Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
G. Mützel n. d. Leben
X. A. v. K. JAHRMARGT
STREIFENHYÄNE.
Jetzt ließen sie sich alles gefallen und versuchten gar nicht mehr, nach meiner Hand zu schnappen. Von diesem Augenblicke an war Strenge bei ihnen nicht mehr notwendig; ihr trotziger Sinn war gebrochen, und sie beugten sich vollkommen unter meine Gewalt. Nur ein einziges Mal noch mußte ich das Wasserbad, bekanntlich das beste Zähmungsmittel wilder Tiere überhaupt, bei ihnen anwenden. Wir hatten nämlich eine dritte Hyäne gekauft, und diese mochte ihre schon gezähmten Kameraden wieder verdorben haben; indessen bewiesen sie sich nach dem Bade, und nachdem sie voneinander getrennt worden waren, wieder freundlich und liebenswürdig. Nach Verlauf eines Vierteljahres, vom Tage der Erwerbung an gerechnet, konnte ich mit ihnen spielen wie mit einem Hunde, ohne befürchten zu müssen, irgendwelche Mißhandlung von ihnen zu erleiden. Sie gewannen mich mit jedem Tage lieber und freuten sich ungemein, wenn ich zu ihnen kam. Dabei benahmen sie sich, nachdem sie mehr als halberwachsen waren, höchst sonderbar. Sobald ich in den Raum trat, fuhren sie unter fröhlichem Geheule auf, sprangen an mir in die Höhe, legten mir ihre Vorderpranken auf beide Schultern, schnüffelten mir im Gesichte herum, hoben endlich ihre Standarte steif und senkrecht empor und schoben dabei den umgestülpten Mastdarm gegen 5 em weit aus dem After heraus. Diese Begrüßung wurde mir stets zu teil, und ich konnte bemerken, daß der sonderbarste Teil derselben jedesmal ein Zeichen ihrer freudigsten Erregung war.
Wenn ich sie mit mir auf das Zimmer nehmen wollte, öffnete ich den Stall, und beide folgten mir; die dritte hatte ich infolge eines Anfalles ihrer Raserei totgeschlagen. Wie etwas zudringliche Hunde sprangen sie wohl hundertmal an mir empor, drängten sich zwischen meinen Beinen hindurch und beschnüffelten mir Hände und Gesicht. In unserem Gehöfte konnte ich so mit ihnen überall umhergehen, ohne befürchten zu müssen, daß eine oder die andere ihr Heil in der Flucht suchen würde. Später habe ich sie in Kairo an leichten Stricken durch die Straßen geführt zum Entsetzen aller gerechten Bewohner. Sie zeigten sich so anhänglich, daß sie ohne Aufforderung mich zuweilen besuchten, wenn einer meiner Diener es vergessen hatte, die Stallthür hinter sich zu verschließen. Ich bewohnte den zweiten Stock des Gebäudes, der Stall befand sich im Erdgeschoß. Dies hinderte die Hyänen aber gar nicht; sie kannten die Treppen ausgezeichnet und kamen regelmäßig auch ohne mich in das Zimmer, welches ich bewohnte. Für Fremde war es ein ebenso überraschender wie unheimlicher Anblick, uns beim Theetische sitzen zu sehen. Jeder von uns hatte eine Hyäne zu seiner Seite, und diese saß so verständig, ruhig auf ihrem Hintern, wie ein wohlerzogener Hund bei Tische zu sitzen pflegt, wenn er um Nahrung bettelt. Letzteres thaten die Hyänen auch, und zwar bestanden ihre zarten Bitten in einem höchst leisen, aber ganz heiser klingenden Kreischen und ihr Dank, wenn sie sich aufrichten konnten, in der vorhin erwähnten Begrüßung oder wenigstens in einem Beschnüffeln der Hände.
