Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
— Verstellungskünsten aller Art. Mit scheinbar gebrochenem Flügel flattert und hinkt die Mut— — ter, bei vielen auch der Vater, angesichts des Feindes dahin, versucht ihn vor allem von den Kindern abzulenken, führt ihn weiter fort, steigert seine Raubgier durch allerlei Gebärden, erhebt sich plötzlich, gleichsam frohlockend, um zu den jetzt geborgenen Jungen zurückzukehren, führt diese eiligst weg und überläßt dem bösen Feinde das Nachsehen. Elternsorgen bethätigen auch die Nestflüchter, und Elternliebe bekunden sie in nicht geringerem Grade als die Nesthocker. Aber weder die einen noch die anderen haben ausgesorgt, wenn die Jungen das Nest verlassen haben oder so weit erstarkt sind, daß sie auch wohl ohne die Mutter durchs Leben sich zu helfen vermöchten, mindestens ihre Nahrung zu finden wissen. Denn die Vögel unterrichten ihre Jungen sehr ausführlich in allen Handlungen, welche für die spätere Selbständigkeit unerläßlich sind. Unter gellendem Rufe sehen wir den Mauersegler, sobald die Jungen flugbar geworden sind, durch die Straßen unserer Städte jagen oder unsere Kirchtürme umschweben, in wilder Hast unter allerlei Schwenkungen dahinstürmen, bald hoch zum Himmel aufsteigen, bald dicht über dem Boden dahinstreifen und damit eine Unterrichtsstunde vor unseren Augen abhalten. Es handelt sich darum, die jungen Segler in der schweren Kunst des Fliegens genügend zu üben, zu selbständigem Fange der Kerbtiere, welche die Eltern bis dahin herbeischleppten, anzuhalten und für die demnächst anzutretende Reise vorzubereiten. Bei allen guten Fliegern erfordert solcher Unterricht längere Zeit, bei denen, welche fliegend ihre Nahrung erwerben müssen, besondere Sorgfalt. So vereinigen sich bei den Edelfalken Männchen und Weibchen, um die Kinder zu belehren, wie sie ihre Jagd betreiben sollen. Eines der Eltern fängt eine Beute, fliegt mit ihr weit in die Luft hinaus, erhebt sich allmählich über die folgende Kinderschar und läßt die Beute fallen. Fängt sie eines der Jungen, so belohnt sie es für die aufgewandte Mühe; wird sie von allen verfehlt, so greift sie, noch ehe sie den Boden im Fallen berührte, der unter den Kindern einherfliegende Gatte des Elternpaares und schwingt sich nun seinerseits in die Höhe, um dasselbe Spiel zu wiederholen. So sieht man alle Vögel durch Lehre und Beispiel Unterricht erteilen, und die unendliche Liebe der Eltern bethätigt sich bei dieser Gelegenheit wie bei jeder anderen. Erst wenn die Jungen selbständig geworden und im Gewerbe vollkommen geübt sind, endet solcher Unterricht, und nunmehr wandelt sich die Zuneigung der Eltern oft in das Gegenteil um. Dieselben Vögel, welche bis dahin unermüdlich waren, um ihre Brut zu ernähren und zu unterrichten, vertreiben sie jetzt rücksichtslos aus ihrem Gebiete und kennen sie fortan nicht mehr. Die Kinder hängen mit fast gleicher Zärtlichkeit an ihren Eltern wie letztere an ihnen, obgleich auch in diesem Falle die Selbstsucht jüngerer Wesen zu einem hervorstechenden Zuge wird. Gehorsam und folgsam sind die meisten von ihnen nur so lange, wie dieser Gehorsam durch Darreichen von Nahrung belohnt wird; Eigenwille macht sich auch unter den Vogelkindern schon in frühster Jugend geltend und muß zuweilen selbst durch Strafe gebrochen werden. Erst eigene Erfahrung vollendet den Unterricht, sowenig sich auch verkennen läßt, daß Lehre und Beispiel befruchtend wirken. Erwähne ich nun noch, daß es einzelne Vögel gibt, welche vom ersten Tage ihres Lebens außerhalb des Eies an jeder elterlichen Fürsorge entbehren und dennoch ihre Art erhalten, so habe ich in großen flüchtigen Zügen ein allgemeines Bild des Jugendlebens entrollt. Mehrere Vögel treten unmittelbar nach vollendeter Brutzeit eine Reise an, welche je nach Art und Familie oder nach Heimat und Wohnkreis eine längere oder kürzere, ausgedehntere oder beschränktere ist. Wir unterscheiden diese Reisen als Zug, Wanderschaft und Streichen. Unter Zug verstehen wir diejenige Art der Wanderung, welche alljährlich zu
