Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
ihm sein würde. Der schmausende Schakal hatte mittlerweile wohl eine halbe Stunde lang gefressen und der Wächter noch kein Stück Fleisch berührt, als beide jählings vom Rinde wegsprangen und wie gebannt nach einer Stelle fast unter meinem Baume äugten. Dann gaben sie ein sonderbares Schneuzen von sich, huschten ruhelos seitwärts hin und wieder, verwendeten aber keinen Blick von der sie beunruhigenden Stelle. Jetzt wußte ich, daß sie den Tiger eräugt hatten; zwar hatte ich noch niemals einem solchen Empfange beigewohnt, aber ihr Gebaren war so ausdrucksvoll, daß ich es nicht anders zu deuten vermochte. Der Augenblick war aufregend genug, denn ich konnte mich nicht wenden, um nach der Richtung zu sehen, von welcher der Tiger sich nähern mußte. Plötzlich änderten die Schakale ihr Schneuzen in eine Art scharfes Zwitschern, das bestimmt zu sein schien, ihren Herrn und Meister zu versöhnen, und wichen dann zurück, während ich fast unter mir den ruhigen gemessenen Tritt des Tigers hörte. Jetzt, vom Mondlichte umflossen, schoben sich der gestreifte Kopf, die Schultern in meinen Gesichtskreis, ein kurzer Halt, und der Tiger schritt zum Hinterteile seiner Beute und stand den Schakalen nachschauend. Ich hatte ihn breit und verlor keine Zeit, zu schießen: mit lautem Wut- und Schreckensschrei galoppierte der Getroffene schwerfällig davon, vielleicht 80 Schritt weit; dann hörte ich ihn zusammenbrechen, und gleich darauf kam durch die stille Nacht das letzte eigenartige Stöhnen des sterbenden Tigers.“ Die Ranzzeit des Schakals fällt in den Frühling und gibt den verliebten Männchen zu den allergroßartigsten Heulereien Grund und Ursache. Neun Wochen später wölft die Schakalhündin 5—8 Junge auf ein wohlverborgenes Lager, ernährt, schützt und unterrichtet diese nach Wolfs- oder Fuchsart im Gewerbe und zieht nach ungefähr 2 Monaten mit ihnen in das Land hinaus. Die hoffnungsvollen Sprosse haben sich um diese Zeit schon fast alle Fertigkeiten der Alten erworben, verstehen das Heulen meisterhaft und lernen das Stehlen rasch genug. In Indien beträgt die Zahl der Jungen durchschnittlich vier; sie werden in Röhren geworfen, gelegentlich auch unter überhängenden Ufern in trockenen Abzugsgräben. f
Jung eingefangene Schakale werden bald sehr zahm, jedenfalls weit zahmer als Füchse. Sie gewöhnen sich gänzlich an den Herrn, folgen ihm wie ein Hund, lassen sich liebkosen oder verlangen Liebkosungen wie dieser, hören auf den Ruf, wedeln freundlich mit dem Schwanze, wenn sie gestreichelt werden, kurz, zeigen eigentlich alle Sitten und Gewohnheiten der Haushunde. Selbst alt gefangene unterwerfen sich mit der Zeit dem Menschen, so bissig sie sich auch anfänglich zeigen. Paarweise gehaltene pflanzen sich ohne alle Umstände in der Gefangenschaft fort, begatten sich auch leicht mit passenden Haushunden. Adams sah in Indien Haushunde, welche dem Schakale vollständig glichen, und nimmt an, daß sie aus einer Vermischung von beiden hervorgegangen sind; auch Blanford neigt sich dieser Auffassung zu. Das Fell des kleinasiatischen Schakals gilt im Handel etwa 2 Mark.
Die fürchterlichste Krankheit der Hunde, die Wasserscheu, sucht auch den Schakal heim. Man hat in Indien wie auf Ceylon wiederholt erfahren müssen, daß wutkranke Schakale in die Dörfer kamen und Haustiere sowie Menschen bissen.
