Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
ie
sumpfige Gegenden, zumal Flüsse und die Ränder von Seen und Sümpfen bilden ihre Aufenthaltsorte. Am liebsten lebt sie an großen Strömen, verläßt diese auch niemals, und wenn es geschieht, nur indem sie dem Laufe kleiner einmündender Bäche oder Graben folgt. a j Hier und da ist sie ungemein häufig, an bewohnten Stellen begreiflicherweise seltener als in der Wildnis. Dort wird sie nur abends und morgens gesehen, in menschenleeren, wenig besuchten Flußthälern dagegen bemerkt man sie auch bei Tage in Massen, immer in nächster Nähe des Flusses, entweder weidend oder wie ein Hund auf den zusammengezogenen 1!ÜNF Hinterbeinen sitzend. In dieser Stellung scheinen die sonderbaren, an Flußpferde erinnernden Geschöpfe am liebsten auszuruhen, wenigstens sieht man sie nur höchst selten auf dem Bauche liegend. Der Gang ist ein langsamer Schritt, der Lauf nicht anhaltend; im Notfalle springt das Tier aber auch in Sätzen. Dagegen schwimmt es vortrefflich und setzt mit Leichtigkeit über Gewässer, thut dies jedoch bloß dann, wenn es verfolgt, oder wenn ihm die Nahrung an der einen Seite des Flusses knapp geworden ist. So fest es an einem bestimmten Gebiete hält, so regelmäßig verläßt es dasselbe, wenn es Verfolgungen erleidet. Ein eigentliches Lager hat es nicht, obwohl es sich an bevorzugten Plätzen des Ufers regelmäßig aufhält. Seine Nahrung besteht aus Wasserpflanzen und aus der Rinde junger Bäume, und nur da, wo es nahe an Pflanzungen wohnt, fällt es zuweilen über Wassermelonen oder Mais, Reis und Zuckerrohr her und richtet dann unter Umständen sehr bedeutenden Schaden an. Das Wasserschwein ist ein stilles und ruhiges Tier. Schon auf den ersten Anblick wird es jedermann klar, daß man es mit einem höchst stumpfsinnigen und geistesarmen Geschöpfe zu thun hat. Niemals sieht man es mit anderen seiner Art spielen. Entweder gehen die Mitglieder einer Herde langsamen Schrittes ihrer Nahrung nach, oder ruhen in sitzender Stellung. Von Zeit zu Zeit kehren sie den Kopf um, um zu sehen, ob sich ein Feind zeigt. Begegnen sie einem solchen, so eilen sie nicht, die Flucht zu ergreifen, sondern laufen langsam dem Wasser zu. Im höchsten Schrecken aber stürzen fie sich eiligst mit einem Schrei ins Wasser und tauchen unter. Wenn sie nicht gewohnt sind, Menschen zu sehen, betrachten sie diese oft lange, ehe sie entfliehen. Man hört sie keinen anderen Laut von sich geben als jenes Notgeschrei, welches Azara durch „ap“ ausdrückt. Dieses Geschrei ist aber so durchdringend, daß man es viertelstundenweit vernehmen kann.