Sie verzehrten Zucker leidenschaftlich gern, fraßen aber auch Brot, zumal solches, welches wir mit Thee getränkt hatten, mit vielem Behagen. Ihre gewöhnliche Nahrung bildeten Hunde, welche wir für sie erlegten. Die große Menge der im Morgenlande herrenlos umherschweifenden Hunde machte es uns ziemlich leicht, das nötige Futter für sie aufzutreiben; doch durften wir niemals lange an einem Orte verweilen, weil wir sehr bald von den Kötern bemerkt und von ihnen gemieden wurden. Auch während der langen Reise von Chartum nach Kairo, welche wir allen Stromschnellen des Nils zum Trotze in einem Boote zurücklegten, wurden unsere Hyänen mit herrenlosen Hunden gefüttert. Gewöhnlich bekamen sie bloß den dritten oder vierten Tag zu fressen; einmal aber mußten sie freilich auch 8 Tage lang fasten, weil es uns ganz unmöglich war, ihnen Nahrung zu schaffen. Da hätte man nun sehen sollen, mit welcher Gier sie über einen toten Hund herfielen. Es ging wahrhaft lustig zu: sie jauchzten und lachten laut auf und stürzten sich dann wie rasend auf ihre
Beute. Wenige Bisse rissen die Bauch- und Brusthöhle auf, und mit Wollust wühlten die schwarzen Schnauzen in den Eingeweiden herum. Eine Minute später erkannte man keinen Hyänenkopf mehr, sondern sah bloß zwei dunkle, unregelmäßig gestaltete und über und über mit Blut und Schleim bekleisterte Klumpen, welche sich immer von neuem wieder in das Innere der Leibeshöhle versenkten und frisch mit Blut getränkt auf Augenblicke zum Vorschein kamen. Niemals hat mir die Ahnlichkeit der Hyänen mit den Geiern größer scheinen wollen als während solcher Mahlzeiten. Sie standen dann in keiner Hinsicht hinter den Geiern zurück, sondern übertrafen sie womöglich noch an Freßgier. Eine halbe Stunde nach Beginn ihrer Mahlzeiten fanden wir regelmäßig von den Hunden bloß noch den Schädel und die Lunte, alles übrige, wie Haare und Haut, Fleisch und Knochen, auch die Läufe, waren verzehrt worden. Sie fraßen alle Fleischsorten mit Ausnahme des Geierfleisches. Dieses verschmähten sie hartnäckig, selbst wenn sie sehr hungrig waren, während die Geier selbst es mit größter Seelenruhe verzehrten. Ob sie, wie behauptet wird, auch das Fleisch ihrer eigenen Brüder fressen, konnte ich nicht beobachten; Fleisch blieb immer ihre Lieblingsspeise, und Brot schien ihnen nur als Leckerbissen zu gelten. |
Unter sich hielten meine Gefangenen gute Freundschaft. Manchmal spielten fie lange Zeit nach Hundeart miteinander, knurrten, kläfften, grunzten, sprangen übereinander weg, warfen sich abwechselnd nieder, balgten und bissen sich. War eine von der anderen längere Zeit entfernt gewesen, so entstand jedesmal großer Jubel, wenn sie wieder zusammenkamen; kurz, sie bewiesen deutlich genug, daß auch Hyänen warmer Zuneigung fähig sind.