Schwer begreiflich erscheint es, daß man fortwährend einen gegenwärtig in allen grö— ßeren Tiergärten und Museen ausgestellten Wildhund des inneren und südlichen Afrika, den Schabrackenschakal, mit dem Schakal als gleichartig erklärt; denn ersterer hat mindestens äußerlich ebensoviel Ahnlichkeit mit dem Fuchse wie mit dem Schakale.
Der Schabrackenschakal (Canis [Lupus] mesomelas, Vulpes mesomelas, Canis variegatus) ist sehr niedrig gestellt und von allen übrigen Schakalen schon hierdurch, mehr noch aber durch die Bildung seines Kopfes unterschieden. Dieser hat den Bau des Fuchskopfes
und zeichnet sich besonders aus durch die sehr großen, am Grunde breiten, oben spitzig zu-laufenden, ein gleichmäßiges, unten etwas verschmälertes Dreieck bildenden, dicht nebeneinander stehenden Ohren, welche eher an die des Feneks als an die des Schakals erinnern. Die großen braunen Augen haben runden Stern; der Schwanz reicht bis zum Boden herab. Das Fell ist dick, fein und weich. Die Färbung, ein schönes Gelb-, Grau- oder Rostrot, geht nach unten zu in Gelblichweiß über. Die ganze Oberseite deckt eine seitlich ziemlich scharf begrenzte Schabracke von schwarzer Färbung mit weißlicher Querzeichnung. Auf dem Halse wird diese Schabracke durch eine nach hinten zu undeutliche weiße Linie ein—
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Schabrackenschakal (Canis mesomelas). Yr natürl. Größe.
gefaßt. Die Zeichnung ändert sich, je nach der Lage der Haare, da sie überhaupt nur durch das Zusammenfallen einer Menge von Haarspitzen entsteht, welche sämtlich lichte Färbung haben. Kehle, Brust und Bauch sind weißlich oder lichtgelb. An den Innenseiten der Läufe dunkelt diese Färbung, und zwischen den Vorderläufen geht sie in Grau über. Das Kinn ist rötlich, aber sehr hell, wenig von der lichteren Kehle abstechend. Auf dem Kopfe mischt sich Grau unter die allgemeine rostrote Färbung. Der Rücken der sehr spitzen, fuchsartigen Schnauze ist schwarz, während die Lippen sehr licht, fast weiß erscheinen. Die Ohren sind außen und am Rande lebhaft rostrot, innen mit lichten Haaren besetzt. Vor ihnen steht jederseits ein gelber Flecken, und ein ähnlich gefärbter umrandet auch das Auge, unter dem sich dann noch ein dunklerer Streifen hinzieht. Ein dunkles Halsband, wie es die meisten übrigen Hunde und namentlich die Schakale zeigen, fehlt dem Schabrackenschakale gänzlich. Der Schwanz ist an der Wurzel rostfarben wie der übrige Leib, sodann aber, in den letzten
zwei Dritteln der Länge, schwarz. An Länge übertrifft der Schabrackenschakal seinen Ver: wandten, an Höhe steht er ihm nach.
Nach meinen Erfahrungen beginnt das Wohngebiet des Schabrackenschakals in Mittelnubien. Von hier aus reicht es längs der Ostküste Afrikas, wo er freilich in manchen Gebieten gänzlich zu fehlen scheint, bis zum Kap; hier in Südafrika verbreitet er sich quer durch den ganzen Erdteil bis zur Westküste und an dieser nordwärts sicherlich über den Kunene hinaus mindestens bis Mossamedes. Sonst ist er in Westafrika und im ganzen Kongogebiete noch nicht beobachtet worden. Unser Schakal findet sich ebensowohl in der Steppe wie in den Wäldern, vorzugsweise jedoch in Gebirgsländern; in Südafrika wie in Abessinien ist ergemein. An der Ostküste des Roten Meeres breitet sich eine schmale Wüstensteppe, die Samhara, aus, welche vielfach von Regenstrombetten durchfurcht ist, deren Ufer gewöhnlich üppige Dickichte bilden. Hier darf man ihn regelmäßig vermuten; denn diese Dickichte sind reich an Hasen und Frankolinen und gewähren ihm somit vielfache Gelegenheit, Beutezu machen. Seine eigentliche Jagdzeit ist zwar die Nacht, doch sieht man