Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Schließlich will ich zu Nutz und Frommen mancher meiner Leser eine Falle beschreiben, welche zwar dem menschlichen Herzen nicht eben Ehre macht, aber wirksam ist. An besuchten Gangstraßen der Ratten, etwa zwischen Ställen, in der Nähe von Abtritten, Schleusen und an ähnlichen Orten legt man eine 1½½ m tiefe Grube an und kleidet fie innen mit glatten Steinplatten aus. Eine viereckige Platte von 1 m im Geviert bildet den Grund, vier andere, oben schmälere, stellen die Seiten her. Die Grube muß oben halb so weit sein als unten, jo daß die Wände nach allen Seiten hin überhangen und ein Heraufklettern der hineingegangenen Ratten unmöglich machen. Nun gießt man auf den Boden geschmolzenes Fett, mit Wasser verdünnten Honig und andere stark riechende Stoffe aus, setzt ein thönernes Gefäß, welches oben eine enge Offnung hat, hinein, tränkt es mit Honig und füllt es mit Mais, Weizen, Hanf, Hafer, gebratenem Speck und anderen Leckerbissen an. Dann kommt etwas Häckerling auf den Boden der Grube und endlich ein Gitter über den Eingang, damit nicht zufällig ein Huhn oder ein anderes junges, ungeschicktes Haustier hineinfalle. Nunmehr kann man das Ganze sich selbst überlassen. „Der liebliche Duft und der warme Häckerling“, sagt Lenz, „verleiten den bösen Feind, lustig und erwartungsvoll in den Abgrund zu springen. Dort riecht alles gar schön nach Speck, Honig, Käse, Körnern; man muß sich aber mit dem bloßen Geruche begnügen, weil das Innere nicht zugänglich ist, und so bleibt nichts anderes übrig, als daß ein Gefangener immer den anderen auffrißt.“ Die erste Ratte, welche hinabfällt, bekommt selbstverständlich bald Hunger und müht und mattet sich vergeblich ab, dem entsetzlichen Gefängnisse zu entgehen. Da stürzt eine zweite von oben hernieder. Man beschnuppert sich gegenseitig, berät wohl auch gemeinschaftlich, was da zu thun ist;
aber der erste Gefangene ist viel zu hungrig, als daß er sich auf lange Verhandlungen einlassen könnte. Ein furchtbares Balgen, ein Kampf auf Leben und Tod beginnt, und einer der Gefangenen mordet den anderen. Blieb der erste Sieger, so macht er sich augenblicklich über die Leiche des Gefährten her, um ihn aufzufressen; siegte der zweite, so geschieht dasselbe wenige Stunden später. Nur höchst selten findet man drei Ratten zu gleicher Zeit in dieser Falle, am folgenden Tage aber sicherlich immer eine weniger. Kurz, ein Gefangener frißt den anderen auf, und die Grube bleibt ziemlich reinlich, obgleich sie eine Mordhöhle in des Wortes furchtbarster Bedeutung ist.
Eine einfachere, aber ebenfalls beständig wirkende und weniger grausame Falle stellt man aus einem aufrecht gesetzten, oben offenen Fasse her, zu dessen Rande eine rauhe Lauf: latte führt. Quer über die Mitte der Faßöffnung wird auf einer leicht beweglichen Welle ein glattes Brettchen befestigt und unten derartig mit einem Gewichte beschwert, daß es zwar sehr leicht kippt, aber schnell wieder in die wagerechte Lage zurückkehrt. An dem der Zulauflatte abgekehrten Ende des Brettchens wird an einem Drahte ein Stückchen angebrannten Speckes derart befestigt, daß es vom Faßrande aus nicht zu erreichen ist. Von dem Geruche angelockt, laufen die Ratten die Latte hinan und betreten, um zum Köderzu gelangen, das Brettchen; dieses kippt sogleich, und die Ratte fällt in das Faß. Darin befindet sich Wasser, das mit einer Häckselschicht bestreut ist, wodurch die Ratte derartig am Schwimmen gehindert wird, daß sie schnell ermattet und ertrinkt. Diese Falle wirkt vortrefflich; man hat nur zeitweilig die Verunglückten herauszunehmen.
