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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Brandmaus (Mus agrarius) und

verliehen ist. Pechuel-Loesche hat monatelang und gleichzeitig zwei in einer Küche freilebende sogenannte Singmäuse belauscht. Sie ließen sich sehr häufig zugleich hören und zwar vorzugsweise in den Dämmerstunden der Monate Mai bis September. Die eine brachte nur ein regelloses Zirpen und Trillern hervor, gemischt mit einem leisen Schnarren, Schmatzen oder Kicksen und gelegentlichem tieferen Murksen; die andere verfügte über weichere Töne, hielt einzelne auch länger aus und erzielte damit eine gewissermaßen melodisch anmutende Wirkung, die freilich nur annähernd verglichen werden könnte mit dem Zwitschern der ruhenden Schwalbe sowie mit dem Gesange einer fernen Lerche. Es lag aber doch etwas ganz Anderes und viel Unvollkommeneres darin als im Schlage, Gesange oder Pfeifen eines Vogels, klang rauher, abgebrochener und erinnerte darum auch wieder an mancherlei von Insekten hervorgebrachte Töne. Bezeichnender wäre es jedenfalls, nicht von Sing-, sondern von Zwitschermäusen zu sprechen.

Alle angenehmen Eigenschaften unserer Hausgenossin werden leider durch ihre Lüsternheit und Genäschigkeit sehr beeinträchtigt. Man kann sich schwerlich ein naschhafteres Geschöpf denken als eine Hausmaus, welche über eine gut gespickte Speisekammer verfügen kann. Sie beweist auf das schlagendste, daß der Sinn des Geschmackes bei ihr vortrefflich entwickelt ist. Süßigkeiten aller Art, Milch, Fleischspeisen, Käse, Fette, Früchte und Körner werden von ihr unbedingt bevorzugt, und wo sie die Wahl hat, kürt sie sich unter dem Guten immer das Beste. Die spitzen Nagezähne kommen hinzu, um sie verhaßt zu machen. Wo sie etwas Genießbares wittert, weiß sie sich einen Zugang zu verschaffen, und es kommt ihr eben nicht darauf an, mehrere Nächte angestrengt zu arbeiten und selbst feste, starke Thüren zu durchnagen. Findet sie viel Nahrung, welche ihr besonders mundet, so trägt sie sich auch noch einen Vorrat davon in ihre Schlupfwinkel und sammelt mit der Hast eines Geizigen an der Vermehrung ihrer Schätze. „An Orten, wo sie wenig Störung erleidet“, sagt Fitzinger, „findet man zuweilen ganze Haufen von Wal- oder Haselnüssen bis zu einer halben Elle hoch in Winkeln aufgetürmt und so regelmäßig und zierlich fest aneinander geschlossen und mit allerlei Abfällen von Papier oder Kleiderstoffen überdeckt, daß man hierin kaum ein Werk der Hausmaus vermuten möchte.“ Wasser trinkt sie, wenn sie andere saftige Stoffe haben kann, gar nicht und auch bei trockenem Futter nur selten, schlürft dagegen süße Getränke aller Art mit Behagen. Daß fie sich, wie die Waldmaus es zuweilen thut, auch über geistige Getränke hermacht, beweist eine Beobachtung, welche mir erst vor kurzem mitgeteilt wurde. „Etwa im Jahre 1843“, schreibt mir Förster Block, „wurde ich einmal beim Schreiben durch ein Geräusch gestört und erblickte eine Maus, welche an den glatten Füßen eines Tischchens emporkletterte. Bald war fie oben und suchte emsig nach den Bro-samen, welche auf dem Frühstücksteller lagen. In der Mitte des Tellers stand ein ganz leichtes, glockenförmiges Schnapsgläschen, zur Hälfte mit Kümmel gefüllt. Mit einem Sprunge saß das Mäuschen oben auf dem Glase, bog sich vorn über, leckte eifrig und sprang sodann herunter, nahm aber noch eine Gabe von dem süßen Gifte zu sich. Durch ein Geräusch meinerseits gestört, sprang sie mit einem Satze vom Tische herab und verschwand hinter einem Glasschranke. Jetzt mochte der Geist über sie kommen; denn gleich darauf war sie wieder da und führte die spaßhaftesten Bewegungen aus, versuchte auch, obwohl vergeblich, den Tisch nochmals zu ersteigen. Ich stand auf und ging auf sie zu, behelligte sie aber nicht; ich holte eine Katze herbei, die Maus lief auf einen Augenblick davon, war aber gleich wieder da. Von meinem Arme herab sprang die Katze zu, und das trunkene eee hing an den Krallen ihrer Tatze.“

