an gleichen Orten, wird aber nach Süden hin immer häufiger und schließlich die einzig vorkommende. In Abessinien ist fie gemein und steigt in den Gebirgen sogar bis 4000 m über die Meereshöhe hinauf. Im westlichen Afrika ist sie von Süden her, etwa bis Loanda, stellenweise gemein, findet sich auch noch bei Ambriz und wurde etwas weiter nördlich, in den Granithügeln zwischen Kinsembo und Muserra, von Pechuel-Loesche einmal wenigstens
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Tüpfelhyäne (Hyaena erocuta). Yıı natürl. Größe.
gehört. Von hier an (7,5 Grad südlicher Breite) nordwärts, insbesondere zwischen Kongo und Niger, ist sie noch nicht beobachtet worden; auch R. Büttner bezweifelt durchaus auf Grund seiner Erfahrungen das Vorkommen von Hyänen im westlichen Kongolande. Einzelne Nachrichten aus Oberguinea scheinen sich ausnahmslos auf die gestreifte Art zu beziehen. Ihre ganze Lebensweise ähnelt der ihrer Verwandten; sie wird aber ihrer Größe und Stärke halber weit mehr gefürchtet als diese und wohl deshalb auch hauptsächlich als unheilvolles, verzaubertes Wesen betrachtet. Die Araber nennen sie Marafil. Viele Beobachter versichern einstimmig, daß sie wirklich Menschen angreife, namentlich über Schlafende und Ermattete herfalle. Dasselbe behaupten, wie wir von Rüppell erfahren, die Abej-sinier. „Die gefleckten Hyänen“, sagt genannter Forscher, „sind von Natur sehr feige, haben aber, wenn sie der Hunger quält, eine unglaubliche Kühnheit. Sie besuchen dann selbst zur Tageszeit die Häuser und schleppen kleine Kinder fort, wogegen sie jedoch nie einen
erwachsenen Menschen angreifen. Oft wissen sie, wenn abends die Herde heimkehrt, eines der letzten Schafe derselben durch einen Sprung zu erhaschen, und meist gelingt es ihnen, trotz der Verfolgung des Hirten, ihre Beute fortzuschleppen. Hunde werden hier nicht gehalten. Die Einwohner fingen für uns mehrere große Hyänen lebendig in Gruben, die in einem von Dornbüschen umgebenen Gange angebracht werden, an dessen Ende eine nach ihrer Mutter blökende junge Ziege angebunden wird. Man muß sie möglichst bald töten, weil sie sich sonst einen Ausweg aus dem Gefängnis wühlen.“ Ich selbst habe die Tüpfelhyäne in den von mir durchreisten Gegenden überall nur als feiges Tier kennen gelernt, welches dem Menschen scheu aus dem Wege geht.
Am Kap bezeichnet man diese Art mit dem Namen Tigerwolf. „Sie ist dort“, sagt Lichtenstein (zu Anfang unseres Jahrhunderts), „bei weitem das häufigste unter allen Raubtieren und findet sich selbst noch in den Schluchten des Tafelberges, so daß die Pachtereien ganz in der Nähe der Kapstadt nicht selten von ihr beunruhigt werden. Im Winter hält sie sich auf den Berghöhen, im Sommer aber in den ausgetrockneten Stellen großer Ebenen auf, wo sie in dem hohen Schilfe den Hasen, Schleichkatzen und Springmäusen auflauert, welche an solchen Stellen Wasser, Kühlung oder Nahrung suchen. Die Güterbesitzer in der Nähe der Kapstadt stellen fast jährlich Jagden an. Es gibt dort mehrere solche mit Schilfrohr bewachsene Niederungen; eine jede derselben wird umzingelt und an mehreren Stellen unter dem Winde in Brand gesteckt. Sobald die Hitze das Tier zwingt, seinen Hinterhalt zu verlassen, fallen es die ringsum aufgestellten Hunde an, und der Anblick dieses Kampfes ist der Hauptzweck der ganzen Unternehmung. Inzwischen bringen die Hyänen in der Nähe der Stadt weniger Schaden als Nutzen; sie verzehren manches Aas und vermindern die Anzahl der diebischen Paviane und der listigen Ginsterkatzen. Man hört es sehr selten, daß die Hyäne in diesen dichter bewohnten Gegenden ein Schaf gestohlen; denn sie ist scheu von Natur und flieht vor dem Menschen, und man weiß kein Beispiel, daß sie jemand angefallen hätte. Den Kopf trägt sie niedrig mit gebogenem Nacken; der Blick it boshaft und scheu.