Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Dächern die Nachtruhe stören. „Quastenstachler (Atherura africana) und Schuppentiere (Manis longicaudata)“, schreibt Pechuel-Loesche von Tschintschotscho, „sind uns nur einige Male lebend gebracht worden, fielen aber sogleich den Ratten zum Opfer. Diese schlimmen Gäste hatten sich in bedrohlicher Menge bei uns eingenistet und fügten trotz aller angewendeten Vorsichtsmaßregeln unserer Habe und unseren Sammlungen immer wieder Schaden zu. Wir konnten uns ihrer nicht erwehren, weil wir, gleich den Eingeborenen, zu ebener Erde in Schilfbaracken wohnten und uns die Verhältnisse nicht gestätteten, auf Pfeilern ruhende Holzhäuser zu errichten, wie es in den Faktoreien üblich ist. Die Frechheit der Ratten, der Lärm, den sie allnächtlich unter der Erde, in den Zimmern und auf den Palmblattdächern vollführten, war eine beständige Quelle der Sorge und Störung. Es ließe sich ein ganzes Kapitel schreiben über das Treiben der klugen und findigen Tiere, die für uns eine wirklich recht große Plage waren. Der dauernde Krieg, der auch von unseren nach dem geschätzten Braten lüsternen Südleuten mit allen Mitteln geführt wurde, vermochte ihre Reihen nicht zu lichten. Meine Nachtruhe sicherte ich am besten dadurch, daß ich ihnen Wasser und Futter hinstellte; sie nahmen Speise und Trank und dankten dafür, indem sie sich verhältnismäßig artig betrugen.“
Auch die Seeleute sind mit ihnen sehr übel daran, denn es gibt kein Schiff ohne Ratten, sei es ein segelnder Kauffahrer, ein der Großfischerei obliegendes Fahrzeug oder der prächtigste Schnelldampfer der Neuzeit oder ein in peinlichster Ordnung erhaltenes Kriegsschiff. Auf den alten Fahrzeugen sind sie nicht auszurotten, und die neuen besetzen sie augenblicklich, sobald die erste Ladung eingenommen wird. Auf langen Seereisen vermehren sie sich, zumal, wenn sie genug zu fressen haben, in bedeutender Menge, und dann ist kaum auf dem Schiffe zu bleiben. Als Kanes Schiff bei seiner Polarreise in der Nähe des 80. Breitengrades festgefroren war, hatten die Ratten jo überhandgenommen, daß sie bedenklichen Schaden anrichteten. Endlich beschloß man, sie nach altem Seemannsbrauch zu ersticken; man schloß alle Luken und brannte unten im Schiffe ein Gemisch von Schwefel, Kohlen, Leder und Arsenik an. Die Mannschaft brachte die kalte Nacht des letzten Septembers auf dem Decke zu. In kurzer Zeit war auch der geschlossene Raum so stark mit Gas erfüllt, daß zwei Leute, welche sich unvorsichtigerweise hinabgewagt hatten, sofort besinnungslos zu Boden fielen und nur mit großer Mühe aufs Deck gebracht werden konnten. Eine hinabgesenkte brennende Laterne verlosch augenblicklich; dennoch fand man schließlich bloß 28 Rattenleichen, und die überlebenden vermehrten sich bis zum nächsten Winter in so großer Menge, daß man nichts mehr vor ihnen retten konnte. Man verfiel auf ein neues Mittel. Der klügste und tapferste Hund wurde in ihre eigentliche Herberge, in den Schiffsraum, hinabgelassen, um dort Ordnungzu stiften; aber bald verriet sein jämmerliches Heulen, daß nicht er über die Ratten, sondern sie über ihn Herr wurden. Man zog ihn heraus und fand, daß die gehaßten Nager ihm die Haut von den Fußsohlen abgefressen hatten. Später erbot sicheinEskimo, die Ratten allmählich mit Pfeilen zu erschießen, und war auch so
glücklich, daß Kane, welcher sich die Beute kochen ließ, während des langen Winters beständig frische Fleischbrühe hatte. Zufällig fing man einen Fuchs und sperrte ihn in den Schiffsraum: dieser endlich räumte auf.
