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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Ahnliches wird von einer schwedischen Tierfreundin, Katharine Bedoire, erzählt: „Bei Gysinge kaufte mein Mann im Jahre 1837 drei junge Wölfe, welche eben das Vermögen, zu sehen, erhalten hatten. Ich wünschte, diese kleinen Geschöpfe einige Zeit behalten zu dürfen. Sie blieben ungefähr einen Monat bei einander und hatten während dieser Zeit

ihre Wohnung in einer Gartenlaube. Sobald sie mich im Hofe rufen hörten: „Ihr Hündchen!“ kamen sie mit Gebärden von Freude und Zuthulichkeit, die zum Verwundern waren. Nachdem ich sie gestreichelt und ihnen Futter gegeben hatte, kehrten sie wieder in den Garten zurück. Nach Verlauf eines Monats wurde das eine Männchen an den Gutsbesitzer von Uhr und das Weibchen an den Gutsbesitzer Thore Petree verschenkt. Da dasjenige, welches wir selbst behielten, nun einsam und verlassen war, nahm es seine Zuflucht zu den Leuten des Gehöftes; meistens jedoch folgte es mir und meinem Gatten. Sonderbar war es, wie dieser Wolf zutraulich wurde, daß er sich, sobald wir zusammen ausgingen, neben uns legte, wo wir ruheten, aber nicht duldete, daß irgend jemand sich uns auf mehr als 20 Schritt nahete. Kam jemand näher, so knurrte er und wies die Zähne. Sowie ich nun auf ihn schalt, leckte er mir die Hände, behielt aber die Augen auf die Person gerichtet, welche sich uns nähern wollte. Er ging in den Zimmern und in der Küche umher wie ein Hund, war den Kindern sehr zugethan, wollte sie lecken und mit ihnen spielen. Dies dauerte fort, bis er 5 Monate alt und bereits groß und stark war, und mein Mann beschloß, ihn anzubinden, aus Furcht, daß er bei seinem Spielen mit den Kindern dieselben mit seinen scharfen Klauen ritzen oder sie einmal blutend finden und dann Lust bekommen könnte, schlimmer mit ihnen zu verfahren. Indes ging er auch nachher noch oftmals mit mir, wenn ich einen Spaziergang machte. Er hatte seine Hütte bei der Eisenniederlage, und sobald im Winter Kohlenbauern kamen, kletterte er auf die Steinmauern hinauf, wedelte mit dem Schwanze und schrie laut, bis sie herzukamen und ihn streichelten. Hierbei war er jederzeit angelegentlich beschäftigt, ihre Taschen zu untersuchen, ob sie etwas bei sich hätten, was zum Fressen taugte. Die Bauern wurden dies so gewohnt, daß sie sich damit beschäftigten, Brotbissen bloß zu dem Zwecke in ihre Rocktaschen zu stecken, um sie den Wolf darin suchen zu lassen. Dies verstand er denn auch recht gut, und er verzehrte alles, was man ihm gab. Außerdem fraß er täglich drei Eimer Futter. Bemerkenswert war es auch, daß unsere Hunde anfingen, mit ihm aus dem Eimer zu fressen; kam aber irgend ein fremdes Tier und wollte die Speise mit ihm teilen, so wurde er wie unsinnig vor Zorn. Jedesmal, wenn er mich im Hofe zu sehen bekam, trieb er ein arges Wesen, und sobald ich zur Hütte kam, richtete er sich auf die Hinterläufe empor, legte die Vorderpfoten auf meine Schultern und wollte mich in seiner Freude belecken. Sowie ich wieder von ihm ging, heulte er vor Leidwesen darüber. Wir hatten ihn ein Jahr lang; da er aber, als er ausgewachsen war, des Nachts arg heulte, so beschloß Bedoire, ihn totschießen zu lassen. — Mit dem Wolfe, welchen der Gutsbesitzer von Uhr erhielt, ereignete sich der merkwürdige Umstand, daß er mit einem der Jagdhunde seines Besitzers in derselben Hütte zusammen wohnte. Der Hund lag jede Nacht bei ihm, und sobald er Fleisch zu fressen bekam, vermochte er es niemals über sich, es ganz allein aufzuzehren, sondern trug es in die Hütte zum Wolfe, welcher ihm dabei allezeit mit freundlicher Gebärde entgegenkam. Nicht selten geschah es, daß auch der Wolf seinen Freund auf dieselbe Weise belohnte.“

