Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Der größte Nutzen, welchen wir vom Wolfe ziehen können, besteht in Erbeutung seines Winterfelles, welches, wie bekannt, als gutes Pelzwerk vielfach angewendet wird. Die besten und größten Felle kommen, nach Lomer, aus Skandinavien, dem nördlichen Rußland, Sibirien und dem Norden Chinas und werden mit 10— 25 Mark bezahlt; die aus den übrigen Ländern des europäischen Verbreitungsgebietes stammenden Felle gelten bloß 3—8 Mark. Rußland und Sibirien liefern jährlich 20 — 25,000 Stück in den Handel. Außerdem gewähren viele Regierungen noch ein besonderes Schußgeld für den getöteten Wolf, gleichviel ob er erschossen, erschlagen, gefangen oder vergiftet worden ist. Außer dem Pelze ver: wendet man aber auch die Haut hier und da zu Handschuhen, Pauken- und Trommelfellen. Das grobe Fleisch, welches nicht einmal die Hunde fressen wollen, wird bloß von den Kalmücken und Tungusen gegessen.
In Spanien, wo das Fell, wie erklärlich, keinen großen Wert hat, macht sich der Jäger auf andere Weise bezahlt. Sobald er nämlich einen Wolf erlegt hat, ladet er ihn auf ein Maultier und zieht nun mit diesem von Dorf zu Dorf, zunächst zu den größeren Herdenbesitzern, später aber, nachdem der Wolf vielleicht bereits ausgestopft worden ist, auch von Haus zu Haus, zum größten Entzücken der lieben Jugend. Die größeren Herdenbesitzer bezahlen bedeutende Summen für einen erlegten Wolf, und somit kann es kommen, daß der Jäger, der vom Glücke begünstigt wird und seinen Vorteil auszunutzen versteht, unter Umständen eine verhältnismäßig hohe Summe einheimst.
Eher als Rohrwolf und Tschango scheint sich der über die ganze Nordhälfte Amerikas verbreitete Wechselwolf oder Falbwolf (Canis [Lupus] oceidentalis, Canis griseus, albus, rufus, ater, variabilis, gigas, nubilus, mexicanus) als eine Art herauszustellen, obschon dies noch keineswegs erwiesen ist. Das Tier soll stämmiger gebaut sein, eine dickere und stumpfere Schnauze, größeren und rundlicheren Kopf, kürzere und spitzere Ohren haben und mit dichteren, längeren und weicheren Haaren bekleidet sein als unser Wolf; alles dies aber sind Unterscheidungsmerkmale von zweifelhaftem Werte. Die Färbung des Pelzes durchläuft wie bei unserem Wolfe alle Schattierungen von Falbweiß durch Fahlrot bis zu Schwarz: ich habe deshalb den ihm vom Prinzen von Wied beigelegten Namen (variabilis) zu feiner deutschen Benennung gewählt; vielfach wird er auch Timberwolf genannt. Seine Verbreitung erstreckt sich von Mexiko an nordwärts über das Festland und benachbarte Inseln, mit Ausnahme der Königin Charlotte-Inseln im Nordwesten. Heimisch ist er ferner auf den im Norden des Festlandes gelegenen Inseln und ebenso in Westgrönland, während er in Ostgrönland zu fehlen scheint.
Der Wechselwolf ähnelt seinem östlichen Verwandten in jeder Hinsicht, bekundet dasselbe Wesen, dieselbe Kraft, Frechheit und Feigheit wie jener. Im Käfige macht er die
sonderbarsten Bewegungen und flüchtet sich gewöhnlich furchtsam in die Ecken, wagt auch nie, seinen Wärter anzugreifen. Dieses Betragen zeigt er am ersten Tage seiner Einkerkerung. Ein Landwirt, so erzählt Audubon als Augenzeuge, welcher sehr viel von diesen Strolchen auszustehen gehabt hatte, legte endlich mehrere Gruben um seine Besitzungen an. In die eine waren eines Tages drei große Wölfe gefallen, zwei schwarze und ein gefleckter. Zum nicht geringen Erstaunen aller ging der Pachter ruhig in die Grube, packte die Wölfe an den Hinterläufen, als sie zitternd auf dem Boden lagen, durchschnitt mit seinem Messer die Achillessehnen, um die Tiere an der Flucht zu hindern, und tötete sie erst dann mit größter Ruhe. Freiherr von Thielmann bezeichnet diesen Wolf ausdrücklich als vollkommen ungefährlich für den Menschen, wenigstens nach seinen Erfahrungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Mexiko.
