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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Herrenspecht. Dreizehenspecht.

nach Süden hin bis zum Tien⸗schangebirge ausdehnt. Als echter Gebirgsvogel steigt er nur da in die Niederung oder Ebene hinab, wo letztere das Gepräge des Hochgebirges angenommen hat, wie dies in den hoch nordischen Waldungen, in denen die Tundra bereits zur Geltung gelangt, der Fall ist. Innerhalb der Grenzen Deutschlands ist er als Brutvogel nur in den Bayrischen Alpen nachgewiesen worden; verschiedene Beobachtungen lassen es jedoch als denkbar erscheinen, daß er im Schlesischen Mittelgebirge wie auf dem Böhmerwalde bisweilen oder sehr vereinzelt haust und brütet. Ein Nest hat freilich noch keiner der ܘ 5511 5 1 M

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Dreizehenspecht (Picoides tridactylus). 1/2 natürl. Größe.

Beobachter gefunden, die ihn als Bewohner unserer Mittelgebirge aufführen. Mit Bestimmtheit dagegen lebt der Dreizehenspecht jahraus jahrein in den Alpen, von den Seealpen an bis zu ihren östlichsten Ausläufern, in den Karpathen, woselbst er laut Graf Wodzicki ebenso wie in Kamtschatka der häufigste aller Spechte ist, in den Transsylvanischen Alpen, auf dem Kaukasus und dem ganzen Gebirgszuge Skandinaviens, vom südlichsten Ende des Landes an bis zum 70. Grade nördlicher Breite, ebenso in Nordrußland, selbstverständlich auch auf dem Ural und allen Gebirgen sowie in den bereits bezeichneten Waldungen Nordund Mittelasiens innerhalb der angegebenen Grenzen. Wirklich häufig scheint er nirgends zu sein, jedes Pärchen vielmehr ein weit ausgedehntes Gebiet zu bewohnen; jedoch ist hierbei zu bemerken, daß die Waldungen, die er sich erkiest, genaue Durchforschung im höchsten Grade erschweren. In unseren Alpen hält er sich ausschließlich an den Nadelwald, im Norden scheint er wenigstens den Birkenwald ebenso gern zu bewohnen. Wenn ein Waldbrand weite Flächen des Nadelwaldes vernichtet und den holzzerstörenden Kerbtieren freien