Weit lieblicher, anmutiger und zierlicher als diese häßlichen, langgeschwänzten Hausdiebe sind die Mäuse, obwohl auch sie trotz ihrer schmucken Gestalt, ihres heiteren und netten 0 Wesens arge Feinde des Menschen sind und fast mit gleichem Ingrimme wie ihre größeren A und häßlicheren Verwandten von ihm verfolgt werden. Man darf behaupten, daß jeder:. 1 9 4 mann eine im Käfige eingesperrte Maus reizend finden wird, und daß selbst Frauen, welche 5 gewöhnlich einen zwar vollkommen ungerechtfertigten, aber dennoch gewaltigen Schrecken empfinden, wenn in der Küche oder im Keller eine Maus ihnen über den Weg läuft, diese, wenn sie genauer mit ihr bekannt werden, für ein hübsches Geschöpf erklären müssen. Aber freilich, die spitzigen Nagezähne und die Leckerhaftigkeit der Mäuse sind zwei Dinge, welche auch ein mildes Frauenherz mit Zorn und Rachegefühlen erfüllen können. Es ist gar zu unangenehm, für alle Lebensmittel beständig fürchten zu müssen, selbst wenn sie unter Schloß und Riegel liegen; es ist gar zu empörend, eigentlich keinen Ort im Hause zu haben, wo man allein Herr sein darf und von den zudringlichen, kleinen Gästen nicht belästigt wird. Und weil nun die Mäuse sich überall einzudrängen wissen und sich selbst an den Ratten unzugänglichen Orten einfinden, haben sie gegen sich einen Verfolgungskrieg heraufbeschworen, welcher schwerlich jemals enden wird.
In Deutschland leben vier echte Mäuse: die Haus-, Wald-, Brand- und Zwergmaus. Namentlich die erstere und die letztere verdienen eine ausführlichere Beschreibung, obgleich auch Brand- und Waldmaus nur zu oft dem Menschen ins Gehege kommen, so daß es von Wert ist, sie genauer kennen zu lernen. Die drei ersteren werden überall ziemlich schonungslos verfolgt; die letzte aber hat, solange sie sich nicht unmittelbar dem Menschen aufdrängt, wegen ihrer ungemein zierlichen Gestalt, ihrer Anmut und ihrer eigentümlichen Lebensweise Gnade vor seinen Augen gefunden.
Die Hausmaus (Mus musculus, M. islandicus und domesticus) hat in ihrer Ge: stalt noch immer einige Ahnlichkeit mit der Hausratte, ist jedoch weit zarter und ebenmäßiger gebaut und bedeutend kleiner. Ihre Gesamtlänge beträgt ungefähr 18 em, wovon 9 em auf den Körper kommen. Der Schwanz hat 180 Schuppenringe. Sie ist einfarbig: die gelblich
grauschwarze Oberseite des Körpers und des Schwanzes geht ganz allmählich in die etwas hellere Unterseite über; Füße und Zehen sind gelblichgrau.
Die Waldmaus (Mus sylvaticus, Musculus dichrurus) wird 20 cm lang, der Schwanz, welcher ungefähr 150 Schuppenringe hat, mißt 11,5 cm. Sie ist zweifarbig, die Oberseite des Körpers und des Schwanzes braun gelblichgrau, die Unterseite nebst den Füßen und Zehen scharf abgesetzt weiß.
Beide Arten kann man wegen ihrer längeren Ohren von der folgenden trennen. Bei dieser erreicht das Ohr nur ungefähr den dritten Teil der Kopflänge und ragt, an die
Hausmaus (Mus musculus). / natürl. Größe.
Kopfseiten angedrückt, nicht bis zum Auge hervor, während es bei jenen die halbe Kopflänge hat und, an die Kopfseiten angedrückt, bis zum Auge vorragt.
Die Brandmaus (Mus agrarius, M. rubens) wird 18 cm lang, der Schwanz mißt 8 cm. Sie ist dreifarbig: die Oberseite des Körpers braunrot mit schwarzen Längsstreifen über den Rücken, die Unterseite nebst den Füßen scharf abgesetzt weiß. Der Schwanz hat ungefähr 120 Schuppenringe.
