All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 15 of 185

Gray beschrieb den Marderhund nach einem ihm wahrscheinlich von China zugegangenen Balge, Temmind zwei Jahre später dasselbe Tier unter seinem zweiten Namen nach den von Siebold aus Japan mitgebrachten Stücken. Gegenwärtig wissen wir, daß unser Hund nicht allein in Japan und China, von Kanton bis zum Amurflusse vorkommt, sondern wahrscheinlich im ganzen gemäßigten Ostasien auftritt und im Nordosten seines Verbreitungsgebietes auch wohl bis zum 51. Breitengrade hinaufgeht. Im Stromgebiete des oberen Amur und seiner Zuflüsse scheint er besonders häufig zu sein, Gegenden mit fischreichen Gewässern überhaupt anderen vorzuziehen und sich daher soviel wie möglich an die Fluß—

N 8Sa T 1 N\

} N N \ N }

\ ! ERS N \ N 1 / N

N SAN. | 8 / \ 25 N Ü N Qu d \NnN \ f / J EN 2

T N \I\NENNN % WIEN. |

*N N N 10 N INNY AN \ 05 *

NN \ \\ 770 )Va OR N

Marderhund (Canis procyonoides). Ys natürl. Größe.

thäler zu halten. Doch traf ihn Radde, dem wir eine ziemlich eingehende Schilderung seines Lebens, die einzige, welche wir besitzen, verdanken, auch in den sich sanft verflachenden, nur licht bewaldeten Ostabhängen des Burejagebirges an.

Nach den von Radde an freilebenden und gefangenen Marderhunden gesammelten Beobachtungen ist die Lebensweise ungefähr folgende: Wie Wolf, Schakal und Korsak nicht eigentlich an eine bestimmte Ortlichkeit gebunden, durchschweift der Marderhund ein ziemlich weites Gebiet, im Sommer vielleicht ohne Wahl, im Winter in Fluß- und Bachthälern sich festsetzend. Am Tage schläft er, in sich zusammengeknäuelt, Kopf und Pfoten von seinen langen Haaren fast gänzlich bedeckt, hinter hohen Binsenkaupen, welche den unteren Teil seiner Lieblingsthäler in weiter Ausdehnung unwegsam machen, vielleicht auch in verlassenen Fuchs⸗ und anderen Tierbauten, des Nachts zieht er zur Jagd aus. Er läuft nicht rasch, hat in seinen Bewegungen etwas Schleichkatzenartiges, beugt den Rücken oft zum gekrümmten

Marderhund (Canis procyonoides). Ys natürl. Größe.

Buckel und macht plötzlich Seitensprünge. Wie der Fuchs geht er nachts gern auf dem Eise, nimmt womöglich die alte Spur auf, macht kleinere Sätze als Reineke, stellt selten alle vier Füße in eine gerade Linie und springt öfter, als er trabt. Seine Stimme ist ein leises Miauen, im Zorne ein eigentümliches Knurren, auf welches ein sehr langgezogenes klägliches Winseln zu folgen pflegt. Bei Tage scheu und furchtsam, hält er des Nachts selbst den ihm überlegenen Hunden mutig stand; wenig vorsichtig und äußerst gefräßig, fällt er leicht Fallen und Gift zum Opfer.

