Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Schon im gewöhnlichen Leben unterscheidet man zwei Hauptgruppen, die Ratten und Mäuse, und diese Unterscheidung nimmt auch die Wissenschaft an. Die Ratten sind die plumperen und häßlicheren, die Mäuse die leichteren und zierlicheren Gestalten. Bei jenen hat der Schwanz zwischen 200 und 260 Schuppenringe, bei diesen nur zwischen 120 und 180; dort sind die Füße dick und kräftig, hier schlank und fein; die Ratten sind im ausgewachsenen Zustande erheblich größer als ihre ansprechenderen Verwandten; jene haben geteilte Querfalten im Gaumen, bei diesen sind die Querfalten erst von der zweiten an in der Mitte
geteilt. Man ersieht hieraus, daß diese Unterscheidungsmerkmale immerhin einer ziemlich sorgfältigen Prüfung bedürfen und eigentlich nur für den Forscher von Fach besonderen Wert haben. In ihrem Leben dagegen unterscheiden sich die eigentlichen Ratten von den wahren Mäusen auffallend genug.
Mit ziemlicher Sicherheit dürfen wir annehmen, daß die Ratten, welche gegenwärtig in Europa hausen, ursprünglich hier nicht heimisch waren, vielmehr einwanderten. In den Schriften der Alten findet sich nur eine einzige Stelle, welche auf Ratten bezogen werden kann; es bleibt aber unklar, welche Art Amyntas, dessen Mitteilungen Aelian wiedergibt, gemeint haben mag. Nachweislich fand sich die Hausratte zuerst in Europa und Deutschland ein oder vor; ihr folgte die Wanderratte und dieser endlich in der neuesten Zeit
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Hausratte (Mus rattus). %%s natürl. Größe.
die aus Agypten stammende Dachratte (Mus alexandrinus). Die Wanderratte, als die stärkste von allen, vertreibt und vernichtet jedoch die beiden Verwandten und hat sich fast überall der Alleinherrschaft bemächtigt. Hoffen wir, daß wir es nicht noch mit anderen reiselustigen Gliedern der Familie zu thun bekommen, daß wir insbesondere verschont bleiben von einer Einwanderung der Hamsterratte (Mus oder Cricetomys gambianus), welche unsere Ratten nicht allein an Größe, sondern auch hinsichtlich ihrer Thätigkeit bei weitem übertrifft und gegenwärtig den Kaufleuten Sansibars mehr zu schaffen macht als alle europäischen Ratten zusammengenommen: wir würden, käme dieses Tier zu uns, erst erfahren, was eine Ratte zu leisten vermag!
Einstweilen genügt es, wenn ich die beiden bekanntesten Arten schildere, die Hausratte und die Wanderratte.
Die Hausratte (Mus rattus) erreicht 16 cm Leibes-, 19 em Schwanz⸗, also 35 cm Gesamtlänge und ist oberseits dunkel braunschwarz, unterseits ein wenig heller grauschwarz gefärbt. Das an der Wurzel schwarzgraue Haar zeigt grünlichen Metallschimmer. Die Füße
haben graubraune, seitlich etwas lichtere Färbung. An dem verhältnismäßig schlanken Schwanze zählt man 260—270 Schuppenringe. Weißlinge sind nicht selten.