Ich habe diese Geschichten ausführlich mitgeteilt, weil mir Wölfe, welche ich gepflegt und beobachtet, Belege für die Wahrheit jener Mitteilungen gegeben haben. Ein Wolf im Breslauer Tiergarten war ebenso zahm wie mancher Hund, begrüßte meinen Berufsgenossen Schlegel auf das freundlichste, sobald er ihn sah, leckte ihm die Hände, welche sein Gebieter ihm ohne Scheu durch das Gitter streckte, und benahm sich auch anderen Bekannten gegenüber stets artig und liebenswürdig; sein Käfiggenosse dagegen lebte mit Schlegel in einem absonderlichen Verhältnis, streckte auf Verlangen seinen Schwanz durch das Gitter, knurrte und zürnte jedoch, sobald dieser berührt wurde, und klappte das Gebiß laut hörbar zusammen, ohne damit übrigens den Eindruck eines Terzerolschusses hervorzubringen, wie der gefühlsüberschwengliche Masius gutmütigen Lesern glauben machen will. Aller Zorn

gedachten Wolfes war aber nichts anderes als Schein und Heuchelei. Denn wütend fiel der sonderbare Gesell über seinen Gefährten her, wenn Schlegel, scheinbar entrüstet über das unwirsche Gebaren, jenem schmeichelte und ihn ferner nicht berücksichtigte, und wahrhaft zudringlich streckte ernunmehr die Lunte zwischen den Eisenstäben hindurch, um sich bemerf-lich zu machen. Er will beachtet sein, selbst eine Neckerei ertragen, nur nicht vernachlässigt werden. So viel läßt sich nicht bezweifeln: der Wolf ist der Erziehung fähig und der Zähmung, d. h. des Umgangs mit vorurteilsfreien Menschen, nicht unwürdig. Wer mit ihm zu verkehren versteht, kann aus ihm ein Tier bilden, welches dem Haushunde im wesentlichen ähnelt. Ein freies Tier muß aber freilich anders behandelt werden als ein seit undenklichen Zeiten unter Botmäßigkeit des Menschen stehendes Geschöpf. „Wiewol der Wolff“, sagt der alte Gesner, „nit umsonst, und nit ohne gar keine Nutzbarkeit gefangen und getödet wird, so ist doch der Schad, den er bey seinem Leben Menschen und Vieh anthut, viel grösser, weßwegen jm, so bald man ihn spühret, ohne Verzug, von männiglichen nachgestellt wird, biß er entweder mit gewissen Instrumenten, oder Gruben, Gifft und Aas, oder mit Wolffsfallen, Angeln, Stricken, Garnen und Hunden, Geschoß und dergleichen gefangen und getödtet werde.“ Kürzer und bündiger kann man den Vernich— s tungskrieg, welcher gegen Isegrim geführt wird und von jeher geführt wurde, nicht darstellen. „Wolffen und Beeren, an den brichet nyemand keynen Frid“, so lautet das Gesetz Karls des Großen, deutsch übersetzt in der zu Straßburg 1507 erschienenen Ausgabe des „Sachsenspiegels“. Wer einen zahmen Wolf oder Hirsch oder Bären oder einen bissigen Hund hielt, mußte nach demselben Gesetze den Schaden, welchen ein solches Tier anrichtete, bezahlen: „Wer behaltet einen anfelligen Hund oder einen czamen Wolff oder Hirß, oder Beeren, wa sig icht schaden thund, das soll der gelten (bezahlen), des sy seind.“

