Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Der Springhase (Pedetes caffer, Mus und Dipus caffer, Pedetes und Helamys capensis), welcher gegenwärtig ebenfalls als Vertreter einer eigenen Unterfamilie (Pedetinae) angesehen wird, unterscheidet sich von den übrigen Springnagern wesentlich durch sein Gebiß, da in jedem Kiefer vier zweihöckerige Backenzähne stehen, weicht aber auch
außerdem merklich von den Verwandten ab. Der gestreckte Leib wird nach hinten allmählich dicker, der Hals ist ziemlich dick, jedoch abgesetzt vom Leibe und viel beweglicher als bei den Verwandten; die Vorderbeine sind noch sehr kurz, aber viel kräftiger als bei den Springmäusen, ihre fünf Zehen mit starken, langen, scharfgekrümmten Krallen bewehrt, während die Hinterglieder, lange, kräftige Sprungbeine, vier an besonderen Mittelfußknochen sitzende Zehen haben und diese mit starken und breiten, aber ziemlich kurzen, fast hufartigen Nägeln bewaffnet werden. Die Mittelzehe übertrifft die übrigen an Länge; die kurze Außenzehe ist so hoch gestellt, daß sie kaum den Boden berührt. Der sehr lange, kräftige und dichtbuschige, an der Wurzel noch dünne Schwanz wird durch die reichliche Behaarung nach der Spitze zu dicker und endet mit einem stumpfspitzigen Haarbüschel. Der Kopf ist ziemlich groß, am Hinterkopfe breit, an den Seiten zusammengedrückt, die Schnauze mäßig lang, ziemlich stumpf, die Mundspalte klein, die Oberlippe nicht gespalten. Große, hochgewölbte und deshalb hervortretende Augen, mittellange, schmale und spitzige Ohren erinnern an die übrigen Familienglieder; die Schnurren dagegen sind verhältnismäßig kurz. Das Weibchen trägt vier Zitzen auf der Brust. Die lange, dichte, reichliche und weiche, in der Färbung dem Balge unseres Hasen auffallend ähnelnde Behaarung des Springhasen ist auf der Oberseite rostbräunlichfahlgelb mit schwarzer Beimischung, weil viele Haare mit schwarzen Spitzen endigen, auf der Unterseite dagegen weiß. In der Größe ähnelt das Tier ungefähr unserem Hasen: die Leibeslänge beträgt etwa 60 cm, die des Schwanzes noch etwas mehr. Der Springhase bewohnt dürftige Gegenden und selbst wüstenartige Steppen. Er ist über einen großen Teil des südlichen Afrika verbreitet, kommt im Westen nordwärts mindestens bis nach Angola und im Osten sicher noch in Deutsch-Ostafrika vor. Im Kaplande lebt er stellenweise recht häufig, ebensowohl in gebirgigen Gegenden wie in offenen Ebenen, manchmal in so großer
De ei Anzahl zusammen, daß er förmliche Ansiedelungen bildet. Nach en en and Man Art feiner Verwandten gräbt auch er unterirdische Baue mit lan: gen, gewöhnlich seicht verlaufenden und vielfach verzweigten, nach einem tiefern Kessel führenden Gängen. Meist bewohnen mehrere Paare, ja ganze Familien einen solchen Bau, und oft siedeln sich inmanchen Gängen des bewohnten Baues wilde Bienen an, welche also friedlich mit dem Baubesitzer die Wohnung teilen. Die Hottentotten jagen, daß dieser beim Graben ebensowohl fein Gebiß wie die Vorderfüße brauche. Gustav Fritsch gibt an, daß er ebenso wie seine Verwandten die Röhren seines Baues am Tage sorgfältig verschlossen hält. Lichtenstein erfuhr, daß es nicht so leicht ist, ihn auszugraben. Seine Bemühungen waren erfolglos, obgleich er unzählige Löcher am Fuße des Berges entdeckte und eine Menge von Hottentotten anstellte, welche mit Schaufeln und Hacken helfen mußten, die seichten Gänge zu durchwühlen. Das Netz, welches diese Gänge bilden, war so vollständig, daß es ganz unmöglich wurde, dem Springhasen alle Wege abzuschneiden, und die Erzählung der Hottentotten, daß er schneller grabe, als man ihm mit dem Spaten folgen könne, erhielt wenigstens viel Wahrscheinlichkeit.
