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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Gerippe der Rohrratte. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

Gefangenschaft ertragen sie ziemlich leicht, sind neugierig, beweglich, lernen ihre Pfleger kennen und ihnen folgen und erfreuen durch ihr zierliches Wesen. Ihre Vermehrung ist ziemlich bedeutend; denn die Zahl ihrer Jungen schwankt zwischen 2 und 7; aber sie werfen, wie die meisten anderen Nager, mehrmals im Jahre und können zu Scharen anwachsen, welche in den Pflanzungen und Feldern bedeutenden Schaden anrichten. Der geringe Nutzen, den sie durch ihr Fleisch und ihr Fell leisten, kommt jenen Verwüstungen gegenüber nicht in Betracht.

In Chile, Peru und Bolivia leben die Strauchratten (Octodon), sozusagen Mittel: glieder zwischen Eichhörnchen und Ratten, obschon sie ersteren mehr als letzteren ähneln. Der Leib ist gedrungen und kurz, der Hals kurz und dick, der Kopf verhältnismäßig groß, der Schwanz an der Spitze meist gepinselt; die Hinterbeine sind merklich länger als die Vorderbeine; alle Füße haben fünf freie, bekrallte Zehen. Mittelgroße, ziemlich breite und aufrecht stehende, an der Spitze abgerundete, dünn behaarte Ohren, mittelgroße Augen, gespaltene Oberlippen zeichnen den Kopf aus, glatte, ungefurchte und spitze Nagezähne, wurzellose Backenzähne, deren Kauflächen fast einer arabischen 8 gleichen (daher der Name Octodon), das Gebiß. Die Behaarung des Körpers ist reichlich, wenn auch kurz, das Haar trocken und rauh.

Der Degu (Octodon cummingii, Sciurus und Dendrobius degus, Octodon pallidus) ist oben bräunlichgrau, ungleichmäßig gefleckt, unten graubräunlich, auf Brust und 88 *

Nacken dunkler, an der Schwanzwurzel lichter, fast weiß. Die Ohren sind außen dunkelgrau, innen weiß, die Schnurren zum Teil weiß, zum Teil schwarz; der Schwanz ist oben und an der Spitze schwarz, unten bis zum ersten Drittel seiner Länge hellgrau. Die Gesamtlänge beträgt gegen 26 em, wovon etwas über ein Drittel auf den Schwanz kommt. „Der Degu“, sagt Pöppig, „gehört zu den häufigsten Tieren der mittleren Provinz von Chile. Hunderte bevölkern die Hecken und Büsche; selbst in der unmittelbaren Nähe belebter Städte laufen sie furchtlos auf den Heerstraßen umher und brechen ungescheut in Gärten und Fruchtfeldern ein, wo fie durch mutwilliges Zernagen den Pflanzen fast ebensoviel Schaden thun wie durch ihre Gefräßigkeit. Selten entfernen sie sich vom Boden, um die unteren Aste der Büsche zu erklettern, warten mit herausfordernder Kühnheit die

Degu (Octodon cummingii). 28 natürl. Größe.

Annäherung ihrer Feinde ab, stürzen aber dann in buntem Gewimmel, den Schwanz aufrecht tragend, in die Mündungen ihrer vielverzweigten Baue, um nach wenigen Augenblicken an einer anderen Stelle wieder hervorzukommen. Das Tier gleicht in seinen Sitten viel mehr einem Eichhörnchen als einer Ratte. Es sammelt, ungeachtet des milden Klimas, Vorräte ein, verfällt aber nicht in einen Winterschlaf.“ |

Die Zeit der Paarung, die Dauer der Tragzeit sowie die Anzahl der Jungen scheint trotz der Häufigkeit des Tieres bis jetzt noch nicht bekannt zu sein. Man kann eben bloß schließen, daß der Degu einer großen Vermehrung fähig ist. Die Gefangenschaft erträgt er sehr leicht, wird auch bald recht zahm. Ich erhielt eine Gesellschaft von 5 Stück dieser Ratten, habe mich aber nicht mit ihnen befreunden können. Still und regungslos saßen die Tiere am Tage in zusammengekauerter Stellung auf einem Aste des Kletterbaumes in ihrem Käfige, und erst wenn die Nacht hereinbrach, begannen sie sich zu rühren, aber auch dann noch bekundeten sie keineswegs die Regsamkeit unserer Eichhörnchen oder Bilche. An die Nahrung schienen fie keine Ansprüche zu machen, vielmehr mit dem gewöhnlichsten Nager: futter zufrieden zu sein. Ihren Wärter lernten sie ebensowenig wie andere Nager gleicher Größe kennen und unterscheiden. Bissig sind sie nicht, zutraulich ebensowenig. Die Welt

