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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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will ich nicht eben hoch stellen; so viel aber ist zweifellos, daß sie sich sehr bald an einem bestimmten Orte eingewöhnt, Leute, welche sich mit ihr abgeben, gut kennen lernt und eine gewisse berechnende Kunstfertigkeit an den Tag legt. Der Bau ihres Nestes beschäftigt sie an jedem Morgen längere Zeit. Wenn man ihr Heu, Baumwolle und Haare gibt und den Grundbau des Nestes vorzeichnet, arbeitet sie verständig weiter, holt sich die Baumwollenklumpen herbei, zieht sie mit den Vorderhänden auseinander und legt sie sich zurecht, schiebt die Haare an den betreffenden Stellen ein und putzt und glättet die runde Nesthöhle, bis fie den erforderlichen Grad von Ordnung und Sauberkeit zu haben scheint. Hervorspringende Halme werden dann auch wohl noch ausgezogen oder abgebissen, bis das Ganze in einen möglichst behaglichen Zustand versetzt worden ist.

Unter allen Nagern, welche ich bis jetzt in der Gefangenschaft hielt, hat mir die Springmaus das meiste Vergnügen gewährt. Ihrer Eigenschaften wegen muß sich jedermann mit ihr befreunden. Sie ist so außerordentlich harmlos, so freundlich, zahm, reinlich und, wenn einmal vom Schlafe erwacht, so munter und so lustig, jede ihrer Stellungen so eigentümlich, und sie weiß so viel Abwechselung in diese zu bringen, daß man sich stundenlang mit ihr beschäftigen kann. Sonini beobachtete, daß seine gefangenen Springmäuse eifrig nagten, um sich aus ihrem Käfige zu befreien; ich habe dies nur dann bemerkt, wenn ich meine Ge fangenen frei im Zimmer herumlaufen ließ. Hier versuchten sie wohl auch, ein Loch durch die Dielen zu schneiden; im Käfige aber dachten sie nie daran, ihre scharfen Nagezähne zu etwas anderem als zum Fressen zu gebrauchen.

Gegen ihren Pfleger benimmt sich die Springmaus sehr liebenswürdig. Niemals fällt es ihr ein, den zu beißen, welcher sie aufhebt. Man darf fie berühren, streicheln, umhertragen: sie läßt sich alles gefallen. Nur wenn man ihr abends den Finger durch das Gitter hält, faßt sie denselben zuweilen und schabt mit den Zähnen ein wenig an der Spitze, wahrscheinlich weil sie glaubt, daß man ihr irgend etwas zum Fressen reichen wolle; zu einem ernstlichen Beißen aber kommt es auch dann nicht. Man könnte, glaube ich, die Springmaus in jedem Putzzimmer halten, so groß ist ihre Gutmütigkeit, Harmlosigkeit und Reinlichkeit. Nichts ist ihr unangenehmer, als wenn man sie bei ihren abendlichen Lustwandlungen außerhalb des Käfigs stört, und nur höchst ungern bleibt sie dann in der Hand. Setzt man sie aber auf die eine Hand und streichelt sie sanft mit dem Finger, so schließt sie wie verzückt die Augen zur Hälfte, rührt minutenlang kein Glied und vergißt Freiheit und alles andere.

Der Nutzen, welchen die Wüstenspringmäuse bringen, ist nicht unbedeutend. Die Araber essen ihr ziemlich geschmackloses Fleisch sehr gern und bereiten sich wohl auch aus den glänzenden Fellen kleine Pelze für Kinder und Frauen oder verwenden sie sonst zur Verzierung von Sätteln, zum Besatz von Decken ꝛc. Schaden bringen die Springmäuse natürlich nicht, sie nutzen höchstens diejenige Stelle der Wüste aus, welche sonst von keinem anderen Geschöpfe bewohnt wird.