Zur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel, Pulver und Blei ebensogut wie das tückisch gestellte Gift, die verräterische Schlinge und Falle, der Knüppel und jede andere Waffe. Die meisten Wölfe werden wohl mit Strychnin getötet. Wenn im Winter die Nahrung zu mangeln beginnt, bereitet man ein getötetes Schaf zu und legt es aus. Das Tier wird abgestreift und das Gift in kleinen Mengen überall in das aufgeschnittene Fleisch eingestreut. Dann zieht man die Haut wieder darüber und wirft den Köder auf den bekannten Wechselstellen der Wölfe aus. Kein Wolf frißt sich an einem derartig vergifteten Tiere satt, weil er sehr bald die Wirkung des Giftes verspürt und ihr erliegt. Diese Vertilgungsart ist wohl die ergiebigste. Vorteilhaft sind auch die Fallgruben, etwa 3 m tiefe Löcher von ungefähr 2,5 m Durchmesser. Man überdeckt sie mit einem leichten Dache aus schmalen, biegsamen Zweigen, Moos und dergleichen und bindet in ihrer Mitte einen Köder an. Damit der Wolf nicht Zeit habe, vorher lange Untersuchungen zu machen und ein des Weges kommender Mensch gesichert sei, wird die Grube mit einem hohen Zaune umgeben, über welchen jener, um zur Beute zu gelangen, mit einem Satze wegspringen muß.

In volkreichen Gegenden bietet man die Mannschaft zu großartigen Treibjagden auf. Die Auffindung einer Wolfsspur war und ist das Zeichen zum Aufbruch ganzer Gemeinden. Die Schweizer Chronik erzählt: „Sobald man einen Wolf gewahr wird, schlecht man Sturm über ihn, alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umgebracht oder vertrieben ist.“ Jeder waffenfähige Mann war verpflichtet und übte gern diese Pflicht, an der Wolfsjagd teilzunehmen. In den größeren Förstereien Polens, Posens, Ostpreußens, Litauens ꝛc. hat man eigens zur Wolfsjagd breite Schneisen durch den Wald gehauen und diesen dadurch in kleinere Vierecke abgeteilt. Die drei Seiten eines solchen Vierecks, welche unter dem Winde liegen, werden, sobald Wölfe gespürt worden sind, mit Schützen bestellt und auf der anderen Seite die Treiber hineingeschickt. Gewöhnlich erscheint der Wolf schon nach dem ersten Lärm äußerst vorsichtig, meist langsam trabend, an der Schützenlinie, wo

ihm ein schlimmer Empfang bereitet wird. Bei solchen Jagden gebrauchen bloß die ausgezeichnetsten Schützen die Kugel, die meisten anderen Jäger laden ihre Doppelgewehre mit grobem Schrote oder Posten. Ich habe in Kroatien einer Wolfsjagd beigewohnt und muß sagen, daß das Schauspiel viel großartiger war als der Erfolg. Man hatte die Mannschaft von mehreren Ortschaften aufgeboten und in einem Dorfe unweit des zu bejagenden Waldes versammelt. Mehrere hundert Treiber waren erschienen und zogen nun in geordneten Haufen, geleitet und beaufsichtigt durch die Waldhüter unseres Jagdherrn, einem in der Ebene gelegenen Walde zu. Dort wurde, ganz wie bei unserem Fuchstreiben, eine Kette gebildet, nur daß sie sich fast eine halbe Meile weit ausdehnte. Auf dem Wege, längs dessen unsere Schützenlinie sich hinzog, verkehrten Bauern nach wie vor, und aus dem Walde tönten uns die Schläge der Holzfäller entgegen. Drei Schüsse gaben das Zeichen zum Beginne des Treibens, und sogleich erhob sich der Lärm: erst dumpf und verhallend, dann deutlicher und endlich vollkommen klar vernehmlich; die Treiber kamen heran, rufend, schreiend, jauchzend, heulend, auf Pfeifen blasend und die Trommeln rührend. Letztere verliehen dem Ganzen einen eigentümlichen Reiz. Die taktmäßigen Schläge der Trommel, welche der Wolf mehr fürchten soll als alles Schreien, belebten die Jagd in außerordentlicher Weise: es war, als ob ein Regiment zum Sturme heranrückte. Da warnte eine Amsel, für mich verständlich genug. Jetzt mußte er kommen. Und in der That vernahm ich bald darauf die Schritte eines größeren Tieres, welches gerade auf mich loszugehen schien. Lange harrte ich vergebens, nur ein Fuchs erschien: der Wolf war zurückgegangen und kam erst später einem tüchtigen Schützen vor das Rohr. Drei andere Wölfe hatten die Treiberlinie gesprengt, ein vierter war angeschossen worden. Dem erlegten band man die Läufe mittels Weidenruten zusammen, hing ihn an einer Stange auf und trug ihn im Triumphe nach dem Dorfe.

