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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Wasser, tauchen unter und schwimmen einem sichern Verstecke zu. Haben sie aber ihre Mahlzeit ungestört vollendet, dann legen sie sich zusammengekauert auf den Eßtisch und ruhen aus.“ Neben dem Rohre verzehren die an Teichen wohnenden Wasserratten allerlei Pflanzenwurzeln und saftige Gräser, unter Umständen auch Früchte; die Reut- und Schermäuse aber gehen alle Gemüse ohne Unterschied an und vernichten weit mehr, als sie wirklich brauchen. „Es sind Beispiele bekannt“, sagt Blasius, „daß durch dieses Tier in einzelnen Feldern und Feldmarken über die Hälfte der Getreideernte umgekommen ist. Sie fressen die Halme über der Wurzel ab, um die Ahre zum Falle zu bringen; doch holen fie, als geschickte Kletterer, ebenso die Maiskörner aus den Ahren oder reifes Obst vom Spalier und den Bäumen herab.“ Tierische Nahrung verschmähen sie auch nicht. Im Wasser müssen Kerbtiere und deren Larven, kleine Frösche, Fische und Krebse ihnen zur Mahlzeit dienen, auf dem Lande verfolgen sie Feld- und andere Mäuse, den im Grase brütenden Vögeln nehmen sie die Eier weg, den Gerbern fressen fie ganze Stücke von den eingeweichten Tierhäuten ab ꝛc. Im Herbste erweitern sie ihren Bau, indem sie eine Vorratskammer anlegen und diese durch Gänge mit ihrem alten Neste verbinden. Die Kammer füllen sie aus nahe gelegenen Gärten und Feldern mit Erbsen, Bohnen, Zwiebeln und Kartoffeln an und leben hiervon während des Spätherbstes und Frühjahres oder solange das Wetter noch gelinde ist. Erst bei starkem Froste verfallen sie in Schlaf, ohne jedoch dabei zu erstarren. Nur sehr selten gewahrt man die Fährte einer Wasserratte oder Schermaus auf dem Schnee; in der Regel verläßt sie den Bau während der kälteren Jahreszeit nicht. N

Die Vermehrung der Wasserratten und Schermäuse ist bedeutend. Drei- bis viermal im Jahre findet man in dem unterirdischen warmen, weich ausgefütterten Neste 2 —7 Junge, oft in einem Neste solche von verschiedener Färbung zusammen. „Die Tiefe der Erdhöhle, in welcher das Nest errichtet wird“, jagt Landois, „schwankt zwischen 30—60 cm. Zu ihr führen stets mehrere Gänge. Das Nest selbst füllt die Erdhöhle vollständig aus, ist kugelig, hat einen Durchmesser von 15—20 em und besteht aus einer Unzahl äußerst feiner, trockener Wurzelfäserchen. Dickere Wurzelfasern und Wurzeln werden beim Baue vermieden und somit ein Nest hergestellt, welches inBezug auf seine Weiche und Wärme viele Vogelnester be-schämen könnte.“ Zuweilen findet man die Nester in dichtem Gestrüpp unmittelbar über der Erde, manchmal auch im Rohre. Ein solches Nest beschreibt Blasius. „Es stand 1 m hoch über dem Wasserspiegel, wie ein Rohrsängernest zwischen drei Schilfstengel eingeflochten, etwa 30 Schritte vom trockenen Ufer ab, war kugelrund, aus feinen, weichen Grasblättern gebaut, am Eingange zugestopft, hatte außen etwa 10 em, inwendig wenig über 5 cm im Durchmesser und enthielt zwei halberwachsene Junge von kohlschwarzer Färbung. Eines der alten Tiere, welches bei meiner Annäherung sich vom Neste entfernte und ins Wasser sprang, war ebenfalls schwarz von Farbe. Es schwamm und tauchte mit großer Geschicklichkeit. Die Alten konnten nur schwimmend zum Neste gelangen, indem der Teich vom Ufer an bis zum Neste durchgängig gegen 1m Tiefe besaß, und waren dann gezwungen, an einem einzigen Schilfstengel in die Höhe zu klettern. Der gewöhnliche Nestbau der Wasserratten ift so abweichend, und die Gelegenheit, ein unterirdisches Nest in einem naheliegenden Felde und Garten oder in der an den Teich angrenzenden Wiese, oder ein Nest auf der Erde in dichtem Gebüsche auf den Teichdamm zu bauen, war so günstig, daß sich keine Erklärungsgründe für dieses abweichende Verhalten zu finden vermögen. Hätte ich das Nest beim Aufsuchen von Rohrsänger- und Krontauchernestern nicht zufällig gefunden: es würde mir nie eingefallen sein, an ähnlichen Orten nach Wasserrattennestern zu suchen.“