Boden geschaffen hat, findet auch er hier sich ein, um eine so günstige Gelegenheit zu benutzen, und es kann geschehen, daß der Beobachter eine unerwartete Menge der Spechte antrifft. Für gewöhnlich aber sagen ihm im Norden die Birkenwaldungen vielleicht am meisten zu, möglicherweise schon aus dem Grunde, weil sein Gefieder die Färbung uralter, vermorschter, nordischer Birkenstämme getreulich widerspiegelt. Nach beendigter Brutzeit streift auch er im Lande umher, gern in Gesellschaft von Drosseln, mit denen er nicht selten in Dohnenstiegen gefangen wird, und bei dieser Gelegenheit überschreitet er dann und wann wohl auch einmal die Grenzen seines gewöhnlichen Wohngebietes und kommt nun in Deutschland selbst in solchen Gegenden vor, die ihm in keiner Weise behaglich erscheinen können. So wurde er, laut Naumann, einmal zufällig im Anhaltischen von einer Eiche herabgeschossen, so auch wiederholt in den Vorbergen der Bayrischen Alpen erlegt. Vielleicht streift er, unbeachtet von Kundigen, viel öfter durch unser Vaterland, als wir auf Grund unserer bisherigen Beobachtungen vermuten dürfen. In seinem Wesen und Gebaren hat der Dreizehenspecht die größte Ahnlichkeit mit dem Buntspechte; ich wenigstens habe an denjenigen, welche ich in Lappland und Sibirien beobachtete, keinen Unterschied wahrnehmen können. Er ist ebenso munter, ebenso gewandt, keck, rastlos, hat einen ähnlichen Flug und eine ähnliche, nach Angabe Girtanners nur merklich tiefere Stimme, trommelt in gleicher Weise, ist ebenso futterneidisch und kommt daher auch auf nachgeahmtes Klopfen regelmäßig herbei, kurz, ähnelt dem Buntspechte in allen Stücken. Die Nahrung besteht wie bei letzterem aus Kerbtieren und Pflanzenstoffen. In den Alpenwäldern scheint er, laut Girtanner, hauptsächlich die Eier und Larven des Fichtenspinners und außerdem noch andere Kerbtiere zu erjagen, vielleicht zum Teile wohl auch pflanzliche Nahrung, möglicherweise Zirbelnüsse zu genießen; in den Waldungen der Mittelgebirge wird er mit dem Buntspechte dieselbe Nahrung teilen; in denen des Nordens sieht man ihn Kerfe aller Art von den Bäumen ablesen, ihnen zu Gefallen Rindenstücke weg und tiefe Löcher in das morsche Holz meißeln. Collet untersuchte den Mageninhalt dreier dieser Spechte und fand, daß er aus Larven von Fliegen und Gallmücken und solchen des großen Holzbockkäfers, eines der ärgsten Waldzerstörer, sowie weniger anderer Kerbtiere, namentlich Schmetterlingen, bestand. Im Herbste wird er unzweifelhaft auch Pflanzenstoffe, insbesondere Beeren, fressen, weil es sich sonst nicht erklären ließe, daß man ihn in Dohnenstiegen fängt. Über das Brutgeschäft liegen noch wenige und dürftige Nachrichten vor. Nach Graf Wodzieki ist er in der Zeit des Nistens sehr vorsichtig, zimmert sich an 20—30 Löcher, sitzt bei Nacht bald in diesem, bald in jenem und baut sein Nest doch noch in einem anderen. Deshalb entdeckt man seine Bruthöhle gewöhnlich erst, wenn er die Jungen atzt. Eine Nisthöhlung, die Girtanner untersuchte, befand sich in einer hohen, kränkelnden Tanne eines etwa 1600 meüber dem Meere gelegenen Hochwaldes von Graubünden, jedoch in so bedeutender Höhe, daß der Baum gefällt werden mußte, um die Jungen zu erreichen. Solche Höhlen werden von dem Vogel selbst ausgemeißelt und unterscheiden sich nicht von der unseres Buntspechtes. Die 4—5 Eier, deren größter Durchmesser 24 —26 und deren kleinerer 18 bis 19 mm beträgt, sind glänzend weiß, werden Anfang Juni gelegt und wahrscheinlich von beiden Eltern bebrütet, die auch gemeinschaftlich die Pflege der Jungen übernehmen. Jung aus dem Neste genommene Dreizehenspechte, die Girtanner pflegte, nahmen unter beständigem, gegenseitigem Balgen und unaufhörlichem, dem des Kleinspechtes ähnelndem, jedoch etwas tieferem, ungefähr wie „gigi“ klingendem Geschrei die ihnen gereichten Ameisenpuppen ab, entwickelten sich auch sehr schön und fast bis zum Flüggewerden, wurden aber eines Morgens ohne irgend eine erklärliche Ursache tot gefunden, scheinen sich somit nicht leicht in Gefangenschaft erhalten zu lassen.

Die Buntspechte DDendrocopus) gelten als die vollendetsten Mitglieder der Gesamtheit, weil sie fast ausschließlich stammlebig sind und nur ausnahmsweise zum Boden herabkommen. Sie gehören zu den mittelgroßen und kleinen Arten und sind verhältnismäßig gedrungen gebaut. Der Schwanz ist lang und keilförmig, das Gefieder regelmäßig auf schwarzem Grunde weiß gezeichnet. Die hierher gehörigen Arten bewohnen fast alle Verbreitungsgebiete der Spechte überhaupt, ausschließlich des äthiopischen Reiches.