bestimmter Zeit stattfindet und in bestimmter Richtung geschieht; unter Wandern ein Reisen, welches bedingt wird durch die Notwendigkeit, also weder eine bestimmte Zeit noch Richtung hat, nicht alljährlich geschieht und endet, wenn seine Ursache aufgehoben wurde; unter Streichen endlich eine Wanderschaft in engeren Grenzen, hervorgerufen durch den Wunsch, einen früheren Wohnsitz gegen einen anderen umzutauschen, von einer gewissen, gerade jetzt in Fülle sich findenden Nahrung Vorteil zu ziehen. Der Zug ist es, welcher uns im Herbste unsere Sänger nimmt und sie im Frühjahre wiederbringt, welcher unsere Wasservögel vertreibt, noch bevor das Eis ihr Gebiet ihnen unzugänglich macht, welche viele Räuber zwingt, ihrer abgereisten Beute nachzufliegen. Von den europäischen Vögeln ziehen mehr als die Hälfte, von den nordasiatischen und nordamerikanischen verhältnismäßig ebenso viele. Alle wandern in mehr oder weniger südlicher Richtung, die auf der Osthälfte der Erde lebenden von vielen Ländern aus auch nach Südwesten, die auf der Westhälfte wohnenden mehr nach Südosten, entsprechend der Weltlage ihres Erdteiles und der Beschaffenheit des Gürtels, in welchem die Winterherberge liegt. In der Zugrichtung fließende Ströme oder verlaufende Thäler werden zu Heerstraßen, hohe Gebirgsthäler zu Pässen für die Wanderer; in ihnen sammeln sich nach und nach die Reisenden an. Einige ziehen paarweise, andere in Gesellschaft, die schwachen hauptsächlich des Nachts, die starken auch bei Tage. Sie reisen meist eilig, als ob ein unüberwindlicher Drang sie treibe; sie werden um die Zeit der Reise unruhig, auch wenn sie sich im Käfige befinden, werden es, wenn sie als Junge dem Neste entnommen und in der Gefangenschaft aufgefüttert wurden. Die einen verlassen uns schon früh im Jahre, die anderen viel später, jeder einzelne aber zu einer bestimmten, nur wenig wechselnden Zeit. Diejenigen, welche am spätesten wegzogen, kehren am ersten zurück, die, welche am frühsten uns verließen, kommen am spätesten wieder: der Mauersegler reist schon in den letzten Tagen des Julis ab und stellt sich erst im Mai wieder ein; die letzten Nachzügler wandern erst im November aus und sind bereits im Februar wieder angelangt. Ihre Winterherbergen sind ungemein ausgedehnt; von manchen kennt man die Stätte nicht, in welcher sie endlich Ruhe finden. Mehrere überwintern schon in Südeuropa, viele in Nordafrika zwischen dem 37. und 24. Grade der nördlichen Breite; nicht wenige gehen bis tief in das Innere des heißen Gürtels und finden sich während der Wintermonate von der Küste des Roten oder Indischen Meeres an bis zu der des Atlantischen. Eine ähnliche Herberge bilden Indien, Barma, Siam, Südchina und die benachbarten Inseln. Die nordamerikanischen Vögel reisen bis in den Süden der Vereinigten Staaten und bis nach Mittelamerika. Auch auf der südlichen Halbkugel findet ein regelmäßiger Zug statt. Die Vögel Südamerikas fliegen in nördlicher Richtung bis nach Süd- und Mittelbrasilien, die Südaustraliens wandern nach dem Norden dieses Erdteiles, teilweise wohl auch bis nach Neuguinea und auf die benachbarten Eilande. Vor dem Weggange pflegen die Abreisenden Versammlungen zu bilden, welche einige Tage an einer und derselben Stelle verweilen, die einzeln Vorüberziehenden herbeilocken; endlich, wenn der Schwarm zu einer gewissen Stärke angewachsen ist, brechen die Versammelten auf und fliegen gemeinsam davon. Einzelne halten vorher förmliche Musterung über die Mitglieder der Reisegesellschaft. Diese bleibt unterwegs, meist auch in der Winterherberge, mehr oder weniger vereinigt. Reisend beobachten die Zugvögel entweder eine bestimmte Ordnung, gewöhnlich die eines Keiles oder richtiger die zweier gerader Linien, welche in schiefer Richtung gegeneinander laufen und vorn an der Spitze sich vereinigen, einem V vergleichbar; andere fliegen in Reihen, andere in einem gewissen Abstande durcheinander, in wirren, nach außen hin jedoch einigermaßen gerundeten Haufen. Die meisten streichen in bedeutender Höhe fort, manche stürzen sich aber aus dieser Höhe plötzlich tief nach unten herab, fliegen eine Zeitlang über dem Boden weg und erheben sich allgemach wieder in ihre
