Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Südamerika, kommt auch an geeigneten Örtlichkeiten Brasiliens, Paraguays und Argentiniens einzeln überall vor, wird aber wegen seines scheuen, vorsichtigen und furchtsamen Wesens, welches ihn den menschlichen Ansiedelungen fern hält, stets selten gesehen und noch seltener erlangt. Burmeister betrachtet es als eine besondere „Gunst des Schicksals“, daß während seiner Anwesenheit in Lagoasanta ein Stück aufgebracht wurde und er dadurch Gelegenheit erhielt, das Tier beschreiben zu können. Aus der Ferne blickt der Mähnenwolf den Menschen neugierig an, geht dann aber schleunigst ab, wird überhaupt niemals zudringlich, greift nur ausnahmsweise das Herdenvieh, unter keinen Umständen aber den Menschen an und nährt sich schlecht und recht von kleinen Säugetieren und allerlei Früchten. Hensel, welcher bemerkt, daß auch er aus eigener Anschauung nichts zur Kenntnis der noch immer in Dunkel gehüllten Lebensweise des Mähnenwolfes beitragen könne, hörte auf der Hochebene der Serra geral am häufigsten von ihm erzählen. Er stellt hier den Schafherden nach und könnte somit schädlich werden, wenn er häufiger vorfäme. Am Tage hält er sich, nach Angabe des Prinzen von Wied, in den zerstreuten Gebüschen der offenen, heideartigen Gegenden des inneren Landes auf, ängstlich sich verbergend; des Nachts, in unbewohnten Gegenden wohl auch in den Nachmittagsstunden, trabt er nach Nahrung umher und läßt dann seine laute, weitschallende Stimme vernehmen. Gegen Abend soll man ihn, laut Hensel, zuweilen in den sumpfigen, mit hohen Grasbüscheln bewachsenen Niederungen sehen, wie er sich mit der Jagd der Apereas oder wilden Meerschweinchen beschäftigt. Diese Tiere huschen mit so großer Schnelligkeit zwischen den Grasbüscheln umher, daß sie kein Jagdhund fangen kann; der Mähnenwolf aber greift sie doch. Seine hohen Läufe befähigen ihn, das Jagdgebiet auf weithin zu übersehenund so gewaltige Sätze zu machen, daß ihm gedachtes Kleinwild nicht immer entgeht. Ob er auch zu andauerndem Laufe geschickt ist, konnte Hensel nicht in Erfahrung bringen. Man möchte dies vermuten, obgleich er zuweilen von Hunden eingeholt werden soll. In Brasilien verschmäht man das Fleisch eines erlegten Guara durchaus nicht. Burmeister, welchem es als Hirschbraten vorgesetzt wurde, fand es zwar etwas zäh, aber wohlschmeckend und erfuhr erst durch seinen Gastgeber, daß er einen Wolfsschenkel anstatt eines Wildschlegels verzehrt hatte.
Die zweite Art, der Heul- oder Steppenwolf, Prairiewolf, Coyote (Canis latrans, Chrysocyon latrans, Lyeiscus cayotis, Canis frustor), erscheint ebenfalls als Mittelglied zwischen Wölfen und Füchsen, wenn auch der Wolf in ihm sich nicht verkennen läßt. Von ersteren hat er Leib und Schwanz sowie die kräftigen Läufe, von letzteren die zugespitzte Schnauze. Sein kräftiger Leib erscheint wegen des ungewöhnlich reichen Balges noch dicker, als es in Wirklichkeit der Fall, der Hals ist kurz und kräftig, der Kopf schlanker als der des Wolfes, oben breit, an der Schnauze zugespitzt, das Ohr ziemlich groß, unten breit, oben aber nicht gerundet. Das lichtbraune Auge hat einen runden Stern. Die Färbung des Balges ist ein schmutziges Gelblichgrau, welches auf Ohr und Nasenrücken in das Rostfarbene, auf Oberhals und Rücken aber in das Schwärzliche übergeht, weil hier alle Haare in