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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

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dem Zuhören der Liebeslieder gewidmet; die Zwischenzeit füllt die Sorge um das liebe Brot aus. Zu ihr gesellt sich bald die um die Wiege der Kinder. Das Nest wird nunmehr in Angriff genommen und rasch vollendet. Es ist kein Kunstbau, um den es sich handelt. Ein Haufe dürres Laub, namentlich Eichenlaub, bildet die Grundlage, trockene Halme und Stengel, Schilf und Rohrblätter stellen die Mulde her, welche mit feinen Würzelchen oder Hälmchen und Rispen, auch wohl mit Pferdehaaren und Pflanzenwolle ausgekleidet wird. Ausnahmsweise verwendet die Nachtigall zum Unterbaue starke Reiser, zu den Wandungen Stroh. Das Nest des Sprossers unterscheidet sich, nach Päßler, von dem der Nachtigall durch dickere Wandungen und reichlichere Ausfütterung von Tierhaaren. Das eine wie das andere steht regelmäßig auf oder dicht über dem Boden, in Erdhöhlungen, zwischen jungen Schößlingen eines gefällten Baumes oder an der Seite eines Baumstrunkes, im Gestrüppe, in einem Grasbusche. Ausnahmen hiervon sind auch beobachtet worden: eine Nachtigall baute, wie Naumann erzählt, in einen Haufen dürres Laub, welcher im Inneren eines Gartenhäuschens lag; eine andere, nach Dubois, auf das Nest eines Zaunkönigs, welches etwa 155 m über dem Boden auf einem Tannenaste stand. Die 4—6 Eier, welche das Weibchen legt, sind bei der Nachtigall 21, beim Sprosser 23 mm lang, bei jener 15, bei diesem 16 mm dick, übrigens einander sehr ähnlich, zart- und glattschalig, mattglänzend und grünlich braungrau von Farbe, in der Regel einfarbig, zuweilen dunkler gewölkt. Sobald das Gelege vollzählig ist und das Brüten beginnt, ändert das Männchen sein Betragen. Die Brut beansprucht auch seine Thätigkeit; es muß das Weibchen wenigstens auf einige Stunden, gegen Mittag, im Brüten ablösen und findet schon um deshalb weniger Zeit zum Singen. Noch schlägt es, der Gattin und sich selbst zur Freude, aber fast nur am Tage, kaum mehr des Nachts. Das Nest bewacht es sorgsam, die Gattin hält es zu eifrigem Brüten an: ein Sprosser, dessen Weibchen Päßler vom Neste jagte, unterbrach sofort seinen Gesang, stürzte sich nach der Gattin hin und führte sie „mit Zornesrufen und Schnabelbissen zur Pflicht der Häuslichkeit zurück“. Nahenden Feinden gegenüber zeigen sich die um die Brut besorgten Nachtigallen sehr ängstlich, aber auch wieder mutig, indem sie rührende und gefährliche Aufopferung bethätigen. Die Jungen werden mit allerlei Gewürm groß gefüttert, wachsen rasch heran, verlassen das Nest schon, „wenn sie kaum von einem Zweige zum anderen flattern können“, und bleiben bis gegen die Mauser hin in Gesellschaft ihrer Eltern. Diese schreiten nur dann zu einer zweiten Brut, wenn man ihnen die Eier raubte. Ihre Zärtlichkeit gegen die Brut erleidet keinen Abbruch, wenn man die Jungen vor dem Flüggewerden dem Neste entnimmt, in ein Gebauer steckt und dieses in der Nähe des Nestortes aufhängt; denn die treuen Eltern füttern auch dann ihre Kinder, als ob sie noch im Neste säßen. Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in die Welt beginnen die jungen Männchen ihre Kehle zu proben: sie „dichten“ oder versuchen zu singen. Dieses Dichten hat mit dem Schlage ihres Vaters keine Ahnlichkeit; der Lehrmeister schweigt aber auch bereits, wenn seine Sprößlinge mit ihrem Stammeln beginnen; denn bekanntlich endet schon um Johanni der Nachtigallenschlag. Noch im nächsten Frühlinge lernen die jugendlichen Sänger. Anfangs sind ihre Lieder leise und stümperhaft; aber die erwachende Liebe bringt ihnen volles Verständnis der herrlichen Kunst, in welcher sie später Meisterschaft erreichen. Im Juli wechseln die Nachtigallen ihr Kleid, nach der Mauser zerstreuen sich die Familien; im September begibt sich alt und jung auf die Wanderschaft, gewöhnlich wiederum zu Familien, unter Umständen auch zu Gesellschaften vereinigt. Sie reisen rasch und weit, machen sich aber in der Fremde wenig bemerklich. Ich habe sie einzeln in den Waldungen des östlichen Sudan angetroffen. — 2* * und der späte Abend werden jetzt von dem Männchen dem Gesange und von dem Weibchen