Das Weibchen wirft nur einmal im Jahre 5 — 6 Junge. Ob dieses in einem besonders dazu bereiteten Lager geschieht, hat man nicht ermitteln können. Die Ferkelchen folgen ihrer Mutter sogleich, bekunden jedoch nur wenig Anhänglichkeit an sie. Nach Azaras Beobachtungen soll ein Männchen 2 oder 3 Weibchen mit sich führen. „Ich habe“, sagt Rengger, „in Paraguay mehrere Capybaras, welche man jung eingefangen und aufgezogen hatte, gesehen. Sie waren sehr zahm, wie ein Haustier, gingen gleich diesem aus und ein und ließen sich von jedermann berühren. Doch zeigten sie weder Folgsamkeit noch Anhänglichkeit an den Menschen. Sie hatten sich so an ihren Aufenthaltsort gewöhnt, daß sie sich. nie weit davon entfernten. Man braucht fie nicht zu füttern; fie suchen selbst ihre Nah— Ne rung auf, und zwar bei Nacht oder bei Tage. Ihre Lieblingsspeise blieben, wie in der Freiheit, Sumpf- und Wasserpflanzen, welche fie sich auch täglich aus den nahe gelegenen Flüssen, Lachen und Sümpfen holten; doch fraßen sie auch Maniokwurzeln oder Schalen von Wassermelonen, welche man ihnen vorgesetzt hatte. Unter ihren Sinnen scheint der Geruch am besten entwickelt zu sein; Gehör und Gesicht sind schlecht. Was ihnen an Schärfe der Sinne abgeht, wird an Muskelkraft ersetzt, so daß zwei Männer kaum im stande sind, eine Capybara zu bändigen.“ Nach Kappler wird das Wasserschwein, obwohl sonst überaus furchtsam, wenn es angeschossen ist, den Hunden sehr gefährlich und vermag ihnen schwere Bißwunden beizubringen, sogar Knochen zu durchbeißen. |
ð³˙¹he
In der Neuzeit ist das Tier öfters lebend nach Europa gekommen. Ich habe eines längere Zeit gepflegt. Es war mir in hohem Grade zugethan, kannte meine Stimme, kam herbei, wenn ich es rief, freute sich, wenn ich ihm schmeichelte, und folgte mir wie ein Hund. So freundlich war es nicht gegen jedermann: seinem Wärter, welcher es zurücktreiben wollte, sprang es einmal gegen die Brust und biß dabei sofort zu, glücklicherweise mehr in den Rock als in den Leib. Folgsam konnte man es überhaupt nicht nennen: es gehorchte nur, wenn es eben wollte. Sein Gleichmut war mehr ein scheinbarer als wirklich begründeter. Sobald ich es rief, sprang es unter Ausstoßen des von den genannten Naturforschern beschriebenen Schreies ins Wasser, tauchte unter und stieg langsam am anderen Ufer in die Höhe, kam zu mir heran und murmelte oder kicherte in höchst eigentümlicher Weise vor sich hin, und zwar durch die Nase, wie ich mich genau überzeugt habe. Die Töne, welche es auf diese Weise hervorbringt, lassen sich noch am ehesten mit dem Geräusche vergleichen, welches entsteht, wenn man die Zähne aufeinander reibt. Sie sind abgebrochen zitternd, unnachahmlich, eigentlich auch nicht zu beschreiben, und ein Ausdruck des entschiedensten Wohlbehagens, gewissermaßen ein Selbstgespräch des Tieres, welches unterbrochen wird, wenn sich irgend welche Aufregung seiner bemächtigt. Ich kann die Bewegungen des Wasserschweines nicht plump oder schwerfällig nennen. Es läuft selten rasch, sondern gewöhnlich gemächlich mit großen Schritten dahin, springt aber ohne Mühe über meterhohe Gitter weg. Im Wasser bewegt es sich meisterhaft. Es schwimmt in gleichmäßigem Zuge schnurgerade über breite Gewässer, gerade so schnell, wie ein Mann geht, taucht mit einem Sprunge wie ein Vogel und verweilt minutenlang unter dem Wasser, schwimmt auch in der Tiefe fort, ohne sich in der beabsichtigten Richtung zu irren. Seine Erhaltung verursacht gar keine Mühe. Es frißt allerlei Pflanzenstoffe wie ein Schwein, braucht viel, aber durchaus kein gutes Futter. Frisches, saftiges Gras ist ihm das liebste; Möhren, Rüben und Kleienfutter sagen ihm ebenfalls sehr zu. Mit seinen breiten Schneidezähnen weidet es wie ein Pferd, trinkt auch, wie dieses, schlürfend, mit langen Zügen. Die Wärme liebt es, ohne jedoch die Kälte zu fürchten. Noch im November stürzt es sich ungescheut und ungefährdet in das eiskalte Wasser. Bei großer Hitze sucht es unter dichten Gebüschen Schatten, gräbt sich hier wohl auch eine seichte Vertiefung aus. Sehr gern wälzt es sich im Schlamme, ist überhaupt unreinlich und liederlich: seine Haare liegen kreuz und quer über- und durcheinander. Es würde ein ganzes Schwein sein, übernähme das Wasser nicht seine Reinigung. In dieses setzt, nach Haacke, die gegenwärtig in Frankfurt lebende Capybara auch stets ihren Kot ab, selbst wenn man ihr nur einen ganz kleinen Saufnapf gibt. Gegen andere Tiere zeigt sich das Wasserschwein teilnahmlos. Es fängt mit keinem Streit an und läßt sich beschnuppern, ohne sich nach dem Neugierigen auch nur umzuschauen. Doch zweifle ich nicht, daß es sich zu verteidigen weiß; denn es ist nicht so dumm und sanft, wie es aussieht.
