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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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war infolge der schweren Erkrankung der Lunge untersagt; Chloralhydrat, in einer Gabe von 3 g versuchsweise angewandt, bewirkte kaum einen Halbschlummer, nicht aber Bewußtlosigkeit. Nach dreistündigem erfolglosen Warten gingen wir endlich mit Gewalt ans Werk. Vier Männer sollten das Tier festhalten. Umsonst: mit Aufbietung all seiner Kräfte schleuderte der Schimpanse die Leute zur Seite und hörte nicht eher zu toben auf, bis wir die vermeintlichen Peiniger zur Thür hinausgewiesen hatten. Was durch Zwangsmittel nicht zu erreichen gewesen war, sollte jetzt zu unserem Erstaunen freiwillig gewährt werden. Wieder beruhigt durch gütliches Zureden und Liebkosungen, gestattete der Leidende ohne Widerstreben eine nochmalige Untersuchung der Halsgeschwulst und leitete auch diesmal bittenden Blickes meine Hand. Dies mußte uns ermutigen, die Operation ohne Hilfe betäubender Mittel und ohne jegliche Fessel zu wagen. Auf dem Schoße seines Pflegers sitzend, beugte der Affe den Kopf rückwärts und ließ sich willig in dieser Stellung festhalten. Die erforderlichen Schnitte waren rasch geführt; das Tier zuckte weder, noch gab es einen Laut des Schmerzes von sich. Eine Menge dünnflüssiger Eiter quoll hervor, und mit seiner Entleerung schwand die Geschwulst. Jetzt trat freiere Atmung ein, obwohl die bestehende Lungenentzündung immer noch eine Vermehrung der Atemzüge veranlaßte. Ein unverkennbarer Ausdruck der Freude und des Besserbefindens prägte sich in den Zügen des Kranken aus, und dankbar reichte er, unaufgefordert, uns beiden die Hand, beglückt umarmte er seinen Wärter. „Leider genügte die Beseitigung dieses einen Leidens nicht zur Rettung des Lebens. Die Halswunde heilte, aber die Lungenentzündung griff weiter um sich. So heldenmütig und verständig das kranke Tier sich während der wundärztlichen Behandlung gezeigt, so willig und folgsam nahm er die ihm gereichten Arzneien, so sanft und geduldig erschien er in seinen letzten Stunden. Er starb, wie ein Mensch, nicht wie ein Tier stirbt.“

Diese Schilderungen beschließe eine freundliche Mitteilung unseres Tiermalers Fr. Specht über einen Schimpansen in Nills Tiergarten zu Stuttgart. „Dieser Schimpanse“, schreibt uns Specht, „konnte förmlich lachen wie ein Mensch. Es scheint mir dieses deshalb bemerkenswert, da kein Tier die Fähigkeit besitzt, seiner Freude durch lautes Lachen Ausdruck zu geben. Es ist dieses meines Wissens noch nie in einer Beschreibung erwähnt worden. Wenn ich diesen liebenswürdigen Burschen unter den Armen faßte, in die Höhe warf und wieder auffing, so wollte seine Freude kein Ende nehmen, was er durch lautes Lachen bekundete. Ebenso wenn man ihn unter den Armen oder an den Fußsohlen kitzelte. Eines Tages brachte ich ein Stück weiße Kreide mit in den Käfig, setzte mich auf seinen Stuhl, er sofort auf meine Beine, um hier abzuwarten der Dinge, die da kommen sollten. Ich gab ihm nun die Kreide und malte, seine Hand führend, einen Marabu ꝛc. auf die Wand seines Käfigs; er ließ mich ganz ruhig gewähren und sah mit großer Aufmerksamkeit zu. Als ich seine Hand frei ließ, sprang er blitzschnell auf den Boden, stellte sich vor die Wand und schattierte die Figuren mit einer Geschwindigkeit derart ab, daß in kurzer Zeit nichts mehr davon zu sehen war — zur größten Belustigung der Zuschauer. Er hatte demnach sofort begriffen. „Gegenwärtig besitzt der Stuttgarter zoologische Garten zwei Schimpansen, welche sehr gut miteinander auskommen; dem Weibchen, welches schon früher da war, wurde ein Männchen beigesetzt. Die Kiste, in welcher sich der neue Ankömmling befand, wurde über Nacht in den geräumigen und warmen Käfig des Weibchens gestellt, um tags darauf die Vorstellung vorzunehmen. Als nun das Männchen aus seinem mit Watte ausgepolsterten Behälter heraustrat, standen sich beide, auf den Hinterfüßen stehend, einen Augenblick stumm gegenüber, um sich alsdann in die Arme zu fallen und sich herzlich und wiederholt zu küssen. Das Weibchen holte nun seine Decke herbei, breitete solche auf dem Boden aus, setzte sich