Unser Bunt-, Band⸗-, Rot- oder Schildspecht (Dendrocopus major, Picus major, cissa, pinetorum, pitiopicus, frontium, montanus, pipra, alpestris, mesospilus, brevirostris, sordidus, Iucorum und baskirensis, Dryobates major, Abbildung S. 616) darf als das bekannteste Mitglied dieser Gattung betrachtet werden. Er entspricht seinem Namen; denn sein Gefieder ist wirklich außerordentlich bunt. Oberkopf und Oberseite sowie ein schmaler Zügelstreifen, der sich vom Schnabelspalte nach hinten zieht und an den Halsseiten, gegen die Brust hin sich erweiternd, verläuft, aber nicht mit dem der andern Seite verschmilzt, sind schwarz, Zügel- und Kopfseiten bis auf die Schläfen, ein länglicher Querflecken auf den Halsseiten hinter den eben genannten Teilen sowie ein breites Längsfeld auf den Schultern weiß, die Unterteile ebenso, meist jedoch durch Schmutz getrübt, ein breiter Hinterhauptflecken, die Aftergegend und unteren Schwanzdecken hoch scharlachrot, die Handschwingen gezeichnet mit fünf, die Armschwingen mit drei weißen Querflecken, die bei zusammengelegtem Flügel fünf Querbinden bilden, die äußeren beiden Schwanzfedern in der weißen Endhälfte mit zwei schwarzen Querbinden, wogegen die dritte jederseits nur einen schwarzen Querflecken zeigt. Dem Weibchen fehlt das Rot des Hinterkopfes. Bei den Jungen ist der Oberkopf karminrot. Das Auge ist braunrot, der Schnabel licht bleifarben, der Fuß grünlichgrau. Die Länge beträgt 23 — 25, die Breite 46 —48, die Fittichlänge 16, die Schwanzlänge 8,5 em. In Nordwestafrika wird unser Buntspecht durch den Maurenspecht, in Syrien und Palästina, Persien, China und am Himalaja durch andere Verwandte vertreten, welche die verschiedenen Forscher bald als selbständige Arten, bald nur als Abarten erklären. Der Maurenspecht Dendrocopus numidicus, Picus numidicus, numidus, mauritanicus, lunatus, jugurtha und jaballa und Leuconotopicus numidicus) verdient aus dem Grunde Erwähnung, weil er nach eignem Befunde in Spanien und ein ihm wenigstens sehr nahe stehender Vogel, nach Altum, einmal im Münsterlande vorgekommen ist. Er unterscheidet sich vom Buntspechte durch beträchtlich geringere Größe und außerdem dadurch, daß die schwarzen Streifen der Halsseiten weniger entwickelt sind, dafür aber beide durch ein quer über die Unterkehle ziehendes, prächtig hochrotes, bei alten Vögeln schwarz gesäumtes, bei jüngeren durch schwarze Flecken getüpfeltes Querband vereinigt werden. Ganz Europa und Sibirien bis Kamtschatka sowie Japan sind die Heimat des allbekannten Buntspechtes. Er darf als die gemeinste unserer europäischen und ebenso als die häufigste der sibirischen Arten bezeichnet werden. Ich habe ihn in allen Ländern unseres heimatlichen Erdteiles, die ich bereiste, gefunden und zwar, mit alleiniger Ausnahme der Alpen, soweit die Waldungen reichen. Er bewohnt Lappland spärlich, das südliche Skandinavien und Finnland bereits ziemlich häufig und ist im ganzen übrigen Europa wenigstens keine Seltenheit, obwohl er in Spanien, entsprechend der Baumarmut des Landes, viel vereinzelter auftritt als bei uns. Dasselbe gilt für Griechenland, nicht aber für Italien. Hier begegnet man ihm ebenso häufig wie in Deutschland und zwar in den verschiedensten Waldungen. In der Türkei und in ganz Rußland, einschließlich des Kaukasus, ist er gemein, in Sibirien wenigstens in allen Waldgegenden, ja nicht selten sogar in den waldlosen

Hochsteppen zu finden, obwohl ihm hier nur die Zäune oder die hölzernen Gebäude Gelegenheit zum Klettern geben. Wird in der Steppe eine Baumpflanzung angelegt, so ist er, laut Radde, der erste, der in das ihm sonst unwirtliche Gebiet übersiedelt und sich seßhaft macht. Wieweit er in Asien sich nach Süden hin verbreitet, konnte mit Bestimmtheit noch nicht ermittelt werden; vom Südosten und Süden unseres Vaterlandes dagegen wissen wir, daß er die Grenzen Europas überschreitet, so beispielsweise in Kleinasien und wahrscheinlich

Buntspecht (Dendrocopus major), Mittelspecht (D. medius) und Kleinspecht (D. minor). ½ natürl. Größe.

auch in den Spanien gegenüberliegenden Teilen Marokkos vorkommt. Seine Lebensweise ist zuerst von meinem Vater und sodann von Naumann so ausführlich beschrieben worden, daß seither kaum noch etwas hinzugefügt werden konnte. Getreu meinem Grundsatze, das Erstlingsrecht der Beobachter stets zu wahren, lege ich dem Nachfolgenden beider Schilderung zu Grunde. Der Buntspecht liebt Vorhölzer und tiefe Waldungen, kommt aber auch in Feldhölzern vor und erscheint im Herbste und Winter in den Gärten. Er bevorzugt Kiefern-, Pappelund Weidenwaldungen. Während des Sommers bewohnt er ein nicht eben ausgedehntes