Wann diese Art zuerst in Europa erschienen ist, läßt sich mit Gewißheit nicht bestimmen. Albertus Magnus ist der erste Tierkundige, welcher sie als deutsches Tier aufführt; demnach war sie also im 13. Jahrhundert bereits bei uns heimisch. Gesner behandelt sie als ein Tier, welches „manchem mehr bekannt, dann jhm lieb ist“; der Bischof von Autun verhängt Anfang des 15. Jahrhunderts den Kirchenbann über sie; in Sondershausen setzt man ihretwegen einen Buß- und Bettag an. Möglicherweise stammt sie aus Persien, wo sie noch gegenwärtig in unglaublicher Anzahl vorkommt. Bis in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts genoß sie in Europa die Alleinherrschaft; von dieser Zeit an hat ihr die
Wanderratte das Gebiet streitig gemacht und zwar mit solchem Erfolge, daß sie überall hat weichen müssen. Doch ist sie zur Zeit noch so ziemlich über alle Teile der Erde verbreitet, kommt aber nur selten in geschlossenen Massen, sondern fast überall einzeln und weit zerstreut vor. Bei uns in Deutschland scheint sie fast überall verschwunden zu sein; doch sind unter anderen noch in Nordwestdeutschland (Bremen, Lüneburg) und Thüringen (bei Rudolstadt) Fundorte der Hausratte bekannt. Auch sie folgte dem Menschen in alle Klimate der Erde, wanderte mit ihm zu Lande und Meere durch die Welt. Unzweifelhaft war sie früher in Amerika, Australien und Afrika nicht heimisch; aber die Schiffe brachten sie an alle Küsten, und von den Küsten aus wanderten sie weiter und weiter ins Innere. Gegenwärtig findet man sie auch in den südlichen Teilen von Asien, zumal in Indien, in Afrika, vorzüglich in Agypten und der Berberei sowie am Kap der Guten Hoffnung, in Amerika, Australien und auf den Inseln des Stillen Weltmeeres.
Die Wanderratte (Mus decumanus, Mus hibernicus, silvestris und aquaticus, Glis norwagicus) ist um ein beträchtliches größer, nämlich einschließlich des 18 em
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messenden Schwanzes 42 cm lang, und ihre Färbung auf der Ober- und Unterseite des Leibes verschieden. Der Oberteil des Körpers und Schwanzes ist bräunlichgrau, die Unter: seite scharf abgesetzt grauweiß, die Mittellinie des Rückens gewöhnlich etwas dunkler als die Seite des Leibes, welche mehr ins Gelblichgraue spielt. Der Haargrund ist oben braungrau, unten lichter, meist blaßgrau. Der Schwanz hat etwa 210 Schuppenringe. Zuweilen finden sich auf der Oberseite der Vordersüße bräunliche Härchen; auch kommen Schwärzlinge, Weißlinge mit roten Augen, Falbe und Schecken vor. Letztere sind entweder schwarzweiß oder grauweiß, und fast immer sind bei ihnen Kopf, Hals, Schulter und Vorderbeine nebst einem breiteren oder schmäleren Rückenstreifen schwarz oder grau, die übrigen Teile weiß gefärbt. Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich annehmen, daß die Wanderratte aus Asien, und zwar aus Indien oder Persien, zu uns gekommen ist. Möglicherweise hat bereits Aelian ihrer gedacht, indem er erzählt, daß die kaspische Maus zu gewissen Zeiten in unendlicher Menge einwandere, ohne Furcht über die Flüsse schwimme und sich dabei mit dem Maule an den Schwanz der vorderen halte. „Kommen sie auf die Felder“, sagt er, „so fällen sie das Getreide und klettern auf die Bäume nach den Früchten, werden aber häufig von Raubvögeln, welche wie Wolken herbeifliegen, und von der Menge der dortigen Füchse vertilgt. Sie geben in der Größe dem Ichneumon nichts nach, sind sehr wild und bissig und haben so starke Zähne, daß sie damit selbst Eisen zernagen können, wie die Mäuse Canautanes bei Babylon, deren zarte Felle nach Persien geführt werden und zum Füttern der Kleider dienen.