Auffallend war mir der Wechsel der Milchnagezähne meines Gefangenen. Sie wurden durch die zweiten, welche ungefähr nach Ablauf des ersten Lebensjahres durchbrachen, ganz allmählich abgestoßen, saßen eine Zeitlang wie eine Scheide auf und fielen ab, noch ehe die nachkommenden ausgebildet waren. Das Gebiß war eine Zeitlang äußerst unregelmäßig.
Hensel spricht die Ansicht aus, daß sich das Wasserschwein wie die Paka zur Einführung und Zähmung eignen und uns so von Nutzen sein könnte. Mit dem Schweine würde das Tier freilich nicht wetteifern können, in den Sümpfen Südeuropas sich aber sehr gut halten, und sein Fleischgeschmack durch veränderte Nahrungsweise vielleicht verbessert werden; möglicherweise würde es sich auch vollständig in ein Haustier verwandeln lassen und dann Nutzen gewähren, da sein Unterhalt keine bedeutenden Kosten verursachen und man es selbst bei uns zu Lande mit Erfolg züchten könnte, falls man ihm im Sommer einen Teich
Brebm, Tierleben. 3. Auflage. II. 38
zum Baden gäbe, im Winter dagegen es in einem Schafstalle hielte. So weit gehende Erwartungen hege ich nicht. Nach unseren in Tiergärten gemachten Erfahrungen ist es keineswegs so einfach, die Glieder dieser Familie zur Fortpflanzung zu bringen, und wenn solches wirklich der Fall wäre, würde man bei Ausnutzung der gezüchteten Wasserschweine noch immer mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen haben. In den Wildnissen nimmt man auch mit wenig zusagendem Fleische vorlieb, bei uns zu Lande verlangt man das beste, und ein solches liefert das Wasserschwein unbedingt nicht. Nach den Berichten aller Reisenden genießen das Fleisch bloß die Indianer, den Europäer ekelt es aber an, weil es einen eigenen, widerlichen, thranigen Beigeschmack hat. Diesen Thrangeschmack soll man nun zwar entfernen können, wenn man das Fleisch vorher mit Wasser kocht und beizt, ja man behauptet sogar, daß es dann so schmackhaft wäre wie das zarteste Kalbfleisch; ich glaube jedoch, daß letzteres wohl immer dem Fleische des Wasserschweines vorgezogen werden wird. Die dicke, fast kahle Haut ist außerordentlich schwammig und weich, liefert ein Leder, welches das Wasser leicht durchdringen läßt, und wird deshalb nur zu Riemen, Fußdecken und Reitsätteln benutzt; für letztere eignet sie sich, laut Hensel, aus dem Grunde besonders gut, weil sie auch durch den Schweiß nicht hart wird und auf der Haarseite, der vielen und rauhen Narben wegen, noch rauher als Schweinsleder ist. Die Botokudenmädchen reihen die Nagezähne des Tieres aneinander und verfertigen sich daraus Arm- und Halsbänder. Anderweitigen Nutzen gewährt das Tier nicht.