Seine Jagd gilt vor allem Mäusen und Fischen. Erstere verfolgt er im Sommer ge: meinschaftlich mit anderen seiner Art oder seinen Familiengliedern und begibt sich zu diesem Zwecke in die Ebenen und Verflachungen des Gebirges; die Gesellschaft zerstreut sich, von einem Punkte in Bogenlinien auslaufend, an einem zweiten sich wieder begegnend und in gleicher Weise die Jagd weiter betreibend. Den Fischen stellt er wie der Fuchs eifrig nach, lungert und lauert daher an allen Bächen und Flüssen, frißt die geschuppten Wasserbewohner überhaupt jo gern, daß er, solange er genug von ihnen hat, Fleisch von höheren Wirbel: tieren liegen läßt. Acht bis zehn spannenlange Fische verzehrt er auf einmal, ohne befriedigt zu werden, scheint im Gegenteile, wenn er seine Lieblingskost vor sich hat, geradezu unersättlich zu sein. Frisch gefangene oder ihm neu zugeworfene Fische beißt er rasch einige Male in den Kopf, um sich ihrer zu versichern. Außerdem sind ihm Pflanzenstoffe der verschiedensten Art, beispielsweise Beeren, Holzäpfel, nach Versicherung der Birar-Tungusen auch Eicheln, sehr willkommen: er ist mehr Allesfresser als irgend ein anderer Hund. Den Winter verbringt er übrigens nur dann im Freien, wenn er nicht Gelegenheit fand, sich zu mästen; anderenfalls legt er sich, nachdem er schließlich noch wie Bär und Dachs die abgefallenen Holzäpfel aufgelesen hat, im November in verlassenen Fuchsbauten oder tiefer gehenden Erdlöchern zu einem nicht allzulangen Winterschlafe nieder, erinnert also in dieser Hinsicht mehr an gewisse Marder als an Hunde. Radde traf ihn während der Wintermonate im Gebirge nur äußerst selten an und erfuhr jene ihn mit Recht überraschende Thatsache von den, wie alle von der Jagd lebenden Völkerschaften, sehr genau beobachtenden Tungusen, welche noch mitteilten, daß unser Hund nur in frostfreien Höhlen überwintert.

Mit Strychninpillen fängt man den Marderhund leicht, findet ihn jedoch nicht immer ohne längeres Suchen auf, weil er die ganze Pille verschlingt und weit mit ihr geht, bevor er fällt: Radde erlangte die mit Gift getöteten Tiere gewöhnlich an den offenen Blänken der Flüßchen, wo sie zuletzt noch getrunken hatten. Rasche und geübte Hunde stellen das Tier bald und bewältigen es nach kurzem Kampfe. Die Eingeborenen Sibiriens, Japaner und Chinesen essen das Fleisch und verarbeiten das Fell hauptsächlich zu Wintermützen.

Gefangene Marderhunde gewöhnen sich ziemlich rasch an den Menschen, verlieren auch bald ihre Wildheit, nicht aber ebenso ihre Furchtsamkeit. Anfänglich fressen sie nur dann, wenn sie sich unbeachtet glauben, später machen sie, zumal angesichts von Fischen, keine Umstände mehr. Nach jeder tüchtigen Mahlzeit schlafen sie tief und lange. Sie sind sehr reinlich, wählen sich stets einen trockenen Winkel zum Lager und setzen flüssige wie feste Ausleerungen auf besonderen und verschiedenen Stellen ab.

Nach Ansicht neuerer Tierkundiger find einige dem Marderhunde verwandte südamerikanische Wildhunde wegen ihres manchmal noch aus 46 Zähnen bestehenden Gebisses die tiefststehenden Vertreter der Wölfe.

Zu ihnen gehört der Maikong oder Karasissi, der Savannenhund der Ansiedler (Canis [Lupus] cancrivorus, C. brasiliensis, Thous und Lycalopex cancrivorus). Er ist nach dem, was ich an einem lebenden Stücke gesehen habe, ein äußerlich schakalähnlicher, schlank gebauter, hochläufiger Wildhund, mit kurzem, breitem, stumpfschnauzigem Kopfe,

mittelgroßen, am Grunde weit voneinander abstehenden, oben gerundeten Ohren, schiefgestellten, rotbraunen, eirundsternigen Augen und fast bis zum Boden herabhängendem Schwanze, von ungefähr 65 em Leibes- und 28 em Schwanzlänge und etwa 55 cm Schulterhöhe. Der Balg besteht aus mittellangen, rauhen Grannen, welche das spärliche Wollhaar vollständig bedecken. Seine Gesamtfärbung ist ein ziemlich gleichmäßiges Fahlgrau, welches auf dem Rücken, zumal in der Schultergegend, wegen der hier schwarz endenden Haare dunkelt und nach unten durch Fahlgrau in Gelblichweiß und Reinweiß übergeht. Die Augengegend ist lichter, gelblichweiß; die Ohren sind außen am Grunde rötlichfahl, an der Spitze