Alle diese Mäuse ähneln sich in ihrem Aufenthalte, ihrem Wesen und Betragen ungemein, obgleich die eine oder die andere ihr Eigentümliches hat. In einem stimmen alle drei überein: sie zeigen, wenigstens zeitweilig, große Vorliebe für den Menschen. Alle Arten, wenn auch die Hausmaus regelmäßiger als die übrigen, finden sich, zumal im Winter, häufig in den Häusern, vom Keller an bis zum Boden hinauf. Keine einzige ist ausschließlich an die Orte gebunden, auf welche ihr Name hindeutet: die Waldmaus lebt ebensowohl zeitweilig in der Scheuer oder im Hause wie auf dem Felde, und die Brandmaus ist ebensowenig allein aufs Feld beschränkt wie die Hausmaus auf die Wohnung des Menschen, so daß man gelegentlich die verschiedenen Arten beisammen sehen kann.
Die Hausmaus soll schon seit den ältesten Zeiten der treueste Genosse des Menschen gewesen sein. Bereits Aristoteles und Plinius thun ihrer Erwähnung, Albertus Magnus kennt fie genau. Gegenwärtig ist fie über die ganze Erde verbreitet. Sie wanderte mit dem Menschen und folgte ihm bis in den fernsten Norden und bisin die höchstgelegenen Alphütten. Wahrscheinlich gibt es gegenwärtig nur wenige Orte, wo sie fehlt, und jedenfalls hat man sie da bloß noch nicht beobachtet. Auf den Sundainseln z. B. soll sie nicht vorkommen. Ihre Aufenthaltsorte sind alle Teile der menschlichen Wohnungen. Auf dem Lande haust sie zeitweilig auch im Freien, d. h. im Garten oder in den nächsten Feldern und Wäldchen, in der Stadt beschränkt sie sich auf das Wohnhaus und seine Nebengebäude. Hier bietet ihr jede Ritze, jede Höhle, mit einem Worte jeder Winkel, wo sie sich verstecken kann, genügendes Obdach, und von hier aus unternimmt sie ihre Streifzüge.
Mit größter Schnelligkeit rennt sie auf dem Boden dahin, klettert vortrefflich, springt ziemlich weit und hüpft oft längere Zeit nacheinander in kurzen Sätzen fort. An zahmen kann man beobachten, wie geschickt sie alle Bewegungen unternimmt. Läßt man sie auf einem schief aufwärts gespannten Bindfaden oder auf einem Stöckchen gehen, so schlingt sie, sobald sie zu fallen fürchtet, ihren Schwanz schnell um das Seil, nach Art der echten Wickelschwänzler, bringt sich wieder in das Gleichgewicht und läuft weiter; setzt man sie auf einen sehr biegsamen Halm, so klettert sie auf ihm bis zur Spitze empor, und wenn sich der Halm dann niederbiegt, hängt sie sich auf der unteren Seite an und steigt hier langsam herunter, ohne jemals in Verlegenheit zu kommen. Beim Klettern leistet ihr der Schwanz wesentliche Dienste: zahme Mäuse, denen man, um ihnen ein drolliges Aussehen zu geben, die Schwänze kurz geschnitten hatte, waren nicht mehr im stande, es ihren beschwänzten Mitschwestern gleich zu thun. Ganz allerliebst sind auch die verschiedenen Stellungen, welche sie einnehmen kann. Schon wenn sie ruhig sitzt, macht sie einen ganz hübschen Eindruck; erhebt sie sich aber, nach Nagerart auf das Hinterteil sich stützend, und putzt und wäscht sie sich, dann ist sie geradezu ein bezauberndes Tierchen. Sie kann sich auf den Hinterbeinen aufrichten, wie ein Mensch, und sogar einige Schritte gehen. Dabei stützt sie sich nur dann und wann ein klein wenig mit dem Schwanze. Das Schwimmen versteht sie auch, obwohl sie nur im höchsten Notfalle in das Wasser geht. Wirft man sie in einen Teich oder Bach, so sieht man, daß sie fast mit der Schnelligkeit der Zwergmaus oder der Wasserratte, welche beide wir später kennen lernen werden, die Wellen durchschneidet und dem ersten trockenen Orte zustrebt, um