Da er wie seine Familienverwandten ein Nachttier ist, beginnt erst mit der Abenddämmerung sein wahres Leben. Er kommt langsam aus seinem Baue hervor, kriecht mehr, als er geht, auf allen vieren dahin und sucht sich Wurzeln, Blätter und Sämereien, die seine Nahrung bilden. Fast jede Minute richtet er sich auf und lauscht, denn er ist beständig höchst
unruhig. Wenn er nicht frißt, putzt er sich, und wenn er sich nicht putzt, zeigt er sich besorgt um seine Sicherheit. Bisweilen läßt er ein Grunzen oder Meckern hören, wahrscheinlich um seine verschiedenen Gefährten zusammenzurufen. Die Nahrung führt er, wie die Springmäuse, mit den kurzen Vorderfüßen zum Munde. So langsam er sich bewegt, wenn er auf allen vier Füßen dahingeht, so schnell ist sein aus rasch aufeinander folgenden Sätzen bestehender Lauf. Mit den langen Hinterbeinen schnellt er sich vom Boden in die Höhe und tritt mit den Hinterfüßen wieder auf, ohne sich nach vorn zu überstürzen. Die Vorderbeine bleiben über der Brust gefaltet. Gewöhnlich beträgt die Weite seiner Sprünge 2—3 m, wird er aber verfolgt, so steigert er seinen Lauf derartig, daß dann die durchschnittliche Weite zwischen 6 und 10 m beträgt: so geben übereinstimmend Forster und Sparrmann an.
Dabei legt er eine Leichtigkeit anden Tag, daß es aussieht, als wäre er gar nicht im stande, zu ermüden, und so entkommt er denn auch regelmäßig seinen Feinden. Nur die Nässe lähmt seine Behendigkeit. Die Hottentotten versicherten Lichtenstein, daß er bei Regenwetter niemals aus seinem Baue komme, und daß es bei heftigem Platzregen leicht wäre, ihn mit den Händen zu ergreifen, so matt würde er durch die Nässe. Und wenn man nun gar Wasser in die Baue leite, könne man so viele Springhasen fangen, als man wolle. Demungeachtet sei es noch immer nicht so leicht, sich des Tieres zu bemächtigen, denn es verteidige sich tüchtig mit den Hinterbeinen, indem es damit nach vorn ausschlage und mit den langen, scharfen Zehen ernste Verwundungen beibringe.
Über die Fortpflanzung weiß man noch wenig. Das Weibchen wirft im Sommer 3—4 Junge, welche längere Zeit von der Mutter gesäugt werden und dann mit ihr ausgehen, auch lange denselben Bau bewohnen. Beim Eintritte der Regenzeit soll die ganze Familie oft tagelang, in zusammengerollter Stellung eng aneinander gerückt, im Innern des Baues verweilen. Die Gefangenschaft hält der Springhase bei guter Pflege leicht und dauernd aus, wird auch bald zahm und zutraulich gegen seinen Pfleger. Bloß wenn er arg gequält wird, versucht er es, die Unbill mit einem Bisse zu rächen. Seine Reinlichkeit macht ihn beliebt,
und seine Fütterung verursacht eben keine Mühe: Weizen, Brot, Salat und Kohl genügen ihm vollständig. Er schläft sitzend, verbirgt den Kopf zwischen den Schenkeln und drückt mit den gekreuzten Vorderpfoten die Ohren über die Augen weg.