schwarzen Spitzen endigen; die Seiten des Halses, der Vorderblätter, der Hinterschenkel und die Läufe an ihrer äußeren Seite sind hellrostrot oder hellgelb, Unter- und Innenseite der Beine weißlich, die Lauscher rostfarben, hier und da mit schwärzlichen Haarspitzen, innen mit weißlichen Haaren dicht bedeckt. Der Lippenrand ist weißlich, die Umgebung der Augen hellfahl oder bräunlichgrau mit weißen Haarspitzen. Über das Handgelenk zieht sich ein schmaler, schwarzer Streifen; der Schwanz ist an der Wurzel fahl und schwarz gemischt, an der Spitze tiefschwarz. Auf dem Rücken werden die Haare im Winter über 10 em lang. Sie sind an ihrer Wurzel aschgrau, hierauf gelbrot, dann schwarzbraun geringelt, hierauf weißlich und an der Spitze wieder schwarzbraun. Verschiedene
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 4
Abänderungen kommen vor. Erwachsene Heulwölfe erreichen eine Länge von 14 m, wovon auf den Schwanz 40 em gerechnet werden müssen, dabei aber kaum über 55 cm Höhe am Widerriste. Der Prairiewolf ist weit über das Innere Nordamerikas verbreitet, etwa vom Mississippi an westwärts und von Britisch⸗Amerika südwärts bis Mittelamerika, vielleicht bis zur Landenge von Panama und besonders gemein in den Ebenen des Missouri, in Kalifornien und Kolumbien. Englische Naturforscher behaupten, daß er in großen Rudeln lebe und dem Wilde sehr gefährlich werde, namentlich den Bisonherden folge und mit unverschämter
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Heulwolf (Canis latrans). ½ natürl. Größe.
Frechheit über jeden kranken, ermatteten oder verwundeten Stier herfalle, um ihn aufzufressen; Prinz von Wied, dem wir, neben Audubon, die beste Beschreibung verdanken, sagt dagegen, daß er nur einzeln oder paarweise vorkomme und nach Art unserer europäischen Wölfe lebe. Er raubt alles, was er bezwingen kann, und gleicht auch hinsichtlich der Schlauheit vollständig unseren Wölfen und Füchsen. Des Nachts kommt er oft bis in die indianischen Dörfer hinein, und im Winter sieht man ihn auch nicht selten am Tage um-hertraben, wie den Wolf bei tiefem Schnee und Kälte. In der Ranzzeit bewohnter selbstgegrabene Baue oder Höhlen, und hier soll im April die Wölfin ihre 6—10 Jungen werfen. Die Ranzzeit fällt in den Januar und Februar und erregt die Heulwölfe wie alle Hunde auf das höchste. Um diese Zeit vernimmt man ihre Stimme in der Prairie: ein sonderbares, am Ende etwas gezogenes Bellen, welches dem Lautgeben unserer Füchse ähnelt. Viele indianische Hunde gleichen den Prairiewölfen in der Gestalt nicht wenig; es ist also zu vermuten,
daß Vermischungen zwischen beiden Tieren vorkommen. „Wölfe“, sagt Freiherr von Thielmann, „Sind in der ganzen Prairie zu finden; ungleich häufiger jedoch als der große graue Wolf ist sein kleinerer Verwandter, der Prairiewolf oder Coyote. Bei Tage trollt er allein oder zu zweien in der Prairie umher, bei einem Aase oder hinter einem angeschossenen Wilde sieht man größere Mengen sich zusammenscharen; nachts führen Rudel derselben mit Vorliebe Konzerte um das Lager auf. Ich kann nicht sagen, daß das Geheul einen unangenehmen Klang gäbe; oft habe ich im Zelte liegend eine Ahnlichkeit mit entferntem Gesange darin gefunden, ebenso wie das Geschrei der Wildgänse an Glockengeläute in der Ferne erinnert. Mit dem Aasgeier zusammen ist der Coyote der Vertilger alles toten