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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Man sagt, daß die Hundemutter unter ihrem Gewölfe immer einige bevorzugte Lieblinge habe, und daß man genau zu erkennen vermöge, welcher Hund eines Gewölfes der vorzüglichste sein werde, wenn man der Hündin ihre sämtlichen Jungen wegtrage und dann beobachte, welches von ihren Kindern sie zuerst aufnehme und nach ihrem alten Lager zurückbringe. Dieser Erstling soll, wie man versichert, immer der vorzüglichste Hund sein. Wahrscheinlich ist diese Annahme nicht begründet; denn sie liebt alle ihre Kinder mit gleicher Zärtlichkeit.

Einer Hündin läßt man in der Regel nur 2—3, höchstens 4 Junge von ihrem Gewölfe, um sie nicht zu sehr zu schwächen. Die kleinen Gesellen brauchen viel Nahrung, und die Alte ist kaum im stande, ihnen das Erforderliche zu liefern. Daß der Mensch als Schutzherr des Tieres eine säugende Hündin besonders gut und kräftig füttern muß, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Jeder Hundebesitzer macht der Hundemutter schon im voraus in einer stillen Ecke, an einem lauen Orte, ein weiches Lager zurecht und ist ihr dann in jeder Weise behilflich, ihre Kinder aufzuziehen. Solange die Hündin säugt, scheint ihr Herz einer umfassenden Liebe fähig zu sein, deshalb duldet sie es auch, wenn man ihr fremde Hunde, ja sogar andere Tiere, wie Katzen und Kaninchen, anlegt. Ich habe letzteres oft bei Hunden versucht, jedoch bemerkt, daß säugende Katzen noch viel freundlicher gegen Pflegekinder waren als die Hundemütter, welche bei aller Herzensgüte ein Zusammenrunzeln der Nasenhaut selten unterdrücken konnten. Indessen bewähren sie sich vortrefflich als Löwen- und Tigerammen.

Gewöhnlich läßt man die jungen Hunde sechs Wochen lang an der Alten saugen. Ist sie noch kräftig und wohlbeleibt, so kann man auch noch ein paar Wochen zugeben; es kann dies den Jungen nur nützen. Wenn man diese entwöhnen will, füttert man die Alte einige Zeitlang sehr mager, damit ihr die Milch ausgeht; dann duldet sie selbst nicht, daß ihre Jungen noch länger an ihr saugen. Nunmehr gewöhnt man letztere an leichtes Futter und hält sie vor allen Dingen zur Reinlichkeit an. Schon im 3. oder 4. Monate wechseln sie ihre ersten Zähne; im 6. Monate bekümmern sie sich nicht viel mehr um die Alte; nach

sie erziehen oder, wie man gewöhnlich sagt, abrichten, so darf man nicht allzulange zögern. Die Ansicht älterer Jäger und Hundezüchter überhaupt, daß ein junger Hund vor zurüd-gelegtem ersten Lebensjahre zum Lernen zu klein und schwach sei, ist falsch. Adolf und Karl Müller, zwei ebenso tüchtige Forscher wie Jäger, beginnen den Unterricht ihrer Jagdhunde, sobald diese ordentlich laufen können, und erzielen glänzende Erfolge. Ihre Zöglinge erhalten keinen bösgemeinten Schlag, kaum ein hartes, höchstens ein ernstes Wort und werden die allervortrefflichsten Jagdgenossen und Jagdgehilfen. Junge Hunde sollen behandelt werden wie Kinder, nicht wie verstockte Sklaven. Sie sind ausnahmslos willige und gelehrige Schüler, achten sehr bald verständig auf jedes Wort ihres Erziehers und leisten aus Liebe mehr und Tüchtigeres als aus Furcht. Abrichter junger Hunde, welche ohne Stachelhalsband und Hetzpeitsche nichts ausrichten können, sind ungeschickte Peiniger, nicht aber denkende Erzieher. Was man alles aus Hunden machen kann, gehört nicht hierher oder würde uns wenigstens zu weit von unserer Aufgabe ablenken. Wer sich vom Hause aus nicht mit der Abrichtung von Tieren befaßt hat, thut entschieden am besten, wenn er dies von einem darauf eingeübten verständigen Manne besorgen läßt. |