Der Schade, welchen die Hausmaus durch Wegfressen verschiedener Speisevorräte anrichtet, ist im ganzen gering; ihre hauptsächliche Schädlichkeit beruht in dem abscheulichen Zernagen wertvoller Gegenstände. In Bücher- und Naturaliensammlungen haufen die Mäuse

auf die verderblichste Weise und können, wenn ihrer Zerstörungslust nicht mit allen Kräften Einhalt gethan wird, unschätzbaren Schaden anrichten. Es scheint, daß sie manchmal aus bloßem Übermute etwas benagen, und so viel ist sicher, daß dies öfter geschieht, wenn fie durstig sind, als wenn sie immer zu trinken bekommen. Deshalb pflegt man ihnen in Bibliotheken außer Körnern, welche man für sie aufspeichert, auch Gefäße mit Wasser hinzustellen, sie also geradezu zu speisen und zu tränken.

Die Hausmaus vermehrt sich außerordentlich stark. Sie wirft 22 —24 Tage nach der Paarung 4—6, nicht selten aber auch 8 Junge und in Jahresfrist sicherlich fünf- bis sechsmal, so daß die unmittelbare Nachkommenschaft eines Jahres mindestens 30 Köpfe beträgt. Eine weiße Maus, welche Struve in der Gefangenschaft hielt, warf am 17. Mai 6, am 6. Juni 6, am 3. Juli 8 Junge. Sie wurde am 3. Juli vom Männchen getrennt und am 28. Juli wieder mit ihm zusammengethan. Nun warf sie am 21. August wieder 6 Junge, am 1. Oktober ebenfalls 6 und am 24. Oktober 5. Während des Winters ging sie gelt. Am 17. März kamen wieder 2 Junge zur Welt. Eins von den am 6. Juni geborenen Weibchen bekam die ersten Jungen, und zwar gleich 4, am 18. Juli. Die Mutter schlägt ihr Wochenbett in jedem Winkel auf, welcher ihr eine weiche Unterlage bietet und einigermaßen Sicherheit gewährt. Nicht selten findet man das Nest in ausgehöhltem Brote, in Kohlrüben, Taschen, Totenköpfen, ja selbst inMausefallen. Gewöhnlich ist es aus Stroh, Heu, Papier, Federn und anderen weichen Stoffen sorgfältig zusammengeschleppt; doch kommt es auch vor, daß bloß Holzspäne oder selbst Nußschalen die Unterlage abgeben müssen. Die Jungen sind, wenn sie zur Welt kommen, außerordentlich klein und förmlich durchsichtig, wachsen aber rasch heran, bekommen zwischen dem siebenten und achten Tage Haare, öffnen aber erst am dreizehnten Tage die Augen. Nun bleiben sie nur noch ein paar Tage im Neste; dann gehen sie selbständig auf Nahrungserwerb aus. Die Alte behandelt sie mit großer Zärtlichkeit und gibt sich ihrethalben selbst Gefahren preis. Weinland erzählt ein rührendes Beispiel ihrer Mutterliebe. „In dem weichen Bette, welches eine Hausmaus ihren Jungen bereitet hatte, entdeckte man sie und ihre neun Kinder. Die Alte konnte entrinnen, aber sie macht keine Bewegung zur Flucht! Man schiebt die Jungen auf eine Schaufel und die Alte mit ihnen, sie rührt sich nicht. Man trägt sie frei auf der Schaufel fort, mehrere Treppen hinunter, bis in den Hof, und sie harrt zu ihrem Verderben bei ihren Kindern aus.“