ihn auch bei Tage häufig genug umherlungern, selbst in unmittelbarer Nähe der Dörfer. In den Frühstunden begegnet man ihm überall, im Gebüsche ebensowohl wie in der pflanzenleeren Ebene. Erst in den Vormittagsstunden trabt er seinem Lager zu. Nachts ist er ein regelmäßiger Gast in den Dörfern und selbst in der Mitte des Lagerplatzes, denn nicht einmal das Feuer scheint ihn auf seinen Diebeszügen zu hindern. Ich habe ihn wiederholt zwischen den Gepäckstücken und den lagernden Kamelen umherstreifen sehen; auf meiner ersten Reise in Afrika hat er mir sogar auf dem nur vermittelst eines Brettes mit dem Lande verbundenen Schiffe einen Besuch gemacht. Die Eingeborenen Afrikas hassen ihn, weil er alle nur denkbaren Sachen aus den Hütten wegschleppt und unter dem Hausgeflügel, sogar unter den kleinen Herdentieren manchmal arge Verheerungen anrichtet. Die Somali versichern, daß er ihren Schafen die Fettschwänze abfresse; im Sudan weiß man davon zwar nichts, kennt ihn aber als sehr eifrigen Jäger der kleinen Antilopen, der Mäuse, Erdeichhörnchen und anderer Nager. Bei dem Aase ist er ein regelmäßiger Gast; er scheint solche Speise leidenschaftlich gern zu fressen. Wie Burton berichtet, betrachten die Somali das Gekläff des Schabrackenschakals als ein Vorzeichen des kommenden Tages und schließen von ihm aus auf gutes oder schlechtes Wetter; in Abessinien oder im Sudan beachtet man diese Musik nicht, obgleich man sie oft genug zu hören bekommt. Ich meinesteils muß gestehen, daß mir das Geheul dieser Schakale niemals lästig geworden ist, sondern immer eine ergötzliche Unterhaltung gewährt hat.
Über die Fortpflanzung unseres Wildhundes fehlen zur Zeit noch genügende Beobachtungen. Mir wurde erzählt, daß die Anzahl des Gewölfes 4—5 betrage, und daß man die Jungen zu Anfang der großen Regenzeit finde. Im Innern Afrikas fällt es niemand ein, das wirklich nette Tier zu zähmen; wir erhalten deshalb auch nur aus dem Kaplande ab und zu einen dieser Schakale lebendig. Wenn man sich viel mit einem solchen Gefangenen beschäftigt, gewinnt man bald sein Vertrauen. Der Schabrackenschakal ist im Grunde ein gutmütiger, verträglicher Bursche, welcher jedenfalls mehr als der Fuchs zur Geselligkeit und zum Frieden neigt. So scheu und wild er sich anfänglich gebärdet, so rasch erkennt er liebevolle Behandlung an und sucht sie durch dankbare Anhänglichkeit zu vergelten. Ein fast ausgewachsenes Männchen, welches ich in London ankaufte, war anfänglich im höchsten Grade scheu und bissig, tobte beim bloßen Erscheinen des Wärters wie unsinnig im Käfige umher, machte Sprünge von 1—2 m Höhe und suchte sich ängstlich vor dem Menschen zu verbergen oder ihm zu entkommen, bekundete aber auch ähnliche Furcht vor verwandten Wildhunden, mit denen es zusammen gehalten wurde, so daß es oftmals eben dieser Scheu und Furchtsamkeit wegen zu argen Beißereien unter der sehr gemischten Gesellschaft kam. Dies alles
aber verlor sich bald. Der Schabrackenschakal erkannte das Vergebliche seines Sträubens und befliß sich fortan eines verständigen Betragens. Schon nach wenigen Wochen nahm er, vielleicht durch das gute Beispiel seiner Mitgefangenen ermuntert, dem Wärter das ihm vor: gehaltene Fleisch oder Brot aus der Hand; nach etwa Monatsfrist hatte sich seine Scheu fo weit verloren, daß er traulich auf den Ruf herbeikam und die dargebotene Hand liebevoll beleckte. Auch zu seinen Mitgefangenen faßte er allgemach Vertrauen, und mit dem Ber: trauen stellte sich eine gewisse Freundschaft ein, welche freilich durch einen vorgehaltenen fetten Bissen zuweilen kleine Unterbrechungen erhielt, im ganzen aber doch thatsächlich bestand.