frühere Höhe. Schwächere Vögel benutzen unterwegs Wälder und Gebüsche zu ihrer Deckung, ffliegen wenigstens am Tage soviel wie möglich von Baum zu Baum, von Wald zu Wald. Laufvögel, denen das Fliegen schwer wird, legen einen guten Teil des Weges zu Fuße, manche Wasservögel geringere Strecken schwimmend zurück. Gegenwind fördert und beschleunigt, Rückwind stört und verlangsamt den Zug, hält ihn wohl auch tagelang auf. Die lebhafte Unruhe, welche aller Gemüter erfüllt, endet erst am Ziele der Reise; jedoch tritt auch dort das gewohnte Leben nicht früher ein, als bis die neu erwachende Liebe sich im Herzen regt. Nunmehr trennen sich die Gesellschaften, welche auch in der Fremde noch vereinigt blieben, in kleinere Flüge, Trupps oder Paare; alte Ehen werden neu befestigt, junge geschlossen, und singend und werbend kehren die Männchen, beglückend und gewährend die Weibchen heim zur Stätte vorjährigen Glückes oder der Kindheit. Die Wanderung kann unter Umständen dem Zuge insofern ähnlich werden, als sie zu einer bestimmten Zeit mit größerer oder geringerer Regelmäßigkeit stattfindet. Wandervögel sind viele der im hohen Norden lebenden Arten, welche innerhalb eines gewissen Gebietes wohl alljährlich streichen, aber nicht in allen Jahren weitere Reisen nach milderen oder nahrungsreicheren Gegenden und Ländern unternehmen. Eingetretener oder eintretender, vielleicht nur befürchteter Mangel mag die treibende Ursache solcher Wanderungen sein. Alle Vögel, welche ihre Nahrung auf dem Boden suchen, denen also tiefer Schnee den Tisch zeitweilig verdeckt, wandern regelmäßiger als diejenigen, welche im Gezweige Futter finden. Daher erscheinen letztere, insbesondere die Baumsamen- und Beerenfresser, nicht allwinterlich in unseren Gauen, oft viele Jahre nacheinander gar nicht, während sie fast unfehlbar bei uns zu Lande sich einstellen, wenn hier Samen und Beeren gut geraten sind. Inwiefern sie hiervon Kunde erlangen, ist gegenwärtig noch rätselhaft. Thatsache ist, daß sie an besonders reich beschickter Tafel sich regelmäßig einfinden. Im Gegensatze zu diesen unsteten Reisenden ziehen sich alle Vögel, welche im oberen Gürtel des hohen Gebirges leben, jedes Jahr unregelmäßig in tiefere Gegenden hinab und wandern mit Beginn des Frühlinges, ebenfalls zu einer bestimmten Zeit, wieder nach ihrem Standorte zurück; ihre Reise also ist der wirklicher Zugvögel ähnlich. Das Streichen geschieht während des ganzen Jahres und auf der ganzen Erde. Alle Hagestolzen oder Witwer streichen, größere Raubvögel schon ihrer Nahrung wegen; andere schweifen umher, scheinbar mehr zu ihrem Vergnügen, als der Notwendigkeit folgend; einzelne bewegen sich in sehr engem Kreise, andere durchwandern dabei Meilen. Unter den Wendekreisländern kann auch diese Art der Ortsveränderung dem Zuge ähnlich werden. Wie immer der Vogel reisen möge, ob als ziehender Wanderer oder Landstreicher, und wie weit seine Reise sich ausdehne: seine Heimat ist immer nur da, wo er liebt und sich fortpflanzt. In diesem Sinne darf das Nest das Haus des Vogels genannt werden. Die Säuger sind die Nutztiere, die Vögel die Vergnügungstiere des Menschen. Jene müssen zollen und geben, wenn sie vom Menschen nicht vertilgt werden wollen, diese genießen eine Bevorzugung vor allen übrigen Tieren: sie besitzen des Menschen Wohlwollen und des Menschen Liebe. Die Anmut ihrer Gestalt, die Schönheit der Farben, die Schnelligkeit und Behendigkeit ihrer Bewegungen, der Wohllaut ihrer Stimme, die Liebenswürdigkeit ihres Wesens ziehen uns unwiderstehlich an. Schon die ersten Menschen, von deren Gefühl wir Kunde haben, befreundeten sich mit den Vögeln; die Wilden nahmen sie unter ihren Schutz; Priester vergangener Zeiten sahen in ihnen heilige Tiere; Dichter des Altertumes und der Gegenwart lassen sich begeistern von ihnen. Ihr Leben, ihre Stimme, ihr Flug, ihre ersichtliche Zufriedenheit mit dem Dasein erhebt und erbaut uns. Ihnen gewähren Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 3