Zu einem Haustiere im eigentlichsten Sinne des Wortes ist die Hausmaus bei den in der Tier⸗ und Pflanzenzüchtung Großes leistenden Bewohnern Chinas und Japans geworden. Haacke berichtet über die seit einigen Jahren von dort zu uns kommenden Mäuse folgendes: „Von einem Hamburger Tierhändler beziehe ich von Zeit zu Zeit zwei verschiedene Rassen der Hausmaus, die der Tierhändler als chinesische Klettermäuse, beziehungsweise als japanische Tanzmäuse bezeichnet. Erstere zeichnen sich allerdings nur durch ihre mannigfaltig wechselnde Färbung aus, denn das Klettern scheinen sie nicht mehr zu üben als andere Mäuse. Die Färbung ändert aber in hohem Grade ab. Neben einfarbig grauen, semmelgelben und weißen habe ich grauweiße, schwarzweiße, gelbweiße und blauweiße Schecken besessen. Die gelben und weißen sowie die gelb- und blauweißen haben stets rote Augen, die grau- und schwarzweißen nie. Dreifarbige Mäuse scheinen sehr selten zu sein. Bekanntlich kommen auch bei uns weiße, schwarze und gelbe Mäuse, gelegentlich auch wohl Schecken vor, und die Chinesen haben die Abänderungen auch der Hausmaus benutzt, um ihrem Eifer in der Tierzucht Genüge zu leisten. Ein wirklich wunderbares Tier haben aber die nicht minder züchtungslustigen Japaner aus der Hausmaus zu machen verstanden. Die mit Recht so genannte japanische Tanzmaus kommt ebenfalls in den beschriebenen Färbungen vor; ich habe schwarz- und gelbweiße, grau- und blauweiße Stücke erhalten. Körperlich unterscheidet sie sich von der Hausmaus und auch von der chinesischen Klettermaus durch

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geringere Größe und ihren langgestreckten Kopf. Was sie aber besonders auszeichnet, das ist die angeborene Gewohnheit, mit rasender Schnelligkeit in größeren und kleineren Kreisen herumzulaufen, meistens aber auf einem Flecke mit unglaublicher Geschwindigkeit herum: zuwirbeln. Häufig gesellen sich zwei, seltener drei Mäuse zu solchem Tanze, der gewöhnlich in der Dämmerung beginnt und während der Nacht von Zeit zu Zeit wieder aufgenommen wird, zusammen, meistens wird er aber einzeln aufgeführt, und die unermüdlichen Tänzer säubern durch ihre Bewegungen den Boden ihres Behälters an manchen Stellen vollständig von der dicken Schicht Sägespäne, welche ihn bedeckt. Auch beim gewöhnlichen Umherlaufen offenbart die Tanzmaus ihre lebhafte Gemütsverfassung. Sie wendet sich blitzschnell und anscheinend zwecklos hin und her und schnuppert fortwährend in der Luft herum. Ein Tierhändler, mit welchem ich mich über die Tanzmäuse unterhielt, suchte sich, wahrscheinlich Gehörtem folgend, die erbliche Kreiselsucht der Tiere auf seine Weise zu erklären. Er behauptete, die Tanzmäuse kämen aus Peru und legten ihr Nest in den gefüllten Kapseln der Baumwollstaude an, die sie durch die Kreiselbewegungen wohnlich herrichteten; man hört die Tanzmaus dem entsprechend auch als Baumwollmaus bezeichnen. Jedenfalls stammt sie aber, gleich der Klettermaus, aus Japan oder China, wenn es mir auch nicht gelungen ist, darüber sichere Auskunft zu erhalten. In Büchern und Zeitschriften habe ich nichts über die Ziermäuse der Chinesen und Japaner finden können.“

Der schlimmste aller Feinde der Hausmaus ist und bleibt die Katze. In alten Gebäuden hilft ihr die Eule treulich mit, und auf dem Lande leisten Iltis und Wiesel, Igel und Spitzmaus gute Dienste, bessere jedenfalls als Fallen aller Art.