“ Zu Sparrmanns Zeiten (1772— 76) kamen die Hyänen, wie gegenwärtig im Sudan, in das Innere der Städte und verzehrten hier alle tierischen Abfälle, welche aufden Straßen lagen. Wahrhaft schrecklich aber sind die Erzählungen, welche Strodtmann in seinen südafrikanischen Wanderungen gibt. Er erfuhr, daß die nächtlichen Angriffe dieser Tiere vielen Kindern und Halberwachsenen das Leben kosteten, und seine Berichterstatter hörten inwenigen Monaten von 40 verderblichen Überfällen erzählen. Shepton, welcher diese Geschichten verbürgt, bekam ein paar Kinder zur Heilung, welche von dem Raubtiere fortgeschleppt und übel zugerichtet, aber ihm wieder abgejagt worden waren. Das eine der Kinder war ein zehnjähriger Knabe, das andere ein achtjähriges Mädchen. Schlingen, Fallen und Selbstschüsse werden nach diesem Berichterstatter nur mit geringem Erfolge angewendet, weil die listigen Hyänen den Fallen ausweichen.“
Manches im vorstehenden Berichte mag übertrieben sein; in der Hauptsache werden wir ihn als richtig gelten lassen müssen. Eine und dieselbe Tierart tritt unter veränderten Verhältnissen in verschiedener Weise auf. Hunger thut weh und ermutigt auch Feiglinge. Ein Diener von Fritsch wagte sich aus Furcht vor den Hyänen niemals in dichte Gebüsche, und seine Furcht war, wie unser Gewährsmann bemerkt, nicht ganz unbegründet. Als jener Diener einstmals des Nachts allein die Steppe durchreiten mußte, wurde er von Hyänen verfolgt und verbrannte Lumpen und einen Teil seiner Decke,um sie fern zu halten, bis er endlich ein Haus erreicht hatte. „Die Dreistigkeit dieser Tiere“, versichert Fritsch, „ist in der Nacht außerordentlich; und wenn auch wenige Beispiele bekannt sind, daß sie erwachsene Menschen angefallen haben, so vergreifen sie sich doch an Kindern und ebenso an Pferden, wovon mir damals mehrere Beispiele vorkamen.“
Auch aus anderweitigen Berichten ist zu entnehmen, daß der Tüpfelhyäne Raubsucht und Mut nicht überall abgesprochen werden dürfen. In Benguela hat sie mehrmals wehrfähige Leute, Wanderer und Briefboten, angegriffen. Und James erfuhr neuerdings (1885) im Somalilande, daß sie „oftmals kühn genug ist, Rinder angesichts der Hirten“ zu überfallen; er selbst war Augenzeuge, wie eine „riesige Tüpfelhyäne“ gegen Abend ins Lager kam und ein Kamel zu erbeuten versuchte, während er mit seinen Begleitern eben noch beschäftigt war, Lasten abzuladen. Um dieselbe Zeit weilte Paulitschke mit von Hardegger in Harar und berichtet folgendermaßen über das Treiben der räuberischen Tiere: „Die Tüpfelhyäne bildet eine wahre Landplage in Harar. Tiere von außerordentlicher Größe leben in Menge auf den Abhängen der benachbarten Gebirge und dringen alle Tage nach Sonnenuntergang an vielen Stellen in die Stadt ein, greifen Vieh und Menschen an und haben schon viele Tausende von Hararinern in das Jenseits befördert. Gewöhnlich sind es Bettler und Blatternkranke, die man auf die Gasse setzt, dann Kinder, welche den Raubtieren zum Opfer fallen. Die Bewohner der Stadt und Umgebung wußten uns daher nicht geringen Dank dafür, daß wir uns der gefährlichen Jagd auf die nächtlichen Tiere hingaben und einige Dutzend vernichteten. Die Jagden sind gefahrvoll genug und mit großen Schwierigkeiten verbunden, weil die Hyänen erst bei eintretender Dunkelheit ihre Schlupfwinkel verlassen und daher aus nächster Nähe erlegt werden müssen, ein ungeheuer zähes Leben besitzen und verwundet sich mit großer Wut zur Wehre setzen; von Hardegger geriet eines Abends in große Gefahr, von einer angeschossenen wütenden Hyäne von bedeutender Stärke zerrissen zu werden. Nur einem kühnen Bajonettangriffe dankte mein Freund an jenem Abend das Leben, indem er das auf ihn in Sprüngen eindringende Hyänenmännchen mit dem Yatagan auffing und tötete. Man erzählte uns in Harar unglaubliche Dinge von der Kühnheit und Raubsucht der Hyänen. Weidmänner wird es jedenfalls interessieren, daß die als feig verschrieene Hyäne unter Umständen ein ebenso aggressives und gefährliches Raubtier werden kann wie der Löwe oder der Leopard.“