Degu (Octodon cummingii). 28 natürl. Größe.

um sie her schien sie einfach gleichgültig zu lassen. Im Londoner Tiergarten haben sich einige Pärchen fortgepflanzt und Junge gebracht; die von mir gepflegten Gefangenen sind nach und nach dahingestorben, ohne jemals Paarungsgelüste zu zeigen.

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Von Südbrasilien bis zur Magalhäesstraße hinab dehnen die Kammratten (Ctenomys) ihre Heimat aus. Sie ähneln noch entfernt den Strauchratten; die kleinen Augen und die noch viel kleineren, fast im Pelze versteckten Ohren aber deuten auf ein unterirdisches Leben hin. Der Körper ist gedrungen und walzenförmig, der Halz kurz und dick, der Kopf ebenfalls kurz, stumpfschnauzig, der Schwanz kurz, dick und stumpfspitzig. Die Beine sind kurz und die fünf Zehen der Füße mit tüchtigen Scharrkrallen bewehrt. Das Haarkleid liegt glatt an, ist kurz an dem Kopfe, etwas länger an dem Körper; feine Grannenhaare treten einzeln aus dem Pelze hervor.

Eigentümlich ist das Vorkommen derartiger Nager in einem Höhengürtel der Kordilleren, wo der Pflanzenwuchs gänzlich aufgehört zu haben scheint. Tschudi berichtet, daß ihn in den gänzlich pflanzenlosen Wüsten einzelner Hochebenen der Kordilleren die vielen tausend Löcher von Kammratten in Erstaunen gesetzt haben. „Ich sah“, sagt er, „nur vor zweien dieser Löcher flüchtig ihre Bewohner und kann daher die Art nicht bestimmen. Wovon mögen sich wohl diese Tiere hier nähren? Trotz langen Nachdenkens konnte ich diese Frage nicht genügend beantworten. Ich glaube, sie halten einen Winterschlaf, und der Sommer ruft eine spärliche Pflanzenwelt hervor, welche ihnen während einiger Monate ihre Nahrung liefert. Aber dieser Ansicht ist entgegengesetzt, daß andere Reisende, namentlich Philippi, die Wüste in Sommermonaten bereist haben und sie an Stellen, wo die Erde von Kammratten wie ein Sieb durchlöchert war, ebenso dürr, sandig und ohne den geringsten Pflanzenwuchs fanden, wie ich sie im Winter getroffen habe. Sollte vielleicht hier ein unterirdischer Pflanzenwuchs vorkommen, welcher sich bisher dem Auge des Forschers entzogen hat? Die Hunderttausende dieser Nager brauchen immerhin eine erkleckliche Menge von Nahrung; denn sie find nicht klein und wahrscheinlich, wie alle Mitglieder ihrer Ordnung, sehr gefräßig. Sie ziehen auch nicht auf große Entfernungen auf die Asung, wie z. B. ein Rudel Guanakos; denn eine solche, bei Nagern auffallende Lebensweise wäre sicherlich von den wüstenkundigen Indianern beobachtet worden, und es wäre auch nicht einzusehen, warum sich diese Tiere ihre Löcher nicht auf den Futterplätzen selbst oder in deren unmittelbarer Nähe graben sollten, wenn sie andere hätten als die, welche sie eben bewohnen. Ihre Vermehrung dürfte eine sehr große sein, und ich kenne keinen anderen Feind von ihnen in der Wüste als etwa einen Raubvogel, welcher hin und wieder eines dieser Tiere fangen mag. Die Lebensweise der Kammratten also ist noch ein ungelöstes Rätsel, deren es in der Wüste so manche gibt.“