Nach Lomer stehen die großen Felle aus Labrador am höchsten im Werte: schwarze, bläuliche und reinweiße gelten 60 — 100 Mark, gewöhnliche graue 20— 25 Mark, die aus den Gegenden der Hudsonbai stammenden werden mit 10—25 Mark bezahlt. Es kommen jährlich etwa 10— 15,000 Stück in den Handel, wobei freilich, wie es scheint, die Felle vom Heul⸗ oder Prairiewolfe mit inbegriffen find.
Eine ähnliche Rolle wie unser Wolf in seinem Wohngebiete spielt in ausgedehnten, jenseits des Indus gelegenen Ländern der indische Wolf, der Bighana, Bagyar, Landga der Eingeborenen (Canis [Lupus] pallipes), der, merklich kleiner als der unsere, bei einer Schulterhöhe von 65 em nur eine Gesamtlänge von etwa 130 cm erreicht, wovon 40 cm auf den Schwanz entfallen. Das Gewicht eines weiblichen Tieres wurde zu 20 kg bestimmt. Seine Färbung ist in der Regel bräunlicher als die seines Verwandten und schwankt von Graurot mit bräunlichem Anfluge bis fast zu Rostrot, obwohl diese Schattierung verhältnismäßig selten vorkommt. Bei manchen Stücken ist der Rücken viel dunkler, bei allen die Unterseite schmutzig weiß gefärbt.
Die Verbreitung des indischen Wolfes ist auf Vorderindien beschränkt, er fehlt jedoch der Malabarküste und dem Himalaja, wird auch nicht auf Ceylon gefunden. In Unterbengalen ist er selten, weiter ostwärts unbekannt, auch scheint er bloß ausnahmsweise westlich vom Indus aufzutreten, also in das Verbreitungsgebiet des gemeinen Wolfes einzudringen. Mit Vorliebe haust er in ebenen, dürftig bewachsenen Landschaften, tritt jedenfalls in hügeligen und bewaldeten Gegenden weit seltener auf. Blanford, der eingehend über ihn berichtet, nennt sein Wesen und Treiben sehr ähnlich dem des gemeinen Wolfes, nur soll er niemals in so zahlreichen Meuten wie dieser, sondern höchstens zu 6 und 8 Stück vereint umherschweifen, auch um vieles stiller sein; wenigstens wird sein Geheul sehr selten vernommen. Jerdon führt an, daß er manchmal wie die Pariahunde Laut gebe. Seine Nahrung besteht in allem Getier, das er bewältigen kann; doch zeigt er eine entschiedene Vorliebe für Antilopen, Schafe und Ziegen, nimmt dabei auch Hasen wie Füchse und soll sich gelegentlich sogar über Rinder hermachen. Hunde sind durch ihn sehr gefährdet, ebenso, nach vielen einmütigen Zeugnissen, auch Kinder und gelegentlich sogar erwachsene Personen. Nach den amtlichen Angaben find in den 10 Jahren von 1877 —86 in Indien 3804 Men:
| schen durch diese Wölfe getötet worden, und zwar betrug der höchste Jahresverlust (1878)
845, der niedrigste (1886) 222 Personen.