“ Erst Pallas beschreibt die Wanderratte mit Sicherheit als europäisches Tier und berichtet, daß sie im Herbste 1727 nach einem Erdbeben in großen Massen aus den kaspischen Ländern in Europa eingerückt sei; in Turkmenien war sie, laut A. Walter, nicht heimisch und fehlte im vorigen Jahrzehnte noch in Askabad und Merw, wohin sie nun wohl die russische Bahn verschleppt haben wird. Damals setzte fie bei Astrachan in großen Haus fen über die Wolga und verbreitete sich von hier rasch nach Westen hin. Fast zu derselben Zeit, im Jahre 1732 nämlich, wurde sie auf Schiffen von Ostindien aus nach England verschleppt, und nunmehr begann sie auch von hier aus ihre Weltwanderung. In Ostpreußen erschien sie im Jahre 1750, in Paris bereits 1753, in Deutschland war sie schon 1780 überall häufig; in der Schweiz kennt man sie erst seit dem Jahre 1809 und in Dänemark ungefähr seit der nämlichen Zeit als einheimisches Tier. Im Jahre 1755 wurde sie nach Nordamerika verschleppt und erlangte hier ebenfalls in kürzester Zeit eine unglaublich große Verbreitung; doch war sie im Jahre 1825 noch nicht weit über Kingston hinaus in Oberkanada vorgedrungen, und im vorigen Jahrzehnt hatte sie den oberen Missouri noch nicht erreicht. So viel aber steht fest, daß sie gegenwärtig auch über alle Teile des großen Weltmeeres verbreitet und selbst auf den ödesten und einsamsten Inseln zu finden ist. Größer und stärker als die Hausratte, bemächtigt sie sich überall der Orte, wo diese früher ruhig lebte, und nimmt in demselben Grade zu, wie jene abnimmt. Glaubwürdige Beobachter versichern, daß sie noch gegenwärtig zuweilen in Scharen von einem Orte zum anderen zieht. „Mein Schwager“, schreibt mir Helms, „traf einmal an einem frühen Herbstmorgen im Vördenschen einen solchen wandernden Zug, den er auf mehrere tausend Stück schätzen mußte.“
In der Lebensweise, in den Sitten und Gewohnheiten, im Vorkommen ꝛc. stimmen beide Ratten so sehr überein, daß man die eine schildert, indem man die andere beschreibt. Wenn man festhalten will, daß die Wanderratte mehr in den unteren Räumlichkeiten der Gebäude und namentlich in feuchten Kellern und Gewölben, Abzugsgräben, Schleusen, Senkgruben, Fleeten und an Flußufern sich eingenistet hat, während die Hausratte den oberen Teil des Hauses, die Kornböden, Dachkammern ꝛc., vorzieht, wird nicht viel mehr
übrigbleiben, was beiden Arten nicht gemeinsam wäre. Die eine wie die andere Art dieses Ungeziefers bewohnt alle nur möglichen Räumlichkeiten der menschlichen Wohnungen und alle nur denkbaren Orte, welche Nahrung versprechen. Vom Keller an bis zum Dachboden hinauf, vom Prunkzimmer an bis zum Abtritte, vom Palaste an bis zur Hütte, überall sind sie zu finden. An den unsaubersten Orten nisten sie sich ebenso gern ein wie da, wo sie sich erst durch ihren eigenen Schmutz einen zusagenden Wohnort schaffen müssen, kurzum, sie hausen da, wo immer sie nur leben können, obschon die Hausratte ihrem Namen immer noch Ehre zu machen sucht und sich möglichst wenig von der eigentlichen Wohnung der Menschen entfernt. Ausgerüstet mit allen Begabungen in leiblicher und geistiger Hinsicht, welche sie zu Feinden des Menschen machen können, hören sie nicht auf, diesen zu quälen, zu plagen, zu peinigen und ihm ohne Unterbrechung Schaden zuzufügen. Gegen sie schützt weder Hag noch Mauer, weder Thür noch Schloß: wo sie keinen Weg haben, bahnen sie sich einen; durch die stärksten Eichenbohlen und durch dicke Mauern nagen und wühlen sie sich Gänge. Nur wenn man die Grundmauern tief einsenkt in die Erde, mit festem Zement alle Fugen zwischen den Steinen ausstreicht und vielleicht zur Vorsorge noch zwischen dem