Der Reisende, welcher zum ersten Male jene Länder betritt, vernimmt eigentümliche, voneinander abgeschiedene, grunzende Laute, welche in regelmäßigen Zwischenräumen nacheinander gleichsam aus der Erde herausschallen und ungefähr den Silben Tukotuko entsprechen. Diese Töne rühren von einer nach ihnen benannten Kammratte, dem Tukotuko (Otenomys magellanicus), her. Das Tier kommt an Größe ungefähr einem halbwüchsigen Hamster gleich; der Leib mißt 20 cm, der Schwanz 7 cm. Die Färbung der Oberseite ist bräunlichgrau mit gelbem Anfluge und schwacher schwarzer Sprenkelung. Die einzelnen Haare sind bleifarben, gegen die Wurzel und an den Spitzen größtenteils aschgrau, ins Bräunliche ziehend. Einige dünn gestellte Grannenhaare endigen mit schwarzen Spitzen; auf der Unterseite fehlen diese Grannenhaare, und deshalb erscheint die Färbung hier viel

lichter. Kinn und Vorderhals sind blaß fahlgelb, die Füße und der unter der Behaarung ringelschuppige Schwanz weiß.

Wir verdanken die für uns gültige Entdeckung und die erste Beschreibung des Tukotuko dem auch um die Naturgeschichte der südlichsten Spitze Amerikas hochverdienten Darwin. Seine Schilderung der Lebensweise des Tieres ist bis jetzt noch nicht vervollständigt worden. Der Tukotuko wurde am östlichen Eingange der Magalhäesstraße entdeckt und von dort aus nach Norden und Westen hin in einem ziemlich großen Teile Patagoniens gefunden. Aus:

75gedehnte, trockene, sandige und unfruchtbare Ebenen geben ihm Herberge. Hier durchwühlt x er nach Maulwurfsart große Flächen, zumal des Nachts; denn bei Tage scheint er zu ruhen,. obwohl man gerade dann seine Stimme oft vernimmt. Der Gang auf ebenem Boden ist

Tukotuko (Ctenomys magellanicus). Ya natürl. Größe.

sehr plump und unbeholfen; das Tier vermag nicht, über das geringste Hindernis zu springen, und ist so ungeschickt, daß man es außerhalb seines Baues leicht ergreifen kann. Unter den Sinnen dürfte Geruch und Gehör am meisten ausgebildet sein; das Gesicht ist sehr stumpf. Wurzeln der dort vorkommenden Gesträuche bilden seine ausschließliche Nahrung, und von diesen speichert es auch hier und da Vorräte auf, obwohl es vielleicht keinen Winterschlaf hält. Über die Fortpflanzung, die Zeit der Paarung und die Anzahl der Jungen fehlen zur Zeit noch genaue Nachrichten. Gefangene, welche Darwin hielt, wurden bald zahm, waren aber stumpfsinnig. Beim Fressen nahmen sie die Nahrung nach Nagerart zwischen die Vorderpfoten und führten sie so zum Munde.

Die Patagonier, welche in ihrer armen Heimat keine große Auswahl haben, essen auch das Fleisch des Tukotuko und stellen ihm deshalb nach. In manchen Gegenden sollen die Reisenden wegen der unterirdischen Wühlereien zu klagen haben, weil die Pferde bei schnellem Reiten oft durch die dünnen Decken seiner Gänge brechen. Hierauf beschränkt sich unsere Kenntnis.

Tukotuko (Ctenomys magellanicus). Ya natürl. Größe.