In ganz anderer Weise jagen die Bewohner der russischen Steppen. Ihnen erscheint das Gewehr geradezu als Nebensache. Der aufgetriebene Wolf wird von den berittenen Jägern so lange verfolgt, bis er nicht mehr laufen kann, und dann totgeschlagen. Schon nach einer Jagd von ein paar Stunden versagen ihm die Kräfte; mit eingeknickten Hinterläufen macht er Kehrt gegen die Verfolger. Diese aber, welche ihren Gegner genau kennen, steigen vom Pferde und schlagen ihn entweder tot oder schieben ihm einen Lappen, einen alten Hut in den Rachen und packen ihn am Genicke, knebeln ihn und nehmen ihn mit sich nach Hause. So berichtet Hamm, welcher die Steppen Rußlands mehrfach durchreiste. Kohl erzählt, daß die Pferdehirten eine außerordentliche Geschicklichkeit in der Wolfsjagd besitzen. Ihre ganze Waffe besteht aus einem Stocke mit eisernem Knopfe. Diesen werfen sie dem gejagten Wolfe, selbst wenn ihr Pferd im schnellsten Laufe begriffen ist, mit solcher Kraft und Geschicklichkeit auf den Pelz, daß der Feind regelmäßig schwer getroffen niedersinkt.

In eigentümlicher Weise jagen die Lappen. Während des Sommers und auch mitten im Winter sind ihre Renntiere den Angriffen des Räubers preisgegeben, ohne daß sie viel dagegen thun könnten. Die meisten besitzen zwar das Feuergewehr und wissen es auch recht gut zu gebrauchen; allein die Jagd mit diesem ist bei weitem nicht so erfolgreich als eine andere, welche sie ausüben. Sobald nämlich der erste Schnee gefallen ist und noch nicht jene feste Kruste erhalten hat, welche er im Winter regelmäßig bekommt, machen sich die Männer zur Wolfsjagd auf. Ihre einzige Waffe besteht in einem langen Stocke, an welchem oben ein scharfschneidiges Messer angefügt wurde, so daß der Stock hierdurch zu einem Speere umgewandelt wird. An die Füße schnallen sie sich die langen Schneeschuhe, welche ihnen ein sehr schnelles Fortkommen ermöglichen. Jetzt suchen sie den Wolf auf und verfolgen ihn laufend. Er muß bis an den Leib im Schnee waten, ermüdet bald und kann einem Skyläufer nicht entkommen. Der Verfolger nähert sich ihm mehr und mehr, und wenn er auf eine waldlose Ebene hinausläuft, ist er verloren. Das Messer war anfänglich mit einer

Hornscheide überdeckt; diese sitzt aber so locker auf, daß ein einziger Schlag auf das Fell des Wolfes genügt, fie abzuwerfen. Nunmehr bekommt das Raubtier jo viele Stiche, als erfor: derlich sind, ihm seine Raublust für immer zu verleiden. Bei weitem die meisten Wolfsfelle, welche aus Norwegen kommen, rühren von den Lappen her und werden auf diese Weise erlangt. Im waadtländischen Jura steht die Wolfsjagd, laut Tschudi, einer bestimmten Gesellschaft zu, welche ihre Beamten, Sitzungen und Gerichtsbarkeit hat. Posaunen verkünden den Tod eines Wolfes im Dorfe; sodann folgt auf Kosten seines Pelzes ein großes Fest, und dabei wird derjenige, welcher den Befehlen des Führers zuwider gehandelt hat, mit Wassertrinken bestraft und mit strohernen Ketten gebunden. Da man nur dann Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man bereits drei glückliche Wolfsjagden mitgemacht hat, pflegen die Väter schon kleine Kinder auf dem Arme zur Wolfsjagd mitzunehmen.

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