Der Hund tritt schon im zwölften Jahre in das Greisenalter ein. Dieses zeigt fich an seinem Leibe ebensowohl als an seinem Betragen. Namentlich auf der Stirn und der Schnauze ergrauen die Haare, das übrige Fell verliert seine Glätte und Schönheit, das Gebiß wird stumpf, oder die Zähne fallen aus; das Tier zeigt sich träge, faul und gleichgültig gegen alles, was es früher erfreute oder entrüstete; manche Hunde verlieren die Stimme fast gänzlich und werden blind. Man kennt übrigens Beispiele, daß Hunde ein Alter von 20, ja jogar von 26 und 30 Jahren erreicht haben. Doch find dies seltene Ausnahmen. Wenn nicht Altersschwäche, endet eine der vielen Krankheiten, denen auch sie ausgesetzt sind, ihr Leben.

Eine sehr häufig vorkommende Hundekrankheit ist die durch Schmarotzer verursachte Räude, die nicht, wie man früher glaubte, eine Folge von mangelhafter Nahrung und Bewegung sowie von Unreinlichkeit ist. Junge Hunde leiden oft an der Staupe oder Hundeseuche, welche in ansteckender Entzündung der Schleimhäute besteht und am häufigsten zwischen dem 4. und 9. Monate vorkommt. Wohl mehr als die Hälfte der europäischen Hunde erliegt dieser Krankheit oder verdirbt doch durch sie. Außerdem werden fie alle von Schmarotzern, von denen man über ein Dutzend kennt, geplagt. Sie leiden oft entsetzlich an Flöhen und Läusen, und an gewissen Orten auch an Holzböcken oder Zecken. Erstere vertreibt man bald, wenn man unter das Strohlager des Hundes eine Schicht Asche auf den Boden streut oder das Fell des Tieres mit persischem Insektenpulver einreibt. Die Zecken, welche die Hunde am meisten peinigen, vertreibt man, indem man etwas Branntwein, Salzwasser oder Tabakssaft auf sie träufelt. Sie gewaltsam auszureißen, ist nicht ratsam, weil sonst leicht der Kopf in der Saugwunde stecken bleibt und dort Eiterung und Geschwüre verursacht. „Viel schlimmer,“ schreibt Noll, „sind schon kleine, dem bloßen Auge nicht erkennbare Tierchen, zwei Arten von Milben, wie solche auch auf dem Menschen und verschiedenen

Tieren Hautkrankheiten hervorrufen. Die Räude des Hundes rührt von einer Grabmilbe (Sarcoptes squamiferus) her, die noch nicht die Länge eines halben Millimeters erreicht und sich inder Haut des Hundes Gänge gräbt, ähnlich wie die Krätzmilbe in der des Menschen. Bei dem Hunde beginnt die Räude gewöhnlich am Kopfe, am Bauche, an der Schwanzwurzel und in den Gelenken, breitet sich aber nach und nach über den ganzen Körper aus. Auf der Haut entstehen kleine Bläschen, die Flüssigkeit aussickern lassen und sich zu graugelben Krusten und Borken ausbilden. Der Hund findet bei dem Kratzen und Reiben der kranken Stellen sichtbare Befriedigung. Die Milben, die bei warmer Haut des Hundes, also z. B. bei Aufenthalt in dem Zimmer, munter werden, können durch Schaben