In allen Leibesübungen sind die Ratten Meister. Sie laufen rasch und geschickt, klettern vortrefflich, sogar an ziemlich glatten Wänden empor, schwimmen meisterhaft, führen mit Sicherheit ziemlich weite Sprünge aus und graben recht leidlich, wenn auch nicht gern ausdauernd nacheinander. Die stärkere Wanderratte scheint noch geschickter zu sein als die Hausratte, wenigstens schwimmt sie bei weitem besser. Ihre Tauchfähigkeit ist beinahe ebenso groß wie die echter Wassertiere. Sie darf dreist auf den Fischfang ausgehen; denn sie ist im Wasser behende genug, den eigentlichen Bewohnern der feuchten Tiefe nachzustellen. Manchmal thut sie gerade, als ob das Wasser ihre wahre Heimat wäre. Erschreckt, flüchtet sie sich augenblicklich in einen Fluß, Teich oder Graben, und wenn es sein muß, schwimmt sie in einem Zuge über die breiteste Wasserfläche oder läuft minutenlang auf dem Grunde des Beckens dahin. Die Hausratte thut dies bloß im größten Notfalle, versteht jedoch die Kunst des Schwimmens ebenfalls recht gut. Übrigens gebricht es ihnen keineswegs an Mut; sie wehren sich gegen Verfolger aller Art und springen sogar nicht selten gegen den Menschen, wenn dieser sie in die Enge treibt.
Unter den Sinnen der Ratten stehen Gehör und Geruch obenan; namentlich das erstere ist vortrefflich, aber auch das Gesicht nicht schlecht, und der Geschmack wird nur allzu oft in Vorratskammern bethätigt, wo die Ratten sich immer die leckersten Speisen auszusuchen wissen. Über ihre geistigen Fähigkeiten brauche ich nach dem Angegebenen nicht mehr viel zu sagen. Verstand kann man ihnen wahrlich nicht absprechen, noch viel weniger aber eine berechnende List und eine gewisse Schlauheit, mit welcher sie sich den Gefahren der verschiedensten Art zu entziehen und wiederum begehrte Leckerbissen zu erbeuten wissen. Über die Art und Weise, wie sie Eier unzerbrochen fortschaffen sollen, ist schon mehrmals berichtet worden. Etwaige Zweifel an ihrem Verfahren sind nicht mehr gerechtfertigt, seitdem ein Gewährsmann, wie K. von Dalla Torre, im Jahre 1880 folgenden von ihm selbst beobachteten Vorgang mitgeteilt hat: „Im Keller eines Hauses in Innsbruck fehlten diesen Winter wiederholt einzelne Eier, welche für diese Jahreszeit daselbst aufbewahrt worden waren. Natürlich fiel der Verdacht zunächst auf die Magd, die nun alles aufbot, ihre Unschuld zu beweisen, doch — umsonst. In dieser heikeln Lage stellte sie sich nun auf die Lauer und wurde Zeugin der Diebeslist, welche die Ratten anwendeten, um zu den Eiern zu gelangen. Die Eier lagen in einem losen Haufen beisammen, und eine lüsterne Ratte kam aus dem Schlupfwinkel hervor, bald darauf eine zweite. Die erste faßte nun ein Ei mit den Vorderbeinen und schob es mit Hilfe der anderen etwas beiseite, soweit sie es mit einigen kräftigen Zügen bringen konnten. Hierauf faßte es die erste Ratte mit den vorderen Gliedmaßen und umschlang es fest, nach Art Eiersack tragender Spinnen. Natürlich konnte fie sich nun nicht mehr bewegen, da die Vorderbeine zum Festhalten der Beute verwendet werden mußten. Da faßte die zweite mit dem Maule den Schwanz der ersteren und zog sie mit großer Hast und ohne allen Anstand gegen das Loch, von dannen sie gekommen waren! Das ganze Verfahren, das, nach der Zahl der fehlenden Eier zu schließen, auf ziemlicher Übung beruhte, dauerte kaum 2 Minuten; eine Stunde später, nachdem das diebische Pärchen vom Schauplatze verschwunden war, erschien es wieder, entschieden in derselben Absicht, und durch gefällige Mitteilung der Familie, wo sich das Geschilderte ereignete, hatte ich Gelegenheit, Augenzeuge eines einmaligen derartigen Vorganges zu sein, der sich, nach den Versicherungen der Magd, stets gleichartig abspielte. „Es wäre hier wohl am Platze, Beobachtungen über den ‚VBerftand‘ der Tiere oder den „Instinkt' und über den Unterschied beider anzustellen; ich möchte mir nur erlauben, zu
bemerken, daß auch die hierzulande gar nicht ungeläufige Ansicht, daß die Murmeltiere ihre Heuvorräte in ähnlicher Weise eintragen oder, besser, einziehen, gar nicht so widersinnig klingt, da diese wie jene als Nager vielleicht auch durch ähnliche Gebräuche verknüpft sein mögen.“ Dem gegenüber möchten wir allerdings an unseren oben (S. 448) geäußerten Zweifeln festhalten, solange nicht auch hierfür zuverlässige Beobachtungen vorliegen.
