Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Um für die Massen der Mäuse, welche manchmal in gewissen Gegenden auftreten, Zahlen zu geben, will ich bemerken, daß in dem einzigen Bezirke von Zabern im Jahre 1822 binnen 14 Tagen 1,570,000, im Landratsamte Nidda 590,327 und im Landratsamte Putzbach 271,941 Stück Feldmäuse gefangen worden find. „Im Herbste des Jahres 1856”, sagt Lenz, „gab es so viele Mäuse, daß in einem Umkreise von 4 Stunden zwischen Erfurt und Gotha etwa 12,000 Acker Land umgepflügt werden mußten. Die Aussaat von jedem Acker hatte nach damaligem Preise einen Wert von 2 Thalern; das Umackern selbst war auf einen halben Thaler anzuschlagen, und jo betrug der Verlust mindestens 20— 30,000 Thaler, aber wahrscheinlich weit mehr. Auf einem großen Gute bei Breslau wurden
binnen 7 Wochen 200,000 Stück gefangen und an die Breslauer Düngerfabrik abgeliefert, welche damals fürs Dutzend einen Pfennig bezahlte. Einzelne Mäusefänger konnten der Fabrik täglich 1400 —1500 Stück liefern.“ Im Sommer des Jahres 1861 wurden in der Gegend von Alsheim in Rheinhessen 409,523 Mäuse und 4707 Hamster eingefangen und abgeliefert. Die Gemeindekasse hat dafür 2593 Gulden verausgabt. Manche Familien haben bei dieser Mäuseverfolgung 50, 60 und mehr Gulden durch die Thätigkeit ihrer Kinder erworben; ja, einem besonders glücklichen Vater haben seine wackeren Buben 142 Gulden heimgebracht. Er kaufte für dieses Geld ein kleines Grundstück, welches den Namen „Mäuseäckerchen“ für alle Zeiten tragen soll. In den Jahren 1872 und 1873 war es nicht anders. Fast aus allen Teilen unseres Vaterlandes erschollen Klagen über Mäusenot. Es war eine Plage, der bekannten ägyptischen vergleichbar. Selbst in dem dürren Sande der Mark zählte man auf einzelnen Feldstücken Tausende von Feldmäusen; in dem fetten Ackerlande Niedersachsens, Thüringens, Hessens hausten sie furchtbar. Halbe Ernten wurden vernichtet, Hunderttausende von Morgen umgepflügt, viele Tausende von Mark für Vertilgungsmittel ausgegeben. In landwirtschaftlichen Vereinen wie in Ministerien erwog man Mittel und Wege, der Plage zu steuern.
Zuweilen überfällt die Feldmaus auch Waldungen. In den Jahren 1813 und 1814 richtete sie inEngland unter der ein- bis zweijährigen Baumsaat so große Verwüstungen an, daß ernstliche Besorgnisse dadurch rege wurden. Auf weite Strecken hin hatten die * Tiere nicht allein von allen Setzlingen die Rinde abgefressen, sondern auch die Wurzeln. vieler schon großer Eichen und Kastanien abgeschält und die Bäume dadurch zu Grunde 1gerichtet. Von seiten der Regierungen mußten die umfassendsten Vorrichtungen getroffen 100 werden, um dem ungeheuern Schaden zu steuern.