WA AN 0/\ Mn0

eIE. D

EI

!75 N Il

SEEN: \ e — To 0

u 8 Y 0N * NY / FR RN ER

TTV HA . ——

Maikong (Canis cancrivorus). Ys natürl. Größe.

braunschwarz, innen mit gelbweißen Haaren besetzt und licht gerandet. Sehr dunkle Färbung haben auch die Lippen und die Schnauzenspitze, ein Kinnflecken und die Läufe bis zum Hand» oder Fersengelenke herab; ein vollständiges Kreuz in der Schlüsselbeingegend, welches von der Kehle an bis zur Oberbrust herabreicht und seitlich in ziemlich breiten Streifen bis gegen die Achseln hin sich fortsetzt, sieht gelblichweiß aus. Die einzelnen Haare sind gelblich oder weißlich an der Wurzel, sodann grau und endlich dunkel zugespitzt.

Schon die Spanier sollen diesen Wildhund auf den Antillen als Haustier vorgefunden haben. Seitdem ist er von dort verschwunden; noch gegenwärtig aber wird er, falls Schomburgks Angabe begründet ist, von vielen Indianern wenigstens als halbes Haustier benutzt. „Bergreiche Gegenden“, sagt genannter Forscher, „mit dazwischen gestreuten waldigen Steppen sowie die Umsäumung der Savannenflüsse scheinen der Lieblingsaufenthalt des schlauen und klugen Tieres zu sein. Dort lebt und jagtes in ganzen Koppeln. In der offenen

Maikong (Canis cancrivorus). Ys natürl. Größe.

Savanne scheinen diese Hunde ihre Jagdbeute mehr mit den Augen als mit der Nase auszuspähen; im Walde ist das Gegenteil der Fall: hier verfolgen sie auch ihre Beute jedesmal unter lautem Gebelle. Gelingt es einer Koppel, eine Siedelungzu beschleichen und unbemerkt in diese einzudringen, so entgehen ihr nur einige der auf den Dächern und nahen Gesträuchen schlafenden Hühner und Papageien. Die Beute verzehren die Räuber niemals an dem Orte, wo sie dieselbe gewürgt, sondern immer erst im Walde oder in einem sonstigen Schlupfwinkel. Indianer versicherten, daß sie selbst Rehe und Nachzügler der Wasserschweinherden jagen, um das endlich ermattete Tier niederzureißen. „Für die Indianer hat der Maikong namentlich aus dem Grunde besonderen Wert, weil aus der Kreuzung desselben mit ihren Hunden sehr gesuchte Jagdhunde hervorgehen. Die Bastarde schlagen in ihrer Gestalt mehr nach dem Hunde als nach dem Maikong. Sie sind ungemein schlank, tragen die Ohren immer aufgerichtet und übertreffen in Bezug auf Ausdauer, Fertigkeit und Gewandtheit im Aufsuchen und Jagen des Wildes jeden anderen Hund. In der Ansiedelung wird ein solcher Blendling, welcher zur Jagd auf Rehe, Wasserschweine und Tapire abgerichtet ist, gewöhnlich mit 10—12 Thalern bezahlt. Der Besitz eines gezähmten Maikong gehört daher zu den besonderen Reichtümern der Indianer. Doch muß das Tier fortwährend an Stricken gehalten werden, da ihm keine Abrichtung seine Raub: gelüste abgewöhnen kann. Schrankenlose Verwirrung bringt er unter dem Federvieh seines Herrn hervor, sobald ihm die Nachlässigkeit des Besitzers den Strick nicht festgebunden. Gekochtes Fleisch, Fische und Früchte sind das Futter, womit ihn der Indianer erhält.“ Hensel bezweifelt die Angabe Schomburgks, jene Hunde seien Blendlinge vom Maikong und dem Haushunde. „Eine solche Behauptung“, sagt er, „ist in hohem Grade unwahrscheinlich. Ohne Zweifel stimmen die Hunde der Indianer Guayanas mit den brasilischen Rehhunden überein. Hätte eine Kreuzung stattgefunden, so müßte dies an dem Schädel der Blendlinge augenblicklich zu erkennen sein, da der Maikong an Schädel und Gebiß sehr leicht von den Füchsen, mehr aber noch von dem Haushunde zu unterscheiden ist. Man sollte also Bedenken tragen, die Ansicht Schomburgks wissenschaftlich zu verwerten, bevor nicht die Thatsache tierkundlich nachgewiesen ist.“