darauf und lud das Männchen durch Gebärden ein, es sich bequem zu machen. Ein reizendes Bild ist nun unter anderem, wenn dieses Paar am Tische bei der Mahlzeit sich gegenübersitzt. Beide genießen ihren Brei mit dem Löffel und ohne den geringsten Futterneid. Wenn die Trinkgefäße aufgestellt werden, hat das Weibchen die Eigenheit, den Becher des Männchens behutsam an sich heranzuziehen, trinkt daraus und stellt solchen ebenso ruhig an seinen Platz — der Mann soll eben nicht soviel trinken. Auch diese beiden Tiere bekunden ihre Freude beim Spiel durch herzliches Lachen.“

Von den afrikanischen Menschenaffen unterscheidet sich der wichtigste asiatische, welcher Orang-Utan (Waldmensch), fälschlich Orang-Utang, auf Borneo aber Meias oder

Majas genannt wird (Pithecus satyrus, Simia satyrus), durch die bedeutend längeren Arme, welche bis zu den Knöcheln der Füße herabreichen, und durch den kegel- oder pyramidenförmig zugespitzten Kopf mit weit vorstehender Schnauze, hat auch nur zwölf rippentragende Wirbel. Solange er jung ist, gleicht sein Schädel dem eines Menschenkindes in hohem Grade; mit dem zunehmenden Alter aber tritt das Tierische auch bei ihm derartig hervor, daß der Schädel nur noch entfernt an den des jungen Affen erinnert.

Der größte männliche Orang-Utan, welchen Wallace erlegte, war im Stehen 1,35 m hoch, klafterte aber mit ausgestreckten Armen 2,4 m; das Gesicht war 35 em breit; der Umfang des Leibes betrug 1,15 m. Der Leib, an welchem der Bauch stark hervortritt, ist an den Hüften breit, der Hals kurz und vorn faltig, weil das Tier einen großen Kehlsack besitzt, welcher aufgeblasen werden kann; die langen Gliedmaßen haben auch lange Hände und Finger. Die platten Nägel fehlen häufig den Daumen der Hinterhände. Die Lippen sind unschön, weil nicht allein gerunzelt, sondern auch stark angeschwollen und aufgetrieben; die Nase ist ganz flach gedrückt, und die Nasenscheidewand verlängert sich über die Nasenflügel hinaus; Augen und Ohren sind klein, aber denen des Menschen ähnlich gebildet. In dem furchtbaren Gebisse treten die Eckzähne stark hervor; der Unterkiefer ist länger als der Oberkiefer. Die Behaarung ist spärlich auf dem Rücken und sehr dünn auf der Brust, um jo länger und reichlicher aber an den Seiten des Leibes, wo fie lang herabfällt. Im Gesichte entwickelt sie sich bartähnlich; auf den Oberlippen und am Kinne, am Schädel und auf den Unterarmen ist sie aufwärts, sonst abwärts gerichtet. Gesicht und Handflächen sind nackt, Brust und Oberseiten der Finger fast gänzlich nackt. Gewöhnlich ist die Färbung der Haare ein dunkles Rostrot, seltener ein Braunrot, welches auf dem Rücken und auf der Brust dunkler, am Barte aber heller wird. Die nackten Teile sehen bläulich- oder schiefergrau aus. Alte Männchen unterscheiden sich von den Weibchen durch ihre bedeutende Größe, dichteres und längeres Haar, reichlicheren Bart und eigentümliche Schwielen oder Hautlappen an den Wangen, welche sich halbmondförmig von den Augen an nach den Ohren hin und zum Oberkiefer herabziehen und das Gesicht auffallend verhäßlichen. Die jüngeren Tiere sind bartlos, sonst aber reicher behaart und dunkler gefärbt.