Der vielen Feinde halber, welche den Nachtigallen, und zumal ihrer Brut, nachstellen, thut der vernünftige Mensch nur seine Schuldigkeit, wenn er den edlen Sängern Plätze schafft, auf denen sie möglichst geschützt leben können. In größeren Gärten soll man, wie der hochverdiente Lenz rät, dichte Hecken pflanzen, aus Stachelbeerbüschen bestehende zum Beispiel, und alles Laub, welches im Herbste abfällt, dort liegen lassen. Derartige Plätze werden bald aufgesucht, weil sie allen Anforderungen entsprechen. Das dichte Gestrüpp schützt, das Laub wird zum Sammelplatze von Würmern und Kerfen und verrät raschelnd den sich nahenden Feind. Von vielen Kennern wird auch die Amsel als ein mittelbarer oder unmittelbarer Feind der Nachtigall wie anderer Sänger betrachtet, dessen Einzug in Gärten und Parks jene verdränge. Indessen ist dieser Meinung auch vielfach widersprochen worden, und Liebe hat nachgewiesen, daß, wenigstens in Thüringen, die Nachtigall gewisse Gegenden schon viele Jahre verlassen hatte, bevor die Amsel anfing, als Park- und Gartenvogel einzuziehen. Das Auftreten dieser kann mithin nicht überall als die Ursache des Wegbleibens jener angesehen werden, um so weniger, als beide Vögel an anderen Orten einträchtig nebeneinander hausen. Noch mehr als vor vierbeinigen und geflügelten Räubern hat man die Nachtigallen vor nichtsnutzigen Menschen, insbesondere gewerbsmäßigen Fängern, zu wahren und diesen das Handwerk zu legen, wo und wie man immer vermag. So klug die unvergleichlichen Sänger sind, so wenig scheuen sie sich vor Fallen, Schlingen und Netzen; auch durch das einfachste Fangwerkzeug sind sie zu berücken. Alte Nachtigallen, welche eingefangen werden, wenn sie sich schon gepaart haben, sterben regelmäßig auch bei der besten Pflege, jüngere, vor der Paarung ihrer Freiheit beraubte ertragen die Gefangenschaft nur dann, wenn ihnen die sorgsamste Wartung zu teil wird. Wer schlagende Nachtigallen in seinem Garten, von seinem Fenster aus hören kann, braucht sie nicht im Käfige zu halten; wer dagegen durch seinen Beruf an das beengende Zimmer gebannt ist, wer keine Zeit oder keine Kraft hat, die herrliche Sängerin draußen unter freiem Himmel zu hören, und die rechte Liebe in sich fühlt, mag unbeanstandet nach wie vor seine Nachtigall pflegen. Als nächste Verwandte der Nachtigallen betrachtet man die Blaukehlchen (Cyanecula). Ihr Leib ist schlank, der Schnabel gestreckt, vor den Nasenlöchern etwas zusammengedrückt, daher hochrückig, vorn pfriemenspitzig, der Fuß hoch und dünn, der Fittich kurz und ziemlich stumpf, in ihm die dritte und vierte Schwinge gleichlang, der Schwanz mittellang, das Gefieder locker, seine Färbung verschieden nach Geschlecht und Alter. Bei den Männchen der Blaukehlchen ist die Oberseite tief erdbraun, die Unterseite schmutzigweiß, seitlich und hinterwärts graubraun überlaufen, die Kehle aber prachtvoll lasurblau, mit oder ohne andersfarbigem Sterne, nach unten hin in eine schwarze Binde übergehend, welche durch ein schmales, lichtes Bändchen von einem halbmondförmigen Brustflecken geschieden wird, ein Streifen über dem Auge, welcher auf der Stirn zusammenfließt, weißlich, der Zügel schwärzlich; die Schwingen sind braungrau, die Schwanzfedern, mit Ausnahme der mittleren, gleichmäßig schwarzbraun, von der Wurzel an bis zur Hälfte lebhaft rostrot, gegen die Spitze hin dunkelbraun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß auf seiner Vorderseite grünlich-, auf der Hinterseite gelblichgrau. Bei den Weibchen sind alle Farben blässer, und die Kehlfärbung ist höchstens angedeutet. Die Jungen sind oben auf dunklem Grunde tropfenartig rostgelb gefleckt, unten längsgestrichelt; ihre Kehle ist weißlich. Die Länge beträgt ungefähr 15, die Breite 22, die Fittichlänge 7, die Schwanzlänge 6 em. Die verschiedenen Arten sind hauptsächlich an der Kehlfärbung zu erkennen. So zeigt das