Ein gefangener Maikong, welchen ich pflegte, erinnerte durch sein Wesen und Betragen so vollständig an den altweltlichen Schakal, daß ich wenigstens keinen Unterschied herauszufinden vermochte. Er nährte sich nach anderer Wildhunde Art von allerlei Futter, obwohl er das Fleisch jeder anderen Nahrung vorzuziehen schien; doch fraß er auch Früchte und Milchbrot sehr gern. Uns gegenüber zeigte er sich anfänglich scheu und mißtrauisch wie der Schabrackenschakal, später in gleicher Weise freundlicher und liebenswürdiger, je größeres Zutrauen er gewann.

Ein anderer tiefstehender Wolf ist der Aguarachay der Guaraner, Atoj oder „brafi-lische Fuchs“ (Canis [Lupus] vetulus, C. azarae, melanostomus und melampus, Vulpes, Pseudalopex und Lycalopex azarae), eine Art Mittelglied zwischen Schakal und Fuchs. Seine Gesamtlänge beträgt 90—100 cm, wovon 35 em auf den ziemlich langen Schwanz kommen. Die Färbung ändert vielfach ab. Gewöhnlich sind Nacken und Rücken schwarz, Scheitel und Kopfseiten grau, die Seiten dunkelgrau, weil aus schwarzen und weißen Haaren gemischt, Brust und Bauch schmutzig isabellgelb, die Läufe vorn braun, hinten schwarz, die Pfoten braun. Eine weiße Blesse im Gesichte, ein hellgelber Augenring, ein ockergelber Ohrflecken und die gleichgefärbte Gurgel stechen von jener Färbung ab. Die langen Borsten im Gesichte, eine Augenbinde und alle nackten Teile sind schwarz. Der Pelz besteht aus weichem Wollhaare und etwas gekräuselten, ziemlich rauhen Grannen, welche abweichend geringelt sind und an den verschiedenen Körperteilen die betreffende Färbung durch ihre helleren

oder dunkleren Spitzen hervorbringen. Mannigfaltige Abänderungen in der Färbung und Zeichnung erschweren es, diese Art immer zu erkennen; auch sind die Forscher noch verschiedener Ansicht: die einen vereinigen, die anderen trennen die Abarten.

Das Vaterland des Aguarachay ist ganz Südamerika, vom Stillen bis zum Atlantischen Weltmeere, vom Gleicher bis zur Südspitze Patagoniens. Er findet sich in der Höhe wie in der Tiefe, scheint aber gemäßigte Landstriche den heißen Gegenden vorzuziehen. In den Anden steigt er bis zu 5000 m über die Meeresfläche empor; in Paraguay bewohnt er das

5 — — —., Ic

Aguarachay (Canis vetulus). ½ natürl. Größe.

lockere Gestrüpp und meidet ebensowohl die großen Waldungen wie die offenen Stellen, obgleich er beide auf seinen Jagdzügen besucht. Er ist überall häufig, hält sich in einem bestimmten Gebiete auf, lebt im Sommer und Herbst allein, im Winter und Frühling paarweise, verschläft den Tag und zieht abends aus, um Agutis, Pakas, Kaninchen, junge Rehkälber, wildes und zahmes Geflügel zu berücken, soll auch dem Jaguar als Bettler und Schmarotzer folgen, verschmäht selbst Frösche und Eidechsen nicht, fängt Krebse und Krabben und wird seiner Häufigkeit, Raubgier und Dieberei wegen zur Landplage.

Wir verdanken Azara, Rengger und Tschudi treffliche Lebensbeschreibungen des Tieres; die beste hat Rengger gegeben: „Ich habe“, sagt er, „zuweilen auf meinen Reisen, wenn ich die Nacht im Freien zubrachte, auf Augenblicke diesen Wildhund im Mondschein beobachten können. War ich bei einer Hütte gelagert, wo Bisamenten gehalten wurden, so

Continue reading
Page 15 of 185