Der Begattung gehen lang anhaltende Spiele beider Geschlechter voraus. Namentlich das Männchen benimmt sich sehr eigentümlich. Es dreht sich manchmal so schnell auf dem Wasser herum, daß es aussieht, als ob es von einer starken Strömung bald im Wirbel

bewegt, bald herumgewälzt würde. Das Weibchen scheint zwar ziemlich gleichgültig zuzusehen, erfreut sich aber doch wohl sehr an diesen Künsten; denn sobald das liebestolle Männchen mit seinem Reigen zu Ende ist, schwimmen beide gewöhnlich gemütlich nebeneinander, und dann erfolgt fast regelmäßig die Begattung. Die Mutter pflegt ihre Kinder mit warmer Liebe und verteidigt sie bei Gefahr. Wenn sie die Kleinen in dem einen Neste nicht für sicher hält, sucht sie nach einem sichereren Orte, schleppt sie im Maule hin und schwimmt dabei mit ihnen über breite Flüsse und Ströme. Die eigene Gefahr vergessend, läßt sie sich bisweilen mit der Hand erhaschen; aber nur mit Mühe kann man dann das Junge, welches sie trägt, ihren Zähnen entwinden. „Werden die Jungen“, sagt Fitzinger, „zufällig mit der Pflugschar ausgeackert und nicht sogleich getötet, so eilt die Mutter schnell herbei und sucht sie rasch in einem anderen Loche zu verbergen oder trägt sie, wenn ein solches in der Nähe nicht gleich aufzufinden ist, unter das nächste Buschwerk, um sie einstweilen dort zu schützen. Geraten die Jungen durch einen plötzlichen Angriff in Gefahr, so verteidigt sie die Mutter mit Kühnheit und Geschick, springt Hunden, Katzen, ja selbst dem Menschen entgegen und versetzt den Verfolgern oft heftige Bisse mit ihren scharfen Zähnen. Nach 3 Wochen führt sie ihre Kleinen aus der Höhle und trägt, während diese auf dem Rasen oder auf Pflanzenbeeten fressen, die zarten Sprosse von verschiedenen Gräsern, besonders aber Erbsen, die Lieblingsnahrung der Jungen, in ihre Höhle ein. Die Kleinen beginnen nun auch bald ihre Grabversuche und werden schon in zarter Jugend auf Wiesen und Ackerfeldern und noch mehr in Gärten sehr schädlich.“

Die gefährlichsten Feinde der Schermaus sind Wiesel und Hermelin, weil sie ihr in die unterirdischen Gänge und selbst in das Wasser nachfolgen. Beim Verlassen ihrer Röhren wird sie auch von Waldkauz und Schleiereule, von Iltis und Katze erbeutet; im allgemeinen aber ist sie gegen die Räuber ziemlich gesichert und fordert um so dringender unnachsichtliche Verfolgung von seiten des Menschen heraus. Fallen oder eingegrabene große Töpfe, deren glatte Wände ihr, wenn sie bei ihren nächtlichen überirdischen Spaziergängen hineingefallen ist, das Entkommen unmöglich machen, schützen ebenfalls wenig gegen sie, weil sie beide möglichst vermeidet, und so bleibt nur ein Mittel zur Abwehr übrig. Dieses beteht darin, ihre Gänge zu öffnen, so daß Licht und Luft hineindringen. „Schon einige Minuten nachdem dies geschehen“, sagt Schacht, frühere Angaben von Landois bestätigend, „kommt sie herbei, steckt neugierig den Kopf zur Thüre heraus, schlüpft wieder zurück und fängt bald darauf an, unter der eröffneten Röhre eine neue zu graben. Um sie hervorzulocken, legt man ihr auch wohl eine Petersilienwurzel, ihre Lieblingsspeise, vor die Offnung. Beim Hervorkommen bläst man ihr das Lebenslicht aus. Freilich ist es kein edles Weidwerk, auf Rattenvieh zu jagen, dieses Wild aber immerhin einen Schuß Pulver wert.“ Die Gärtner Westfalens nehmen, wenn andere Vertilgungsvorkehrungen des maßlos schädlichen Wühlers fehlschlagen, stets zu diesem erprobten Mittel ihre Zuflucht.