Bei ihren Jagden gehen auch die indischen Wölfe sehr klug und listig, manchmal auch recht frech zuWerke. Blanford sah einen am hellen Tage eine junge Ziege mitten aus einem Dorfe rauben und trotz der ihn sofort verfolgenden Dörfler glücklich davontragen. Als schnelle und ausdauernde Läufer betreiben sie auch Hetzjagden, versuchen jedoch zunächst durch schlau durchgeführte ner ih wesentliche Vorteile zu sichern. So Bet sie sich
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.
unfern von äsenden Antilopen geduldig auf die Lauer legen, bis die ahnungslosen in ihre unmittelbare Nähe kommen, auch das verfolgte Wild nach Stellen treiben, wo sich zuvor einige Gefährten versteckt haben; ja, es wird erzählt, daß ein Stück aus einem Rudel, wäh: rend die übrigen sich ringsum verbergen, in Sicht von Antilopen sich auf den Rücken lege und mit den Läufen zappele, auch sonst allerlei Mätzchen mache, bis das neugierige Wild herankommt, zu sehen, was sich da begebe, und dann von verschiedenen Seiten her überfallen werden kann. Nach Elliot spielen die schlauen und unter Umständen sehr verwegenen Tiere auch den Schafherden trotz Hirten und Hunden sehr übel mit. Ein Teil der Meute 3verlockt durch einen Scheinangriff und feiges Ausreißen die Hirtenhunde zu wütender Verfolgung, während der andere Teil im günstigen Augenblicke in die Herde einbricht, nieder⸗ 7 reißt, würgt und davonschleppt, was zu erlangen ist. Auch die Menschenjagd, wenigstens 8 1 die auf Kinder im Alter bis zu 10 und 12 Jahren, scheinen sie manchmal ganz planvoll ö auszuführen. Forsyth besuchte ein Dorf in Mittelindien, wo zwei Wölfe bereits seit Monaten eine regelrechte und leider auch ergiebige Jagd auf Kinder betrieben hatten. „Ihr Angriffsplan“, erzählt Forsyth, „war einfach und gleichförmig. Das Dorf lag auf einem Hügelhange, an dessen Fuße sich ein Wasserbett mit dicht bebuschten Ufern hinschlängelte. Die Hauptstraße der Ortschaft, in welcher die Kinder zu spielen pflegten, führte am Gehänge hinab. Während nun der eine und schwächere Wolf sich im Gestrüpp unten zwischen den letzten Hütten und dem Wasserlaufe versteckte, schlich sich der andere auf die Höhe des Hügels, überwachte die Straße und durchlief sie, die günstige Gelegenheit wahrnehmend, mit Windeseile, dabei ein Kind aufgreifend und mit ihm im Dickicht am Bachbette verschwindend. Anfangs hatten die Dörfler den Räuber verfolgt und einige Male das Opfer ihm abgejagt; da sich aber ergab, daß dieses meist schon tödlich verwundet war, und da es zudem dem zweiten, auf der Lauer liegenden Wolfe bei der allgemeinen Verwirrung fast regelmäßig gelang, doch noch ein anderes Kind zu erbeuten, ergaben sich die Hindu darein, ihre Nachkommenschaft auf solche Weise gelichtet zu sehen. Am Morgen des Tages meiner Ankunft war wiederum ein Kind vor den Augen der Leute geraubt worden. Unglaublich wie es klingen mag: erst nach langen Bemühungen konnte ich die nötige Anzahl Personen zusammenbringen, um das Dickicht abzutreiben, in welchem die Wölfe sich an dem Kinde gütlich thaten.“ Es gelang Forsyth gleich nach Beginn des Treibens, die beiden sicher gewordenen Wölfe, offenbar Mutter und Sohn, aus nächster Nähe niederzustrecken. Daß dieser Fall nicht vereinzelt dasteht, bezeugt u.a. auch Sir Walter Elliots Bericht, wonach aus einer Ortschaft über 30 Kinder nacheinander von Wölfen geraubt wurden. Wenn Eingeborene, die doch den lästig gewordenen Tiger unschädlich zu machen wagen, zögern, sich von derartig ausgebildeten menschenfressenden Wölfen zu befreien, werden wir den Grund weniger in Furcht und Lässigkeit, als vielmehr im Aberglauben zu suchen haben. Theobald hat auch Blanford mitgeteilt, daß in vielen Gegenden Indiens der Glaube gäng und gäbe sei, wenn auf der Gemarkung eines Dorfes ein Wolf getötet werde, ginge dem Gelände jegliche Fruchtbarkeit verloren. | Außer den Jagdkünsten und listigen Anschlägen, die von zuverlässigen Gewährsmännern vom indischen Wolfe berichtet werden, fehlt es auch nicht an Mitteilungen, die uns berechtigen, ihm nicht nur Verwegenheit, sondern auch Mut zuzusprechen. So nimmt er z. B. vor gut eingejagten Windhunden bisweilen nur eine kurze Strecke weit Reißaus, rafft sich dann auf, wendet um und treibt nun seinerseits die Hunde zu ihrem Herrn zurück. So erzählt unter anderen Jerdon und fügt hinzu, daß einmal ein Wolf sich sogar seinen Windhunden, die einen Fuchs hetzten, angeschlossen habe. Glücklicherweise habe die Jagd ein schnelles Ende gefunden, sonst hätte er für seine Hunde fürchten müssen; ohnehin sei es nicht leicht gewesen, den unberufenen Teilnehmer zu verscheuchen.