Getieres, doch geht er nicht an stinkendes Aas. Seine sichere Beute wird jeder angeschossene oder im Kampfe mit seinesgleichen verwundete Büffel; sobald ein solcher sich vor Schweißverlust erst einmal niedergethan hat, verendet er bald an den scharfen Bissen des Rudels. Für den Menschen ist sowohl der große Wolf wie der Coyote gänzlich ungefährlich, doch ist die Dreistigkeit des letzteren bei Nacht so groß, daß jedes Stück Fleisch und jeder geschmierte Stiefel im Lager wohl verwahrt werden muß. Bei Tage tft mir nur einmal ein Coyote in nächste Nähe gekommen; er war in einer solchen Jagdpassion hinter einem Hasen her, daß er meiner erst ansichtig wurde, als er sich bereits dicht an den Hufen meines Pferdes befand.“
Über das Gefangenleben kann ich aus eigener Anschauung berichten. Ich pflegte geraume Zeit einen Prairiewolf, welcher im Zimmer aufgezogen worden und ebenso artig war wie ein gutmütiger Hund, obgleich nur gegen Bekannte. Er hatte ganz das Wesen des Haushundes. Bei dem Anblicke seiner Freunde sprang er vor Freuden hoch auf, wedelte mit dem Schwanze und kam an das Gitter heran, um sich liebkosen zu lassen. Die ihm schmeichelnde Hand leckte er jedoch nicht, sondern beroch sie höchstens. Wenn er allein war, langweilte er sich und fing an, jämmerlich zu heulen. Gab man ihm aber Gesellschaft, so mißhandelte er diese, falls er es nicht mit besseren Beißern zu thun hatte, als er einer war. Aus Raummangel mußte er mit einem Wolfshunde, einem Schabrackenschakale und einem indischen Schakale zusammengesperrt werden. Da gab es anfangs arge Raufereien. Später zeigte er sich übellaunisch gegen seine Genossen, hielt sich auch immer zurückgezogen. Einen Nasenbären, welcher den Nebenkäfig bewohnte, erwischte er einmal am Schwanze, biß diesen in der Mitte seiner Länge ab und verspeiste ihn ohne Umstände. Lebende Tiere, welche an seinem Käfig vorübergingen, versetzten ihn stets in Aufregung, Hühnern namentlich folgte er mit der größten Begierde, solange er sie sehen konnte. Er war an Hausmannskost gewöhnt worden und zog Brot entschieden dem Fleische vor, verachtete aber auch dieses nicht. Kleine Säugetiere und Vögel schlang er mit Haut und Haar oder Federn hinab. Dabei war er so gierig, daß er sich leicht überfraß und dann die Speise wieder erbrach; er fraß das Ausgebrochene aber, wie es die Hunde zu thun pflegen, unter Umständen auch wieder auf. Reichte man ihm mehr Nahrung, als er wirklich zu sich nehmen konnte, so verscharrte er diese geschwind in einer Ecke seines Käfigs und hütete solche Vorräte dann mit Argusaugen, jeden seiner Kameraden mit Knurren bedrohend, sobald dieser dem Winkel nur halbwegs zu nahe kam.
Höchst empfänglich zeigte er sich für die Klagen anderer Tiere. In das Geheul der Wölfe stimmte er stets mit ein, und selbst das Gebrüll oder Gebrumm der Bären beantwortete er. Redete man ihn mit klagender Stimme an, ihn gleichsam bedauernd, so heulte und winselte er, wie mancher Haushund unter gleichen Umständen zu thun pflegt. Er zeigte, ganz wie ein Hund, ungemeines Verständnis für die Betonung verschiedener Laute und Worte, fürchtete sich, wenn man ihn hart anredete, verstand Schmeicheleien und ließ sich durch klagende oder bedauernde Worte zur tiefsten Wehmut hinreißen. Auch die Musik preßte ihm stets laute Klagen aus; doch war es mit seiner Heulerei nicht so ernsthaft gemeint.