Während des Haarwechsels, welcher im September vor sich ging, hatte gedachter Schakal vorübergehend ein ganz eigentümliches Aussehen. Seine schwarze Schabracke verlor sich in kurzer Zeit bis auf spärliche Überbleibsel; das neue Grannenhaar wuchs aber sehr rasch wieder heran, und bereits nach 4 Wochen hatte er sein neues, schöneres Kleid angelegt. In einem Käfig zusammengehaltene Paare des Schabrackenschakals pflanzen sich leicht fort. Ob ihre Trächtigkeitszeit von der anderer Wölfe abweicht, vermag ich nicht zu sagen. Ein Paar, welches unter der Pflege Kjärböllings mehrere Jahre nacheinander Junge brachte, begattete sich ineinem Jahre am 16. Januar, trotz der herrschenden 12 Grad Réaumur Kälte, und bekam — wann, ist nicht gesagt — vier Junge, welche vortrefflich gediehen. In den beiden folgenden Jahren wölfte das Weibchen wieder, einmal am 4. März, fraß gelegentlich auch einen seiner Sprößlinge, obgleich es diese sonst gut behandelte.
In Südafrika ist das weiche Fell des Schabrackenschakals sehr beliebt und wird, zu 10—20 zu einer Dede (Karoß) zusammengenäht, gern gekauft und über Lagerstätten gebreitet. Bei geschmackvoller Zusammenstellung der in Färbung und Zeichnung recht verschiedenen Felle sehen diese Decken sehr reich und schön aus.
Werfen wir nach dieser fast vollständigen Übersicht der altweltlichen einen Blick auf andere, in Amerika hausende Glieder der Untergattung, so stoßen uns zunächst zwei Arten auf, als deren gemeinsame Merkmale der sehr lange, dünnnasige Kopf und kurze Schwanz gelten. Unter sich sind diese beiden Arten übrigens wesentlich verschieden.
Der Mähnenwolf, rote Wolf der Ansiedler, Guara der Eingeborenen (Canis [Lupus] jubatus, Chrysocyon jubatus, Canis campestris), hat, laut Burmeister, zwar die unverkennbarste Ahnlichkeit mit dem Wolfe, ist jedoch verhältnismäßig schwächer gebaut und viel hochbeiniger als dieser, die Schnauze enger, die Brust schmäler, der Schwanz kürzer. „Eigentlich“, sagt Hensel, „ist das Tier eine Mißgestalt. Sein Rumpf erscheint unver: hältnismäßig kurz, während die Beine, namentlich durch Verlängerung der Mittelhand und des Mittelfußes, eine für unser Gefühl unnatürliche Länge besitzen.“ Der Pelz hat ebenfalls sein Eigentümliches. Im Gesichte und an den Pfoten sind die Haare, nach Burmeisters Beschreibung, kurz anliegend; weiterhin, an den Beinen ganz allmählich, werden sie länger und erreichen ihre größte Länge im Nacken und längs des Rückens, wo sie eine starke aufrichtbare Mähne bilden und gegen 13 em Länge haben. Ihre Färbung, ein klares, reines Zimtrotbraun, wird gegen die Mitte des Rückens etwas dunkler, gegen den Bauch hin heller, gelblicher; die Schnauze ist braun, die nackte Nase ganz schwarz, das Gesicht heller, das Ohr außen rotbraun, innen weißgelb; den Nacken ziert ein großer schwarzbrauner Flecken, welcher sich nach dem Rücken hinabzieht; die Pfoten sind auf der Vorderseite schwarz, hinten braun, die Innenseiten der Beine fast weiß; der Schwanz hat oben rotbraune, unten gelb: liche Färbung. Bei 1,25— 1,3 m Leibes⸗ und 40 em Schwanzlänge beträgt die Schulterhöhe 70 em und darüber. Noch heutigestags wissen wir über das Leben dieses in allen Sammlungen seltenen Tieres außerordentlich wenig. Der Mähnenwolf hat zwar eine weite Verbreitung über