Die Fortpflanzungszeit des indischen Wolfes fällt in die letzte Hälfte des Jahres; die Tragzeit ist unbekannt. Nach Bonavia wirft die Wölfin in einer Röhre oder Höhle im Oktober bis Dezember, hauptsächlich aber im letzten Monate, 3—8 Junge. Diese werden blind und mit hängenden Ohren geboren und sind sehr leicht zu zähmen; sie begatten sich auch mit Haushunden. Blanford ist der Ansicht, daß der gemeine indische Haushund zum Teile vom Wolfe, größtenteils aber vom Schakale abstamme. Auch in Indien sind Geschichten im Umlaufe und werden von Sleeman, Sterndale, Ball, Murchison u. a. nacherzählt, des Inhaltes, daß kleine Kinder von Wölfen geraubt und gepflegt worden seien. Etliche Fälle erscheinen allerdings umständlich beglaubigt, aber für alle fehlen überzeugende Beweise. Nach Blanford sollen alle diese Kinder Knaben und zugleich Idioten gewesen sein.
Nordostafrika beherbergt den Schakalwolf oder Abu el Hossein der Araber (Canis [Lupus] anthus, lupaster, variegatus?). Er ist bedeutend kleiner als unser Isegrim, diesem aber in Gestalt und Verhältnissen ähnlich. Der breite, spitzschnauzige Kopf trägt große, breite und hohe, oben zugespitzte Ohren; der Leib ist kräftig, aber verhältnismäßig hoch gestellt; der buschige Schwanz reicht bis über die Ferse herab, wird meist hängend, zuweilen jedoch auch in großem Bogen aufwärts getragen; der nicht besonders dichte, gleichmäßige Pelz hat dunkelfahlbraune Färbung, das einzelne Haar gelbliche Wurzel und schwarze Spitze. Nach Hartmann ändert auch der Schakalwolf nicht unerheblich ab, ist in höher gelegenen, kühleren Gegenden kräftiger gebaut und voller behaart als in heißen Tiefebenen, wo er auch dunkler gefärbt erscheint, zeigt zuweilen schwärzliche Flecken und Streifen auf feinem Felle ꝛc. Ehrenberg fand den Schakalwolf, welchen die alten Agypter sehr wohl gekannt und auf ihren Tempelbauten bildlich dargestellt haben, in Nordostafrika wieder auf; spätere Reisende beobachteten ihn im ganzen Norden, Nordosten und Nordwesten Afrikas, vielleicht auch in Oberguinea. Schon in den Wüsten des unteren Nilthales ist er keine Seltenheit, obgleich man immer nur einzelnen begegnet. „Da, wo das bewachsene, beziehentlich bebaute Nilthal“, sagt Hartmann, „nur schmale Streifen bildet, hält sich der Schakalwolf übertags in schwer zugänglichen Klüften des wüsten, den Strom begrenzenden Landes versteckt, streift aber bei Abend und bei Nacht, selten dagegen noch bei hellem Sonnenschein umher, löscht am Wasser seinen Durst und beraubt die Ansiedelungen, wo es angeht.“ In den südlicheren Ländern des Nilgebietes bilden dichtere Gebüsche oder auch der Graswald der Steppe seinen Aufenthalt. Hier soll er sich Höhlen graben oder die weiten, tiefen Bauten der Erdferkel zum Tagesverstecke benutzen: so wenigstens berichteten mir die Bewohner Kordofans.