Der Bau des Schädels, des Gebisses und hauptsächlich der Hinterfüße unterscheidet die Sandspringer (Scirtetes) von den Wüstenspringmäusen. Der Schädel ist hinten schmäler und etwas gerundeter als bei den Verwandten; an der Vorderfläche der Nagezähne fehlt die Rinne; die Backenzähne, 4 im Oberkiefer, 3 im Unterkiefer, sind tiefer und vielfacher gefaltet. Schon ist ein langer und starker Mittelfußknochen vorhanden, aber zu seinen beiden Seiten liegen kleinere, welche Afterzehen tragen. Hierdurch wird der Hinterfuß eigentlich fünfzehig: der große Knochen trägt drei Zehen und jeder der seitlichen eine. Im übrigen ähneln die Sandspringer ihren Verwandten vollständig; teilweise bewohnen sie mit ihnen auch dasselbe Vaterland.

Durch die vorzüglichen Beschreibungen von Pallas, Brandt und anderen ist uns namentlich der Pferdespringer (Scirtetes jaculus, Dipus jaculus und alactaga, Mus saliens, Alactaga und Scirtetes spiculum, decumanus und vexillarius) bekannt geworden. Das Tier hat ungefähr die Größe eines Eichhörnchens: sein Leib ist 18 em, der Schwanz 26 em lang; die Ohren haben Kopfeslänge. Der Kopf ist wahrhaft schön und trägt lebhafte, hervorragende Augen mit kreisrunden Sternen, große lange und schmale Ohren von mehr als Kopfeslänge und sehr lange, schwarzgrau gespitzte Schnurren, welche sich zu beiden Seiten der Oberlippe in acht Längsreihen ordnen. Die Hinterbeine sind fast viermal so lang wie die Vorderbeine. Die Mittelzehe ist am längsten; denn die beiden seitlichen reichen nur bis zu ihrem ersten Gliede, und die noch übrigen kommen beim wirklichen Fuße kaum in Betracht, weil sie so hochgestellt und so kurz sind, daß sie beim Gehen

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Pferdespringer (Seirtetes jaculus). ½ natürl. Größe.

nie den Boden berühren, können also mit Fug und Recht Afterzehen genannt werden. An den Hinterfüßen sind die Krallen kurz, stumpf und fast hufartig gestaltet, an den Vorderfüßen lang, gekrümmt und spitzig. Der Pelz ist auf der Oberseite rötlichgelb, mit schwach gräulichem Anfluge, auf der Seite und den Oberschenkeln etwas heller, auf der Unterseite und an den Beinen innen weiß. Ein länglicher, fast streifenähnlicher weißer Flecken zieht sich von den oberen Schenkeln bis zum Schwanze, ein ähnlicher verläuft vorn über die Hinterbeine. Der Schwanz ist rötlichgelb bis zur Quaste, diese in der ersten Hälfte schwarz, in der Spitze weiß, deutlich pfeilartig gezeichnet. |

Der Pferdespringer findet sich zwar auch im südöstlichen Europa, namentlich in den Steppen am Don und in der Krim, doch bleibt für ihn Asien die wahre Heimat. Nach Norden hin geht er nicht über den 52. Grad nördlicher Breite hinaus; dagegen erstreckt sich sein Verbreitungskreis bis in die östliche Mongolei. Bei den Russen heißt er Semljanoi— Saez oder Erdhase, am Jaik Tuschkantschick oder Häschen; die Mongolen und Burjäten gaben ihm den Namen, welchen Cuvier zum Gattungsnamen erhob, Alakdaga oder Alagdagen; die Kalmücken nennen ihn Morin-Jalma oder Pferdespringer und die Tataren endlich Tya-Jelman oder Kamelhase.

Pferdeſpringer (Seirtetes jaculus). ½ natürl. Größe.