Leider ist der Mensch diesen Mäusen gegenüber geradezu ohnmächtig. Alle Vertilgungsmittel, welche man bisher ersonnen hat, erscheinen ungenügend der massenhaften Vermehrung jener gefräßigen Scharen gegenüber: nur unter ihnen ausbrechende Seuchen und in nicht unerheblichem Maße auch die vom Menschen jo befeindeten Raubtiere vermögen zu helfen. Man gebraucht mit gutem Erfolge Mäusebohrer, mit denen man Löcher von 12—18 em Durchmesser etwa 60 em tief in die Erde gräbt, und erzielt damit, daß die hineinfallenden Mäuse, ohne daran zu denken, sich Fluchtröhren zu graben, einander auffressen und sich gegenseitig vernichten; man läßt beim Umackern der Felder Kinder mit Stöcken hinter dem Pfluge hergehen und so viele Mäuse wie möglich erschlagen; man treibt Rauch in ihre Höhlen, wirft vergiftete Körner hinein, übergießt sogar ganze Felder mit einem Absud von Brechnuß oder Wolfsmilch, kurz wendet alles an, um diese greuliche Plage los zu werden: aber gewöhnlich sind sämtliche Mittel so gut wie vergeblich, einzelne von ihnen, namentlich das Vergiften, auch höchst gefährlich. Selbst das wirksamste Gift vertilgt nicht alle Feldmäuse eines Ackers, wohl aber regelmäßig deren ärgste Feinde, also unsere Freunde: Füchse, Iltisse, Hermeline, Wiesel, Bussarde, Eulen, Krähen und ebenso Rebhühner, Hasen und Haustiere, von der Taube an bis zum Rinde oder dem Pferde hinauf: Grund genug, das Ausstreuen von Gift gänzlich zu verwerfen. Für jeden Tierkundigen oder Tierfreund war es ein Greuel zu sehen, wie im Jahre 1872 die Mäusefeinde anstatt geschützt und gehegt, vergiftet und vernichtet wurden. Kurzsichtige, mehr für Hasenjagd begeisterte als auf vollste Ausnutzung des Bodens bedachte Landwirte freuten sich, daß neben toten Mäusen auch Hunderte von verendeten Krähen, vergiftete Bussarde und Eulen, Füchse, Iltisse und Hermeline gefunden wurden, bedachten aber nicht, welchen Schaden sie durch ihre sinnlose Mäusevertilgungswut sich selbst zugefügt hatten. Nicht die Leichname der nützlichen, aber mißachteten Mäusejäger, sondern erst die nebenbei vergifteten Hasen, Rebhühner und Haustiere brachten sie zum Nachdenken und bewogen sie endlich, dem Giftstreuen Einhalt zu
thun. Die warnenden Worte einsichtsvoller Berufsgenossen waren bis dahin spurlos verhallt; die von ihnen durch Schrift und Wort verkündete Wahrheit, daß das Giftlegen auf den Feldern wohl den Gifthändlern, nicht aber den Landwirten Nutzen bringe, wurde erst später anerkannt. Neben dem Gifte wandte man in fettem Boden mit Erfolg auch das Ausräuchern der Feldmäuse an, indem man alle Löcher zuschlug und in die von Mäusen wieder eröffneten giftige Dämpfe (Kohlen- und Schwefeldämpfe) einströmen ließ; aber auch diese an und für sich treffliche Vernichtungsart ließ sich nicht überall ausführen und verursachte nebenbei erhebliche Kosten.
In Sibirien, und zwar vom Ob bis zum Onon, tritt neben und zwischen Verwandten eine Wühlmaus auf, welche ebenfalls, obschon aus anderen Gründen als die Feldmaus,
Beachtung verdient: die Wurzelmaus (Ar vicola [Arvicola] oeconomus, Mus und Hypudaeus oeconomus). Sie ist etwas größer als unsere Feldmaus, 18 em lang, wovon 5 em auf den Schwanz kommen, oben hellgelblichgrau, unten grau, der Schwanz oben braun, unten weiß. Von der Feldmaus unterscheidet sie sich durch den kürzeren Kopf, die kleineren Augen und die kurzen, im Pelze fast versteckten Ohren.