Einige Naturforscher nehmen mit den Eingeborenen, die nach S. Müller sogar die Geschlechter verschieden benennen, mehrere Arten Orang-Utans an; andere halten die Unterschiede für solche, welche durch das Alter der Tiere bedingt werden.

Der Orang⸗Utan ist seit alter Zeit bekannt. Schon Plinius gibt an, daß es auf den indischen Bergen Satyrn gäbe, „sehr bösartige Tiere mit einem Menschengesichte, welche bald aufrecht, bald auf allen vieren gingen und wegen ihrer Schnelligkeit nur gefangen werden könnten, wenn sie alt oder krank seien“. Seine Erzählung erbt sich fort von Jahrhundert zu Jahrhundert und empfängt von jedem neuen Bearbeiter Zusätze. Man vergißt

Orang-Atan.

fast, daß man noch von Tieren redet; aus den Affen werden beinahe wilde Menschen. Übertreibungen jeder Art verwirren die ersten Angaben und entstellen die Wahrheit. Bontius, ein Arzt, welcher um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf Java lebte, spricht wieder einmal aus eigener Anschauung. Er sagt, daß er den Waldmenschen einigemal gesehen habe und zwar ebensowohl Männer als Weiber. Sie gingen öfters aufrecht und gebärdeten sich ganz wie andere Menschen. Bewunderungswürdig wäre ein Weibchen gewesen. Es habe sich geschämt, wenn es unbekannte Menschen betrachtet hätten, und nicht nur das Gesicht, sondern auch seine Blöße mit den Händen bedeckt; es habe geseufzt, Thränen vergossen und

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Orang-Utan.

alle menschlichen Handlungen so ausgeübt, daß ihm nur die Sprache gefehlt habe, um wie ein Mensch zu sein. Die Javaner behaupten, daß die Affen wohl reden könnten, wenn sie nur wollten, es jedoch nicht thäten, weil fie fürchteten, arbeiten zu müssen. Daß die Waldmenschen aus der Vermischung von Affen und indianischen Weibern entständen, sei ganz sicher. Schouten bereichert diese Erzählung durch einige Entführungsgeschichten, in denen Waldmenschen der angreifende, malayische Mädchen aber der leidende Teil sind. Es versteht sich fast von selbst, daß die Orang-Utans nach allen diesen Erzählungen aufrecht auf den Hinterfüßen gehen, obwohl hinzugefügt wird, „daß sie auch auf allen vier Beinen laufen könnten“. Eigentlich sind die Reisebeschreiber an den Übertreibungen, welche sie auftischen, unschuldig; denn sie geben bloß die Erzählungen der Eingeborenen wieder. Diese wußten sich natürlich die Teilnahme der Europäer für unsere Affen zu nutze zu machen, weil sie ihnen solche verkaufen wollten und deshalb ihre Ware nach Kräften priesen, — nicht mehr und nicht minder, als es Tierschausteller bei uns zu Lande auch heute noch thun.

Orang-Utan.