und Wälzen auf Teppichen und Gerätschaften von diesen auch auf den Menschen gelangen oder durch Streicheln des Hundes direkt auf die Hand kommen, und oft ist es beobachtet worden, daß bei Menschen, besonders bei Frauen und Kindern, ein krätzeartiger Ausschlag zunächst an den Händen durch die Grabmilbe des Hundes entstanden ist. Allerdings ist derselbe noch leichter als die Krätze durch geeignete Behandlung wieder zu entfernen. „Etwas anderes als die eigentliche Räude des Hundes ist ein ebenfalls öfters vorkommender Ausschlag, der durch eine Balgmilbe (Demodex folliculorum canis) hervorgerufen wird. Die Milbe, die noch kleiner als die vorige ist, bohrt sich in die Haarbälge und Talgdrüsen der Haut des Hundes ein und beginnt ihre Arbeit meist zuerst am Kopfe, am Bauche und am Kreuze desselben. Rote Flecken auf der Haut erzeugen bald kleine Geschwüre, der ganze Körper wird oft blutrünstig und der Hund, dem das Kratzen und Scheuern keine Beruhigung gewährt, magert trotz seiner Gefräßigkeit stark ab, einen widerlich süßen Geruch verbreitend. Die Balgmilbenräude wird mit dem sie verursachenden Tiere leicht auf die Haut des Menschen übertragen und verursacht einen stark juckenden knotigen Ausschlag an Händen und Füßen. Doch scheinen die Milben nicht auf der Haut eines jeden Menschen zu gedeihen. Auch hier ist Abhilfe nicht allzuschwer zu schaffen. „Ein bei den Menschen und besonders bei unreinlichen Kindern vorkommender Hautausschlag ist der Wabengrind, Erbgrind oder Favus. Wein- oder wachsgelbe Krusten und Borken, getrocknetem Brotteige nicht unähnlich, bedecken die Haut und zwar meistens den Kopf, verbreiten widerlichen Geruch und erzeugen in den von ihnen befallenen Stellen schwächeres oder stärkeres Jucken. Mikroskopische Untersuchungen haben ergeben, daß in der geröteten und netzenden Haut unter den Borken zahlreiche schlauchartige Fäden eines Pilzes wuchern, die sich in kugelige Keimkörner, Sporen (richtiger Konidien), abschnüren, und durch zahlreiche Übertragungsversuche ist festgestellt, daß der Pilz sich von Mensch zu Mensch über: tragen läßt und ähnliche Hautausschläge hervorbringt, ja daß er die alleinige Ursache des Favus ist. Dieselbe Krankheit kommt aber auch bei Hühnern, bei dem Hunde und Kaninchen, bei Katzen und seltener auch bei dem Pferde vor. Sie steckt von Tier zu Tier an und geht leicht von diesen auch wieder auf den Menschen über. Bei dem Hunde tritt sie am häufigsten am Kopfe, am Bauche und auf der Außenseite der Hinterschenkel auf. Sie überzieht aber leicht auch den ganzen Körper und verursacht häufig dadurch, daß die Schläuche des Pilzes (Achorion schönleinii) in die Haarbälge eindringen und das Haar emporheben, bleibende Haarlosigkeit der befallenen Stellen. „Ganz ähnlich, und vielleicht in entwickelungsgeschichtlichem Zusammenhange mit dem Favus stehend, ist eine andere Hautkrankheit, die haarzerstörende Borkenflechte (Herpes tonsurans). Sie bildet zuerst fleckenweise zusammenstehende Bläschen, die eine rötliche Flüssigkeit ausscheiden; bald tritt dann an ihren Platz eine rundliche, oft wie ein silbernes Fünfmarkstück große, kahle, scharf abgegrenzte Stelle, die mit weißlichen Schuppen und umgefallenen Haaren bedeckt ist. Auch hier ist ein Pilz (Trichophyton tonsurans), der aus Fäden, oft auch nur aus Keimkörnern (Konidien) besteht, die alleinige Ursache der Krankheit, die zunächst am Kopfe und Halse des Hundes, besonders aber auch des Rindes auftritt und von hier aus sich über den Körper hinzieht. Bei dem Menschen ist das Übel auch vorkommend, und wie der Favus läßt es sich von Mensch auf Tier und umgekehrt übertragen. Ist es doch in der Schweiz 1840 vorgekommen, daß in einem Dorfe der größte Teil der Bewohner von der Borkenflechte befallen wurde, angesteckt von ihren flechtenkranken Rindern. Auch der Hund trägt seinen Teil zur Verbreitung dieser Krankheit bei. „Sind die genannten Krankheiten der Haut auch nicht lebensgefährlich, so sind sie doch unangenehm und den Verkehr mit anderen Menschen störend. Soweit sie von dem Hunde herrühren (und die beiden ersten Arten der Räude werden nur von diesem auf den