Gebiet; im Herbste und Winter streicht er in einem größeren Bezirke umher und lebt dann gewöhnlich in Gesellschaft von Kleibern, Baumläufern, Meisen und Goldhähnchen. Im Sommer duldet er innerhalb seines Gebietes keinen seinesgleichen. Bei seinen Streifereien folgt er den Bäumen und meidet es, über das freie Feld zu fliegen. Freilich kennt er auch keine Umwege, da seine Streifereien nur den einen Zweck haben, sich reichlichere Nahrung zu suchen, als er sie an seinem eigentlichen Standorte findet, und sich dabei zugleich ein wenig in der Welt umzusehen. Der Buntspecht ist, wie Naumann sagt, ein kräftiger, munterer, gewandter, kecker und dabei schöner Vogel, dessen abstechende Farben in ihrer bunten Abwechselung ihn auch in der Ferne, und besonders wenn er fliegt, im hohen Grade zieren. „Es sieht herrlich aus, wenn bei heiterem Wetter diese Buntspechte sich von Baum zu Baum jagen, im Sonnenscheine schnell an den Asten hinauflaufen oder auch an den oberen Spitzen hoher Bäume sich sonnen oder auf einem dürren Zacken, von der Sonne beschienen, ihr sonderbares Schnurren hervorbringen. Sie sind fast immer in Bewegung, dabei sehr hurtig und beleben den Wald, besonders die düsteren Nadelwaldungen, auf eine angenehme Weise.“ Der Flug geschieht ruckweise, ist ziemlich schnell und schnurrend, geht aber gewöhnlich nicht weit in einer Strecke fort. Auf dem Boden hüpft der Buntspecht noch ziemlich geschickt umher, kommt je doch selten zu ihm herab. Sehr gern setzt er sich auf die höchsten Wipfel der Bäume und läßt dabei sein „Pick pick“ oder „Kik kik“ wiederholt vernehmen. Nachtruhe hält er, wie die übrigen Spechte, in hohlen Bäumen; solche Schlupfwinkel sucht er auch auf, wenn er verwundet ist. Gegen seinesgleichen zeigt er sich keineswegs liebenswürdig; man kann auch ihn trotz seiner Streifereien mit dem Kleingeflügel nicht gesellig nennen. Gegen Meisen, Goldhähnchen, Baumläufer und Kleiber benimmt er sich ebensowenig freundschaftlich. Er scheint zwar ihr Anführer zu sein, bekümmert sich aber nicht um sie, sondern überläßt es dem Kleingesindel, ihm nachzuleben. Da er in Sibirien jedoch auch in Gesellschaft der wandernden Drosseln gefunden wird, und letztere sicherlich nicht ihm zu Gefallen im Walde umherstreifen, muß man annehmen, daß ihm derartige Gesellschafter ungeachtet seiner scheinbaren Gleichgültigkeit doch recht gut behagen. Anders benimmt er sich einem zweiten Buntspechte gegenüber, ob aus Eifersucht oder Futterneid will ich unentschieden lassen. Er ist einer von den Spechten, die sich durch nachgeahmtes Pochen regelmäßig anlocken lassen. Im Frühlinge verfehlt er gewiß nie, sich einzustellen, sobald er ein Klopfen nach Art seines Trommelns oder Hämmerns vernimmt: denn dann kommt noch die Eifersucht ins Spiel; aber auch im Sommer und Herbste erscheint er dicht vor dem Jäger, der ihn foppte, und klettert auf allen Zweigen umher, um den vermeintlichen Nebenbuhler oder Beeinträchtiger zu erspähen. Und nicht bloß das Männchen fliegt herbei, sondern auch das Weibchen: ein deutlicher Beweis, daß nicht allein die Eifersucht, sondern auch der Futterneid Ursache dieses Betragens ist. Auch gegen andersartige Spechte zeigt er sich nicht eben freundlich; doch sah Schacht einmal alle drei heimischen Arten, Bunt-, Mittel- und Kleinspecht, zu gleicher Zeit auf einem Baume. Mancherlei Kerbtiere und deren Eier, Larven, Puppen, aber auch Nüsse und Beeren bilden die Nahrung des Buntspechtes. Mein Vater und nach ihm Naumann versichern, auf ihre Beobachtungen gestützt, daß er keine Ameisen fresse und ebensowenig seine Jungen mit deren Puppen füttere; Gloger hingegen erfuhr, daß ein Buntspecht, den er bei starkem Froste geschossen hatte, seinen Magen „lediglich und beinahe vollständig“ mit großen Waldameisen gefüllt hatte. Nach meines Vaters Beobachtungen ist er der Hauptfeind des Borkenkäfers, seiner Larven und Eier. Um zu diesen zu gelangen, spaltet er die Schalenstücke der Fichten ordentlich ab. „Ich habe dies oft mit Vergnügen beobachtet. Er läuft an den Stämmen, deren Rinde zersprungen und locker aufsitzt, herum, steckt den Schnabel und die Zunge unter

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