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Er ließ sich förmlich zureden und beendete seine Klagen jofort, wenn man die Stimme veränderte und ernsthaft ruhig mit ihm sprach. Sein Gedächtnis war bewunderungswürdig. Er vergaß ebensowenig Liebkosungen wie Beleidigungen. Gegen letztere suchte er sich zu rächen, auch nach längerer Zeit, erstere nahm er mit größtem Danke entgegen. Sein Wärter mußte ihn einmal von einem Käfig in den andern bringen und dazu natürlich fangen. Dies nahm er übel und biß plötzlich nach dem sonst sehr geliebten Manne. Hierauf wurde er von Rechts wegen bestraft. Seit dieser Zeit hegte er einen tiefen Groll gegen den Wärter, obgleich dieser ihn fortan gut und freundlich behandelte und regelmäßig fütterte. Mir dagegen blieb er, obgleich ich ihm nur selten etwas zu fressen reichte, inhohem Grade zugethan, und niemals dachte er daran, nach mir zu beißen. Seinen alten Herrn liebte er noch immer, obwohl dieser ihn sehr selten besuchte. Mich erkannte er von weitem und begrüßte mich regelmäßig durch ein äußerst freundliches Gesicht und einladendes Schwanzwedeln, sobald ich mich zeigte. Wenn ich ihn mit der Hand streichelte, legte er sich gern auf den Rücken, wie Hunde dies thun, und ich durfte dann mit ihm spielen, ihm die Hand zwischen das kräftige Gebiß schieben, ja ihn selbst an dem Felle zausen, ohne daß er jemals solches übelgenommen hätte.
Auch das Fell des Prairiewolfes findet Verwendung wie das seines stattlicheren Verwandten. Nach Lomer wird das Stück, je nach seiner Größe und der Fülle des Haares, im Handel mit 3— 8 Mark bezahlt, gilt demnach ebensoviel wie das Fell der geringeren europäischen Wölfe.
Als tiefststehenden Vertreter der Wölfe auf der nördlichen Erdhalbkugel haben wir den Marderhund zu betrachten. Er hat ein kleinzahniges Gebiß von 42 Zähnen, die Höckerzähne aber sind verhältnismäßig stark entwickelt. Außerdem weichen die Verhältniszahlen der Wirbel ab, finden sich namentlich mehr Brustwirbel als bei den übrigen Hunden, mit Ausnahme des Löffelhundes, dagegen aber weniger Schwanzwirbel, und lassen sich sonst noch Eigentümlichkeiten des Gerippes nachweisen.
Der Marderhund, Waschbär- oder Schleichkatzenhund, Tanuki der Japaner, Chause der Chinesen, Ilbigae der Birar-Tungusen, Jendako der Golden, Naoto der Man-dschu ꝛc. (Canis [Lupus] procyonoides, Nyctereutes procyonoides und viverrinus), erinnert in seinem Gesamtgepräge mehr an Marder als an Hunde. Der gestreckte, hinten verdickte Leib ruht auf niederen schwächlichen Beinen, der Kopf ist kurz, schmal und spitz, der Schwanz sehr kurz, beinahe stummelhaft und buschig, das Ohr kurz, breit, abgerundet und fast ganz in dem sehr reichen Pelze versteckt, die Färbung marder-, nicht aber hundepelzartig, mit Ausnahme eines ziemlich breiten über die Schultern nach den Vorderläufen ziehenden dunkelbraunen Bandes und der ebenso aussehenden Läufe auch sehr veränderlich, bald heller, bald dunkler. Kopf und Halsseiten sind gewöhnlich hellfahl, die übrigen Teile bräunlich, Wangen und ein scharf abgegrenzter Ohrrand braun, die Unterteile hellbraun; der Schwanz in seiner größeren Endhälfte ist schwarzbraun, ein großer Flecken auf der Halsseite vor und ein anderer auf der Leibesseite hinter dem erwähnten Schulterbande schmutzig isabellfahl; die einzelnen Haare sind an der Wurzel braun, an der Spitze bis gegen ein Dritteil der Haarlänge hin fahlgelb. Das Wollhaar übertrifft, laut Radde, an Fülle das jedes anderen Hundes und würde den Pelz ungemein wertvoll machen, wäre das Deckhaar nicht struppig wie das des Dachses, und störte nicht die vielfach abändernde Gesamtfärbung die Gleichmäßigkeit eines aus solchen Fellen bereiteten Pelzes. Im Sommer ist die Färbung merklich dunkler, weil die nach der Härung allmählich auswachsenden Grannenhaare an der Spitze noch nicht ausgebleicht sind. Die Länge des Tieres, einschließlich des 10 em langen Schwanzes, beträgt 75—80 cm, die Höhe am Widerriste nur 20 em.