Der Erdwolf oder die Zibethhyäne (Proteles lalandii, P. cristatus, Viverra hyaenoides) bildet die zweite Gattung der Familie. In feiner äußeren Erscheinung ähnelt das im ganzen noch wenig beobachtete Tier auffallend der gestreiften Hyäne; denn es hat ebenfalls die abgestutzte Schnauze, hohe Vorderbeine, abschüssigen Rücken, Rückenmähne und buschigen Schwanz; doch sind die Ohren größer, und die Vorderpfoten tragen einen kurzen Daumen nach Art der Afterzehe bei manchen Hunden. Das Gebiß ist sehr auffällig. Die durch weite Lücken getrennten Backenzähne, deren Anzahl durch Ausfallen leicht abnimmt und im besten Falle vier oben und drei unten beträgt, sind winzige Spitzen; die Schneidezähne stehen wie bei den eigentlichen Hyänen fast in gerader Reihe nebeneinander und lassen die Schnauze um fo breiter erscheinen, als der Kieferteil, welcher die Baden-zähne trägt, bei der Kleinheit dieser nur schwach ist. Aus dem Milchgebisse läßt sich ein Anhalt für die systematische Stellung des Tieres gewinnen; es ähnelt dem der eigentlichen Hyänen. Der Bau der übrigen Teile des Gerippes nähert sich ebensowohl dem der Hyänen wie dem der Hunde. Während nämlich die Wirbel und die Knochen der Gliedmaßen fast noch schlanker und zierlicher gebaut sind als bei den Schakalen, besitzen sie doch vielfach so stark vorspringende Muskelansätze, daß sie sich in dieser Beziehung denen der Hyänen anreihen, deren sämtliche Knochen sich durch ihre Plumpheit auszeichnen. Die Zibethhyäne hat 15 rippentragende Brust-, 5 Lenden-, 3 Kreuz- und 23 Schwanzwirbel, und diese Zahlen stimmen weit mehr mit den entsprechenden der Hyänen als mit denen der Hunde überein.
Bis jetzt ist die Zibethhyäne die einzige bekannte Art ihrer Gattung. Ihre Gesamtlänge beträgt 1,ı m, die des Schwanzes 30 em. Der Pelz, welcher aus weichem Wollhaare und langen, starken Grannen besteht, zeigt auf blaßgelblichem Grunde schwarze Seitenstreifen. Der Kopf ist schwarz mit gelblicher Mischung; die Schnauze, das Kinn und der Augenring sind dunkelbraun, die Ohren innen gelblichweiß, außen braun; die Unterseite hat weißlichgelbe und die Endhälfte des Schwanzes schwarze Färbung. Vom Hinterkopfe an längs des ganzen Rückens bis zur Schwanzwurzel verlängern sich die Grannen zu einer Mähne, welche
in dem buschigen Schwanze ihre Fortsetzung findet. Diese Mähne ist schwarz und ebenfalls gelblich gemischt. Die Seiten der Schnauze sind sehr kurz behaart, die Schnurren aber lang und stark, die Nasenkuppe und der Nasenrücken nackt.
Der Erdwolf ist ein Bewohner Südafrikas, besonders der westlichen Gebiete, und dort nordwärts sicher bis nach Benguela, vielleicht bis zum Kuansa verbreitet. Er wurde schon von früheren Reisenden mehrfach erwähnt, doch erst von Isidore Geoffroy genauer beschrieben. Den lateinischen Artnamen erhielt er zu Ehren seines Entdeckers, wenn auch dessen Begleiter Verreaux das meiste von dem wenigen mitteilt, was wir über die Lebensweise
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des Tieres wissen. Sparrmann versteht unter seinem „grauen Schakal“, mit welchem Namen die holländischen Ansiedler in Südafrika das Tier belegen sollen, wahrscheinlich die Zibethhyäne. Levaillant fand im Namalande nur die Felle zu Mänteln verarbeitet, ohne das Tier selbst erlangen zu können. Seine Begleiter bezeichneten ihm den Erdwolf aber später als einen der nächtlichen Besucher seines Lagers, da sie dessen Stimme von der seiner Verwandten, der gefleckten Hyänen und der Schakale, unterschieden.