Ein Vertreter einer merkwürdigen afrikanischen Gattung ist der Gundi der Araber (OCtenodactylus massoni). Das im ganzen 17,5 cm lange Tier ist bräunlich rostfahl mit einem schwarzbraunen Längsstreifen und schwarzer Sprenkelung auf dem Rücken und hat einen untersetzten, schwerfälligen Leib, dicken, stumpfschnauzigen Kopf mit kurzen rundlichen Ohren, mäßigen Augen und ungemein langen, steifen, borstigen Schnurren, starke Gliedmaßen, deren hinteres Paar länger als das vordere ist, und vierzehige, nacktsohlige Füße mit kurzen, hinten unter absonderlichen Borsten teilweise versteckten Krallen. Unmittelbar über den kurzen, gekrümmten hinteren Zehen nämlich liegt eine zweite Reihe von hornigen, kammartigen Spitzen, über ihnen eine zweite Reihe von steifen und über diesen eine dritte Reihe von langen und biegsamen Borsten. Der Schwanz ist ein nur 1,5 em langer Stummel, aber ebenfalls mit langen Borsten bekleidet. Die Nagezähne sind schwach und stark gekrümmt, die drei Backenzähne jeder Reihe oben länglich und schmal, außen gebuchtet, die unteren nach hinten an Länge zunehmend und die Form einer Acht (8) darstellend. „In den von den Beni Ferah bewohnten, wildromantischen Thälern des Dschebel Aures“, schildert Buvry, „und zum Teil auch in den die östliche und westliche Sahara begrenzenden südlichen Höhenzügen Algeriens zeigt sich in den Wintermonaten zur Mittagszeit auf vorspringenden Felsblöcken, doch immer hoch genug, um nicht überrascht zu werden, ein kleiner Nager, welcher, mit dem Kopfe dem Thale zugewendet, dicht an den Fels gedrückt, gleichsam ein Teil davon zu sein scheint. Es ist der Gundi der Araber, ein auf dem bezeichneten Gebirge sehr verbreitetes Tier, welches in Felslöchern und überlagernden Steinen lebt und sich durch große Behendigkeit und feines Gesicht und Gehör auszeichnet. Bei dem geringsten verdächtigen Geräusche zieht sich der Gundi in hüpfendem Laufe in seinen nahen Schlupfwinkel zurück, welcher gewöhnlich allen Anstrengungen des Jägers Trotz bietet. Die geeignetste Zeit, dieses merkwürdige Nagetier zu beobachten, ist der Morgen. Sobald die Sonne ihre ersten erwärmenden Strahlen auf die hohen Felsenwände sendet, erwacht der Gundi, und von allen Seiten her beginnt eine Wanderung dieser Tiere ins Thal hinab, den Feldern zu. Behende rutschend und laufend, erreichen sie binnen kurzem das Getreide, für sie ein willkommenes Futter, nagen, auf den Hinterbeinen sitzend, die Halme durch und verzehren, mit den Vorderfüßen nachhelfend, den oberen Teil der Schößlinge. Doch halten sie sich nicht immer streng an grünes Futter, gehen vielmehr nach echter Nagerart auch Körner an. Mit dem Erwachen des Menschenverkehrs auf Straße und Feld kehren sie, nachdem sie getrunken, zu ihren Höhlen zurück. Wie oft im Jahre sie Junge werfen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; doch verschaffte mir die Untersuchung einiger Weibchen Gewißheit, daß sie im Monat Februar und anscheinend regelmäßig drei Junge erzeugen. Während der Brunst soll es zwischen den Männchen zu Kämpfen auf Leben und Tod kommen. „Ungeachtet des versteckten Lagers des Gundis gelingt es ziemlich leicht, ihn zu erbeuten und zwar mit Hilfe von Haarschlingen, welche an Ausgangslöcher befestigt werden, und in denen das Tier sich mit den Hinterfüßen verwickelt. Die erwachsenen Araber geben sich nicht die Mühe, den Gundis nachzustellen; ihren Kindern aber macht der Fang Vergnügen, und das zarte, dem Hühnerfleische wenig nachstehende Wildbret bietet einen willkommenen Braten. Auch verwendet man den weichen, samtartigen Pelz zu Säckchen, welche als Geldbörsen Dienste leisten. Mir gelang es, nach und nach 17 Stück lebend zu fangen; aber kein einziges von ihnen lebte, ungeachtet der größten Sorgfalt für ihren Unterhalt, länger als 14 Tage. Die plötzliche Entziehung der Freiheit schien ihren Tod herbeizuführen. Bemerkenswert war es, daß sie alle auf eine mir unerklärliche Weise starben, indem sie zum Troge gingen, fraßen und ohne Zuckungen oder ein anderes äußeres Zeichen in derselben Stellung verendeten.“ |

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