Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
In ihrer ganzen Anlage zeigen die Hunde, daß sie nicht ausschließlich auf rein tierische Nahrung angewiesen sind, und lassen den Schluß zu, daß sie demgemäß auch weniger mordlustig und blutgierig sein werden als die Katzen. In der That unterscheiden sie sich gerade hierin wesentlich von jenen. Sie stehen an Wildheit, Mordlust und Blutgier unbedingt hinter den Katzen zurück, bekunden vielmehr alle eine mehr oder minder ausgesprochene Gutmütigkeit. Das Hundegesicht spricht uns in der Regel freundlich an und läßt niemals das trotzige Selbstvertrauen und die Wildheit, welche sich im Katzengesichte ausdrücken, besonders bemerklich werden.
Schon in der Vorzeit waren die Hunde weitverbreitete Säugetiere; es steht auch un: zweifelhaft fest, daß sie sehr früh auf der Erdoberfläche erschienen. Gegenwärtig verbreiten sie sich über die ganze bewohnte Erde und treten in den meisten Gebieten häufig auf. Einsame, stille Gegenden und Wildnisse, mögen sie gebirgig oder eben sein, ausgedehnte düstere Wälder, Dickichte, Steppen und Wüsten bilden ihre Aufenthaltsorte. Einige schweifen fast beständig umher und halten sich höchstens so lange an einem Orte auf, als sie durch ihre noch unmündige Nachkommenschaft an ihm festgehalten werden, andere graben sich Höhlen in die Erde oder benutzen bereits gegrabene Baue zu festen Wohnungen. Die einen sind rein nächtliche, die anderen bloß halbnächtliche Tiere, manche vollkommene Tagfreunde. Jene verbergen sich während des Tages in ihren Bauen oder in einsamen und geschützten Schlupfwinkeln, im Gebüsche, im Schilfe oder hohen Getreide, zwischen öden und dunkeln Felsen und streifen zur Nachtzeit entweder einzeln oder in Gesellschaften durch das
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Land, durchwandern dabei unter Umständen viele Meilen, jagen während der Wanderung besuchen dabei sogar größere Dörfer und Städte und ziehen sich bei Anbruch des Tages in den ersten passenden Schlupfwinkel zurück, den sie auffinden; diese sind bei Tage kaum weniger thätig als bei Nacht. Wenige leben einzeln oder paarweise; denn selbst diejenigen Arten, bei denen Männchen und Weibchen zeitweilig zusammenhalten, schlagen sich unter Umständen in stärkere Meuten zusammen, und man kann wohl behaupten, daß alle Hunde ohne Ausnahme gesellige Tiere sind.
Hinsichtlich der Beweglichkeit geben die Hunde den Katzen wenig nach. Ihre stumpfen Krallen erlauben ihnen nicht, zu klettern, und sie sind deshalb auf den Boden gebannt; auch verstehen sie nicht, sohohe und weite Sprünge auszuführen wie die Katzen: im übrigen aber übertreffen sie diese eher, als daß sie ihnen nachständen. Sie sind vortreffliche Läufer und besitzen unglaubliche Ausdauer, schwimmen ohne Ausnahme und zum Teil meisterhaft; ja wir finden bei ihnen bereits förmliche Wassertiere, d. h. Hunde, welche sich mit wahrer Wonne in den Wellen herumtummeln. Beim Gehen treten sie bloß mit den Zehen auf, wie die Katzen; ihr Gang aber ist eigentümlich schief, weil sie die Beine nicht gerade vor sich hinzusetzen pflegen. Alle Hunde haben hochentwickelte Sinne. Das Gehör steht dem der Katzen kaum nach, der Geruch dagegen ist zu einer bewunderungswürdigen Schärfe ausgebildet,
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und auch vom Gesichte darf man behaupten, daß es besser als bei den Katzen ist; denn die Nachthunde stehen den Katzen gleich, und die Taghunde übertreffen sie entschieden.