Bei den holländischen Ansiedlern ist die Jagd des Tieres sehr beliebt; denn das Fleisch wird geschätzt und der Balg in ähnlicher Weise verwandt wie der unseres Hasen. Man jagt fast nur bei hellem Mondschein, indem man sich da, wo es viele Löcher gibt, anstellt und lauert, bis ein Springhase in die Nähe kommt. Nach Fritsch soll man zuweilen in einer einzigen Mondscheinnacht gegen ein Dutzend dieser behenden Tiere erlegen. Im Vergleiche zu dem durch die Jagd erlangten Nutzen ist der Schade, welchen der Springhase durch Unterwühlen mancher Felder und Gärten anrichtet, ein sehr geringer; es steht ja auch ini jedes Hand, ihn zu vertreiben, sobald er lästig wird.
Keine andere Familie der Ordnung versteht es, so gründlich uns zu belehren, was Nager sind, als die, welche die Mäuse (Muridae) umfaßt. Die Familie ist nicht bloß die an Gattungen und Arten reichste, sondern auch bei weitem die verbreitetste und, dank ihrer Anhänglichkeit an den Menschen, noch bis auf den heutigen Tag in steter Verbreitung begriffen, wenigstens was einzelne ihrer Arten anlangt. Ihre Mitglieder sind durchgängig kleine Gesellen; aber sie ersetzen durch ihre Anzahl, was den einzelnen an Größe abgeht, mehr als vollständig. Will man ein allgemeines Bild von der Gesamtheit geben, so kann man sagen, daß die spitze Schnauze, die großen, schwarzen Augen, die breiten und hohlen, sehr spärlich behaarten Ohren, der lange, behaarte oder ebenso oft nacktschuppige Schwanz und die zierlichen Beine mit schmalen, feinen, fünfzehigen Pfoten sowie ein kurzer, weicher Pelz unsere Familie kennzeichnen. Doch nähern sich in ihrer Gesamtgestaltung viele Mäuse anderen Familien der Ordnung: stacheliges Grannenhaar erinnert an die Stachelschweine, echte Schwimmfüße, kurze Ohren und Beine an die Biber, dick behaarter Schwanz an die Eichhörnchen ꝛc. Mit solchen äußerlichen Abänderungen der allgemeinen Grundform steht der Bau des Gebisses mehr oder weniger im Einklange. Gewöhnlich sind die Nagezähne schmal und mehr dick als breit, mit scharfmeißeliger Schneide oder scharfer Spitze, an der Vorderseite glatt oder gewölbt, weiß oder gefärbt, auch wohl durch eine Längsrinne geteilt. Drei Backenzähne in jeder Reihe, welche von vorn nach hinten an Größe abnehmen, bilden meistens das übrige Gebiß, ihre Anzahl sinkt aber auch auf 2 herab oder steigt bis auf 4 im Oberkiefer. Sie sind entweder schmelzhöckerig, mit getrennten Wurzeln oder quergefaltet oder seitlich eingekerbt. Viele schleifen sich durch das Kauen ab, und dann erscheint die Fläche eben oder mit Faltenzeichnung. 12 oder 13 Wirbel tragen Rippen, 3—4 bilden das Kreuzbein und 10—36 den Schwanz. Bei einigen Arten kommen wohl auch Backentaschen vor, bei anderen fehlen sie gänzlich; bei diesen ist der Magen einfach, bei jenen stark eingeschnürt ꝛc.