Gemäuer eine Schicht von Glasscherben einfügt, ist man vor ihnen ziemlich sicher. Aber wehe dem vorher geschützten Raume, wenn ein Stein in der Mauer locker wird, denn nun halten sie ihren Einzug. Und dieses Zerstören der Wohnungen, dieses abscheuliche Zernagen und Durchwühlen der Wände ist doch das geringste Unheil, welches die Ratten anrichten. Weit größeren Schaden verursachen sie durch ihre Ernährung. Ihnen ist alles Genießbare recht. Der Mensch ißt nichts, was die Ratten nicht auch fräßen, und nicht beim Essen bleibt es, sondern es geht auch an das, was der Mensch trinkt. Es fehlt bloß noch, daß sie sich in Schnaps berauschten, dann würden sie sämtliche Nahrungs- und Genußmittel, welche das menschliche Geschlecht verbraucht, aufzehren helfen. Nicht zufrieden mit dem schon so reichhaltigen Speisezettel, fallen die Ratten ebenso gierig über andere Stoffe, zumal auch über lebende Wesen her. Die schmutzigsten Abfälle des menschlichen Haushaltes sind ihnen unter Umständen noch immer recht; verfaulendes Aas findet an ihnen Liebhaber. Sie fressen Leder und Horn, Körner und Baumrinde oder, besser gesagt, alle nur denkbaren Pflanzenstoffe, und was sie nicht fressen können, zernagen sie wenigstens; Zuckerrohr- und Kaffeepflanzungen schädigen sie manchmal in bedenklichster Weise. Es sind auch verbürgte Beispiele bekannt, daß sie kleine Kinder bei lebendigem Leibe angefressen haben, und jeder größere Gutsbesitzer hat erfahren, wie arg sie seinen Hoftieren nachstellen. Sehr fetten Schweinen fressen sie Löcher in den Leib, dicht zusammengeschichteten Gänsen die Schwimmhäute zwischen den Zehen weg, junge Enten ziehen sie ins Wasser und ersäufen sie dort, dem Tierhändler Hagenbeck töteten sie drei junge afrikanische Elefanten, indem sie diesen gewaltigen Tieren die Fußsohlen zernagten. |
Wenn sie fi) mehr als gewöhnlich an einem Orte vermehren, ist es wahrhaftig kaum zum Aushalten. Und es gibt solche Orte, wo sie in einer Menge auftreten, von welcher wir uns kaum einen Begriff machen können. In Paris erschlug man während 4 Wochen in einem einzigen Schlachthause 16,000 Stück, und in einer Abdeckerei in der Nähe dieser Hauptstadt verzehrten sie binnen einer einzigen Nacht 35 Pferdeleichen bis auf die Knochen. Sobald sie merken, daß der Mensch ihnen gegenüber ohnmächtig ist, nimmt ihre Frechheit in wahrhaft erstaunlicher Weise zu; und wenn man sich nicht halb zu Tode ärgern möchte über die Tiere, könnte man versucht sein, über ihre alles Maß überschreitende Unverschämtheit zu lachen. Las Cases erzählt, daß Napoleon am 27. Juni 1816 nebst seinen Gefährten ohne Frühstück bleiben mußte, weil die Ratten in der vergangenen Nacht in die Küche eingedrungen waren und alles fortgeschleppt hatten. Sie waren dort in großer Menge 32
vorhanden, sehr böse und außerordentlich unverschämt. Gewöhnlich brauchten sie nur wenige Tage, um die Mauern und Bretterwände der einfachen Wohnung des Kaisers zu durchnagen. Während der Mahlzeit Napoleons kamen sie in den Saal, und nach dem Essen wurde förmlich Krieg mit ihnen geführt. Man mußte auch darauf verzichten, Federvieh zu halten, weil die Ratten es wegfraßen; sie holten das Geflügel nachts sogar von den Bäumen herunter, auf welchen es schlief. In den Faktoreien an fernen Küsten, wo allenthalben mit den Tauschwaren auch die Wanderratten landen, sind sie eine überaus lästige Plage und stiften oft ernstlichen Schaden. Alle Reisenden und besonders Sammler haben zu klagen, wie viele oft sehr seltene und mühsam erlangte Gegenstände diese Quälgeister vernichten, und wie sehr sie durch ihre wüsten Beißereien und Hetzjagden am Boden, an den Wänden und auf den