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106 Vierte Ordnung: Raubtiere; fünfte Familie: Hunde. * 4

denschen übertragen), kann man ihr Auftreten verhüten, wenn man für die nötige Reinlichkeit des Hundes sorgt. Wie wenigen Leuten aber fällt es ein, ihren Liebling einer wöchentlichen Waschung mit Seife und lauem Wasser zu unterwerfen oder genau den Zustand seiner Haut zu beobachten. Ist ein Übel stark vorgeschritten, dann thut man wohl Schritte zu seiner Beseitigung, aber dann ist die Ansteckung der Menschen um ihn her in der Regel bereits erfolgt, denn wenn die Krankheit in den ersten Anfängen ist und noch nicht bemerkt wird, kann ja gerade durch Streicheln des Hundes, Aufnehmen desselben auf den Schoß oder gar in das Bett sowie durch die Tücher und Decken, auf denen Bello schläft, eine Übertragung der Parasiten erfolgen. Aus obigem geht aber auch hervor, daß man Dienern, die an Ausschlägen genannter Art leiden, nicht die Pflege und Führung der Hunde überlassen soll, da mittelbar über den Hund hinweg ihr Leiden wieder auf andere Menschen kommen kann.“

Viel gefährlicher als diese äußeren Schmarotzer sind die inneren, besonders die Bandwürmer, an denen namentlich auch die Jagdhunde leiden. Man kennt fünf Arten von Bandwürmern, deren Wirt der Hund ist. Um fie zu vertreiben, wird ein Absud der abejfini-schen Kussoblüte empfohlen, auch sollen Hagebutten, die man samt den darin befindlichen Körnern und Härchen dem Hunde in das Fressen gibt, günstig wirken. „Von den fünf in dem Darme des Hundes lebenden Bandwürmern,“ fährt Noll fort, „ist für den Menschen der gefährlichste der Echinokokkus. Von den fünf Bandwürmern ift er der kleinste, denn er wird höchstens 4 mm lang und besteht außer dem Köpfchen aus drei Gliedern, von denen das letzte etwa 500 Eier in sich ausbildet und nach deren Reife sich vom Wurmkörper loslöst, um mit wurmförmigen Bewegungen den Darm des Hundes zu verlassen und in das Freie zu gelangen. Dies abgetrennte Glied ist weißlich von Farbe, kaum 2 mm lang, 1 mm breit und wird wegen seiner geringen Größe nur selten bemerkt. Bedenken wir, daß ein Echinokokkusbandwurm während seines Lebens etwa ein Dutzend Glieder abstoßen kann, jedes mit ungefähr 350 Eiern im Mittel, jo liefert ein solches Würmchen schon 4—5000 Keime zu jungen Bandwürmern. Und wenn wir nun hören, daß in dem Darme eines einzigen Hundes Hunderte, ja Tausende der Bandwürmchen vorkommen können, so sehen wir ein, welche Masse von Gliedern und Eiern fortwährend von einem Hunde abgesetzt werden müssen. Doch ist zu bemerken, daß nicht alle Hunde echinokokkuskrank sind, vielmehr kommt diese Krankheit häufiger nur in gewissen Gegenden vor, obgleich sie sporadisch überall da sich zeigt, wo Hunde gehalten werden, und so leider auch bei uns. „Das den Hund verlassende und mit reifen Eiern gefüllte Bandwurmglied muß, damit sich seine Eier entwickeln können, in den Magen eines anderen Geschöpfes gelangen, das man als Zwischenwirt bezeichnet. Als solchen kennen wir für den Echinokokkus das Schwein, das Rind und den Menschen. Und leider ist die Gefahr, daß ein Bandwurmglied von einem Menschen verschluckt wird, gar nicht so gering. Wie wird der kleine Schoßhund auf den Armen gehätschelt, wie liegt er stundenlang auf dem Schoße seiner Herrin oder wird von Kindern mit in das Bett genommen, wie darf der Hund Hände und Gesicht seines Herrn belecken und wie wird er sogar gelehrt, „Küßchen“ zu geben. Und wie leicht klebt er sich ein solch unbemerkbares Glied seines Bandwurmes durch Beknuppern und Belecken seines eigenen Körpers an die Schnauze und überträgt es auf seinen Herrn, der es, ohne zu ahnen, in den Mund bekommt. Wie kann unbemerkt von dem im Schoße seiner Herrin ruhenden Hündchen ein Bandwurmglied abgehen und von dem Kleide an die Hände oder das Brot der Dame, die es unbesorgt auf denselben Platz legt, wo vorher ihr gut gepflegter Liebling gesessen, übergehen und verschluckt werden. Das in den Magen gekommene Glied löst sich daselbst auf, die Eier entwickeln sich zu ebenso vielen kleinen Embryonen, und diese durchbohren bald mit sechs kleinen Borsten den Darm ihres Wirtes, um in dessen Körper

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