Wie der Djerboa die Wüsten Afrikas, bewohnt der Alakdaga die offenen Ebenen der Steppen Südeuropas und Asiens, namentlich aber lehmigen Boden; den eigentlichen Rollsand vermeidet er, weil dieser nicht hinlängliche Festigkeit für seine Gänge und Höhlen bietet. Er lebt gesellig, wie seine Verwandten, doch nicht in großen Scharen. Bei Tage ruht er verborgen in seinem künstlichen Baue, nach Einbruch der Dämmerung streift er umher, kehrt jedoch, laut Radde, auch des Nachts wiederholt zu seiner Höhle zurück. In seinen Bewegungen ähnelt er den bereits beschriebenen Familiengenossen. Wenn er ruhig weidet, läuft er nach Art eines äsenden Känguruhs auf allen vieren, flüchtig geworden, springt er nur auf den beiden Hinterfüßen davon. Seine Sätze sollen noch größer sein als die der Wüstenspringmäuse und in voller Flucht so schnell fördern, daß das beste Roß nicht nachkommen kann. Scheu und furchtsam, ergreift er bei der geringsten Gefahr die Flucht; selbst wenn er ruhig weidet, richtet er sich beständig auf, um zu sichern. Wenn er verfolgt wird, hüpft er nicht in gerader Richtung fort, sondern springt soviel wie möglich im Zickzack davon, bis er seinen Verfolger ermüdet oder irgend eine ihm passende Höhle gefunden hat, in welcher er sich augenblicklich verbirgt. Diese Höhlen rühren meistens von anderen seiner Art her und können ziemlich künstliche Baue genannt werden. Meist einfache, obwohl hin und her gekrümmte Röhren führen von außen schief nach dem Hauptgange, welcher nicht selten in mehrere Aste geteilt ist, und dieser zu dem geräumigen Kessel, welcher seinerseits wieder mit einigen Nebenkammern in Verbindung steht. Vom Kessel aus führt in entgegengesetzter Richtung nach oben bis dicht unter die Oberfläche des Bodens ein anderer Gang, die Fluchtröhre; sie wird bei Gefahr vollends durchbrochen und rettet das geängstete Tier auch fast regelmäßig, da keiner der verfolgenden Feinde es wissen kann, in welcher Richtung sie mündet. Eigentümlich ist die Gewohnheit des Pferdespringers, alle Gänge des Baues zu verstopfen, sobald er diesen betreten hat; aber gerade hierdurch gibt er ein sicheres Merkzeichen seines Vorhandenseins. Denn niemals findet man in einem Baue, dessen Röhren unverschlossen sind, einen Bewohner. Vor der Mündung der Hauptröhre liegt regelmäßig ein größerer oder kleinerer Erdhaufe aufgeschichtet, wie wir dies ja auch bei den meisten Bauen unserer unterirdisch lebenden Tiere sehen. Gewöhnlich bewohnen 2 —3 Paare einen und den: selben Bau, und deshalb finden sich wohl auch die verschiedenen Nebenkammern im Kessel.

Der Alakdaga frißt Pflanzen aller Art und alle Pflanzenteile. Zwiebeln bilden seine Hauptnahrung, Kerbtiere verschmäht er übrigens auch nicht, und ab und zu mag er ebenso eine Steppenlerche oder wenigstens ihre Eier und Jungen verzehren. An Gesträuchen nagt er die Rinde ab, von den saftigen Steppenpflanzen aber frißt er nur die zartesten Triebe. Das Weibchen wirft im Sommer bis 8, gewöhnlich aber nur 5—6 Junge auf das warme, mit den eigenen Haaren ausgefütterte Lager im Baue. Wie lange diese Jungen bei der Mutter bleiben, weiß man nicht; es ist wahrscheinlich, daß sie bis gegen den Winter hin dieselbe Wohnung mit ihr teilen. Beim Eintritte strenger Kälte fällt der Pferdespringer in Schlaf. Sein feines Gefühl kündet ihm im voraus kommende Witterung an; denn man bemerkt, daß er auch vor Regenwetter sich in seinem Neste einzuhüllen und zu verbergen sucht. Gegen den Winter hin schließt er nach außen feine Röhren sorgfältiger als gewöhnlich und rollt sich mit anderen seiner Art auf dem weich ausgepolsterten Kessel in einen Knäuel zusammen, um die unwirtliche Jahreszeit zu verschlafen. Obwohl er noch in kalten Nächten sich zeigt und weit mehr Kälte als seine Verwandten vertragen kann, legt er sich doch, laut Radde, bereits in den ersten Tagen des Septembers zur Winterruhe nieder und erscheint vor der letzten Hälfte des Aprils nicht wieder außerhalb seines Baues.