Männchen des Tundra-Blaukehlchens (Erithacus sueeicus, Cyanecula suecica,

Blaukehlchen: Verbreitung. Zug.

orientalis, suecioides, coerulecula, dichrosterna und cyanea, Motacilla suecica und coerulecula, Sylvia suecica, cyanea und coeruligula, Calliope suecioides, Saxicola. Ficedula, Curruca, Phoenicura, Pandicilla, Ruticilla und Lusciola suecica) inmitten des blauen Kehlfeldes einen zimtroten, das Weißsternblaukehlchen (Erithacus cyaneculus, Cyanecula leucocyana, obscura und wolfii) einen weißen Stern, der aber sehr alten Stücken fehlt. Das Weißsternblaukehlchen ist das größte und stärkste. Die Weibchen entsprechen stets den Männchen; es hält aber schwer, sie zu unterscheiden, zumal alte Weibchen den Männchen gleichen. Leben und Betragen beider Arten sind im wesentlichen dieselben. G. Mützel X. I. v. K. Jahrmargt.

Tundrablaukehlchen (Erithacus suecicus) und Kalliope (Erithacus calliope). ⅔ natürl. Größe.

Die Blaukehlchen sind heimisch im Norden der Alten Welt und besuchen von hier aus Südasien und Nordafrika. Das Tundrablaukehlchen haust innerhalb der angegebenen Grenzen mit Vorliebe, falls nicht ausschließlich, in dem Wohngebiete, welches ich zur Bezeichnung seines Namens gewählt habe, brütet daher nicht in Deutschland, wohl aber äußerst zahlreich im nördlichen Skandinavien, in Nordfinnland, Nordrußland und ganz Nordsibirien. Das Weißsternblaukehlchen dagegen gehört mehr dem Süden und dem Westen an, brütet, soviel erwiesen, nicht in den ebengenannten Gegenden, wohl aber in ganz Norddeutschland, insbesondere in Pommern, der Mark, Sachsen, Anhalt, Braunschweig, Mecklenburg und Hannover, ebenso in Holland. Auf ihrem Zuge durchwandern beide Arten ganz Deutschland und ebenso Südeuropa, Nord⸗ und Mittelafrika, die ihr so ausgedehntes Wohngebiet verlassenden Tundrablaukehlchen selbstverständlich auch Mittel⸗ und Südasien, hierbei Brehm, Tierleben. 3. Auslage. IV. 4