Für die Gefangenschaft eignet sich die Wasserratte nicht. Sie ist ziemlich weichlich, verlangt deshalb gute Pflege und wird niemals ordentlich zahm.

Hoch oben auf den Alpen, da, wo das übrige tierische Leben schon längst aufgehört hat, wohnt eine zweite Art der Gattung, jeder Jahreszeit Trotz bietend, ohne daran zu denken, im Winter nach Art anderer Nager Schutz im Innern der Erde zu suchen. Noch heute wissen wir nichts Ausführliches über sie, obgleich die tüchtigsten Tierkundigen sich mit der Erforschung ihres Lebens beschäftigt haben; denn die Unwirtlichkeit ihrer Heimat legt der Beobachtung zu große Schwierigkeiten in den Weg.

Die Schneemaus (Arvicola [Paludicola] nivalis, leucurus und lebrunii, Hypudaeus nivalis, alpinus, nivicola und petrophilus) ist eine ziemlich kleine Wühlratte

von 18 em Gesamtlänge oder fast 12,5 cm Leibes- und 65s em Schwanzlänge. Ihr Pelz ist zweifarbig, auf der Oberseite hell bräunlichgrau, in der Mitte des Rückens dunkler als an den Seiten, auf der Unterseite ziemlich deutlich abgesetzt grauweiß. Ständige Verschiedenheiten kommen vor. Die wahre Schneemaus hat derbes Haar, rostgrauen Pelz und weißlich rostgrauen Schwanz, eine andere Form, die weißschwänzige Wühlmaus, weißes Haar, weißgrauen Pelz und weißen Schwanz, die Alpenratte endlich weißes Haar, schwach rojt-farbig überflogenen Pelz und einen weißgrauen, verhältnismäßig langen Schwanz. Es ist wahrscheinlich, daß diese drei Formen nächstverwandte Ausprägungen einer und derselben Urform sind, trotzdem aber möglich, daß jede eine eigene, selbständige Art darstellen darf.

In der Lebensweise lassen sich, so viel wir wissen, keine Unterschiede bemerken. „Die Schneemaus“, sagt Blasius, „hat unter allen Mäusen den kleinsten, aber eigentümlichsten

Schneemaus (Arvicola nivalis). % natürl. Größe.

Verbreitungskreis. Sie gehört der Alpenkette ihrer ganzen Ausdehnung nach an. Außerdem erhielt Selys sie aus den Pyrenäen. Es ist mir kein Beispiel bekannt, daß sie in den Alpen regelmäßig unter 1000 m Meereshöhe gefunden wäre; auch bei 1300 m fcheint sie in der Regel nicht häufig vorzukommen. Von hieraus aber findet sie sich in allen Höhen bis zu den letzten Grenzpunkten des Pflanzenlebens. In der Nähe der Schneegrenze erscheint sie am häufigsten, aber sogar über die Schneegrenze geht sie hinaus und bewohnt die kleinsten Pflanzeninseln, die mit ihren kümmerlichen Alpenkräutern spärlich bewachsenen Blößen auf der Südseite der hohen Alpenspitzen, mitten zwischen den Schneefeldern, wo die warmen Sonnenstrahlen oft kaum 2— 3 Monate lang die wöchentlich sich erneuernden Schneedecken überwinden und die Erde auf wenige Schritte hin freilegen können. In dieser großartigen Gebirgseinsamkeit verlebt sie aber nicht bloß einen schönen kurzen Alpensommer, sondern, unter einer unverwüstlichen Schneedecke begraben, einen 9—10 Monate langen, harten Alpenwinter; denn sie wandert nicht, obwohl sie sich im Winter Röhren unter dem Schnee anlegt, um Pflanzenwurzeln zu suchen, wenn die gesammelten Vorräte nicht ausreichen. Kein anderes Säugetier begleitet die Schneemaus ausdauernd über die Welt des

Schneemaus (Arvicola nivalis). % natürl. Größe.