Aus allen Angaben, welche sich auf unser Tier beziehen lassen, geht hervor, daß es nächtlich lebt und sich bei Tage in Bauen verbirgt, welche mit denen unserer Füchse Ahnlichkeit haben, aber ausgedehnter sind und von mehreren Erdwölfen zugleich bewohnt werden. Verreaux trieb die drei, welche von der Gesellschaft erlegt wurden, mit Hilfe seines Hundes aus einem Baue, wenn auch nicht aus derselben Röhre heraus. Sie erschienen mit zornig gesträubter Rückenmähne, Ohren und Schwanz hängend, und liefen sehr schnell davon; einer suchte auch in aller Eile sich wieder einzugraben und bewies dabei eine
merkwürdige Fertigkeit. Die Untersuchung des Baues ergab, daß alle Röhren miteinander in Verbindung standen und zu einem großen Kessel führten, welcher wohl zeitweilig die. gemeinsame Wohnung für alle bilden mochte. Der genannte Beobachter gibt an, daß die e Nahrung unserer Tiere hauptsächlich aus Lämmern besteht, daß sie aber auch ab und zu ein Schaf überwältigen und töten, von ihm aber hauptsächlich bloß den fetten Schwanz ver: zehren. Wenn dies der Fall ist, würden sie allerdings kein starkes Gebiß brauchen. Das übrige Leben des Erdwolfes ist vollkommen unbekannt.
Es ist wahrscheinlich, daß der Verbreitungskreis weiter reicht, als man gewöhnlich ans nimmt. Wenigstens hat de Joannis in Nubien eine Zibethhyäne tot gefunden, welche der in Südafrika lebenden vollkommen gleich zu sein schien.
Vor etlichen Jahren gelangten mehrere Erdwölfe lebend in den Londoner Tiergarten. Sie halten anscheinend die Gefangenschaft recht gut aus, lassen sich also leicht ernähren. Über ihr Wesen und Betragen habe ich nichts in Erfahrung bringen können.
In der fünften, nach außen hin ziemlich streng abgeschlossenen Familie der Raubtiere vereinigen wir die Hunde (Canidae). Es ist bereits hervorgehoben worden, daß die Hunde in ihrem Leibesbaue nicht so sehr von den Katzen verschieden sind, als man auf eine flüchtige Betrachtung hin wohl annehmen möchte. So bestimmt fie auch ihr eigentümliches Gepräge im äußeren wie im inneren Baue und ihre Eigentümlichkeiten in der Lebensweise wie in ihren Sitten festhalten, so viele übereinstimmende Merkmale beider Familien lassen sich nachweisen. In der Größe stehen sie sämtlich hinter den größeren Arten der Katzen zurück und besitzen demgemäß auch nicht die Stärke und Furchtbarkeit jener vollendetsten Räuber. Ihre Gestalt ist mager, der Kopf klein, die Schnauze spitz, die stumpfe Nase vorstehend, der Hals ziemlich schwach, der Rumpf, welcher auf dünnen oder hohen Beinen mit kleinen Pfoten ruht, in den Weichen eingezogen, der Schwanz kurz und oft buschig behaart. An den Vorderfüßen finden sich meistens 5, an den Hinterfüßen regelmäßig 4 Zehen, welche starke, immer aber stumpfspitzige und nicht zurückziehbare Krallen tragen. Die Augen sind groß und hellem Lichte zugänglicher als die Katzenaugen, die Ohren meist spitzer und größer als bei jenen, die Zitzen an Brust und Bauch zahlreicher. In dem kräftigen Gebisse, welches 36—48 Zähne zählt, find die 12 Schneidezähne, zumal die der oberen Kinnlade, verhält-nismäßig groß, die äußeren fast eckzahnartig vergrößert, die 4 Eckzähne schlank und etwas gekrümmt, die Lückenzähne weniger scharf gezackt als bei den Katzen, die Kauzähne ziemlich stumpfe Mahlzähne, welche die Speise ordentlich zermalmen. Der Schädel ist gestreckt, namentlich die Kiefer find verlängert. 20 Brust- und Lendenwirbel, 3 Kreuzbein- und 18— 22 Schwanzwirbel bilden die Wirbelsäule. Den Brustkasten umgeben 13, 9 wahre und 4falsche, Rippenpaare. Das Schlüsselbein ist verkümmert, das Schulterblatt schmal, das Becken kräftig. Der Darmschlauch zeichnet sich durch einen rundlichen Magen aus; der eigentliche Darm hat vier- bis siebenfache Körperlänge.