Der Alakdaga wird ziemlich lebhaft verfolgt, da die Steppenbewohner sein Fleisch besonders lieben. Am eifrigsten scheinen ihm die mongolischen Knaben nachzustellen. Sie unterscheiden die verlassenen und bewohnten Höhlen sehr genau und verstehen es vortrefflich, das

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behende Tier zu fangen. Zu diesem Ende umzäunen sie den ganzen Bau auf das engste und gießen Wasser in die Fallröhren oder brechen mit einem Pfahle die Gänge auf. Schon beim Beginn der Verfolgung verläßt der Alakdaga seinen Bau und sucht sich durch den verdeckten Gang ins Freie zu retten. Unterläßt man es also, den ganzen Bau mit einem Zaune zu umgeben, so ist er gerettet. Ja selbst dann, wenn man ihn schon in der Hand zu haben meint, entrinnt er noch öfters.

In manchen Gegenden glaubt man auch in dem getrockneten und gepulverten Tiere ein wichtiges Heilmittel bei gewissen körperlichen Leiden zu finden; im allgemeinen aber scheint man mit dem anmutigen Geschöpfe eben nicht auf dem besten Fuße zu stehen. Man behauptet, daß der Pferdespringer den schlafenden Ziegen und Schafen die Milch aus dem Euter sauge, beschuldigt ihn der Feindschaft gegen die Schafe und versichert, daß er nachts die Herden aufsuche, um sie durch tolle Sprünge zu erschrecken, anderer Verleumdungen, welche man ihm aufbürdet, nicht zu gedenken. Nur höchst selten halten die Nomaden jener Steppen einen Alakdaga in Gefangenschaft, obgleich er diese recht gut erträgt. Man hat ihn schon mehrmals lebend in Europa gehabt, und zwar nicht bloß des Vergnügens halber. Sonderbarerweise verdanken wir die besten Schilderungen seines Gefangenlebens nicht einem Naturkundigen, sondern dem Altertumsforscher Haym. Um eine Goldmünze aus Cyrene, welche auf der einen Seite einen Reiter, auf der Rückseite aber das berühmte Kraut Sil-phium und darunter einen Sandspringer zeigte, zu erklären, verschaffte sich Haym unser Tierchen, hielt es über ein Jahr lang gefangen, beobachtete es sorgfältig und teilte seine Beobachtungen mit. „Bald setzt er alle vier Füße auf den Boden, bald steht er nur auf den hinteren, immer aber geht er bloß auf den letzteren. Er richtet sich hoch auf, wenn er erschreckt wird, und läuft sehr schnell, fast geradeaus und hüpfend wie die kleinen Vögel. Ich habe versucht, ihm verschiedene Speisen zu geben; die ersten 3 oder 4 Monate fraß er aber nichts als Mandeln, Pistazien und geschrotenes Korn, ohne jemals zu trinken. Man hatte mir nämlich gesagt, daß er dies nicht thue, und deshalb gab ich ihm auch kein Wasser. Nichtsdestoweniger ließ er viel Harn. Später fand ich, daß er auch Apfel, Möhren und noch lieber Kräuter fraß, jedoch bloß solche, welche wenig Geruch haben, wie Spinat, Salat, Nesseln ꝛc., niemals Rauten, Krauseminzen, Thymian und dergleichen, ja, er trank auch gern Wasser, obgleich nicht immer. Als er einmal unwohl war, wollte ich ihm Wasser mit Safran geben; das nahm er aber nicht an, obgleich ich ihn sehr nötigte. Brot, Zucker und ähnliche Dinge fraß er gern, Käse und alle anderen Milchspeisen verschmähte er hartnäckig. Einmal stellte ich ihn auf den rohen Sand, und davon verschluckte er so viel, daß ich ihn wirklich schwerer fand, als ich ihn in die Hände nahm. Schließlich zog er allem übrigen Futter Hanfsamen vor. Er verbreitete gar keinen übeln Geruch wie ähnliche Tiere, als Mäuse, Eichhörnchen und Kaninchen, dabei war er so sanft, daß man ihn mit aller Sicherheit in die Hände nehmen konnte; denn er biß niemals. Furchtsam wie ein Hase, scheute er sich selbst vor kleineren, unschuldigen Tieren. In der kalten Jahreszeit litt er viel; deshalb mußte ich ihn im Winter immer in der Nähe des Feuers halten. Jedoch glaube ich, daß mein Tierchen lange gelebt haben würde, wäre es nicht zufällig getötet worden.“

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