Pallas und Steller haben uns anziehende Schilderungen von dem Leben dieses Tieres hinterlassen. Die Wurzelmaus findet sich in Ebenen, oft in großer Menge, und wird von den armen Einwohnern jener traurig-öden Gegenden geradezu als Wohlthäterin betrachtet; denn sie arbeitet hier zum besten des Menschen, anstatt ihm zu schaden. Unter dem Rasen macht sie sich lange Gänge, welche zu einem in geringer Tiefe liegenden, großen, runden, mit einigen sehr geräumigen Vorratskammern in Verbindung stehenden Neste von 30 em Durchmesser führen. Dieses ist mit allerhand Pflanzenstoffen weich ausgefüttert und dient der Maus zum Lager wie zum Wochenbette; die Vorratskammern aber füllt sie mit allerhand Wurzeln an. „Man vermag kaum zu begreifen“, sagt Pallas, „wie ein Paar so kleiner Tiere eine so große Menge Wurzeln aus dem zähen Rasen hervorgraben und zusammentragen können. Oft findet man 8—10 Pfund in einer Kammer und manchmal deren 3—4 in einem Baue. Die Mäuse holen sich ihre Vorräte oft aus weiten Entfernungen, scharren Grübchen in den Rasen, reißen die Wurzeln heraus, reinigen sie auf der Stelle und ziehen sie auf sehr ausgetretenen, förmlich gebahnten Wegen rücklings nach dem Neste. Gewöhnlich nehmen sie den gemeinen Wiesenknopf, den Knollenknöterich, den betäubenden Kälberkropf und den Sturmhut. Letzterer gilt ihnen, wie die Tungusen sagen, als Festgericht; sie berauschen sich damit. Alle Wurzeln werden sorgfältig gereinigt, in fingerlange Stücke zerbissen und aufgehäuft. Nirgends wird das Gewerbe dieser Tiere dem Menschen so nützlich wie in Dawurien und in anderen Gegenden des östlichen Sibirien. Die heidnischen Völker, welche keinen Ackerbau haben, verfahren dort mit ihnen wie unbillige Edelleute mit ihren Bauern. Sie heben die Schätze im Herbste, wenn die Vorratskammern gefüllt sind, mit einer Schaufel aus, lesen die betäubenden weißen Wurzeln aus und behalten die schwarzen des Wiesenknopfes, welche sie nicht bloß als Speise, sondern auch als Thee gebrauchen. Die armseligen Landsassen haben an diesen Vorräten, welche sie den Mäusen abnehmen, oft den ganzen Winter zu essen; was übrigbleibt, wühlen die wilden Schweine aus, und wenn ihnen dabei eine Maus in die Quere kommt, wird diese natürlich auch mit verzehrt.“
Merkwürdig ist die große Wanderlust dieser und anderer verwandter Wühlmäuse. Zum Kummer der Eingeborenen machen fie sich in manchen Frühjahren auf und ziehen heerweise nach Westen, immer geraden Weges fort, über die Flüsse und auch über die Berge weg. Tausende ertrinken und werden von Fischen und Enten verschlungen, andere Tausende von Zobeln und Füchsen gefressen, welche diese Züge begleiten. Nach der Ankunft am
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544 Siebente Ordnung: Nager; sechste Familie: Wühlmäuse. 2
x anderen Ufer eines Flusses, den sie durchschwammen, liegen sie oft zu großen Haufen ermattet am Strande, um auszuruhen. Dann setzen sie ihre Reise mit frischen Kräften fort. Ein Zug währt manchmal 2 Stunden in einem fort. So wandern fie bis in die Gegend von Penschina, wenden sich dann südlich und kommen in der Mitte Juli am Ochota an. Nach Kamtschatka kommen sie gewöhnlich im Oktober zurück, und nun haben sie für ihre Größe eine wahrhaft ungeheure Wanderung vollbracht. Die Kamtschadalen prophezeien, wenn die Mäuse wandern, ein nasses Jahr und sehen sie ungern scheiden, begrüßen sie auch bei der Rückkehr mit Freuden.
Eine auch in Deutschland vorkommende Wurzelmaus endlich gilt als Vertreterin einer besonderen Untergattung der Kurzohrmäuse (Microtus), weil fie sich von den Feldmäusen, deren Zahnbau sie besitzt, durch die kurzen, im Pelze versteckten Ohren, nur 4, anstatt 8 Zitzen und weniger Wülste auf den Fußsohlen (5 anstatt 6) einigermaßen unterscheidet.
Die Höhlenmaus (Arvicola [Microtus] subterraneus, Arvicola pyrenaicus und selysii, Lemmus pratensis) ift 11 cm, der Schwanz 3 em lang, der Pelz oben roft-grau, unten weißlich, der Schwanz ebenso, die eine Farbe scharf von der anderen getrennt.