Noch viel ausgezeichneter sind die geistigen Fähigkeiten der Hunde. Die tiefstehenden Arten bekunden eine bemerkenswerte List und Schlauheit, zum Teil sogar auf Kosten des Mutes, welchen andere in hohem Grade besitzen; die höher stehenden Hunde aber und namentlich diejenigen, welche mit dem Menschen verkehren oder, besser gesagt, sich ihm hingegeben haben mit Leib und Seele, beweisen tagtäglich, daß ihre Geistesfähigkeiten eine Ausbildung erlangt haben wie die keines anderen Tieres. Der zahme Hund und der wilde Fuchs handeln mit vernünftiger Überlegung und führen sorgfältig durchdachte Pläne aus, deren Ergebnis sie mit großer Sicherheit im voraus abschätzen. Dieser Verstand hat die Hunde auf das innigste mit den Menschen verbunden und stellt sie über alle übrigen Tiere; denn man muß dabei immer bedenken, daß der Hund ein Raubtier ist, gewöhnt, über andere Geschöpfe zu herrschen, und trotzdem seinen Verstand bereitwillig und aus wirklich vernünftigen Gründen dem höheren Menschengeiste unterordnet. Auch bei den ganz wild lebenden Arten zeigt sich dieser hohe Verstand in der großen Vorsicht, Behutsamkeit und dem Argwohne, mit welchem sie alle Handlungen verrichten. Nur der wütendste Hunger vermag solches Betragen zuweilen in das entgegengesetzte zu verwandeln. Dabei sind die Hunde gemütliche Burschen, aufgelegt zu Spiel und Scherz, heiter und lustig, gutmütig und verhältnismäßig sanft, wenngleich sich nicht leugnen läßt, daß es, wie überall, jo- auch bei ihnen Ausnahmen gibt. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus tierischen Stoffen, zumal aus Säugetieren und Vögeln. Sie fressen frisch erlegte Beute nicht lieber als Aas, für welches alle Arten sogar eine gewisse Vorliebe zu haben scheinen. Einzelne verzehren auch sehr gern Knochen, und andere finden selbst in den schmutzigsten Auswurfsstoffen des menschlichen Leibes noch eine erwünschte Speise. Außerdem genießen sie Kriechtiere, Lurche, Fische, Schaltiere, Krebse, Kerbtiere oder Honig, Obst, Feld- und Gartenfrüchte, ja sogar Baumknospen, Pflanzensprosse, Wurzeln, Gras und Moos. Manche sind sehr gefräßig und töten mehr, als fie verzehren können; doch zeigt sich der Blutdurst niemals in der abschreckenden Gestalt wie bei einzelnen Katzen oder Mardern, und keinen einzigen Hund gibt es, welcher sich im Blute der von ihm getöteten Schlachtopfer mit Lust berauscht. N
Die Fruchtbarkeit der Hunde ist größer als die der Katzen; ja die Zahl ihrer Jungen erreicht zuweilen die äußersten Grenzen der Erzeugungsfähigkeit der Säugetiere überhaupt. Im Mittel darf man annehmen, daß die Hunde zwischen 4—9 Junge werfen; doch find Ausnahmefälle bekannt, in denen eine Mutter auf einen Wurf ihrer 18 und selbst 23 zur Welt brachte. Es kommt vor, daß der Vater seine Sprößlinge oder daß ein anderer männlicher Hund die junge Nachkommenschaft einer Hündin mit Mordgedanken verfolgt und auffrißt, wenn er kann: zumal geschieht dies bei den Wölfen und Füchsen, welche unter Umständen auch ihresgleichen nicht verschonen. Bei den meisten Arten macht sich aber die Geselligkeit auch dem jungen Gewölfe gegenüber geltend. Die Mütter sorgen stets in wahrhaft aufopfernder Weise für dieses.
Wegen der großen Anzahl, in welcher manche Hundearten auftreten, ist der Schade, den die ganze Familie durchschnittlich anrichtet, ein ziemlich bedeutender, und die den Menschen beeinträchtigenden Arten werden deshalb überall unbarmherzig verfolgt. Dagegen leisten die kleineren Arten durch Wegfangen schädlicher Nage- und Kerbtiere oder durch das Aufzehren von Aas und anderem Unrate gute Dienste und liefern zudem noch ihren Balg, ihre Haut und ihre Zähne zur Benutzung. Und wenn man Schaden und Nutzen, den die ganze Familie bringt, gegeneinander abwägen will, kann man gar nicht in Zweifel bleiben, welcher von beiden der überwiegende ist; denn die zu Haustieren gewordenen Hunde,
unsere treuesten Freunde, leisten dem Menschen so viele unberechenbare und unersetzbare Dienste, daß der Schade, welchen die wildlebenden anrichten, diesem Nutzen gegenüber kaum in Betracht zu ziehen ist. f
Man kann die Hunde in drei Gattungen einteilen und zwei von diesen wieder in kleinere Gruppen zerfällen. Diese Gattungen begreifen die Wölfe oder Wildhunde mit rundem Augensterne und mit kurzem Schwanze (Canis), die Füchse mit spaltenförmigem Augensterne und mit langem, buschigem Schwanze (Vulpes) und die Ohrenhunde, großohrige Wüstentiere mit abweichendem, sehr zahnreichem Gebisse (Otocyon).