erwiesenermaßen Gebirge von 5000 muübersteigend, um in Indien und anderen südasiatischen Ländern Herberge zu nehmen. Bei uns zu Lande erscheinen die Blaukehlchen im Anfange des April, selten früher, meist erst gegen die Mitte des Monates hin, und reisen im September ihrer Winterherberge zu. Busch- und gras- oder schilfreiche Fluß-, Bach- und Seeufer sind in unserem Vaterlande, die Tundren im Norden ihre Wohnsitze; während der Wintermonate nehmen sie in Gärten und Buschdickichten, auf Feldern, auf hochgrasigen Wiesen, in schilfreichen, nicht allzu wasserreichen Sümpfen und an ähnlichen Orten ihren Aufenthalt. Sie dehnen ihre Wanderung nicht so weit aus wie andere Sänger, überwintern schon in Unter- und Mittelägypten oder in Mittelchina und in Nordindien, streifen aber einzeln doch bis in die südlichen Tiefebenen Ostindiens oder bis in die Waldungen des oberen Nilgebietes hinab. Auf ihrer Reise pflegen sie bestimmte Straßen, z. B. Fluß⸗ und Bachthäler, einzuhalten und hier an gewissen Stellen regelmäßig zu rasten. Während des Frühlingszuges wandern die Männchen einzeln den Weibchen voraus, im Herbste zieht alt und jung gesellschaftlich; im Frühlinge folgen die Reisenden ausschließlich den Bach- oder Flußufern, im Herbste binden sie sich nicht an diese natürlichen Straßen, sondern wandern gerade durch das Land, am Tage in Feldern rastend, deren Frucht noch nicht eingeheimst wurde, kommen dann auch wohl vereinzelt mitten in der Wüste vor. Für den Sommeraufenthalt des Blaukehlchens sind feuchte Buschdickichte nahe am Wasser Bedingung. Deshalb meidet das Weißsternblaukehlchen in Deutschland während der Brutzeit Gebirge fast gänzlich, wogegen das Tundrablaukehlchen im Norden zwischen der Tiefe und Höhe keinen Unterschied macht, in Skandinavien sogar Höhen vorzieht, weil hier auf den breiten Fjelds der Berge See an See, oder mindestens Pfuhl an Pfuhl, durch Hunderte von kleinen Bächen verbunden und wie diese mit niederem Gestrüppe eingefaßt und umgeben, sich finden. Solche Ortlichkeiten sind Paradiese für unsere Vögel, und ihnen müssen diejenigen Niederungen Deutschlands ähneln, in denen es dem Weißsternblaukehlchen gefallen, in denen das nach Vermehrung seines Geschlechtes strebende Paar sich ansiedeln soll. Das Blaukehlchen, gleichviel, um welche Art es sich handelt, ist ein liebenswürdiger Vogel, welcher sich jeden Beobachter zum Freunde gewinnt. Nicht seine Schönheit allein, auch, und wohl noch in höherem Grade, sein Betragen, seine Sitten und Gewohnheiten ziehen uns an und fesseln uns. Wie bei den meisten Erdsängern ist beim Blaukehlchen leibliche und geistige Begabung in glücklichster Weise vereinigt. Die größte Gewandtheit der Bewegung zeigt es auf dem Boden: es ist der Erdsänger im eigentlichen Sinne des Wortes. Sein Gang ist kein Schreiten, sondern ein Hüpfen; die einzelnen Sprünge folgen sich aber so rasch, daß man sie nicht unterscheiden kann und im laufenden Blaukehlchen eher einen Rennvogel als einen Sänger zu sehen glaubt. Dabei ist es ihm gleichgültig, ob es sein Weg über trockenen oder schlammigen Boden, über freie Stellen oder durch das verworrenste Busch- und Grasdickicht führt; denn es versteht meisterhaft, überall fortzukommen. Im Gezweige selbst fliegt es höchstens von einem Aste zum anderen und bleibt da, wo es aufflog, ruhig sitzen. Auf dem Boden sitzend oder laufend, macht es einen sehr angenehmen Eindruck. Es trägt sich aufrecht und den Schwanz gestelzt, sieht deshalb selbstbewußt, ja keck aus. Der Flug ist schnell, aber nicht besonders rasch, geschieht in größeren oder kleineren Bogen, wird aber selten weit ausgedehnt. Gewöhnlich erhebt sich der Vogel nur 1—2 m über den Boden und stürzt sich beim ersten Verstecke, welches er auffindet, wieder zu ihm hernieder, um seinen Weg laufend fortzusetzen. Die Sinne stehen mit denen der Nachtigall ungefähr auf gleicher Stufe, der Verstand auf gleicher Höhe. Das Blaukehlchen ist klug und merkt bald, ob ihm ein anderes Wesen in freundlicher oder wohlwollender Absicht entgegentritt. Gewöhnlich zeigt es sich harmlos, dem Menschen gegenüber zutraulich; erfährt es jedoch Nachstellungen, so wird es bald äußerst vorsichtig und scheu. Ungestört,

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