wir gern die Gastfreundschaft, welche wir den Säugern und noch mehr den Kriechtieren und Lurchen versagen, gewähren sie ihnen, auch wenn sie uns wenig Nutzen bringen; unter ihnen werben wir uns mehr Haus- und Stubengenossen als unter allen übrigen Tieren: selbst wenn wir uns anschicken, ihnen mit Netz und Schlinge nachzugehen, wenn wir uns mit ihrer Jagd beschäftigen, erstirbt nicht die Zuneigung, welche wir gegen sie hegen. Sie sind unsere Schoßkinder und Lieblinge. Ihr Leben ist von hoher Bedeutung für unser Besitztum und Wohlbefinden. Die Vögel bilden ein unentbehrliches Glied in der Reihe der Wesen; sie sind erfolgreiche Wächter des Gleichgewichtes in der Tierwelt und wehren den Übergriffen der Angehörigen anderer Klassen, insbesondere der Kerbtiere, denen preisgegeben die Natur vielleicht veröden würde. Der Nutzen, welchen sie uns bringen, läßt sich allerdings weder berechnen noch abschätzen, weil hierbei noch ungelöste Fragen in Betracht kommen; wohl aber dürfen wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß dieser Nutzen größer ist als der Schade, welchen die Vögel uns zufügen. Und darum thun wir wohl, sie zu hegen und zu pflegen. Unsere heutige Land- und Forstwirtschaft schädigt gerade die uns besonders werten Vögel: denn sie raubt oder schmälert ihre Aufenthaltsorte, Brutstätten und Wohnplätze, zwingt sie daher, auszuwandern und anderswo ein zusagendes Heim zu suchen. Hier und da tritt wohl auch der Mensch unmittelbar ihnen entgegen, indem er ihre Nester plündert und ihnen selbst mit Gewehr, Netz und Schlinge nachstellt; doch fallen die Verluste, welche dem Vogelbestande durch Jagd und Fang zugefügt werden, kaum ins Gewicht gegenüber der Schädigung, welche der Bestand durch unsere gegenwärtige Ausnutzung des Grundes und Bodens erleidet. Hege und Pflege der heimischen Vögel wird sich also nur dann als ersprießlich erweisen, wenn wir auf natürlichem oder künstlichem Wege Aufenthalsorte, Wohnplätze und Brutstätten schaffen, die noch vorhandenen mindestens erhalten. „Es ist dringend nötig“, schreibt G. Dieck, „der Vogelwelt auch unmittelbar helfend entgegenzukommen. Mit der fortschreitenden Entwickelung der Kultur verschwinden mehr und mehr die Wälder, der Ackerbau beansprucht jedes Stückchen Land, welches nur irgend anbauwürdig erscheint, und vernichtet ganz widersinnigerweise in seinem Gebiete alle Hecken, Baumgruppen und Gebüsche. Wohin soll das schließlich führen, wenn so die Vögel nach und nach aller Zufluchtsorte beraubt werden, die ihnen Brutplätze, Nahrung und Schutz, die Haupterfordernisse ihres Daseins, gewähren? — — Jeder Grundbesitzer, der ein Herz hat für die bedrängten Vögel und die Mittel, Anpflanzungen von Gehölzen auszuführen, sei es im Garten oder Parke, im freien Felde oder an Wasserläufen, sollte daher hierzu vorzugsweise oder ausschließlich solche Gehölze wählen, welche den Vögeln am besten Schutz und Nahrung zu bieten im stande sind.“ Hierzu gibt Dieck im Jahrgange 1876 der „Monatsschrift des Sächsisch-Thüringischen (jetzt Deutschen) Vereines für Vogelkunde und Vogelschutz“ eine genaue und sehr beherzigenswerte Anleitung zur Anlage von Vogelschutzgehölzen. „Möge ein jeder nur immerhin pflanzen oder Pflanzungen begünstigen“, mahnt C. Bolle. „Es gehört nicht zu viel Geduld dazu, die Entwickelung abzuwarten. Die Jahre rollen dahin, und es wird sich die Freude an den Schöpfungen im Laufe der Zeit nur mehren und jedes Frühjahr neuen Genuß bringen. Pflanzt nur, die Vögel werden sich schon einstellen.“ Wir müssen demnach gesicherte Wohn- und Niststätten erhalten oder schaffen. Nur in diesem Sinne will ich die ernste Mahnung verstanden wissen, welche ich schon seit Jahren allen verständigen Menschen ans Herz lege: Schutz den Vögeln!