Die Südamerikaner jagen das Wasserschwein zu ihrer Belustigung, indem sie es unvermutet überfallen, ihm den Weg abschneiden und es mit ihren Wurfschlingen zu Boden reißen. Häufiger jagt man es vom Strome aus. „In einem jener leichten Kähne“, sagt Hensel, „welche nur einen Menschen fassen, birscht man ohne hörbaren Ruderschlag in den stillen Buchten der großen Gewässer, wo die Capybara häufiger ist. Schon in einiger Entfernung hört man das Knirschen und Raspeln der mächtigen Backenzähne, welche die Wasserpflanzen verarbeiten, und kann man sich ohne Geräusch nähern, so gewahrt man bald das plumpe Tier, wie es, halb im Wasser stehend, an den Pontederien sich gütlich thut.“ Wird das Wasserschwein bloß angeschossen, so stürzt es sogleich ins Wasser, sucht aber bald wieder das Land zu gewinnen, wenn es sich durch die Verwundung nicht entkräftet fühlt. Im Notfalle verteidigt sich das angeschossene Wasserschwein noch kräftig mit den Zähnen und bringt seinem Gegner nicht selten schwere Wunden bei. Auf das im Wasser schwimmende Tier zu schießen, ist nicht ratsam, weil es, wenn es rasch getötet wird, unter- und verloren geht. Außer dem Menschen dürfte der Jaguar der schlimmste Feind der Capybara sein. Tag und Nacht ist dieser schlaue Räuber auf ihrer Fährte, und an den Flußniederungen ist sie wahrscheinlich die häufigste Beute, welche dieser Katze zum Opfer fällt.
Eine nicht eben sehr zahlreiche, aber mannigfaltige und eigentümliche Familie rattenähnlicher Nager bevölkert Südamerika und Afrika. Die Trugratten (Oetodontidae) erinnern in Gestalt und Färbung einigermaßen an die Ratten. Die Ohren sind kurz, breit und spärlich behaart, die Füße vier- oder fünfzehig, der Schwanz ist verschieden lang und oft ringelartig geschuppt wie bei den echten Ratten: hiermit ist die Rattenähnlichkeit unserer Tiere aber erschöpft. Der Pelz erscheint bei einigen Trugratten weich und fein, bei anderen straff, borstig, ja sogar mit einzelnen platten, der Länge nach geringelten Stacheln untermischt, und der Schwanz wird nicht nur haarig, sondern sogar buschig. Das Gebiß zählt 4, ausnahmsweise 3, gewurzelte oder wurzellose Backenzähne in jeder Reihe, deren Kauflächen 3—4 Schmelzfalten am Rande haben. Die Wirbelsäule besteht außer der gewöhnlichen Zahl von Halswirbeln aus 11 Rücken-, 3 — 4 Kreuz- und aus 24 bis zu 44 Schwanzwirbeln; die Zahl der Lendenwirbel schwankt bedeutend.
Die Trugratten leben in Wäldern oder in offenen Gegenden, die einen in Hecken und Buschwerk, die anderen an den Straßenanpflanzungen, zwischen Felsen, an den Ufern von Flüssen und Strömen, selbst an der Küste des Meeres. Gewöhnlich wohnen sie gesellschaftlich in selbstgegrabenen unterirdischen Bauen mit zahlreichen Mündungen. Einige sind echte Wühler, welche, wie die Maulwürfe, Haufen aufwerfen und fast beständig unter der Erde verweilen, andere halten sich in Dickichten auf und klettern geschickt auf Bäumen umher. Ihre gewöhnliche Arbeitszeit ist die Nacht; nur wenige sind auch bei Tage thätig. Sie sind im ganzen plump und schwerfällig; doch muß man dagegen bei einigen gerade die große Schnelligkeit bewundern, mit welcher sie sich auf den Bäumen oder auch unter der Erde bewegen. Manche Arten sind wahre Wassertiere und verstehen das Schwimmen und Tauchen ganz vortrefflich. Soviel man bis jetzt weiß, verfallen sie nicht in einen Winterschlaf; gleichwohl tragen sich einzelne Nahrungsvorräte ein. Unter ihren Sinnen stehen Gehör und Geruch obenan; das Gesicht zeigt sich bloß bei wenigen entwickelt, und bei den unterirdisch lebenden, wie sich fast von selbst versteht, verkümmert. Ihre geistigen Fähigkeiten sind gering; bloß die größten und vollkommensten Arten geben von ihrem Verstande Kunde. Die