Wald- und Brandmaus teilen die meisten Eigenschaften der Hausmaus. Erstgenannte ist, etwa mit Ausnahme der hochnordischen Gegenden, durch ganz Europa und Mittelasien verbreitet und steigt im Gebirge bis zu 2000 m über das Meer empor. Sie lebt in Wäldern, an Waldrändern, in Gärten, seltener auch in weiten, baumleeren Feldern und kommt im Winter gern in Häuser, Keller und Speisekammern, steigt aber baldmöglichst nach oben hinauf und treibt fi in Bodenkammern und unter den Dächern umher. In ihren Bewegungen ist sie mindestens ebenso gewandt wie die Hausmaus, unterscheidet sich jedoch dadurch von ihr, daß sie meist in Bogensprüngen dahinhüpft, nach Art der Springmäuse mehrere Sätze nacheinander macht und erst dann ein wenig ruht. Nach Raddes Beobachtungen scheint der Gesichtssinn nicht besonders entwickelt zu sein; denn man kann sich ihr, vorsichtig vorwärts schreitend, bis auf etwa 60 em nahen und sie ohne besondere Mühe töten. Im Freien frißt sie Kerbtiere und Würmer, selbst kleine Vögel, oder Obst, Kirschkerne, Nüsse, Eicheln, Bucheln und in der Not wohl auch die Rinde junger Bäume. Sie trägt sich ebenfalls einen Wintervorrat ein, hält aber keinen Winterschlaf und nascht bloß an trüben Tagen von ihren aufgespeicherten Schätzen. „Als wir unsere Wohnung im Bureja-Gebirge vollendet hatten“, erzählt Radde, „stellte sich die Waldmaus für den Winter in großer Anzahl bei uns ein und spielte uns manchen Streich, indem sie selbst die Tische besuchte und Unfug auf ihnen trieb. Sie vermied die gelegten, vergifteten Talgpillen und hielt sich am meisten zu den Buchweizenvorräten in unserem Speicher; auch war sie es, welche die Erbsen verschleppte und sich davon starke Vorräte anlegte. Am Tage wurde sie nie ange troffen, inder Dämmerungsstunde aber war sie sehr lebhaft und ungemein dreist.“ Auch bei uns zu Lande bringt sie im Hause oft empfindlichen Schaden und hat ganz eigene Gelüste: so dringt sie nachts in Käfige, tötet Kanarienvögel, Lerchen, Finken. Häufchen von Leckerbissen, welche sie nicht gut wegschleppen kann, bedeckt sie mit Halmen, Papierstückchen und dergleichen. Von ihrem guten Geschmacke erzählt Lenz ein hübsches Beispiel. Eine seiner Schwestern hörte abends im Keller ein eigenes, singendes Piepen, suchte mit der Laterne und

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fand eine Waldmaus, welche neben einer Flasche Malaga saß, der herankommenden Dame freundlich und ohne Scheu ins Gesicht sah und sich in ihrem Gesange dabei gar nicht stören ließ. Die junge Dame ging fort, holte Hilfe, und es wurde mit Heeresmacht in den Keller gezogen; die Maus war mit ihrem Liedchen noch nicht fertig, blieb ruhig sitzen und war sehr verwundert, als sie mit einer eisernen Zange beim Schopfe gefaßt wurde. Bei weiterer Untersuchung fand sich nun, daß die Flasche etwas auslief, und daß ringsum ein ganzer Kranz von Mäusemist lag, woraus der Schluß gezogen wurde, daß die hier als Trunkenbold verhaftete Maus schon länger ihre Gelage gefeiert haben mochte.

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