An einzelnen Ratten hat man bei großer Gefahr eine besondere List beobachtet. Sie stellen sich tot, wie das Opossum thut. Mein Vater hatte einst eine Ratte gefangen, welche, ohne sich zu rühren, in der Falle lag und sich darin umherschütteln ließ. Das noch glänzende Auge war aber zu auffallend, als daß solch ein Meister in der Beobachtung sich hätte täuschen sollen. Mein Vater schüttelte die Künstlerin auf dem Hofe aus, aber in Gegenwart ihrer schlimmen Feindin, der Katze, und siehe da — die scheinbar Tote bekam sofort Leben und Besinnung, wollte auch so schnell wie möglich davonlaufen, allein Miez saß ihr auf dem Nacken, noch ehe sie eine Schrittlänge durchmessen hatte.
Die Paarung geht unter lautem Lärmen und Quieken und Schreien vor sich; denn die verliebten Männchen kämpfen heftig um die Weibchen. Das brünstige Weibchen macht, nach Haacke, allerhand sonderbare Grimassen und wird unzählige Male hintereinander von dem Männchen besprungen, das jedesmal nach der nur einen Augenblick dauernden Begattung eifrig seine Geschlechtsteile beleckt. Ungefähr einen Monat nach der Begattung werfen die Weibchen 5— 22 Junge, kleine, allerliebste Tierchen, welche jedermann gefallen würden, wären fie nicht Ratten. „Am 1. März 1852“, berichtet Dehne, „bekam ich von einer weißen Ratte 7 Junge. Sie hatte sich in ihrem Drahtkäfige ein dichtes Nest von Stroh gemacht. Die Jungen hatten die Größe der Maikäfer und sahen blutrot aus. Bei jeder Bewegung der Mutter ließen sie ein feines, durchdringendes Piepen oder Quietschen hören. Am 8. waren fie schon ziemlich weiß; vom 13.— 16. wurden sie sehend. Am 18. abends kamen sie zum ersten Male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, daß sie beobachtet wurden, nahm sie eine nach der anderen ins Maul und schleppte sie in das Nest. Einzelne kamen jedoch wieder aus einem anderen Loche hervor. Allerliebste Tierchen von der Größe der Zwergmäuse mit ungefähr 3 Zoll langen Schwänzen! Am 21. hatten sie schon die Größe gewöhnlicher Hausmäuse, am 28. die der Waldmäuse. Sie saugten noch dann und wann lich sah sie sogar noch am 2. April saugen), spielten miteinander, jagten und balgten sich auf die gewandteste und unterhaltendste Weise, setzten sich auch wohl zur Abwechselung auf den Rücken der Mutter und ließen sich von derselben herumtragen. Sie übertrafen an Possierlichkeit bei weitem die weißen Hausmäuse. Am 9. April trennte ich die Mutter von ihren Jungen und setzte sie wieder zum Männchen; am 11. Mai warf sie abermals eine Anzahl Junge. Von den am 1. März zur Welt gekommenen hatte ich seit Anfang April ein Pärchen in einem großen Glase mit achtzölliger Mündung abgesondert gehalten, und schon am 11. Juni nachmittags, also im Alter von 103 Tagen, gebar das Weibchen sechs Junge. Trotz der Weite des Glases schien der Mutter doch der Raum für ihre Jungen zu eng zu sein. Sie bemühte sich vergebens, ein weiteres Nest zu machen, wobei sie öfters die armen Kleinen so verscharrte, daß man nichts mehr von ihnen sah; doch fand sie diese immer bald wieder zusammen. Sie säugte ihre Jungen bis zum 23. Juni ganz gut, und sie wurden bereits etwas weiß; auf einmal aber waren sie alle verschwunden: die Mutter hatte sie sämtlich gefressen! „Am Tage und nach Mitternacht schlafen die Wanderratten; früh und abends sieht man sie in größter Thätigkeit. Sehr gern trinken sie Milch; Kürbiskörner und Hanf gehören zu ihren Leckerbissen. Für gewöhnlich bekommen fie Brot, welches mit Wasser oder Milch oberflächlich angefeuchtet wurde; dann und wann erhalten sie auch gekochte Kartoffeln, welche sie sehr gern fressen. Fleisch und Fett, Lieblingsgerichte für sie, entziehe ich ihnen sowie allen anderen Nagern, welche ich in der Gefangenschaft ernähre, gänzlich, da nach solchen