Lebendigen hinaus bis zu diesen luftigen, starren Alpenhöhen; nur einzeln folgt vorübergehend als unerbittlicher Feind ein Wiesel oder Hermelin ihren Spuren.“

Die Schneemaus ist den Naturforschern erst seit einigen Jahrzehnten bekannt geworden. Nager entdeckte sie im Jahre 1841 in Andermatt am St. Gotthard, Martins fand sie am Faulhorn, Hugi auf dem höchsten Kamme der Strahleck, über 3000 m hoch, und am Finsteraarhorn bei einer Meereshöhe von 3600 m mitten im Winter in einer Alphütte. „Wir suchten“, erzählt er, „die Hütte der Stiereggalp auf, welche endlich eine etwas erhöhte Schneestelle verriet, und arbeiteten in die Tiefe. Längst war es Nacht, als wir das Dach fanden; nun aber ging es an der Hütte schnell abwärts. Wir machten die Thüre frei, kehrten ein mit hoher Freude und erschlugen 7 Alpenmäuse, während wohl über 20 die Flucht ergriffen und nicht geneigt schienen, ihren unterirdischen Palast uns streitig zu machen.“ Blasius beobachtete die Schneemaus auf den Bergen von Chambeéry, am Montblanc und am Bernina bei 3600 m Höhe auf der obersten, nur wenige Geviertfuß vom Schnee entblößten Spitze des Piz Languard im oberen Etzthal. „In den Mittelalpen“, sagt er, „habe ich nur die grobhaarige, graue Form gefunden. Die weichhaarige, weißliche kenne ich aus der Umgegend von Interlaken und die fahlgelbe bis jetzt nur aus den nordöstlichen Kalkalpen, von den bayrischen Hochalpen an durch das nördliche Tirol bis ans Salzburgische.“

Das Leben, welches die Schneemaus in ihrer unwirtlichen, traurig-armen Heimat führt, ist bis jetzt noch rätselhaft. Man weiß, daß fie Pflanzen, hauptsächlich Wurzeln und Alpen-kräuter, Gras und Heu, frißt und von diesen Stoffen auch Vorräte im Winter einsammelt; aber man begreift kaum, daß sie an vielen Orten, wo sie lebt, noch Nahrung genug findet. An manchen Stellen ist es bloß eine einzige Pflanzenart, welche ihr Zehrung bieten kann, an anderen Orten vermag man nicht einzusehen, wovon sie leben mag. Im Sommer freilich leidet sie keine Not. Sie besucht dann die Sennhütten der Kuh- und Schafalpen und nascht von allem Eßbaren, was sie in den Hütten findet, nur nicht vom Fleische. Ihre Wohnung schlägt sie dann bald in Erdlöchern, bald in Geröll und Gemäuer auf. In der Nähe ihrer Höhle sieht man sie auch bei Tage umherlaufen, und sie ist so vertraut, daß man sie dann leicht erschlagen oder wenigstens erschießen kann. Selbst bei hellem Tage geht sie in die Fallen. Erschreckt, verschwindet sie rasch zwischen Felsblöcken; doch dauert es selten lange, bis sie wieder zum Vorschein kommt. In ihren Bauen findet man zernagtes Heu und Halme, oft auch Wurzeln von Bibernell, Enzian und anderen Alpenkräutern. Das Nest enthält wahrscheinlich zweimal im Sommer 4—7 Junge: Blasius hat solche noch gegen Ende September gefunden. Kommt nun der Winter heran, so zieht sie sich wohlein wenig weiter an den Bergen herab; doch bis in die wohnliche Tiefe gelangt sie nicht. Sie zehrt jetzt von ihren gesammelten Vorräten, und wenn diese nicht mehr ausreichen, schürft fie sich lange Gänge in dem Schnee von Pflänzchen zu Pflänzchen, von Wurzel zu Wurzel, um sich mühselig genug ihr tägliches Brot zu erwerben.

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