Um den Haushund und seine zahllosen Rassen richtig zu beurteilen, ist es unbedingt erforderlich, seine wildlebenden Verwandten, die Wölfe (Canis), unter denen man seine Ahnen oder Vorfahren zu suchen hat, kennen zu lernen. Ohne diesen Zweck würde ein guter Teil des Nachfolgenden zunächst unverständlich sein. Auch erscheint es folgerichtig, von den freilebenden Hunden zu den gezähmten überzugehen. Jene lehren uns, was der Hund war, bevor er sich dem Menschen zu eigen gab; in ihnen sehen wir noch das ursprüngliche, in den gezähmten das veränderte und, wohl darf man dies sagen, das vermenschlichte Tier. |
Huxleys Anschauungen folgend, zerfällen wir die Gattung der Wölfe in vier Unter: abteilungen, denen wir den Rang von Untergattungen beilegen. Unter ihnen stellen wir unseren Wolf und seine Verwandten obenan.
Die Untergattung der eigentlichen Wölf e (Lupus), zu welcher wir alle 42zähnigen, wenn auch manchmal äußerlich sehr abweichenden, wolfsartigen Hunde, mit Ausnahme des Hyänenhundes, stellen, zeichnen sich durch mäßig großen, ziemlich spitzschnauzigen Kopf aus.
Der Wolf (Canis [Lupus] lupus, Lupus vulgaris und L. silvestris, Canis lycaon) hat etwa die Gestalt eines großen, hochbeinigen, dürren Hundes, welcher den Schwanz hängen läßt, anstatt ihn aufgerollt zu tragen. Bei schärferer Vergleichung zeigen sich die Unterschiede namentlich in folgendem: der Leib ist hager, der Bauch eingezogen; die Beine entsprechen diesem Leibesbaue; der langhaarige Schwanz hängt bis auf die Fersen herab; die Schnauze erscheint im Verhältnis zu dem dicken Kopfe gestreckt und spitzig; die breite Stirn fällt schief ab; die Augen stehen schief, die Ohren immer aufrecht. Der Pelz ändert ab nach dem Klima der Länder, welche der Wolf bewohnt, ebensowohl hinsichtlich des Haarwuchses wie bezüglich der Färbung. In den nördlichen Ländern ist die Behaarung lang, rauh und dicht, am längsten am Unterleibe und an den Schenkeln, buschig am Schwanze, dicht und aufrecht stehend am Halse und an den Seiten, in südlichen Gegenden im allgemeinen kürzer und rauher. Die Färbung ist gewöhnlich fahlgraugelb mit schwärzlicher Mischung, welche an der Unterseite lichter, oft weißlichgrau erscheint. Im Sommer spielt die Gesamtfärbung mehr in das Rötliche, im Winter mehr in das Gelbliche, in nördlichen Ländern mehr in das Weiße, in südlichen mehr in das Schwärzliche. Die Stirn ist weißlichgrau, die Schnauze gelblichgrau, immer aber mit Schwarz gemischt; die Lippen sind weißlich, die Wangen gelblich und zuweilen undeutlich schwarz gestreift, die dichten Wollhaare fahlgrau.
Hier und da kommt eine schwarze Spielart des Wolfes vor, welche man als besondere
Art (Canis lycaon) aufzustellen versucht, jedoch ebensowohl wie andere als bloße Abänderung aufzufassen hat. Gebirgswölfe sind im allgemeinen groß und stark, Wölfe der Ebenen merklich kleiner und schwächer, keineswegs aber auch minder raub- oder angriffslustig. In Ungarn und Galizien unterscheidet man ganz allgemein den Rohr- und Waldwolf. Ersterer
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ist rötlichgrau, nicht stärker als ein mittelgroßer Vorstehhund, lebt meistens in zahlreichen Rotten beisammen und liebt ebene, sumpfige, nicht sehr waldreiche Gegenden; letzterer hat aschgraue Färbung, erreicht eine viel bedeutendere Größe als der Rohrwolf, schlägt sich nur während der Ranzzeit in größere Meuten zusammen, bildet außerdem Trupps von 2—5 Stück und bevorzugt zusammenhängende Waldungen. Beide können wohl nur als Unterarten aufgefaßt werden, ebenso wie der von Hodgson beschriebene tibetische Lupus laniger und der in China hausende Tschango (Lupus chanco) sich schwerlich als besondere Arten
Wolf (Canis lupus). ½ natürl. Größe.