Dank den trefflichen Forschungen Wallaces sind wir über das Freileben des Orang— Utans genauer unterrichtet als über das jedes anderen Menschenaffen. Der genannte Reisende hatte die beste Gelegenheit, das Tier kennen zu lernen und die Berichte der Eingeborenen mit seinen eigenen Beobachtungen zu vergleichen. Zur Ehre seiner Vorgänger, von denen mehrere, namentlich Owen, Kessel und Brooke, bemüht waren, ihre Schilderungen von Fabeln und Irrtümern zu reinigen, muß ich sagen, daß unser Gewährsmann, obgleich er nur eigene Beobachtungen wiedergibt, die Angaben jener in allem Wesentlichen bestätigt. „Man weiß“, sagt er, „daß der Orang-Utan Sumatra und Borneo bewohnt, und hat guten Grund, zu glauben, daß er auf diese beiden großen Inseln beschränkt ist. Jedoch scheint er auf der ersteren viel seltener zu sein als auf der letzteren. Hier hat er eine weite Verbreitung. Er bewohnt ausgedehnte Gegenden der Südwest-, Südost-, Nordost- und Nord-westküsten, hält sich aber ausschließlich in niedrig gelegenen und sumpfigen Wäldern auf. In Sadong findet man ihn bloß in flachen, wasserreichen, mit hohem Urwalde bedeckten Gegenden. Über die Sümpfe erheben sich viele vereinzelt stehende Berge, welche zum Teile von Dajaken bewohnt werden und mit Fruchtbäumen bebaut worden sind. Sie bilden für den Meias einen Anziehungspunkt; denn er besucht sie ihrer Früchte halber, obwohl er sich des Nachts stets in den Sumpfwald zurückzieht. In allen Gegenden, wo der Boden sich etwas erhebt und trocken ist, wohnt der Orang-Utan nicht. So kommt er beispielsweise in den tieferen Thälern des Sadonggebietes häufig vor, fehlt dagegen jenseits der Grenze, innerhalb welcher Ebbe und Flut bemerkbar sind. Der untere Teil des Sarawakthales nun ist sumpfig, jedoch nicht überall mit hohem Walde bedeckt, sondern meist von der Ripapalme bestanden, und nahe der Stadt Sarawak wird das Land trocken und hügelig und ist in Besitz genommen von kleinen Strecken Urwald mit Dschangeln. Eine große Fläche ununterbrochenen und gleichmäßig hohen Urwaldes ist für das Wohlbefinden unseres Affen Bedingung. Solche Wälder bilden für ihn ein offenes Land, in welchem er sich nach jeder Richtung hin bewegen kann, mit derselben Leichtigkeit, wie der Indianer durch die Steppe und der Araber durch die Wüste zieht. Er geht von einem Baumwipfel zum anderen, ohne jemals auf den Boden hinabzusteigen. Die hohen und trockenen Gegenden, welche mehr durch Lichtungen und später auf diesen wachsende, niedere Dschangeln bedeckt sind, eignen sich wohl für Menschen, nicht aber für die eigentümliche Art der Bewegung unseres Tieres, welches hier auch vielen Gefahren ausgesetzt sein würde. Wahrscheinlich finden sich außerdem in seinem Gebiete auch Früchte in größerer Mannigfaltigkeit, indem die kleinen inselartigen Berge als Gärten oder Anpflanzungen dienen, so daß inmitten der sumpfigen Ebene die Bäume des Hochlandes gedeihen können. „Es ist ein seltsamer und fesselnder Anblick, einen Meias gemächlich seinen Weg durch den Wald nehmen zu sehen. Er geht umsichtig einen der größeren Aste entlang in halb aufrechter Stellung, zu welcher ihn die bedeutende Länge feiner Arme und die verhältnismäßige Kürze seiner Beine nötigen, und zwar bewegt er sich wie seine Verwandten, indem er auf den Knöcheln, nicht wie wir auf den Sohlen geht. Stets scheint er solche Bäume zu wählen, deren Aste mit denen des nächststehenden verflochten sind, streckt, wenn er nahe ist, seine langen Arme aus, faßt die betreffenden Zweige mit beiden Händen, scheint ihre Stärke zu prüfen und schwingt sich dann bedächtig hinüber auf den nächsten Ast, auf welchem er wie vorher weiter geht. Nie hüpft oder springt er, niemals scheint er auch nur zu eilen, und doch kommt er fast ebenso schnell fort, wie jemand unter ihm durch den Wald laufen kann.“ — An einer anderen Stelle meint Wallace, daß er im Laufe einer Stunde bequem eine Entfernung von 5—6 englischen Meilen zurücklegen könne. „Die langen mächtigen Arme sind für ihn von größtem Nutzen; sie befähigen ihn, mit Leichtigkeit die höchsten Bäume

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