Selys entdeckte diese Maus im Jahre 1831 in Frankreich auf feuchten Wiesen und in Gemüsegärten in der Nähe der Flüsse, Blasius fand sie auch auf Feldern und Bergwiesen am Niederrheine und in Braunschweig auf, andere Naturforscher lernten sie als Bewohner Sachsens und des Vogtlandes kennen. Sie lebt paarweise, mehr unterirdisch als ihre Gattungsverwandten, und es scheint fast, daß ihre sehr kleinen Ohren und Augen auf diese Lebensweise hindeuten. Ihre Höhlen sind weitverzweigter und zahlreicher als die anderer Wühlmäuse. In den Vorratskammern fand Dehne im Dezember über 0,5 kg Wurzeln, jede Art gesondert und gereinigt. Sie bestanden in Löwenzahn, Quecke, Hain: anemone, Sauerampfer, in dem Knöllchen der gemeinen Butterblume, einigen Zwiebeln, Möhren und der Vogelmilch. Die Niederlagen waren etwa 30 em tief unter dem Rasen der niedrigen Wiesen des Lößnitzer Grundes angebracht und hatten 16—21 em im Durchmesser. Mehrere zickzackförmige, ganz flach unter dem Rasen fortlaufende W führten zu ihnen und verbanden sie. Selten vermehrt sich diese Maus ebenso stark wie ihre Verwandten. In ihren weich ausgepolsterten Nestern findet man allerdings fünf- bis sechsmal im Jahre 3—5 Junge, aber von diesen gehen, weil die Niederungen oft überschwemmt werden, regelmäßig viele zu Grunde. Man kann die Jungen mit Runkelrüben, Möhren, Pastinaken, Kartoffeln, Apfeln und Kürbiskörnern leicht großziehen und lange erhalten; bei Brot und Getreidekörnern verhungern sie aber in wenigen Tagen. Dehne hatte ein Junges so gezähmt, daß er es in die Hand nehmen und mit sich herumtragen konnte, obgleich er ihm nicht ganz trauen durfte, weil es zuweilen, scheinbar unwissentlich, zu beißen versuchte. Mit anderen Wühlmäusen verträgt sich die Wurzelmaus nicht. Wenn man sie mit jenen zusammensteckt, entsteht ein wütender Kampf, und die schwächere wird, wenn sie nicht baldigst abgetrennt wird, der stärkeren regelmäßig unterliegen.
Die Lemminge (Myodes) erinnern unter den Wühlmäusen in Geftalt und Wesen an die Hamster unter den eigentlichen Mäusen: besonders gedrungen gebaute, stutzschwänzige Mitglieder der Gesamtheit. Der verhältnismäßig große Kopf ist dicht behaart, die Ober: lippe tief gespalten, das rundliche Ohr klein und ganz im Pelze versteckt, das Auge ebenfalls klein; die fünfzehigen, auch auf den Sohlen dicht behaarten Füße tragen, zumal vorn,
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große Scharrkrallen. Der letzte untere Backenzahn besteht wie der letzte obere aus 4 Prismen und zeigt auf der Kaufläche 5 Schmelzschlingen; der Schädel ist sehr breit, das Jochbein auffallend hoch.
Das Urbild der Gattung, der Lemming (Myodes lemmus, Mus lemmus und norwegicus, Lemmus norwegicus), erreicht eine Gesamtlänge von 15 cm, wovon höchstens 2 em auf das Stutzschwänzchen kommen. Der reiche und lange Pelz ist sehr ansprechend gezeichnet. Von der braungelben, im Nacken gewässerten Grundfärbung heben sich dunkle
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Lemming (Myodes lemmus). ½ natürl. Größe.
Flecken ab; von den Augen laufen zwei gelbe Streifen nach dem Hinterkopfe. Der Schwanz und die Pfoten sind gelb, die Unterteile einfach gelb, fast sandfarbig.
Der Lemming ist unbedingt das rätselhafteste Tier ganz Skandinaviens. Noch heute glauben die Bauern der Gebirgsgegenden, daß er von dem Himmel herabgeregnet komme und deshalb in so ungeheurer Menge auftrete, später aber wegen seiner Freßgier sich den Magen verderbe und zu Grunde gehen müsse. Olaus Magnus erzählt, daß er im Jahre 1518 in einem Walde sehr viele Hermeline gesehen und den ganzen Wald mit ihrem Gestanke erfüllt gefunden habe. Hieran wären kleine vierfüßige Tiere mit Namen Lemar schuld gewesen, welche zuweilen bei plötzlichem Gewitter und Regen vom Himmel fielen, man wisse nicht, ob aus entfernten Stellen hergetrieben oder in den Wolken erzeugt. „Diese Tiere, welche wie die Heuschrecken mit ungeheuern Schwärmen auftreten, zerstören alles Grüne, und was sie einmal angebissen haben, stirbt ab wie vergiftet. Sie leben, solange sie nicht frischgewachsenes Gras zu fressen bekommen. Wenn sie abziehen wollen, sammeln sie sich wie die Schwalben; manchmal aber sterben sie haufenweise und verpesten die Luft,