bewähren dürften. Gray, der Beschreiber des letztgenannten, gibt an, daß er etwas kurzbeiniger als der Wolf und an den Ohren, den Leibesseiten, den Außenseiten der Glieder mit kurzen blaßgelblichen, unterseits mit weißen Haaren bekleidet ist.
Ein ausgewachsener Wolf erreicht 156 m Leibeslänge, wovon etwa 45 em auf den Schwanz kommen; die Höhe am Widerriste beträgt etwa 85 em. Ein starkes Stück wiegt 40, wohl auch bis 50 kg. Die Wölfin unterscheidet sich von dem Wolfe durch etwas schwächeren Körperbau, spitzere Schnauze und dünneren Schwanz. |
Noch heutigestags ist der Wolf weit verbreitet, jo sehr auch fein Gebiet gegen frühere Zeiten beschränkt wurde. Er findet sich gegenwärtig noch fast in ganz Europa, obwohl er aus den bevölkertsten Gebieten dieses Erdteiles verschwunden ist. In Spanien ist er in allen
Gebirgen und selbst in den größeren Ebenen eine ständige Erscheinung, in Griechenland, Italien und Frankreich häufig genug, in der Schweiz seltener, im mittleren und nördlichen Deutschland wie in Großbritannien gänzlich ausgerottet worden, im Osten Europas gemein. Ungarn und Galizien, Kroatien, Krain, Serbien, Bosnien, die Donaufürstentümer, Polen, Rußland, Schweden, Norwegen und Lappland sind diejenigen Länder, in denen er jetzt noch in namhafter Menge auftritt. Auf Island und den Inseln des Mittelmeeres scheint er niemals vorgekommen, in den Atlasländern dagegen ebenfalls vorhanden zu sein. Außerdem verbreitet er sich über ganz Nordost- und Mittelasien, nach Blanford sogar durch Afghanistan und Belutschistan bis ins Indusgebiet, bis nach Sind, vielleicht bis ins obere Pandschab, und hat in Nordamerika einen ihm so nahestehenden Verwandten, daß man auch den Westen der Erde in seinen Verbreitungskreis gezogen und nicht bloß den nordamerikanischen, sondern auch den mexikanischen als Unterarten aufgefaßt hat.
Die Alten kannten den Wolf genau. Viele griechische und römische Schriftsteller sprechen von ihm, einige nicht allein mit dem vollen Abscheu, welchen Isegrim von jeher erregt hat, sondern auch bereits mit geheimer Furcht vor ungeheuerlichen oder gespenstischen Eigenschaften des Tieres. Oppian unterscheidet fünf Abarten, welche Ges ners Übersetzer bezeichnet als Schützwolf, jo benannt „von wegen seiner schnellen Behändigkeit“, als Raubwolf, zu dem er bemerkt: „der aller schnelleste, geht mit grosser Ungestümm deß Morgens früh auf die Jagt, weil er stäts Hunger leydet“, als „der gülden Wolf, so benannt von wegen der Farb, und seiner schönen und gläntzenden Haaren halber“, und endlich „die von dem vierten und fünfften Geschlechte“, sagt Gesner, „können nach gemeinem Nahmen Booswölff genennt werden, dieweil ihre Köpffe und Hälse kurtz und dick sind und einige Gleichheit mit dem Amboos haben“. In der altgermanischen Göttersage wird der Wolf, das Tier Wodans, eher geachtet als verabscheut; letzteres geschieht erst viel später, nachdem die christliche Lehre den Götterglauben unserer Vorfahren verdrängt hatte. Nun verwandelte sich Wodan in den „wilden Jäger“ und seine Wölfe in dessen Hunde, bis zuletzt aus diesen der gespenstische Werwolf wird: ein Ungeheuer, zeitweilig Wolf, zeitweilig Mensch, Blindgläubigen ein Entsetzen. Noch heutzutage spukt die Werwolffabel in verdüsterten Köpfen und flüstert das Volk sich zu, durch welche Mittel das gespenstische Ungeheuer zu bannen und unschädlich zu machen sei.