Speisen ihr Harn und selbst ihre Ausdünstung stets einen widrigen, durchdringenden Geruch bekommt. Der eigentümliche, so höchst unangenehme Geruch, welchen die gewöhnlichen Mäuse verbreiten und allen Gegenständen, die damit in Berührung kommen, dauernd mitteilen, fehlt den weißen Wanderratten gänzlich, wenn man sie in der angegebenen Weise hält. Die Wanderratten verraten viel List. Wenn ihre hölzernen Käfige von außen mit Blech beschlagen sind, versuchen sie das Holz durchzunagen, und wenn sie eine Zeitlang genagt haben, greifen sie mit den Pfoten durch das Gitter, um die Stärke des Holzes zu untersuchen und zu sehen, ob sie bald durch sind. Beim Reinmachen der Käfige wühlen sie mit Rüssel und Pfoten den Unrat an die Offnung, um auf diese Weise sich seiner zu entledigen. Sie lieben die Gesellschaft ihresgleichen. Oft machen sie sich ein gemeinschaftliches Nest und erwärmen sich gegenseitig, indem sie darin dicht zusammenkriechen; stirbt aber eine von ihnen, so machen sich die übrigen gleich über sie her, beißen ihr erst den Hirnschädel auf, fressen den Inhalt und verzehren dann nach und nach die ganze Leiche mit Zurücklassung der Knochen und des Felles. Die Männchen muß man, wenn die Weibchen trächtig sind, sogleich absperren; denn sie lassen ihnen keine Ruhe und fressen auch die Jungen am ersten. Die Mutter hat übrigens viel Liebe zu ihren Kindern; sie bewacht sie sorgfältig, und diese erwidern ihr die erwiesene Zärtlichkeit auf alle nur mögliche Weise. „Außerordentlich groß ist die Lebenszähigkeit dieser Tiere. Einst wollte ich eine ungefähr 1 Jahr alte weiße Wanderratte durch Ersäufen töten, um sie von einem mir unheilbar scheinenden Leiden, einer offenen, eiternden Wunde, zu befreien. Nachdem ich sie bereits ein halbes Dutzend Mal in eiskaltes Wasser mehrere Minuten lang getaucht hatte, lebte sie noch und putzte sich mit ihren Pfötchen, um das Wasser aus den Augen zu entfernen. Endlich sprang sie, indem ich den Topf öffnete, in den Schnee und suchte zu entfliehen. Nun setzte ich sie ineinen Käfig auf eine Unterlage von Stroh und Heu und brachte sie in die warme Stube. Sie erholte sich bald so weit, daß man sah, das kalte Bad habe ihr nichts geschadet. Ihre Freßlust hatte gegen früher eher zu- als abgenommen. Nach einigen Tagen setzte ich sie wieder aus der warmen Stube in ein ungeheiztes Zimmer, gab ihr aber Heu, und sie bereitete sich daraus auch alsbald ein bequemes Lager. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich nun, daß der offene Schade von Tag zu Tag kleiner wurde; die Entzündung schwand immer mehr, und nach ungefähr 14 Tagen war die Heilung vollständig erfolgt. Hier hatte also offenbar das eiskalte Bad die Entzündung gehoben und dadurch die Genesung bewerkstelligt. Kaum glaube ich, daß ein anderer verwandter Nager ein solches wiederholtes Bad ohne tödlichen Ausgang überstanden haben würde, und nur aus der Lebensweise und Lebenszähigkeit der Wanderratten, deren zweites Element das Wasser ist, läßt sich ein so glücklicher Erfolg erklären. Die unteren Nagezähne wachsen zahmen Ratten oft bis zu einer unglaublichen Länge und sind dann schraubenförmig gewunden. Ich habe auch gesehen, daß sie durch das Backenfell gewachsen waren und die Tiere derart am Fressen verhinderten, daß sie endlich verhungern mußten.“