an ihm emporzuklettern und das Land wiederzugewinnen. Ihre Sinne sind vortrefflich: sie hört das feinste Geräusch, riecht scharf und auf weite Entfernungen, sieht auch gut, vielleicht noch besser bei Tage als bei Nacht. Ihr geistiges Wesen macht sie dem, welcher das Leben des Tieres zu erkennen trachtet, zum wahren Lieblinge. Sie ist gutmütig und harmlos und ähnelt nicht im geringsten ihren boshaften, tückischen und bissigen Ver: wandten, den Ratten; sie ist neugierig und untersucht alles mit der größten Sorgfalt; sie ist lustig und klug, merkt bald, wo sie geschont wird, und gewöhnt sich hier mit der Zeit so an den Menschen, daß sie vor seinen Augen hin- und herläuft und ihr Hausgeschäft betreibt, als gäbe es gar keine Störung für sie. Im Käfige benimmt sie sich schon nach wenigen Tagen liebenswürdig; selbst alte Mäuse werden noch leidlich zahm, und jung eingefangene übertreffen wegen ihrer Gutmütigkeit und Harmlosigkeit die meisten anderen Nager, welche man gefangen halten kann. Wohllautende Töne locken sie aus ihrem Verstecke hervor und lassen sie alle Furchtsamkeit vergessen. Sie erscheint bei hellem Tage in den Zimmern, in denen gespielt wird, und Räume, in denen regelmäßig Musik ertönt, werden zuletzt ihre Lieblingsaufenthaltsorte.
In neuerer Zeit ist in verschiedenen Zeitschriften über sogenannte Singmäuse berichtet worden, und auch ich habe mehrere Zuschriften über denselben Gegenstand erhalten. Alle
Berichte stimmen darin überein, daß hier und da und dann und wann Hausmäuse beobachtet werden, welche ihr natürliches Piepen und Zwitschern in einer an Vogelgesang erinnernden Weise vernehmen lassen. Das Ungewöhnliche der Beobachtung scheint die meisten Berichterstatter zu Vergleichen verleitet zu haben, welche schwerlich richtig sind. Einzelne sprechen mit Begeisterung von dem Gesange der Maus und stellen ihn dem Schlage des Kanarienvogels und selbst dem des Sprossers zur Seite; andere urteilen nüchterner und wahrscheinlich richtiger. Lehrer Schacht, ein ebenso verläßlicher wie kenntnisreicher Beobachter, pflegte längere Zeit eine solche Singmaus, welche ihren Gesang meist in der Dämmerung, oft auch erst in der Nacht ertönen ließ. Mit dem hellen Schlage eines Kanarienvogels oder mit dem
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tiefen Rollen eines Sprossers hatte derselbe nicht die geringste Ahnlichkeit. Es war nur „ein Gezwitscher, ein Mischmasch von ziehenden, surrenden und quietschenden Tönen“, welche man in der Stille der Nacht noch auf 20 Schritt vernehmen konnte. „Um einen Vergleich zwischen dem Gesange des Vierfüßlers und dem eines Vogels zu ziehen“, meint Schacht, „läßt sich sagen, daß das Gepräge der Weise die größte Ahnlichkeit mit den leisen Tönen einer jungen Klappergrasmücke hatte, welche im Nachsommer, tief im Gebüsche versteckt, ihr Liedchen einübt.“ Der „Gesang“ einer anderen, vom Oberlehrer Müller beobachteten Singmaus bestand „aus aufeinander folgenden weichen, pfeifenden Tönen, welche bald langsamer, bald lebhafter ausgestoßen wurden und in letzterem Falle deutlich an den Gesang eines Vogels erinnerten, nur daß sie wesentlich schwächer waren.“ Letztere Singmaus wurde durch Musik angeregt und fing zuweilen auch am Tage an zu pfeifen, wenn sie Klänge eines im gegenüberliegenden Hause befindlichen Klaviers vernahm. Beide von mir erwähnten Singmäuse waren Männchen, und es scheint somit wenigstens nicht undenkbar, daß des Gesanges süße Gabe auch in diesem Falle vorzugsweise dem männlichen Geschlechte