Die Mäuse sind Weltbürger, aber leider nicht im guten Sinne. Alle Erdteile weisen Mitglieder aus dieser Familie auf, und jene glücklichen Inseln, welche bis jetzt noch von ihnen verschont blieben, werden im Laufe der Zeit sicher noch wenigstens von einer Art, deren Wanderlust schon gewaltige Erfolge erzielt hat, bevölkert werden. Die Mäuse bewolnen alle Gegenden und Klimate, ziehen zwar die Ebenen gemäßigter und wärmerer Länder dem rauhen Hochgebirge oder dem kalten Norden vor, finden sich aber doch so weit, als die Grenze des Pflanzenwuchses reicht, demzufolge auch noch in unmittelbarer Nähe des ewigen Schnees der Gebirge. Wohlbebaute Gegenden, Fruchtfelder, Pflanzungen bilden unbedingt ihre beliebtesten Aufenthaltsorte, sumpfige Strecken, Flußufer und Bäche bieten ihnen jedoch ebenfalls genug, und selbst dürre, trockene, mit wenig Gras und Buschwerk bewachsene 1
Ebenen gewähren ihnen noch die Möglichkeit zu leben. Einige meiden die Nähe menschlicher Ansiedelungen, andere drängen sich dem Menschen als ungebetene Gäste auf und folgen ihm überall hin, wo er neue Wohnorte gründet, selbst über das Meer. Sie bevölkern Haus und Hof, Scheuer und Stall, Garten und Feld, Wiese und Wald, allerorten mit gefräßigem Zahne Schaden und Unheil anrichtend. Nur die wenigsten leben einzeln oder paarweise, die meisten lieben die Geselligkeit, und manche Arten wachsen zuweilen zu ungeheuern Scharen an. Bei fast allen ist die Vermehrung eine ganz außerordentliche; denn die Anzahl der Jungen eines einzigen Wurfes schwankt zwischen 6 und 21, und die allermeisten pflanzen sich mehrmals im Jahre, ja selbst im Winter fort. a
Die Mäuse sind in jeder Weise geeignet, den Menschen zu plagen und zu quälen, und ihre Eigenschaften scheinen sie besonders hierzu zu befähigen. Gewandt und behende in ihren Bewegungen, können sie vortrefflich laufen, springen, klettern, schwimmen, verstehen es, sich durch die engsten Offnungen zu zwängen oder, wenn sie keine Zugänge finden, mit ihrem scharfen Gebisse solche Wege zu eröffnen. Sie sind ziemlich klug und vorsichtig, ebenso
Gerippe der Wanderratte. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
aber auch dreist, frech, unverschämt, listig und mutig, ihre Sinne durchgehends fein, obschon Geruch und Gehör die übrigen bei weitem übertreffen. Ihre Nahrung besteht aus allen eßbaren Stoffen des Pflanzen- und Tierreichs. Samen, Früchte, Wurzeln, Rinde, Kräuter, Gras, Blüten, welche ihre natürliche Nahrung bilden, werden nicht minder gern von ihnen verzehrt als Kerbtiere, Fleisch, Fett, Blut und Milch, Butter und Käse, Haut und Knochen, und was sie nicht fressen können, zernagen und zerbeißen sie wenigstens, so Papier und Holz. Wasser trinken sie im allgemeinen nur selten: dagegen sind sie äußerst lüstern auf alle nahrungsreicheren Flüssigkeiten und verstehen es, sich dieser in der listigsten Weise zu bemächtigen. Dabei verwüsten sie regelmäßig weit mehr, als sie verzehren, und werden hierdurch zu den allerunangenehmsten Feinden des Menschen, welche notwendigerweise dessen ganzen Haß heraufbeschwören und sogar die Grausamkeiten, welche er sich bei ihrer Vertilgung zu schulden kommen läßt, wenn auch nicht verzeihlich, so doch erklärlich machen. Nur sehr wenige sind harmlose, unschädliche Tiere, und haben wegen ihrer zierlichen Gestalt, der Anmut ihrer Bewegungen und ihres ansprechenden Wesens Gnade vor unseren Augen gefunden. Hierher gehören namentlich auch die Baukünstler unter dieser Familie, welche die kunstreichsten Nester unter allen Säugetieren überhaupt anlegen und durch ihre geringe Anzahl und den unbedeutenden Nahrungsverbrauch wenig lästig werden, während andere, welche in ihrer Weise auch Baukünstler sind und sich größere oder kleinere Höhlen anlegen, sich gerade hierdurch verhaßt machen. Einige Arten, welche die kälteren und gemäßigten Gegenden bewohnen, halten einen Winterschlaf und tragen vorher Nahrungsvorräte ein;